Archiv der Rubrik »Vers der Woche«

Jeden Sonntag kommentiert DAS GEDICHT-Herausgeber Anton G. Leitner in dieser Rubrik das große und kleine Weltgeschehen der vorangegangenen Woche mit einem Vers, wenn nötig auch mit mehreren. Mal widmet er sich privateren Themen, mal politischeren, manchml bedichtet Leitner auch aktuelle Ereignisse. Dabei mit Vorliebe so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, nämlich auf Bairisch. Bisweilen küsst ihn die Muse aber auch hochdeutsch.

 

15.05.2022

Bundesautobahn 9, Raststätte Fränkische Schweiz, Pegnitz West, Elfter Mai Zwanzigzweiundzwanzig

Als er mit etwas Mühe aussteigt aus dem VW Golf Sportsvan silbermetallic, und wie er aus der gebückten Haltung heraus wieder eine aufrechtere anzunehmen versucht, wie er dasteht vor uns mit seinem kurzen, geschneckelten Haar, in einer feingerippten, hellbraunen Cordhose, dazu einen Cashmere-Rundhalspullover in dezentem Rauchblau trägt und darunter ein gebügeltes, weißes Hemd, wie er sich anstrengt, seine noch immer leicht verzogene Körperhaltung mit sportlichen Armbewegungen zu kaschieren und wie perfekt er die Vorstellung von einem älteren, britischen Gentleman souverän ausfüllt, und das alles nur circa 50 Meter entfernt, und als dann auch noch eine kleinere, grau-blonde Frau im roten Blazer seine Beifahrertür öffnet und sich vertraut zu ihm gesellt, da gibt’s mir einen richtigen Stich und danach wird’s mir gleich auch noch warm ums Herz, als ich mir vorstelle, ER wäre es und wir träfen ihn jetzt ganz zufällig zusammen mit Mutter an dieser Raststätte in Oberfranken, wo er gerne unterwegs war mit ihr, und wir könnten ihn, könnten sie beide spontan einladen auf Steckerleis und Espresso, auf einen einfachen, versteht sich, denn ein doppelter wäre ihm viel zu stark, den würde er mit den Worten »den dabagg i need« ablehnen, und wir könnten erleben, wie sehr er sich freut, uns hier aus heiterem Himmel zu treffen, und er hätte sicher sofort unendlich viele neue und alte Geschichten parat und würde alle Leute ringsum gleich miteinbeziehen ins Gespräch, Corona hin oder her, er würde vermutlich sogar aufspringen und den Tisch wechseln, an dem wir uns zusammengesetzt hätten, und er würde gestenreich erzählen und vielleicht gar nicht mehr wegkommen von dieser Raststätte, wenn wir nicht alle weiter müssten und ihn zum Aufbruch drängen würden, und ich wäre mindestens einen Espresso lang, aber höchstwahrscheinlich noch viel länger, kein vaterloser Geselle mehr, hätte noch einen, meinen, der noch munter unterwegs wäre auf der Welt und dessen Wege sich jederzeit immer wieder kreuzen könnten mit meinen, zum Beispiel hier und jetzt, auf der Bundesautobahn 9, Raststätte Fränkische Schweiz, Pegnitz West, an diesem verdammt sommerlich-sonnigen elften Mai zwanzigzweiundzwanzig gegen sechzehnuhrdreißig.

Weßling, 14.05.2022
 
08.05.2022

Frühstück Mutter-Sohn
am ersten Todestag
von Vater

Mutter:
’S is nimma schee.
’S is nimma schee.
Naa, ’s is nimma
schee. ’S is wiaggli
nimma schee. Nimma
schee. Wiaggli need.
’S is nimma schee.
Nimma schee iss.
Nimma schee.
Wiaggli nimma
schee.

Sohn:
Gee weida, friara
wars ja aa need oi-
wei nua schee. Scho
wiaggli need. Need
oiwei. Wos is scho
schee? Lang is nix
schee, weis schee
faad werad, bois
z’ lang schee waar.
Schee faad is ja
aa need schee.

Mutter-Sohn:
Schee iss need
oiwei, schee wars
need oiwei und
scheena weads
aa nimma, wias
oiwei no nia
gwen is. Grod
schee iss und
ezad weads
hinddn no häa
wia voan!

