Archiv der Rubrik »Vers der Woche«

Jeden Sonntag kommentiert DAS GEDICHT-Herausgeber Anton G. Leitner in dieser Rubrik das große und kleine Weltgeschehen der vorangegangenen Woche mit einem Vers, wenn nötig auch mit mehreren. Mal widmet er sich privateren Themen, mal politischeren, manchmal bedichtet Leitner auch aktuelle Ereignisse. Dabei mit Vorliebe so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, nämlich auf Bairisch. Bisweilen küsst ihn die Muse aber auch hochdeutsch.

28.11.2021Ein Mann ohne Schurz

ist nur halb angezogen, sagen sie in Südtirol, von wo aus einst einige unserer Vorfahren aufgebrochen sind – vom Passeiertal in die Oberpfalz, von der Oberpfalz nach Oberbayern. »Ein Anton Leitner kämpfte Seite an Seite mit dem Sandwirt für ein Freies Tirol, gegen bajuwarische Besatzer und gegen die Franzosen«, wie mir Vater erzählte. Er hielt sogar einmal Ende der Sechzigerjahre auf einem Gebirgspass an, um mir seinen, meinen, Großvaters, Urgroßvaters, Ururgroßvaters Namen Anton Leitner neben dem von Andreas Hofer zu zeigen, was mich schwer beeindruckt hat als Bub. Daheim erledigte Vater nicht die kleinste handwerkliche Verrichtung ohne seinen Schaber, jenen enzianblauen Bauernschurz aus der längst verlassenen Heimat, und wenn er gut beschürzt im Garten vor meinem Fenster den zweirädrigen Korbwagen voller Buchenholzscheite vorbeizog und mit einer Hand freundlich hereinwinkte, wusste ich, dass es Frost geben würde in der kommenden Nacht, und er wieder seinen dunkelgrünen Grund-Kachelofen mit der moscheeartigen, weißen Kuppel befeuern würde, dessen wohlige Wärme ihm heilig war, weil er statt trockener Luft (wie die Zentralheizung) fein dosiert Hitze abstrahlt und dabei zwischendurch knistert, knackt oder zischt, und der geöffnete Schieber am Ofentürchen züngelnde Flammen zeigt oder die glimmende Glut, so oder so ähnlich lautete jedenfalls Vaters großes Ofenlob. Er, der schnell fror, vielleicht weil er als Kriegskind schon so viel hatte frieren müssen, zitierte als alter Lateiner gerne dabei den Bannspruch von der Untersagung des Wassers und des Feuers, aquae et ignis interdictio, den Entzug des Lebensnotwendigen als Höchststrafe Roms. Aber er brauchte wirklich nicht mehr als Feuer im Ofen und etwas Licht und seinen schweren Lehnstuhl und eine gute Lektüre, meist auf Italienisch oder Spanisch, und ein Wörterbuch dazu, um ganz bei sich zu sein. Wie gerne hätte ich ihm seinen gekachelten Ofen mitgegeben unter die Erde, dann würde jetzt aus seiner letzten Ruhestätte statt des bronzenen Kreuzes ein silbernes Ofenrohr herausragen und an kalten Tagen wie diesen Rauch daraus austreten und vielleicht würde sein Grab sogar bullern und die fröstelnden Besucher ein wenig aufwärmen.
 
Weßling, 27.11.2021
 

21.11.2021Schäbs schoasln

Wei need sei ko,
Wos need sei deaf,
Is nix aso, wias is.

Und weis nix is,
Wias is, is oiss aso,
Wiasd moansd,

Dass is. Oiso
Iss nix und bleibd
Aa so, wei no

Goa nia vo nix
Nix andas
Kemma is ois

Nix.
 
Weßling, 20.11.2021
 
14.11.2021Zu spät ist nie zu

An der Wand der Streifenkalender Zwanzigeinundzwanzig zuhause im Flur. Das aktuelle Blatt aufgeschlagen, November, ein Eintrag nur am Zweiundzwanzigsten: Marianne H. 90. Zittrige Schrift, unruhig, weit weg von seiner kalligraphischen Bestform. Ohne Schwung, ohne ausgeprägte Rundungen, die er so liebte beim Schreiben, bei Frauen. Ordinärer Stift statt Füllfederhalter. Ausgerechnet trauriges Schwarz statt roter Tinte. Rot, seine Favoritin unter den Farben seit Tag Eins als Lehrer, als Chef, und ihr als bibelfester Christ treu und konspirativ verbunden: Wären eure Sünden auch rot wie Scharlach … (Jes 1,18). Kulis mochte er nicht, weil sie den Fluss der Tinte bremsen und die flüssige Schrift. Panta rhei, alles im Fluss, Heraklit, Platon, Simplikios hör ich dich sagen, als ich erst heute, über ein halbes Jahr nach deinem Tod, den Eintrag im Kalender bemerke und ablese daraus, wie schlecht es dir schon damals, wahrscheinlich Wochen vor deinem Schlag, ergangen sein mag. Indianer kennt keinen Schmerz, du hast kein Wort darüber verloren. Was hätte uns doch alles deine erschreckend veränderte Schrift verraten können! Aber, Vater, ich weiß, nach dem Tod des Patienten ist jeder Diagnostiker noch viel klüger als zuvor. Jetzt aber werde ich für dich einspringen und Marianne H. pünktlich zum Neunziger gratulieren mit Bene vale ad multos annos, versprochen.


Weßling, 13.11.2021
 
07.11.2021Kopf, Hand. Schopf. Alter

Zopf: Für was
Zum Teufel brauchst du
So viele Schreib

Tische? Zum Ab
Legen ausgelebter Geh
Danken ohne

Schranken
Wärter. Aber für
Was brauchst du

So viel Werk
Zeug in der
Kiste? Für die

Arbeit natürlich
Für was
Sonst? Um

Sonst für Bro
Samen. Um
Armen, ver

Armen, vers
Kopfen. Ver
Handen, ver

Sanden, ver
Golden. Tropf
Reicher Knopf.
 
Weßling, 06.11.2021
 
31.10.2021Die Zeit eilt

Heilt
Keine
Meine
Deine
 
Wunden
Stunden
Sechs
Monate
 
Schlag
Auf
Schlag
Anfall
 
Fallen
Blätter
Bavarian
Summer
 
Aller
Seelen
Segnung
Sengender
 
Singsang
Farben
Zauber
Voodoo
 
Priester
Römisch
Katholisch
Alle
 
Jahre
Wieder
Ein Jahr
Zuvor
 
Du
Stehst
Ein
Mit uns
 
Allein
Ein
Familien
Grab
 
Mensch
Vater
Mutter
Bruder
 
Herz
Schwester
Du
Wir
 
Zünden
Kerzen
Nebel
Kerzen
 
Scherzen
Jetzt
Nicht
Schmerzen
 
Mehr
Da
Bei
Dir
 
Wir
Ohne
Dich
Die
 
Zeit
Lang
So
Lang
 
Kein
Ich
Zünde
Dir
 
Eine
Kerze
An
Deine
 
Kerze
Aus
Der
Traum
 
So
Schnell
Leer die
Batterie
 
Nicht
Wieder
Auf
Ladbar.
 
Erlangen / Weßling, 23.10.2021
 
24.10.2021Hilf, wo immer

Du kannst und wem auch immer, jederzeit neugierig im Gespräch bleiben mit allen, um zu erfahren, wo sie der Schuh drückt und wo der Druck vermindert werden kann, denn jeder zufriedene Mensch mehr treibt andere weniger zur Verzweiflung, so Vaters innerste Überzeugung. Und er mischte er sich ein, ergriff Partei, wenn sein Gefühl es gebot, z. B. für die ersten Gastarbeiter im Ort, die dem Ruf der Arbeit gefolgt waren − vom Stiefelabsatz Italiens direkt zu uns im Dorf −, die ohne Kind und Kegel Kanonenöfen befeuerten im strengen oberbayerischen Winter in einer Baubaracke außerhalb vom Ort am Grund der Kiesgrube ihres Patrons, ein eingesessener Bauunternehmer mit Spitznamen Würger, nach dem Krieg aktiv in der FDP, davor engagiert in der NSDAP. Stoppelbärtige Männer, spindeldürr und kleinwüchsig, die jede hart verdiente Mark einmal im Monat nach Hause überwiesen und selbst in ihrem dauerprovisorischen Gemeinschaftsquartier von der Hand in den Mund lebten. Sie, die von allen Links-liegen-Gelassenen verstand keiner besser als einer, mein Vater, und mit ihm, dem polyglotten Professore an ihrer Seite, gingen sie am Ende als Sieger im Papierkrieg hervor, den unsere Behörden aus läppischem Anlass gegen sie angezettelt hatten, eine Art Stellvertreterkrieg vielleicht, weil sich die damalige Obrigkeit niemals an deren Chef herangewagt hätte.


Weßling, 23.10.2021
 
17.10.2021Vaters Freude auf die großen Ferien

War immer eine Vorfreude, die schon
Anfang Juli begann, wenn sich das
Alte Schuljahr noch mehrere Wochen
Hinzog. Er, der gestandene Lehrer,
Plötzlich kribbelig wie ein Junge, fast
Zappelphilipp, begann zu Hause schon
Italienisch zu sprechen, mehr mit sich
Selbst als mit uns. »Autostrada del
Sole« höre ich ihn heute noch schwär-
Men und dabei kroch er immer wieder
Auf die Rückbank seines knallorangen
VW-Käfers, um Packstrategien auszu-
Testen, die es Mutter später ermög-
Lichen sollten, im kugelförmigen Auto-
Mobil, dieser völkischen Volkswagen-
Fehlkonstruktion ohne Stauraum, ihren
Halben Haushalt mit nach Italien zu
Verfrachten. Aber der »Scheißkarrn«,
Wie Vater ihn gerne bei solchen Ver-
Suchsanordnungen zu beschimpfen
Pflegte, ließ sich auch nicht mit Raffi-
Nesse oder Verstand austricksen,
Denn wo kein Platz ist, ist auch kein
Platz zu gewinnen. Als später dann
Doch das Wunder geschehen war
Und wir uns zwischen Koffern, Plastik-
Tüten, Kühltaschen für die Brotzeit
Und losem Schuhwerk eingezwängt,
Auf dem Weg nach Süden befanden,
Geriet das schwachbrüstige 25-PS-
Vehikel selbst am zahmen Brenner-
Pass so heftig ins Schwitzen und
Schnaufen, dass sich mein stolzer
Vater selbst von LKW’s aushupen
Lassen musste, die hinter uns durch
Uns und mit uns zum Kriechgang
Verdammt waren. Später am gold-
Gelben, feinkörnigen Sandstrand
Der Küste Liguriens mit der Aus-
Sicht aufs glänzende Meer, mal
Türkis, mal azurblau, mit sonnen-
Durchfluteten Bergen im Rücken,
Waren alle Strapazen der Fahrt
Vergessen und wir wussten uns
Prächtig im natürlichen Wohlfühl-
Becken der Riviera zu erfrischen.
Ich, anfänglich noch mit Schwimm-
Flügeln geschützt, und mir wenig
Später schon ohne sie die Ufer-
Zonen erschnorchelnd, eskortiert
Vom nur halb auf mich konzentrierten
Vater, der in einem fort nach allen
Seiten schnatterte auf Italienisch, aber
Sofort reagierte, wenn sich Strand-
Verkäufer mit »Coco-Bello«-Rufen
Näherten oder das Zauberwort »Ge-
Lati« ertönte oder gar ein Küstenflieger
Über uns ein riesiges Banner hinter
Sich herzog und hunderte von rot-
Weißen Fallschirmchen abwarf
Mit grünen oder roten Gutscheinen
Für aufblasbare Galbani-Maskottchen,
Übermannsgroße Käsebären mit den
Proportionen von Kindern. Vater
Gelang es mit viel Sprachgeschick,
Für mich einen Bärengutschein zu
Ergattern und deshalb saß auf der
Rückfahrt ein aufgeblasener Riesen-
Bär neben mir, wobei sich Vater
Ständig beklagte, dass er überhaupt
Keine Rücksicht mehr habe im Auto
Und uns deshalb quasi blind heim-
Chauffieren müsse. Er, trotz mangel-
Hafter Sicht damals aber schon
Wieder voller Vorfreude auf die
Nächsten Großen Ferien in Bayern,
Viel zu spät angesetzt, wie immer,
Weil die Bayern erst dann anfingen,
Wenn andere schon wieder auf-
Hörten und deshalb auch zu spät
In den Himmel kämen, laut Vater.

Weßling, 16.10.2021
 
10.10.2021Es hilft nichts, Augen auf und

Im Mittelalter war der zehnte und
Längste Monat im gregorianischen
Kalender heilig, Oktober, Hochzeit
Für aristokratische Hochzeiter, König
Und Königkinder & Co., aber ich er-
Kenne ehrlich gesagt heute nichts
Heiliges mehr in dieser Zeit der
Schwindsüchtigen Tage und zu-
Nehmenden Finsternis, besonders
Heuer, wenn es oft so bedenklich
Still bleibt im Haus, weil kein Tele-
Fon mehr klingelt und die Pendel-
Uhr keinen Ton mehr von sich gibt,
Da keiner mehr regelmäßig daran
Denkt, ihre Gewichte hochzuziehen.
Wir haben es wohl als zu selbst-
Verständlich hingenommen, dass
Du verlässlich unten in deinem
Studierzimmer gesessen bist und
Unterwegs warst in der Welt als
Eine Art Seniorsurfer im Netz, stets
Neugierig darauf, wie deutsche
Politik international ankommt,
Und zu diesem Zweck spanisch-,
Englisch-, italienisch- oder fran-
Zösischsprachige Suchmaschinen
Bemühtest, obwohl du dich sonst
So schwer getan hast mit der
Computerei, wie du sie nanntest.
Wir, leicht genervt von deinen
Dauertelefonaten mit ehemaligen
Schülern, Eltern, Lehrern, du, da-
Zwischen kurz durchklingelnd
Beim Sohn, um zu fragen, wo
Sich denn heute wieder dieses
Verflixte @-Zeichen verstecke
Auf der Tastatur. Aber eine kurze
Antwort auf meine Gegenfragen,
Z. B. Wie lautet im Lateinischen
Der Plural von iocus
, war immer
Drin − ein lebendes Lexikon im
Haus, nicht aufzuwiegen mit
Gold! Nikotin entfaltet auf Hyper-
Aktive eine beruhigende Wirkung:
Wenn an sonnigen Tagen der
Rauch deines Zigarillos auf den
Balkon zu mir nach oben zog,
Wusste ich, dass es Sonntag
Kurz nach vier sein muss und
Dass es dir gut geht, weil für
Dich jeder Zug eine kleine
Meditation war, so wie für mich
Deine Rauchringe mit der herben
Sumatra-Note. Du würdest lachen,
Wenn ich dir verraten könnte, wie
Sehr mir diese deine Rituale fehlen.
Und der gutgläubige Katholik in dir
Möge es mir verzeihen, wenn ich
Hier und jetzt behaupte, dass die
Vage Aussicht auf ein Wiedersehen
Im Jenseits nur ein sehr schwacher
Trost ist, weil die Musik so laut im
Diesseits spielt und uns das Leben
Täglich einen sauberen Marsch bläst.

Weßling, 8./9.10.2021
 
03.10.2021Vater als geölter Blitz

Bei zehn Grad minus,
Leicht geschürzt wie immer
In aller Herrgottsfrüh
Holt das Blättle rein
Und ich ihm nach-
Geschlichen, Junior-
Häuptling Leuchtender
Pfad und schwuppdiwupp
Die Haustür zu, bevor
Er wieder drin ist mit
Dem Merkur und die
Klingel auch noch ab-
Gestellt und danach
Rückzug, hopphopp ins
Tipi unterm Küchentisch
Und beide Ohren zu-
Gehalten und er läutet
Sicher Sturm, aber es
Wird nicht klingeln und er
Wird bumbern und bum-
Bern wie wild wie mein
Herz und er wird frieren,
Fror sich den halben
Arsch ab, puh, aber
Dann der erste Schlag,
Gewaltig, dieses furcht-
Bare Klirren, das Draht-
Glas nicht gewachsen
Seiner Faust, der zweite
Schlag, er sprengt die
Türe auf und ER mit
Blutender Faust brüllt
Ich blute wie ein Schwein,
Siehst du, wie ich blute
Und ER steht vor mir,
Ein Riese mit hochrotem
Kopf und ich rutsche
Auf den Knien vor mein
Tipi, um zu beten
Laut vor ihm das Vater-
Unser, damit ihm wieder
Warm wird und sein Zorn
Verfliegt und Bitte, bitte,
Lieber Gott, bitte flicke
Unsere Haustür, durch
Die es jetzt so kalt
Hereinzieht.