Weßling, 29.04.2022
 
01.05.2022

Zwanzigeinundzwanzig, Erster Mai und die ganze Tag-der-Arbeit-Feierei geht voll an mir vorbei. Ein Jahr später seh ich mich noch immer stehen an der rundum acrylglasbewehrten Klinikpforte, so nervös wie vor einer Algebraklausur zu Schülerzeiten, bis sich schließlich meiner Stirn durch eine gläserne Schießscharte ein Arm entgegenstreckt, um auf Distanz meine Körpertemperatur zu prüfen. Dann Papierkram nach der Thermometerhürde. Mein Vater liegt im Sterben und meine Stimme brüchig wohl und dumpf hinter der fünflagigen Maske als ich mich, ganz und gar zum Bittsteller geschrumpft, auf mein Gespräch mit Frau Doktor Soundso berufe. Ja, ich bin geimpft, schon mehrfach sogar. Hier ist mein Impfpass. Ja, ich habe mich testen lassen. Ja, der Test ist noch frisch, erst vierzig Minuten alt. Ja ich bin negativ, hier steht das Testergebnis, schwarz auf weiß. Und hier ist mein Personalausweis. Und hier das ausgefüllte Formular mit Unterschrift und Ort und Datum. Lieber Gott mach, dass sie mich endlich zu meinem Vater lassen, jede Minute zählt und während sie sich weiter Zeit lassen mit dem Einlass, seh ich durch die geöffnete Gangtür, wie ihn der Hol-und-Bringdienst liegend schiebt von der Intensivstation in eines dieser Sterbezimmer, die in ihrer Summe Palliativstation heißen, was so klingt, als hätte man auch das Sterben unter Kontrolle. Und sie haben ihm eine blaue OP-Einweg-Maske umgebunden, damit er sich nicht noch die Pest holt in seinen letzten Stunden oder nicht noch andere ansteckt mit seinem Schlaganfall, und er kratzt sich lebhaft am Kopf, wo ihn etwas sehr zu jucken scheint. Ein paar Sekunden später schon ist er samt Bett auf Rollen und Eskorte wieder weg. Ich aber warte weiter auf das erlösende Sie dürfen jetzt zu ihm. Aber sie müssen noch telefonische Rücksprache nehmen mit Frau Doktor Soundso. Da steht Herr L. bei uns unten an der Anmeldung. Er sagt, er hätte mit Ihnen gesprochen. Darf er rein? Und ich bete, dass sie Ja sagt, dass der einzige Sohn seinem Vater beim Sterben beistehen darf. Das menschlich Selbstverständliche zur Ausnahme verkommen in den Zeiten der Pandemie, aber müßig, in meiner, in Vaters Lage solche Gedanken weiter zu verfolgen. Es fühlt sich an wie Glück im Unglück, als sie mich wirklich einlassen. Mich hält nichts mehr an der Pforte, ich könnte flennen aber entscheide mich fürs Rennen. Bloß nicht zu spät kommen und gleich das richtige Zimmer finden. Und ich werde noch zwölf Stunden am Stück bei ihm bleiben können und nach einer kurzen Schlafpause wiederkommen und dann dieselbe Prozedur durchmachen. Ja, ich bin frisch getestet usw. Und ich sehe ihn seitdem immer wieder, manchmal nachts, manchmal auch tagsüber, an mir vorbeigeschoben werden, meinen Vater mit der blauen OP-Einwegmaske über Mund und Nase. Und ich nehme heute, ein Jahr später, zum zweiten Mal seinen kastanienbraunen Rucksack zur Hand, den sie uns damals in der Klinik zurückgegeben hatten, zusammen mit seiner Uhr und seinem Ehering. Und erst jetzt schaue ich ihn mir genauer an. Grob gewebt, Jeansstoff vielleicht, mehrere Reißverschlüsse. Mit einem kleinen Gorilla-Anhänger an der Seite baumelnd, Aufnäher Monkeyclip M. Das also ist der Rucksack aus der Nähe betrachtet, den er immer auf dem Rücken trug, wenn er Einkaufen ging, mit Vorliebe zum Bäcker B. ins eingemeindete Dorf O., um Brot und Semmeln für uns alle zu holen und für sich auch sogenannte Seelen, zuletzt noch wenige Tage vor seinem letzten Tag. Ich erkunde dessen Inneres, fasse vorsichtig rein, nicht, dass sich am Ende noch eine inzwischen versteinerte Seele darin findet, an der wir uns die Zähne ausbeißen würden. Aber außer zwei Packungen Tempo-Taschentücher und einem Jutebeutel mit der Aufschrift Carl-Spitzweg-Gymnasium (seine Schule …) sowie einem giftgrünen Taschenschirm und einer Schirmhülle im Schottenkaro ist er leer.