Weßling, 2.10.2021
 
26.09.2021Wahlkrampf

Vater, du hättest gewusst, bei wem du dein Kreuz machst, weil deine zwei Stimmen an deine Partei gegangen wären, so wie immer. Dem Ausgang der Wahl hättest du bestimmt nicht engegengefiebert, weil du in diesem ganzen Wahlzirkus vor allem Herz und Verstand, aber auch Witz vermisst hättest. Es hätte dir gleichgesehen, dass dir dabei Incitatus in den Sinn gekommen wäre, jenes Pferd aus dem Rennstall der Grünen Zirkuspartei des römischen Kaisers Caligula, das dieser so schätzte, dass er es sogar mit der Konsulwürde und einem ständigen Sitz im Senat bestallen wollte. Am Tag vor den Rennen, hör ich dich sagen, hat der Verrückte von Soldaten die Straßen zum Zirkus sperren lassen, damit sich Incitatus ganz auf bevorstehende Rennen konzentrieren konnte. Weisst du, dieses Pferd hatte im Gegensatz zu uns und zu denen, die sich befähigt fühlen, uns zu regieren, wenigstens genügend Zeit, sich vor seinen Einsätzen zu sammeln und darüber nachzudenken, wie es vom Fleck kommt.

Stau, 25.9.2021
 
19.09.2021Gut angekommen da oben

Aber die Fahrt war beschei-
Den. Eine Baustelle nach
Der andern. Alle Autobahnen
Voll. Mords Gurkerei. Von
Stau zu Stau. Scheiß Bahner-
Streik! Viel Wind, das Wetter
Mau und halb Berlin schon
Auf der Insel. Zuagee duads
Do wia am Schdachus! Und
De nemas de Lebendign.
Hosd bis ezad no need vui
Vasaamd. Und wia geeds
Bei eich dahoam?
Die Worte

Schon zurechtgelegt und
Leichtes Flattern. Aber er
Wird hingehen gleich nach
Dem ersten Klingelton. Hat
Bestimmt schon gewartet
Auf meinen Anruf. Hat sich
Schon Sorgen gemacht. Er
Wird mir zusammenfassen,
Was er heut im Blättle ge-
Lesen hat und was mich
Betrifft. Er wird berichten,
Wer im Dorf gestorben ist.
Er

Ostseebad Binz, 18.9.2021
 
12.09.2021Am 11. September 2001 läuft der Fernseher

Beim Optiker. Jetzt auch der noch so ein Flimmerkistenheini. Nicht viel los bei ihm im Laden. Kaiserwetter. Und er hängt an seiner Glotze. Ich will nur ne neue Sonnenbrille und danach gleich ab zum See. Und hab heut nix und zweimal nix mit CNN am Hut. DA BRENNT EIN TURM VOM WTC, schlagzeilt der Optiker. IST WOHL NE CESSNA REINGEKRACHT. ICH WAR NOCH OBEN NEULICH, stöhnt er, PUH, erst über Ostern. WAS FÜR EINE AUSSICHT! Und ich seh schon meine Ray-Ban für heut den Bach … Dann TV-Düsenlärm, ein Großkaliberjet verschwindet live im im zweiten Turm. Feuerball, so surreal, fast Hollywood. Kein Zufall mehr, kein Unfall, Anschlag wohl. UM GOTTESWILLEN, DA! DA SPRINGEN WELCHE IN DIE TIEFE, RUDERND MIT DEN ARMEN! Ich denk nur noch an den Poetenfreund, der wohnt zwei Straßen weiter in NY. Lass meine Brille Brille sein, will nur noch heim und durchklingeln bei ihm. Und er geht hin und klingt so nah. Sirenenlärm im Hintergrund, Geschrei von Kindern.

Papa, Papa, schau, da fliegen Menschen runter! Heilige Scheiße! Stell dir vor, ich musste sie trösten mit einer Lüge: Es ist nicht wie ihr denkt, sie springen Trampolin!


Autobahn nahe Berlin, 11.9.2021
 
05.09.2021100-Watt-Glühbirnen ersetzt durch

11-Watt-LEDs, kaltweiß. Gegen-
Über brennt Licht, brennen alle
Außenlampen durch – wie immer,
Wenn sie weg sind. Natürlich

Nachhaltig: Viel zu hell unter-
Tags, viel zu grell nachtsüber.
Damit jedem Dieb ein Licht
Aufgeht, sobald das Licht aus-

Geht, denn dann ist sicher
Nichts mehr zu holen drüben,
Solange, bis es draußen wie-
Der angeht und durchbrennt.

Weßling, 1.9.2021
(Fassung II, 4.9.2021)

 
22.08.2021Vaters samstägliches
Wir-fahren-In-die-Stadt-Ritual

war ihm heilig. Der Wechsel zwischen Stadt- und Landleben macht die Musik, lautete sein Credo und er hielt es als alter Lateiner mit Quintus Horatius Flaccus: „Hoc erat in votis: … hortus ubi et tecto vicinus iugis aquae fons et paulum silvae.“ Der eigene Garten, nahe am Wasser mit einem Schatten spendenden Wäldchen als Rückzugsort, sein kleines Paradies auf Erden. Welch Schock für ihn, als eines Tages nach der Rückkehr aus München eine lange Leiter an einer unserer Buchen lehnte und sich ein Nachbar in schwindelerregender Höhe wie wild mit seiner Säge an einem Ast zu schaffen machte, der zu ihm ins Grundstück hinüberragte. „Was machen Sie da?“, schrie Vater nach oben und der schrie nach unten „Ich säge einen Ast ab, das siehst Du doch!“, woraufhin Vater geistesgegenwärtig sofort zur Tat schritt und ihm die Leiter wegzog, so dass dieser erschrocken seine Säge fallen ließ und laut um Hilfe schreiend an jenem Ast hing, den er kurz zuvor noch selbst angesägt hatte. Vater ließ ihn eine ganze Weile da oben zappeln und schreien, bis er sich schließlich als guter Christ dazu durchringen konnte, ihm die Leiter unterzuschieben, was Selbigen anspornte, mit panischem Tempo herabzusteigen, sein Aluminium-Rettungswerkzeug unter die Arme zu klemmen und seine Beine dazu, die Säge zurückzulassen und sich dabei noch eine Kanonade wüster Beschimpfungen einzufangen sowie die Androhung einer gehörigen Tracht Prügel im Wiederholungsfalle, jederzeit abzuholen bei Vater. Danach kehrte wieder Ruhe ein für längere Zeit an der gutnachbarlichen Grünfront und der Sohn war einmal mehr stolz auf dieses gestandene Mannsbild mit ökologischem Gewissen, seinen Alten Herrn, der ganz nebenbei noch das antike Ideal vom Stadt- und Land-Leben mit archaischen Mitteln ins 20. Jahrhundert gerettet hatte.

Weßling, 28.8.2021

22.08.2021Das flottierende Abrechnungsmodell

des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds – für Vater und Sohn ein undurchdringliches Gestrüpp: Wie viele Streifen müssen für die Fahrt von A nach B gestempelt werden, befindet sich das Ziel noch im inneren oder im äußeren oder im mittleren Ring oder in der roten, grünen, schwarzen oder blauen Zone, gilt die alte Streifenkarte noch nach der Preiserhöhung oder braucht es jetzt eine neue, um nicht als Schwarzfahrer mit 100 Euro abgestraft zu werden.

Vater war es gelungen, sich in München durchzufragen an einen Schalter im Untergeschoss, mit einem echten Menschen besetzt, bei dem er sich alle sechs Wochen mit einem ganzen Stapel an XXL-Tageskarten eindeckte, gültig für das gesamte Tarifgebiet.

Jedes Mal, wenn ich ihm gegenüber erwähnte, morgen mit der S-Bahn in die Stadt fahren zu wollen, steckte er mir augenzwinkernd einen seiner Freifahrtsscheine zu und ich hatte danach eine Sorge weniger.Neulich: Verzweifle am einzigen Fahrkartenautomaten auf unserem Bahnsteig: AUSSER BETRIEB! Wünsche mir einmal mehr Vater herbei und seinen schier unerschöpflichen Vorrat an XXL-Tageskarten, gültig für das gesamte Tarifgebiet des MVV.

Dresden, 20/21.8.2021

15.08.2021Heimtextil

»Darf ich eine persönliche
Frage stellen?«, überrascht
Mich der Praktikant. »Habt ihr
Zuhause keine sanitären Ein-
Richtungen?« »Stinkt’s schon
So zum Himmel«, werf ich an-
Geranzt zurück. »Nee, nee,
Aber Tag für Tag so gegen Elf
Seh ich deinen Vater schnellen
Schritts im Bademantel in den
Wald marschieren.«

»Den ziehts fast so automatisch
Wie ne frisch geschlüpfte Baby-
Wasserschildkröte zum nassen
Element, nur da ist er als ein-
Geborener Fisch und Menschen-
Fischer ganz bei sich«, scherz
Ich und gerate ins Erzählen über
Alte Weßlinger, die seit je per
Pedes im Bademantel zum See
Aufbrächen, manche sogar auf
Dem Drahtesel.

Vater jedenfalls, er hatte dieses
Gerippte Frottee auf dem Weg
Zum See so verinnerlicht, dass
Er einmal in Fürth von Freunden
Aus in dieser Kluft einen Bus be-
Stieg, um ins Freibad zu fahren.
Dabei kam es ihm ein wenig spa-
Nisch vor, dass die einheimischen
Fahrgäste im schärfsten Fränkisch
Sogar den Allmächtigen selbst
Beschworen, um über den spär-
Lich bekleideten Passagier her-
Zuziehen, bei dem es sich ihrer
Meinung nach entweder um einen
Exhibitionisten oder einen frisch
Aus der Klinik Entwichenen han-
Deln musste, jedenfalls um je-
Mand, der ganz und gar nicht
In ihren Bus gehörte, auch wenn
Er dem gütig gleichgültigen Fah-
Rer aus Anatolien beim Einsteigen
Selbstverständlich einen korrekt
Gestempelten Fahrschein anstelle
Seines Glieds vorgezeigt hatte.

Weßling, 14.8.2021

08.08.2021Vaters Gespür

Für sein nahendes Ende
Vielleicht Impuls, sich selbst
Zu entlassen aus der Klinik,
Wo es ihm gelungen war,
Typische Schlaganfall-Sym-
Ptome blendend zu über-
Spielen im Corona-Tohu-
Wabóhu links liegen ge-
Lassen Erster Klasse wg.
Harmlos-Diagnose Prellung.
Wir alle verprellt durch das
Besuchsverbot selbst für
Vollgeimpfte und Negativ-
Getestete und trotz des
Sonstigen strengen AH-
Pandemie-Pipapos. Denn
Wir hätten vielleicht seine
Verwaschene Sprache
Richtig interpretiert, wenn,
Ja wenn wir nur zu ihm
Gedurft hätten, so hadern
Wir bis heute nach dem
Motto Häddi, daadi, waari,
Wie der Bayer zu sagen
Pflegt. Aber er, der frisch
Entlassene benötigt vier
Gestandene Helfer und
Volle zwei Stunden für
Nicht ganz zwanzig Meter
Vom Gartentor bis ins
Haus, verdreht zwischen-
Durch die Augen, ver-
Krampft die Zunge, sein
Linkes Bein und sein
Linker Arm quittieren auf
Einen Schlag den Dienst.
Vater will völlig erschöpft
Nur noch in sein Bett und
Nicht zurück ins Kranken-
Haus, aus dem er gerade
Todkrank gekommen ist.
»Nein!« schreit er, »nein!«,
als wir zum Hörer greifen
Für die 112, er will seine
Ruhe, bis ihm im Schlaf-
Zimmer das Leibgericht
Serviert wird: Rührei mit
Schinken, Rücken an
Rücken mit dem Sohn,
Mit vier Händegabeln ver-
Eint seinen Heißhunger
Gestillt. »Gebds ma bid-
Scheen no a Schlüggal vo
Meim Roadn dazua« – aber
Wir Deppen denken deutsch-
Rational Kein Alkohol in die-
Sem Zustand! Und schenken
Ihm Schorle aus, Johannis-
Beersprudel statt Flor de
Rubi! Sein Lieblingsroter hätte
Ihn vielleicht zum letzten Mal
Träumen lassen vom Blüten-
Meer der wogenden Mohnfel-
Der im lichtgetränkten Frühling
Des kastilischen Hochlands,
Träumen lassen von Toledo,
Madrid, von all den dort ver-
Säumten Gesprächen auf gut
Spanisch unter der wärmenden
Sonne, statt unruhig hier in
Weßling zu liegen in diesem
Bedrohlichen Zustand, im nicht
Enden wollendem Regen, in
Der permanenten Zugluft der
Aufgerissenen Fenster, mitten
Im verpatzten oberbayerischen
Frühling, der nahtlos auf einen
frostigen, finsteren Winter ge-
Folgt war. Vater, niemand liebte
Die Nähe zu anderen Menschen
Mehr als Du. Dass ausgerechnet
Dir als Zoon Politikon im letzten
Lebensjahr Kontakte zu ihnen
Durch Verbote verwehrt waren,
Sollten wir beide postum als
Neue Stilfigur betrachten, als
Ironische Brechung vielleicht
Oder als Erinnerungsmarker an
Schönere Tage im Süden, z. B.
An Deine Abiturreisen nach Rom
Als metaphorisches Salz in Mutters
Saltimbocca alla romana oder
Einfach nur als Schnittlauch auf
Deinem letzten, mit Freude ver-
Speisten Rührei mit Schinken.

Weßling, 7.8.2021

25.07.2021Vaters innerer Kompass

Sträubte sich dagegen, stets nach Norden zu zeigen, denn wenn in Bayern die Uhren schon anders gehen, warum sollten es Kompasse ihnen nicht gleichtun und von Haus aus nach Süden zeigen? Zuallererst zog es ihn »Gen Italien«, wo er andere Automobilisten in ihrer Muttersprache zu beschimpfen pflegte, vollkommen politisch unkorrekt, mit einem Lästerfaible für Frauen am Steuer, und sich anschickte, sein Arsenal an Schimpfworten wie ein Wilder einzusetzen, z. B. nach Herunterkurbeln der Seitenscheibe an roten Ampeln. Sein Wunsch nach mehr Pferdestärken stieß auf taube Ohren bei seiner Frau, unserer Finanzministerin, die eine überzeugte Anhängerin der These war, dass auch wenig PS für die Autostrada del Brennero reichten. So blieb er immer wieder bergauf und bergab zur Kriechspur verdammt und zum Fluchen gezwungen, bisweilen sogar auf das Ausrollen in Nothaltebuchten angewiesen, wenn weißer Rauch aus der Motorhaube seines Opel-Kadetts oder des später neu angeschafften VW-Käfers zu dringen begann. Einmal folgte er nicht seinem inneren Kompass und brach mit Mutter und mir in den 70er Jahren auf, um die Großen Ferien auf der Insel Fehmarn zu verbringen. Dabei überquerte er zwangsläufig die Fehmarnsundbrücke und kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, dass es so eine filigrane Bogen-Stahl-Konstruktion im wuchtigkeitslastigen Land der Deutschen gibt. Weil vor und hinter uns niemand fuhr und auch die Gegenfahrbahn verwaist schien, verlangsamte er immer mehr das Tempo und geriet fast in einen tranceähnlichen Zustand der Entschleunigung, aus dem er jäh gerissen wurde, als ihn ein scheinbar aus dem Nichts von hinten auftauchender Motorradpolizist anhielt und gegen ihn von oben herab sprechend ein Bußgeld wegen Zu-langsam-Fahrens verhängte, da Vater den Verkehrsfluss behindere, wobei außer dem Gendarmen auf dem BMW-Feuerstuhl und uns keine Menschenseele unterwegs war. Die unerhörte Begebenheit bot Vater Lästerstoff für viele Jahre und sie war wohl auch ursächlich dafür, dass er sich fortan nicht mehr gegen seinen inneren Kompass entschied.

Weßling, 31.7.2021

25.07.2021Die alte und neue Schule
des Werdens

 

»Mei, Donal, des wead
Schwea füa di, wei dei
Vadda scho ois Bua bei
Mia an Homäa vom Blaadl
Weg üwasezzn hod kenna«,
Unkte Hans Schober vor
Meiner allerersten Alt-

Griechischstunde bei ihm.
Schober, jener holzge-
Schnitzte Steißtrommler,
Der selbst Hitlers Russ-
Landfeldzug überstanden
Hatte als junger Leutnant,
Unverwechselbar durch

Seine rosazeageröteten
Wangen, die mit grauem
Haarflor umkränzte, täg-
Lich auf Hochglanz po-
Lierte Glatze, kurz, die
Koryphäe des Nachkriegs-
Humanismus an Bayerns

Höheren Lehranstalten.
Gegner der Koedukation,
Versteht sich, Vertreter
Der nassen K-Aussprache
Im Lateinischen. Damals
Beherrschte ich noch
Nicht einmal das griechi-

Sche Alphabet, weil es
Mir Vater vor dem von
Ihm veranlassten Schul-
Wechsel nicht beige-
Bracht hatte. »Des wead
Scho, Bua«, lautete sein
Baldrianersatzallheilmittel,

Und: »Scheiß da nix!«.
Als mir Schober die
Erste Extemporale mit
Geschwungener roter
Riesensechs plus Stern
Auf die Schulbank knallte
Und bemerkte, »Du bist

Vollkommen unbegabt!«,
War ich noch nicht ein-
Mal fähig, seine Stegreif-
Aufgabe zu lesen, ge-
Schweige denn zu lösen
Und schiss mir fast in die
Hose vor Angst. Jahre

Später klopfte mir der
Alte Schober jovial auf
Die Schulter und schlug
Mich nebenbei auch
Noch zum Ritter: »Des
Hädd i ma damois need
Dengd, Dass aus dia aa

No amoi wos wean kannd,
Awa a Hundling bisd ja oi-
Wei scho gwen.« Spätes-
Tens da begann mir Vaters
Formel »Das wird schon«
Einzuleuchten, weil das,
Was werden kann, auch

Wird. Einmal. Vielleicht.