Weßling, 29.04.2022
 
17.04.2022

»Heid muas i no d’ Mädi giassn«, pflegte Vater zu sagen, wenn er seit seiner Pensionierung jedes Jahr wieder vom Frühling bis zum Herbst gleich nach dem Frühstück aufbrach, um das Grab seiner Schwiegermutter zu gießen, neben der er heute selbst unter der Erde liegt. In den ersten Jahren legte er die Strecke von circa 700 Metern von zuhause bis zum Friedhof noch mit seinem einfachen, silberfarbenen Fahrrad mit Dreigangschaltung zurück, kräftig in die Pedale tretend, meist permanent den Kopf von rechts nach links und von links nach rechts drehend, nur selten gerade aus schauend und fast immer nur eine Hand am Lenker, weil er mit der anderen ununterbrochen rundum winkte und geradezu überschwänglich all jene begrüßte, die ihm begegneten. Für die meisten von ihnen hatte er noch im Vorbeifahren einen aufmunternden, witzigen oder auch spritzigen Spruch parat, er bestellte allseits schöne Grüße nach daheim und kassierte mehr als einmal von Seiten der Hauptstraße erschreckend laute Hupsignale, weil er während seiner einarmigen Radeleien und vielen Ablenkungen ständig Gefahr lief, von einem PKW erfasst zu werden bzw. mit einem solchen zu kollidieren. In den letzten Jahren legte er die allmorgendliche Route fast nur noch zu Fuß zurück, per pedes, wie er es nannte, anfänglich noch mit flottem Schritt, wobei er natürlich ständig nach begrüßbaren Mitmenschen Ausschau hielt, sein Kopfradar nervös rotierend, − und er dabei allzeit bereit für verbale oder tatsächliche Umarmungen. Nach und nach aber war er langsamer unterwegs, wirkte zunächst etwas unsicher im Gang, dann zunehmend auch wackelig auf den Beinen, und zuletzt war von ihm, der fast sein ganzes Leben lang allen Menschen so fröhlich begegnete, nicht viel mehr übriggeblieben als ein Schatten, der Schatten seiner selbst. Aus seinem schleichenden Gang, seiner gekrümmten Körperhaltung war schon rein äußerlich ablesbar, welche Blessuren, welche Schrunden, aber auch welch tiefe Wunden all die Lockdown-Endlosschleifen mit ihren Distanzgeboten bei ihm hinterlassen hatten, sein aufrechter Gang, sein überschäumendes Temperament, weg, auf einmal weg. Oft schlich er nur noch, vornübergebeugt, zum Gottesacker, und das Gehen fiel ihm schwerer und schwerer. Vater liebte die Repetition. So viele Jahre hatte er Mädis Grab immer wieder aufs Neue mit der Gießkanne abgebraust, danach ein Vaterunser für sie gebetet und dasselbe Ritual Tag für Tag zwanzig Meter weiter am Grab seiner Eltern und seiner beiden Geschwister wiederholt. Seine kleine Schwester, sein kleiner Bruder, bereits während des Zweiten Weltkriegs auf schmerzhafteste Weise, auch für ihn, ums Leben gekommen: Diphtherie, kein Penicillin zur Behandlung und schließlich ein Bombenangriff auf die Kinderklinik in München, die so lichterloh brannte, dass ihr Feuerschein bis in Vaters Dorf Weßling zu sehen war. Nach dem Friedhofsbesuch und den neusten Nachrichten von dort, wer inzwischen schon wieder das Zeitliche gesegnet hatte, belohnte sich Vater selbst mit einem kleinen Umweg zu seinem geliebten See, aber ohne dort allzu lange zu verweilen, weil in seinem Studierzimmer noch die ungelesenen Tageszeitungen auf ihn warteten, nach deren ausgiebiger Lektüre vielleicht sogar noch ein Bad im See drin war, ein Schwumm, sofern Petrus sein Placet erteilte. Wobei dann aber Vaters Begegnungen mit all den anderen Badegästen meistens schon am Strand so viel Zeit in Anspruch nahmen, dass für das Schwimmen selbst nur noch gut fünfzehn Minuten übrig blieben, weil zu Hause pünktlich um zwölf bereits Mutter mit dem Mittagsessen auf ihn wartete und er keinesfalls auch nur eine einzige Mahlzeit verpassen wollte, vermutlich, weil er bereits als Kriegskind hatte erleben müssen, dass ein gedeckter Tisch keine Selbstverständlichkeit ist, wenn man mit nur zwei Lebensmittelmarken bewaffnet, stundenlang Schlange vor dem Dorfbäcker stehen muss, um an die spärliche Tagesration Brot für eine nicht gerade auf Rosen gebettete, sechsköpfige Familie zu kommen.

Weßling, 16.04.2022
 
10.04.2022

So klein ist die Welt!

»Bist du jetzt unter die Rocker gegangen«, frag ich Vater, als er mir, circa drei Jahre vor seinem Tod, an einem sonnigen Frühsommertag in einem sehr seltsamen Aufzug draußen vor dem Elternhaus begegnet. Über seinem beigen Wildlederjanker trägt er eine schwere, schwarze Motorradjacke, viel zu groß geraten für ihn, der sonst immer wie aus dem Ei gepellt unterwegs ist, selbst im Dorf, und über seinem rechten Arm baumelt fast lässig eine weitere, etwas starrig wirkende, braune Lederjacke, die, so abgewetzt wie sie ist, ihre besten Tage schon etwas länger hinter sich zu haben scheint. »Ist dir das nicht zu warm«, frotzle ich, und er erwidert, »Du wirst nicht glauben, was mir gerade passiert ist«. Ihm habe am S-Bahnhof in Weßling ein Mann in den Vierzigern angesprochen und ihn gefragt, ob er sich denn noch an ihn erinnern könne. »Du bist doch Mike«, habe ihm Vater nach kurzem Überlegen geantwortet. Vater, dessen phänomenales Personengedächtnis viel gepriesen wurde: Ein Direx, der all seine Zöglinge, mit den Jahren tausende, liebevoll beim Vornamen rief, wenn sie ihm in der Schule begegneten und sie auch Jahre später noch so ruft, wenn sie ihm über den Weg laufen, manche von ihnen inzwischen schon selbst Schülereltern. »Du hattest doch Latein bei mir, Mike.« »Wahnsinn, Sie erinnern sich noch an mich«, habe dieser gestaunt, und danach sei sein Leben nur so aus ihm herausgesprudelt. Er habe das Informatikstudium geschmissen und sei dann viel in der Weltgeschichte herumgekommen. Zuletzt habe er in São Paulo in der Niederlassung eines US-Software-Konzerns gearbeitet. Jetzt sei er für einige Wochen zurück in »Old Europe«, um seine Eltern zu besuchen, und – fast könne er es selbst nicht glauben –, ausgerechnet hier, in Bayern, das sich selbst so gern als eines der sichersten Länder der Erde rühme, sei ihm die Brieftasche gestohlen worden, mit allem Bargeld, Ausweispapieren, Kredit- und Scheckkarten. Jetzt könne er sich nicht einmal mehr aus dem Automaten eine Streifenkarte ziehen, um in der nächsten Polizeistation Anzeige zu erstatten. Vater wäre nicht Vater gewesen, wenn er nicht seinem Ex-Schüler stante pede aus der Patsche geholfen hätte, und zwar mit dem einzigen Schein, der sich an diesem Tag noch in seinem Portemonnaie befand, einem Hunderter. Um Gottes Willen, das sei ja viel zu viel, habe Mike, dieser hochanständige Kerl, sofort abgewehrt. So viel Kredit könne er nicht beanspruchen, ohne Vater zumindest dafür ausreichend Pfand zu gewähren. Mike habe dann gleich aus seiner verbeulten Sportasche jene beiden Lederjacken gezogen, die ihn schon durch aller Herren Länder begleitet hätten, und die er hiermit seinem alten Schuldirektor zu treuen Händen übergebe, um sie ihm so lange zu überlassen, bis er ihm die einhundert Euro demnächst wieder persönlich zurückzahlen werde. Vater habe ihm dann noch seine Adresse und Telefonnummer aufgeschrieben und danach habe sich Mike mit einer herzlichen Umarmung von ihm verabschiedet und sich unverzüglich auf den Bahnsteig begeben, um so schnell wie möglich zur Polizei zu gelangen und danach zu seinen Eltern, die sich bestimmt schon riesig auf das Wiedersehen mit ihrem Sohn freuten, auf den sie richtig stolz sein könnten.