Weßling, 24.7.2021

18.07.2021Das zweite olympische Feuer

»Bevoasdma no ganz
Vom Fleisch foisd, fliag i
Mid dia liawa noch Ateen«,
So Vater, und flugs hatte
Er Flugtickets für uns

 

Beide gebucht und eine
Bleibe dazu. Er, der
Sonst vor allem das
Große Ganze im Blick
Behielt und Detailarbeit

Delegierte, hatte selbst
Zum Hörer gegriffen und
Alles perfekt gemacht,
Weil er nicht länger mit-
Ansehen konnte, wie

Sein einziger Sohn im-
Mer mehr abmagerte
Vor Liebeskummer.
Den hatte nämlich ur-
Plötzlich die erste

Große Liebe im Leben
Verlassen: Ihm nachts
Heimlich den Schlüssel
Zu ihrer Studentenbude
Vom Bund gelöst und

Sich am nächsten Mor-
Gen mit Kuss und »see
You later« für immer
Verabschiedet. Wochen
Danach stand Hellas in

Blüte und Vater sprach
Augenzwinkernd zum
Filius im Heiligtum des
Zeus in Elis: »Bua, des
Muasd olümbbisch seng!

Auf guad Bairisch, so an
Deife konnsd nua mid am
Neien Beelzemadl ausdreim!«.
Und begleitet von Schulter-
Klopfen sein listiger Rat, der

Möglichen zweiten Flamme
Stante pede mittels Post-
Karte direkt aus den Wett-
Kampfstätten der Antike die
Frohe Kunde zu übermitteln,

Dass das Feuer der ersten
Olympischen Liebesspiele
Verloschen sei und gerade
In Griechenland eine neue
Fackel entzündet werde.

Weßling, 17.7.2021

11.07.2021Vaters Weg

 

Ins Reich des Hades:
Hat wie immer große
Eile. Auf das Tor
Der Tiefgarage schon
Von oben mit der Fern-
Bedienung! Und dann
Schnell die Treppe

Runter in den Keller.
Nur eine Stufe aus-
Gelassen, die letzte,
Vor lauter Freude: Ab
Heid deaf i endli wieda
Faan! Drei Monate lang
Die Tage einzeln ab-

Gezählt. Fahrsperre
nach der Transitorisch
Ischämischen Attacke
(Einmal mehr sich selbst
Entlassen gegen ärzt-
Lichen Rat aus Intensiv).
Heute nur zur Probe

Die Auffahrt rauf und
Runter. Alter Indianer
Kennt keinen Schmerz:
Mi hods grod sauwa
D’ Drebbn obigwaffed.
I glaub, dass i ezad
Nimma gscheid gee

Ko!

Weßling, 10.7.2021

04.07.2021Lehrerlehren

 

Wenn es den Schülern
Gut geht, geht es auch
Meiner Schule gut, so

Vaters Credo. Seinem
In Stein gemeißelten
Satz hatte sich alles

Unterzuordnen. Punkt.
Wer mithalf, ihn zu ver-
Wirklichen, wurde reich

Belohnt, also weiter-
Empfohlen als Chef,
Wer sich widersetzte,

Wegbefördert ins Mini-
Sterium − wie er es
Schaffte, war allen

Ein Mysterium, ver-
Bunden vielleicht mit
dieser mehr oder

Weniger Freistaats-
Tragenden Partei.
Deshalb sitzen die

Besten immer hinten
Am Ruder, so seine
Rede, und er meinte

Es ernst, mindestens
So, wie der von ihm
im Original gelesene

Miguel de Cervantes
Saavedra es schon
Mit seinem Don Qui-

Jote ernst gemeint
Hatte. Einmal im Jahr
Rebellierte er gegen

Die eigene Partei,
Diesen Weihnachts-
Männerverein, indem

Er Mutter anwies, den
Vordruck für den bar-
Geldlosen Zahlungs-

Verkehr zur Über-
Weisung des Mitglieds-
Beitrags einfach unter

Den Tisch fallen zu
Lassen. Dafür gehen wir
Lieber zum Pasqualino,

Damit der auch nicht
Leben muss wie ein
Hund!

Weßling, 3.7.2021

27.06.2021Vater, unser

 

See wartet
Auf dich
Täglich

Gekrault
Werden möchte er
Von Dir

So gern, er
Wälzt sich sogar
Schon unruhig

In seinem
Kieselbett,
Sendet

Erste Wellen
Aus. Schaum,
Zarter

Flaum eher,
Die Sonnen-
Anbeterinnen

Am Strand
Zwitschern
Wo bleibt er denn,

Unser Anton?
Er habe sich stets
Erkundigt

Nach ihren
Töchtern,
Söhnen

Und alle
Beim richtigen
Namen

Genannt:
Ob sie denn
Ihren Weg

In der Schule
Des Lebens
Sein Credo

Du kannst
Alles, wenn nur
Einer

An dich glaubt
Und du an
Ihn und an

Dich,
Das wird schon
Werden,

Ihr werdet
Sehen!
Nur er wird

Nicht mehr
Schwimmen,
Aber er ist noch

Immer
Mit dabei, eine
Zeit lang

Zumindest,
Am rettenden
Ufer. Ein echter

Weßlinger
Holzkopf wird
Neunzig! (Was

Zu beweisen
Gewesen
Wäre.)

Weßling, 26.6.2021

20.06.2021Zruggdraan

 

»Woasdas no, damois
Wiasd Fünfazwanzge
Woan bisd, do san ma
Olle midanand um Zwäife
Aufd Nachd no naggad
In Sä einigschbrunga.
Des war aa des oanzige

Moi in meim Lem, dass i
No bsuffa hoam gfaan
Bin. Good sei dangg is
Nix bassiad.« Fünfadreissg
Jaar schbäda samma an
Meim Sechzga aa wieda
Am Sä, awa desmoi draan

Ma bloos a Rundn z’ Fuas
Und radschn üwa de oidn
Zeiddn, wos ma do no füa
Wuide Hund gwen san –
Bis ma aufgscheichd wean
Vo am gaachn Glingln
Hindda uns. »Zur Seite,

Kinderlein! «, bläad a leichd
Gschüazzds Weiwaz, des
Aufm Radl ohne Liachd an
Uns voabeischiassd. Ja
Saggradi, do kannsd grod
Moana, dass ma rüggwäads
Zum Oiddan ofanga!«

Weßling, 16.6.2021
(Fassung II, 19.6.2021)

13.06.2021Zwoachtzehn, Vaters Besuch bei mir  

 

In der Klinik. Er fühlt sich sichtlich
Nicht wohl im Krankenzimmer
Mit meinem alten, stöhnenden Bett-
Nachbarn, der nur noch kotzt, links
Liegen gelassen vom spärlichen

Personal, durch den Fleischwolf
Gedreht von seinem viel zu lauten
Besuch, seinem antiautoritär er-
Zogenen Enkel, der ihm ständig
Auf den Bauch trommelt und mit

Schmutzigen Straßenschuhen
Übers Bett krabbelt. Wie kann ich
Uns rausziehen aus dieser Scheiß-
Situation, damit Vater noch bleibt,
Wenigstens eine Viertelstunde

Lang. Da kommt mir die hintere
Ecke im Seitenflur links als rettende
Idee: Leder-Couch-Lounge-Atmo
In Hydro-Kulturbegleitung, Palmen,
Exotische Fischfarbenpracht, dazu

Zwerggarnelen, Einsiedlerkrebse,
Aquarienwelt, Privatpatienten-
Wartebereich allem Anschein nach.
Vater gefällt die Idee und er blüht
Auf, als sie anstakst mit ihrem rosa

Alurollköfferchen, reich verziert mit
Perlen-Applikationen, Kopf gesenkt,
Hildegard-Knef-artiges Wesen im fort-
Geschrittenen Stadium verblassend,
Von Gott und allen guten oder weniger

Guten männlichen Geistern verlassen,
Sich uns gegenüber platzierend ohne
Uns auch nur eines einzigen Blickes zu
Würdigen. Aber Vater, es sieht im gleich,
Spricht auch ihr noch Trost zu: „Ich

Wünsche Ihnen eine milde Diagnose,
Was auch immer Ihnen fehlt!“ − Sagt es,
Und sie erschrickt sich halb zu Tode
Darüber. Aber dann wird sie aufge-
Rufen und damit aus ihrer misslichen

Lage befreit. Frau Von-und-zu, der
Herr Professor lässt … Erst dann seh
Ich das Schild der Sonderabteilung für
Beutelschneiderei: PLASTISCH-ÄSTHE-
TISCHE-UND-REKONSTRUKTIVE

CHIRURGIE. Und den Slogan darunter:
Ihre äußere Schönheit entfaltet leuch-
Tende Strahlkraft nach innen. Die irre-
Parable Frau ist weg und Vater will
Heim. „Ich werde beten für sie“, sagt

Er noch voller Empathie, „sie hat so
Schlecht ausgesehen, hoffentlich
Kann ihr noch geholfen werden!“
„Hoffentlich“, pflicht ich bei und mein
Den Edlen Don Qui von la Mancha.

Weßling, 5.6.2021

06.06.2021Dancing lesson

 

omnia vincit amor
Vergil (Ekloge X, 69)

Eigentlich hätte Vater, Acht-
Unddreißiger, seit je auf John
Winston Lennon, Jahrgang
Neunzehnhundertundvierzig,
Abfahren müssen: All You
Need, passend wie die Faust
Aufs – aber kein Ding für ihn,
Dem die Tugend der ewigen
Jugend, seine Schüler über
Alles, jedoch nicht ihre Musik,

ZU LAUT, er stürmte ins Kinder-
Zimmer, DREH LEISER, ABER
SOFORT! The Beatles leiser,
DAS GEHT GAR NICHT, schrie
Ich zurück, und LECK MICH,
WELCHER IRRE HEBT VOR
DEM ORGASMUS AB, WENN
ES KLINGELT, lass es einfach
Klingeln, war meine Devise, nur
Er hätte immer abgehoben, je-

Doch nicht bei diesen Beatles,
Da hätte er den Hörer aufgeknallt
Oder gleich den Stecker gezogen,
BASTA, also Kommando zurück
Und den Volume-Knopf Richtung
Minus gedreht, der Ausweg aus
Dieser Misere ein Around-Ear-
Kopf-Hörer, solange, bis er eines
Tages gegen Mitternacht mit
Mutter auf unsere Kellerparty stieß

Und wie selbstverständlich ein-
Tauchte ins Stroboskoplicht und
Im Inkognito-Modus zu tanzen
Begann mit ihr auf klassische
Weise zu All You Need is – Om-
Nia vincit amor, danach schrumpfte
Die Distanz zwischen Publius
Vergilius Maro und John, zwischen
Liverpool und Weßling, zwischen
Anton Senior und Anton junior.

Weßling, 6.6.2021

30.05.2021Der Weg in den erhofften Himmel
führt über die Rezeption der höllischen
Realität
FFP3-maskiert, ich stürme
Von der Taxi-Rückbank direkt
Hinein in die Klinik, will so
Schnell es geht zu meinem
Sterbenden Vater. Aus-
Gerechnet jetzt, in seiner
Letzten Stunde, sitzt diese
Schnepfe am Empfang und
Hält seelenruhig hinter Glas
Ein Schwätzchen mit dem
Seidenschalgeck, Doktor
Wichtig mit Redehunger
Nach der Schicht. Ich räus-
Pere mich und sie wendet
Sich mir halb zu, genervt.Nein, Perso, Impfpass, knack-
Frischer Test, negativ, reicht
Alles nicht, auch nicht, dass
Ich noch bis vorhin an seinem
Bett gesessen bin. Streckt mir
Aus dem Schalterfenster ein
Thermometer entgegen, scharf
Richtung Stirn und erschreckt
Mich mit Siebenunddreißig-
Vier! Sie dürfen jetzt nicht rein
Wegen erhöhter Temperatur.
Gehen Sie zehn Minuten raus
Und kommen Sie wieder, wenn
Sie sich etwas abgekühlt haben
An der frischen Luft. Ich reiß mirDraußen zuerst die Kappe vom
Kopf, damits mich auch anständig
Friert, ich atme tief ein und atme
Tief aus und tief ein und tief aus,
Geh vor und zurück, geh im Kreis.
Der arschkalte Wind ist nichts als
Massage für meine Visage, ich
Behalt dabei ständig die Uhr im
Blick. Auf die Sekunde genau
Nach zehn Minuten ziehts mich
Wieder zur Rezeption, mit Mords-
Bammel, versteht sich. Sechsund-
Dreißigneun − Sie dürfen jetzt
Zu ihm! Ich renne und bis ich
Endlich auf Station bin, ist VaterTot.

 

Weßling, 29.5.2021

23.05.2021Wurzelstock
Es wäre
Noch so vielEs ist zu viel
UngesagtZwischen uns
Dein offenesOhr für alle
AnderenDeren Kummer
Dein KümmernDie Fürsorge
Keine VorsorgeFür dich
Für mich

 

Für uns.
Wir zwei

Dasselbe
Holz

Hart
Holz

Kopf
Hoch

Zwei
Zu eins

Für
Wen?

Weßling, 22.5.2021

16.05.2021August 1967, Lignano Sabbiadoro
Wir zu dritt auf dem Neben-
Einandem ganz beieinander.
Mutter links, Vater rechts
Am Steuer, der Blondschopf
Dazwischen, in der Mitte
Bin ich im Janker, wir dreiStrahlen um die Wette, Vater
Im T-Shirt mit halblangen
Ärmeln, muskulös, Unterarm
Behaart, Ehering am linken
Ringfinger, seine Brille schwarz
Gerahmt, eine leichte Merino-Jacke mit Hornknöpfen lässig
Um den Hals geschlungen,
Mutter im kurzen weißen
Kleid mit Bordüre (doppelt
bestickter Rundkragen), ihreSchwarze, langohrige Hand-
Tasche zart im Griff, zwischen
Uns und der lauen, medi-
Terranen Nacht, dem süd-
Lichen Sternenmeer, ein Stoff-
Himmel, Baldachin, einge-Säumt rundum mit weißen
Fransen, Mama und Papa
Treten für drei in die Pedale,
Es geht miteinander voran
In diesem verrückten Gefährt,
Die Zeit arbeitet für uns, so
Scheint es, vierundfünfzigJahre lang, dann wird Vater
Nie mehr am Steuer sitzen −
Unter der Schwarzweißfoto-
Grafie von 1967 in seiner
Geschwungenen Schrift:
Sicome una giornata.

 

Weßling, 15.5.2021

09.05.2021Das Haus
So still
Ohne dich
Mein VaterDein Bad-
Radio streikt
Der AkkuEntladen.
Aber was sind
NachrichtenHeute noch
Wert
Für michBei Dir
Kamen sie
StetsAus erster
Hand, Vater
Ich sitze aufDeinem Stuhl
Vor dem Fenster
Zum GartenWo alles blüht.
Deine Schrift
Schönschrift

 

Geschwungen
Gluteo
Gesäß(muskel)

Schizzinoso
Zimperlich
Darunter

Eine Steuer-
Nummer für
Was?

Weßling, 8.5.2021
Einen Tag nach Vaters Beerdigung

02.05.2021Aa dobbede Wadschn
babbd bessa im Gfries
Auf da Kelladrebbn
D’ voalezde Schdufn
Üwaseng und sauwa
Owigflong. Nimma
Aufkemma und linggs
An Arm nimma beweng
Kenna und’s Boarisch
Vawaschn − auf oan
Schlog aa no vom
Schlog droffa, wos
Wui ma mea: Vadda-
Dog!

 

Weßling, 1.5.2021

25.04.2021Da Owamaxi vom Gmoazweggvaband
füa gäidbeidlfreindlichs Wohna
Hod aa no de lezdn Baam
Obschlong lassn, scheene
Oide Hainbuachan. »Wega
Da Vakäassichaheid«, sogda
Am Lokalblaadl. »Naa, um
Godswuin, Paaggbläzz kem-
Ma do nia hi, solang i do bin.«Oa Jaar schbäda hoda scho
D’ Bagga oroin lassn und
Oiss mid Beddon zuabflasdad,
Füa no mera Miedaschdäibläzz.
»So kenna se de arma Leid,
De do günsdig wohna, aa no
An Zwoadwong leisdn. Des
Kuawed sauwa d’ Wiad-
Schaffd o«, vazabbfda des-
Moi no im Lokalblaadl.