Weßling, 9.04.2022
 
03.04.2022

Wenn du heute noch auf der Welt wärst, Vater, dann wärst du schon in aller Herrgottsfrühe aufgestanden, ums Blättle reinzuholen, wie du dein tägliches Zeitungsmüsli zum Frühstück so gern zu bezeichnen pflegtest, und du hättest dich über den Pappschnee am zweiten April sehr geärgert, der sich über Nacht, wie vorab von deiner Wetterstation korrekt angezeigt, nicht nur in unserem Garten, sondern in unserem gesamten Viertel als schwere, nasse Weißschicht ausgebreitet hat, fast alles überdeckend, wie wenn er extra darauf abzielen würde, die erste Blüte zu ersticken und die Vögel bei ihrer anstrengenden Brut zu behindern, und du würdest so schnell wie nur möglich wieder fluchend ins Haus zurückkehren und die Tür hinter dir zuschlagen, damit ja keine Kälte von draußen mit nach innen dringen kann, da du doch immer und überall so schnell gefroren hast, in ständiger Angst, dich zu erkälten. Das Kippen von Fenstern oder Lüften war deine Sache nicht, und so hättest du es auch heute unterlassen. Stattdessen hättest du dich wie immer um diese Zeit vor deinen Kachelofen begeben und wärst vor ihm sogar in die Knie gegangen, um durch sein gusseisernes Türl bereits in der Nacht zuvor von dir akribisch vorbereitete Buchenholzscheite mit einem Grillanzünder zu entflammen, um möglichst schnell für dich angenehme Temperaturen zu erzielen, man könnte auch sagen, um eine Bullenhitze in die gute Stube zu bringen. Beim Decken des Frühstücktisches würdest du den in den Räumen hängenden, leicht beißenden Benzingeruch des Anzünders ausblenden, dich stattdessen am wohligen Knacken der Scheite erfreuen und schon insgeheim ans erste, lautstarke Klingeltohuwabohu deiner drei oder vier parallel geschalteten Telefonmobilteile denken, von denen du immer mindestens zwei verlegt hattest, also daran denken, wie es wohl wäre, wenn dich diese oder jener anrufen würden, um sich von dir beraten zu lassen for free in Angelegenheiten, wo guter Rat teuer ist, etwa das schulische oder berufliche Fortkommen betreffend. Und du würdest schon allein den Gedanken genießen an alle bei dir durchklingelnden Mütter, die von dir noch viele Jahre nach deiner Pensionierung als Schulleiter hören möchten, wie klug doch ihre Söhne und Töchter immer schon gewesen und es bis heute auch geblieben seien, wie hochbegabt, wiesehr auf dem besten aller richtigen Wege befindlich, und du würdest sie einmal mehr aufbauen durch das bloße Bestätigen ihrer Wunschvorstellungen. Deine lobenden Worte wären nichts als Balsam für die geplagten Seelen der Mütter, aber auch für deine ehemaligen Schülerinnen und Schüler, in Studien-, Lebens- und Arbeitskrisen befindlich oder für deine Ex-Lehrerinnen und -Lehrer, für deren Beförderung du dich über dein privatministerielles Netzwerk verwenden solltest. Das Gefühl, noch immer gebraucht zu werden, würde dich auch durch so triste Tage wie diese ersten Tage im April Zwanzigzweiundzwanzig retten, dir dabei helfen, deine dich immer mehr einschränkenden Gefäßerkrankungen weiterhin erfolgreich zu ignorieren und über all diesen Dauertelefonaten vielleicht sogar den unfassbar grausamen russischen Überfall auf die Ukraine wenigstens zwischendurch einmal zu vergessen, aber auch jenen furchtbaren Krieg, den du noch als Kind in Form des verlustreichsten Konflikts der Menschheitsgeschichte erleben musstest und der dich ein Leben lang traumatisiert hatte und stets zu Tränen rührte, etwa wenn du nur kurz auf aus dem Feld heimkehrende Soldaten zu sprechen kamst oder auf geflüchtete Menschen, die mit nichts unterm Arm zerlumpt in dein Dorf kamen, um dort, eher weniger als mehr gelitten, endlich Schutz zu finden vor dem Bombenhagel, dem sie gerade noch mit letzter Kraft samt ihren Kindern entkommen waren.

 
Weßling, 02.04.2022
 
20.03.2022

Da ist so wenig Poesie

z. B. im Vorgestern meiner Frau als Allgemeinärztin nach 20 Uhr auf Hausbesuch im Nachbarort bei einem alten Mann. So hilflos liegt er da vor ihr mit über neunzig Jahren auf dem Buckel, sein Kopf hochrot vom hohen Fieber, kaltschweißig, er zittert, ist schon ganz verwirrt, kaum ansprechbar. Da ist so wenig Poesie beim Führen von einem Telefonat nach dem anderen um diese Zeit nach einem Zwölfstunden-Arbeitstag, mit einer Klinik nach der anderen, geschlagene zwei Stunden lang ein Nein nach dem anderen, Nein, wir haben kein Bett mehr frei, tut uns leid. Die Sanitäter werden immer unruhiger, weil ihre Schicht bald enden wird und sie den ganzen Tag lang nichts als Nein gehört haben, und auch heute schon von München aus ein Klinikum in Erlangen anfahren mussten, nach jedem Einsatz ihr Fahrzeug komplett desinfizieren. Und kurz nach 22 Uhr werden sie endlich abgelöst, erlöst und meine Frau telefoniert noch immer, bis der zweiten Sanitäterschicht der Geduldsfaden reißt: Wir bringen ihn jetzt in die nächste Notaufnahme, wenn wir ihn dort absetzen, müssen sie ihn erstmal nehmen! Da ist so wenig Poesie in der Verzweiflung der Angehörigen, bei ihrem alten, kranken Vater, Schwiegervater, soweit er etwas mitbekommt in seiner Erschöpfung, da ist Verzweiflung auch bei meiner Frau, sie sagt, Die machen einfach dicht, sobald sie das Alter hören, und sie sagt auch, Das ist nichts anderes als eine Triagierung, und ein Sanitäter sagt, Wir haben die höchsten Corona-Zahlen seit je und die Politik sagt, Wir haben keine Überlastung, es gibt genügend Betten, und sie rufen nur noch nach Lockerung, Öffnung, nach einem Freedomday, was für ein idiotisches Wort, und alle hier schauen sich nur noch an und fühlen sich so im Stich gelassen von allen. Da ist so wenig Empathie im dritten Jahr der Pandemie, da ist so wenig Platz für Poesie in diesem Text, der eigentlich ein Gedicht hätte werden sollen.

Weßling, 19.03.2022
 
13.03.2022

Fast ein schlechtes Gewissen heute Morgen im Hotel in Bayreuth, als ich es warm herabregnen lasse auf mich im Bad, während sie keine 1700 km weiter in kalten Kellerlöchern ausharren müssen und um ihr Leben zittern, ausgehungert, durstig, wo ihre alte Welt in Schutt und Asche gebombt wird, und ich beim Gedanken daran die Temperatur drastisch herunterzuregeln beginne, und wir uns auch später nicht so richtig anlachen lassen vom strahlend blauen Himmel, vom reich bestückten Buffet, eine einfache Semmel ohne Pipapo tut‘s auch beim Frühstück, aus Solidarität bleiben daheim die Thermostate auf Eins oder auf Stern und wir wählen Daunenjacken statt Gas vom Diktator. Putin, stop war!, auf dem LKW-Anhänger aus Polen negativ in Schmutz gekritzelt, wir stimmen zu und werden dabei geschnitten am Schkeuditzer Kreuz von einem verspoilerten Kleinwagen aus Korea mit amtlichen Kennzeichen KI-LL-NeunNeunNeunNeun, und auch dieser Irre am Steuer lässt unseren alten Traum ziemlich alt aussehen: Frieden schaffen ohne …