 

Weßling, 23.4.2021

18.04.2021Rp. Bund
vs. Land

Down
Down
LockerLock
Down
LockernLocker
Down
LockDown
Lockern
LockDown
Down
DownLock
Lock
LockLocker
Lock
DownLockern
Lock
Down

 

Weßling, 17.4.2021

11.04.2021Habds me doch gean!

 

I wuis goa need
Wissn, wos oiss
No kummd, wei
Ma scho des zvui
Wead, wos ezad is.

Weßling, Karfreitag, 2.4.2021
(Fassung II, 10.4.2021)

04.04.2021

Manchmal braucht es kein Wunder, um zu begreifen

Dass das mit der Auferstehung Quatsch ist, ist mir aufgegangen, als ich neulich in der Dämmerung im Garten jene graublaue Karthäuser-Katze seelenruhig auf dem Grab meiner Salz-und-Pfeffer-Mittelschnauzerin Nelly sitzen hab sehen, die früher ihre Todfeindin war. Nichts, gar nichts ist passiert, keine Erdspalte klaffte auf, aus der Nelly kläffend herausgestürmt wäre, um das langhaarige Vieh zu verjagen. Stattdessen schaute mir diese Katze auch noch frech ins Gesicht, triumphierte mit ihrem Stoizismus und blieb ungerührt – sitzen.

Weßling, 2.4.2021 (Fassung III)

28.03.2021Endschuidigns

 

I bin kaoh.
Und wei i
Nimma ko,

Bleib i no
A bissal
Do.

Weßling, 27.3.2021

21.03.2021Da unbefleggde Boandlgrama

 

Seids’ eanane Leichnwäng
Auf Weiss umgschbrizzd
Ham, fiachd i mi nimma
Voam Dod, weis Obgrazzn
So unschuidig woan is, wias
Olle Weiwaleid gwen san, de
Amoi in Weiss gheirad ham.

Weßling, 17.3.2021
(Fassung IV, 20.3.2021)

14.03.2021An lezdn Weisheidszahn ziang

 

»Hosd an Mo, iss
Nix, hosd koan, iss
Aa nix«, vazabbfds
Grschroamaulad
Beim kaddolischn
Weiwakaffägranzal,
Wo aa scho d‘
Schwindsuchd
Grassiad.

›Hosd a Wei, iss
Nix, hosd koans,
Iss aa nix‹, daad
Ia Oida song,
Boisn need scho
Eigrom hädd. Weia
Nia hideafa hod
An d’ Musi, issa
Imma no schdaada
Woan, bisa se am
End ganz zam-
Gsuffa ghabd hod.

Weßling, 13.3.2021

06.03.2021Lang

 

Gschbaard
Und Zwanzg-
Zwanzg endli

An Uldraleichd-
Koffa ogschaffd –
Awa bis heid

Wega Korona
Bloos midm Ofn-
Räal ins Gebiag

Gschaugd. Und i
Meag aa, wia
Meim Koffa-

Freind ’s Naus-
Kemma ob-
Geed. Ea is

Scho ganz da-
Sig und wead
Imma no bleicha.

Und a Schdaub-
Beichal sezzda
Aa scho o. Mia

Braucha olle
Zwoa boid Bal-
Drian-Drobbfa,

Wenn des
No lang so
Weida geed.

Weßling, 6.3.2021

28.02.2021Wias is, iss nix, awa wias wean kannd,
iss scho glei zwomoi nix
Ezad miassad se
Awa boid wos doa.
I moan, do duad
Se wos, weis ja aaZeid waar, dass
Se wos duad. Ja
Du bisd guad!
Bei uns duad seDoch nix, wei de do
Om moana, dass
Des scho duad füa
Uns, wos do ham.Oiso deans scho
Glei goa nix mea,
Wei wenns wos
Doa daadn, daadsGnua gem, de se
Drüwa aufreeng,
Dass wos do ham,
Weis des aa andasDoa häddn kenna
Oda bessa goa
Need. Oiso dram i
Scho davo, dassSe wos do hädd,
Awa danoch meag
I, dass oiss so bliem
Is, wias oiwei schoWar, oiso dass se
Wieda nix do hod.
Do konnsd nix doa
Dageng.

 

Weßling, 27.2.2021
(Fassung II)

21.02.2021Schdichd da Hafa

 

Floggn riesln lassn
In a Schüssl und
Danoch schnibbsln.
Ebbfe in Scheim

Schnein und de
Scheim in Schdreifn
Und de Schdreifn
In no gleanare

Schdüggl. Draum
Viaddln und a Dschi-
Gwiedda in Radl
Deiln und d’ Radl hoi-

Bian, um oiss mid-
Nand zum varüan.
Mid Milli fluudn, no-
Moi rüan und se

Need scheenian,
Boi ma scho midm
Bläddschl aufn
Gschmagg kummd.

Weßling, 3.2.2021
(Fassung II, 20.2.2021)

14.02.2021Deidsche Enggldriggvoasoage

 

»’s Imbfzenddrum hod ogruafa«,
Jubiliada. »I soi glei onlein gee
Und eana wos üwaweisn, damid
I boid dro kumm, hams gsagd.«

Grod gfrein duada se. Awa zum
Glügg isa need ins Nezz kemma,
Wei des vohea scho wieda zam-
Brocha is.

Weßling, 11.2.2021
(Fassung II, 13.2.2021)

07.02.2021Bäaschbeggdivwexl

 

Schdäids eich voa, unsa
Gwambadde Scheefin
Miassad auf amoi säiwa

Oiss ausschdee, wos
Sonsd aussizzd oda
Oschaffd, wei ira Ladn

Vo oam Dog aufn andan
Zuagschbäad woan waar –
Und de miassad Andräg

Schdäin, dass weida ir
Diridari griagad, vo dene
Oana nochm andan ob-

Gleend wearad. Do daad
Sogoa aus dera am End
No a Schdrich in da Land-

Schafd wean und ire
Schbrüch wia »Im Großn
Und Ganzn is nix schiaf

Glaffa« daadn pfeigrod
Bassn wia d’ Fausd aufs
Aug.

Weßling, 6.2.2021

31.01.2021Blassa Schimma

 

D’ Sonna schbizzd
A weng aussi,
Imbfd a bor

Gschundne Säin,

Awa glei danoch
Vaziagd sa se
Wieda.

Weßling, 29.1.2021
(Fassung II, 30.1.2021)

24.01.2021Es is hoid a Greiz mid
dene Manna unddam Greiz
»Unsa Hochwüadn is a
Pfundskeal«, schwäambd
Sei Minisdrand midm Milli-
Gfries, dea scho üwa viazge
Is und no dahoam bei seina
Oidn Muadda im Kindda-
Zimma hausd. »Da Pfarra
Hod oiwei pfäffade Schbrüch
Üwa d’ Weiwaleid auf Laga!«
So wia des Zwedschgnmandl
In seim Paffnreggal umananda-
Schwanzld, woasa need rechd,
Wosa mid seim Zibbfe ofanga
Soi, dengg i ma, awa song
Dua I: »Dea soi liawa üwa wos
Reedn, wovoa wos vaschdeed
Und se füa olle ins Zeig leeng,
Dees braucha.« Sei Bolande
Vaschdeed mi need, weia
Dorad is und weia aa bloos
Des hean wui, wosa hean wui.

 

Weßling, 11.1.2021
(Fassung II, 16.1.2021)

17.01.2021Sommahaus
im Windda
Des Heisl
Schdeed leer.Nua a boa
ZruggbliemneWian
San drinAm
vahungan.

 

Weßling, 11.1.2021
(Fassung III, 23.1.2021)

10.01.2021Schdudian wos geed

 

Easda Dog Rechdsvadrearei,
Audi Max. I waar valoan gwen
undda sovui Leid, wenn need

Des Rauschgoidengal newa
Mia gsessn waar. Newa ira
Is ma des droggne Ziwui-

Rechdsgeleia ins oane Oa
Eini- und zum andan Oa
Ausseganga. Des oanzige,

Wos i schdudiad hob, is
Gwen, dass de mi wui und
I de aa. Oiso hob i mia a

Heaz gfassd und mei Heaz
In Veasal eibedd, und oiss
Auf am Kollidschblogg fesd-

Ghoidn, awa so do, ois
Daadi beim Baragrafnreiddn
Middoa. Wias amoi need

Zu mia rüwagschbechd hod,
Hob i des Bladdl mid de
Scheensdn Veasal raus-

Grissn und vaschdoin in ir
Rode Basddaschn gschdeggd.
Am Omd hods mi nachad

Scho ogruafa und gmoand,
Dass mia zwoa midnand
Redn miassadn. Des hama

Nachad aa gmachd, und
Need nua des, üwa zwoa
Semesdda lang.

Weßling, 9.1.2021
(Fassung II, Kurzfassung)

03.01.2021Noch de Feiadog

 

Do schaungs olle bläd
Aus da Wäsch, weis auf
Amoi im Schdau schdenga,
Obwois scho in olla Fria

Aufbrocha san zum Flaschl-
Konddäina, damid neamads
Siechd, wias oan Boxbeiddl
Nochm andan zadebban im

Greaglos. De, de se do dreffa,
Schdiean vaschdoin in Bodn
Und dean a so, ois ob sa se
No nia wo gseng häddn, wei

Sa se schamma, dass andare
Midgriang, wos füa bsuffane
Wongscheiddl dass san, wo’s
Doch eanane gloana Üwa-

Fliaga an liabn langa Dog va-
Zäin, dass Saufa und Haschn
A Suchd san, de friara oda
Schbäda in Grom eini füad,

Wei a de schdeaggsde Lewa
Auf Daua nimma midduad
Unds Hiankasdl scho glei
Dreimoi need.

Weßling, 26.12.2020
(Fassung II, 2.1.2021)

27.12.2020Onlein-Winddasemesdda 2020

 

»I wea boid dreissge und hogg an
Liabn langa Dog in dera gloana
Bude voam Läbtobb. Und mei Bio-
Wegga tiggd und tiggd und tiggd.
I mächad so gean an Kind griang,
Awa hob koa Schaas, oan zum
Kennaleana. Und meine zwoa
Dschobbs bin i aa los. Oiss bloos
Wega dem Scheiss Wirus!«

Weßling, 26.12.2020

20.12.2020Heazbodn

 

Neili hod ma da jüngsde
Gmoaknechd zuazwinggad,
Ois i ean eawischd hob,
Wira mid seim Rüddla-Brooz
Mid am Moadskrach a Heaz
Aus beeschm, feina Schwoas-
Sand vo oam Medda Duach-
Messa in den sonsd nua grob-
Keandldn, graniddfarbna
Fuassweg einigschdambfd
Hod – wos need rechd vui
Gschbanna wean, weis äh
bloos drüwaladschn ohne
Zum schaung. Woas da
Deifi, wosn do griddn hod.
Hodas gmachd, weia seim
Gschbusi ohne Draaraa
Song woidd Do schaug hi,
Des is füa di oda hodas
Einigrüddld, weia guad
Drauf war und olle, de no
Aung ham im Kobbf, heid a
Gloane Freid macha woidd.

 

13.12.2020De roasade Tabanagglwanzn

 

Neili hod uns a schwarz va-
Schleiade Klosdaschwesdda
In am VauWeh ubb! mid moads
Karacho linggs üwahoid. Awa

Bis i »dea bressiads in Himme«
Song hob kenna, wars scho üwa
Olle Beag. Hoffma, dass nachad
Wieda aufn rechdn Weg zrugg-

Gfundn hod und fois need, dass
Sa se alloa darennd hod und
Need soichane Käzza wia mi
In Himme midgnomma hod.

A99, 26.8.2020
(Fassung II: Weßling, 13.11.2020)

06.12.2020Bosdkaddolischs Gribbnbuidl,
in da Gwaranddäne vawaggeld

»Da Vadda is a Ox«, sogd sei
Schbross. »Naa, i bin a Esl«,
Sogd da Vadda, »dass i dei
Muadda gheirad hob und
Dass i di mid ira fabrizziad
Hob – deshoib wead i no a
Heiliga, weasd seng«. »Naa«,
Bläad d’ Muadda, »i kumm a-
Moi in Himme, wei i eich zwoa
Aushoidn hob miassn jedn
Dog und vakösddign dazua
Und hinddaheawischn aa no.«Weßling, 5.12.2020
29.11.2020Grean ogschmiad

 

»Guad, dass ma de
Äifdausnda Umwäid-
Brämie heia no
Midneema kenna,

Wei newa unsam
Kuh Siem und Kuh
Drei machd se so a
BeÄhmWeh-Eleggdro-

Schnaufal EiDreiEs
Mid hundadviaradachzg
PeEs no ganz guad –
Ois Voaschbui zum

Eleggdro-EiIX, den
Ma se ezad scho voa-
Bschdäin ko. Dea hod
Nachad gschdandne

Fünfhundad PeEs und
Is in a bor Seekundn
Vo Nui auf Hundad.
Do miassma schaung,

Dass ma füa den vom
Schdaad aa no a bis-
Sal a Umwäidhuife
Oaganisian kenna.«

Weßling, 25.11.2020
(Fassung II, 28.11.2020)

22.11.2020Maschkera auf da
B
flegeschdaddion
»Wos machdn dea
Gwambade do hearin?«,
Bläada drei Moi hindda-
Anand wiara Wuida. Ma
Daad goa need glaum,
Wos so a Zwedschgn-
Mandl im Püdschaama
No füa a mords Oagan
Hod. »Zum Deifi mid
Dera feddn Sau!«,
Legda noch.
»Dea Digge«, sog i, »is
Dei Engal ausm Osdn
Und des Engal buzzd
Da an Arsch aus.«
»Wo is mei Oide?«,
Schreida danoch, »hoi
Sofoad mei Oide hea!«
»Dei Oide«, sog i, »deaf
Do need eini wega
Korona, woasd scho.«
»Awa warum hosd
Nachad du reideafa?«,
Frogda mi. »Wei i da
Dod bin«, sog i, »und
Wei i bei eich no a
Bissal wos zum doa
Hob. Und ezad lass
Mi biddscheen weida-
Weagggln.«Weßling, 21.11.2020
(Fassung II)
15.11.2020Id newa räins in Sassan Bäväria

 

»Ab do biddscheen nua
No lacha!«, schdeed auf
Am Schuidl newam Dial
Vo oam, bei dem neamads
Wos zum lacha ghabd hod
Damois unddam Haggl-
Greiz. Awa ea hod oiss
Üwalebd und heidzodog
Woas koana mea, wos
Dea nedde Obbabba
Amoi füa oana gwen is.
Oiso machd eam a jeda
A rechde Freid und
Schdraaldn o, boia bei
Eam auf a Schdambal
Voabeischaugd.

Weßling, 28.10.2020
(Fassung IV, 14.11.2020)

08.11.2020Demogradie üwam Grossn Deich Zwoa Punggd Nui

 

Wenns weida so zuageed
Auf da Wäid, wead i säiwa
No gschbinnad gnua, dass i
Mi auf meine oidn Dog zum
Amibräsidend wäin lassn ko.

Nua a boa Milliaadn Dolla
Miassad i davoa no gschwind
Ois Schmiagäid eisammen lassn,
Damids mi aa gwies aufschdäin.

(Weßling, 7.11.2020)

01.11.2020Pandemiefrisör am Weßlinger See

 

Montagmorgen. Mutterseelenallein.
Rabenkrähengekrächze. Endlich

Tut sich was. Auf einer Parkbank.
Er sitzt, sie steht hinter ihm.

Mit der Schere. Übt wohl noch,
Schnippt in die Luft. Danach

Wirbeln weiße Haarflocken.
Bevor Gras darüber wachsen

Kann, wird schon Laub die
Büschel verdecken.

Weßling, 26.10.2020
(Fassung II, 31.10.2020)

Porträt Anton G. Leitner
Anton G. Leitner, Foto: Volker Derlath, München

Anton G. Leitner wurde 1961 in München geboren. Der examinierte Jurist lebt als Lyriker, Herausgeber und Verleger in Weßling (Landkreis Starnberg). Er publizierte bislang dreizehn Gedichtbände, u. a. »Schnablgwax. Bairisches Verskabarett« und »voix en plein trafic / Stimmen im Verkehr« (Deutsch – Französisch; Auswahlband, 2020). Seine Gedichte sind in neun Sprachen sowie diverse Dialekte (u. a. Schottisch, Londoner Cockney und Damaszenisch) übersetzt worden. Neben 28 Folgen der buchstarken Jahresschrift »Das Gedicht« edierte er über vierzig Anthologien, u. a. bei Reclam »Die Bienen halten die Uhren auf. Naturgedichte« (2020). Leitner wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem »Tassilo-Kulturpreis« der Süddeutschen Zeitung und dem »Bayerischen Poetentaler«. Er ist Mitglied der »Münchner Turmschreiber«. antonleitner.de, schnablgwax.de, wadlbeissn.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.