12.03.2022
 
06.03.2022

Make love, not war, war Vaters innere Haltung, auch wenn er sich nie als Hippie gefühlt hat und rein äußerlich auch keinen verkörperte, weil er dafür einfach aus dem falschen Stall kam, ohne das nötige Kleingeld der Alten im Kreuz für Shit und Pipapo − und wo zum Teufel hätte er Hasch herbekommen sollen im großen Schlafsaal des katholischen Internats, in das er von daheim abgeschoben worden war als Lausbub, heute würde man sagen, als hyperaktives Kind. Allein die nackte Vorstellung davon, eine einzige Nacht mit dreißig anderen Jungs in einem muffigen Raum verbringen zu müssen, lässt einen frösteln, die Unruhe, die Ausdünstungen, das gegenseitige Sich-um-den-Schlaf-bringen durch Gruselgeschichten oder durch Einander-Piesacken. Von den kurzen Erektionen im Traum sind sicher nur ein paar warme Gedanken als Proviant für den streng geregelten Alltag unter mönchischen Lehrern geblieben. Jedoch die ungefähre Vorstellung davon, wie es wohl sein könnte, mit einem Mädchen eng zusammen zu sein oder wie sich feste Brüste in etwa anfassen würden, ergab sich wohl aus der Lektüre streng verbotener Stellen römischer Klassiker nach dem Unterricht beim späteren Selbststudium in der Klosterbibliothek. Aber wen die Kraft der Natur hinzieht zur Liebe, der lässt sich durch nichts und niemanden davon abhalten, das zu tun, was man nicht lassen kann und dann auch nicht lassen sollte. Und Vater tat gut daran, genau das zu tun, was er wollte und so schaffte ein strategisch gut gewählter Tanzkurs in München die solide Grundlage für meine alsbaldige Zeugung in Paris, zu einem Zeitpunkt, als Vater und Mutter noch nicht einmal volljährig waren … Gut fünfzehn Jahre später wollten mir beide stolz die Stadt der Liebe, ihrer Liebe, zeigen und natürlich durfte damals auch schon meine Freundin mit an die Seine, in dieselbe Pension, wo sich einst Vater und Mutter zum ersten Mal ganz nahe gekommen waren, und die beiden tischten uns zum Frühstück vogelwilde Geschichten auf, etwa die vom verrückten Ethnologen, der sie im Amüsierviertel eingeladen hatte in ein nordafrikanisches Nachtlokal zur Zeit des grausamen Algerienkriegs, um in einem Feldversuch zu erforschen, so soll er es ihnen später gebeichtet haben, wie man dort auf Vaters blonde Freundin, meine Mutter, reagieren würde, und nur ein mitgekommener Freund, ein junger türkischer Offizier, konnte sie und den Professor der Anthropologie mit seiner gezückten Dienstpistole aus der höchst brenzligen Situation befreien.

Weßling, 05.03.2022
 
27.02.2022

Vater, was gäbe ich dafür, wenn du heute in deinem Studierzimmer sitzen würdest, und ich dich, wie so oft, als eine Art Orakel von Delphi befragen könnte, und zwar zu Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine. Ich weiß, dein Herz hat stets für die russische Sprache und Kultur geschlagen, auch wenn alle Menschen, die du im ehemaligen Jugoslawien auf dem Weg nach Griechenland auf Russisch angesprochen hast, sofort zu dir auf Distanz gegangen sind und so taten, als würden sie dich nicht verstehen. Aber wer Fjodor Dostojewskis Idiot im Original lesen kann oder auch die Werke von Alexander Sergejewitsch Puschkin, der steht über solchen Erlebnissen, und da deine große Liebe ohnehin dem klassischen Altertum galt, und du stets aus der Vergangenheit Brücken in die Gegenwart geschlagen hast, wurdest du auch nicht müde, auf die enge Verbindung zwischen Griechen und Russen durch die orthodoxe Kirche zu verweisen. Es wäre, würdest du mir heute vermutlich sagen, zu kurz gegriffen, in Wladimir Wladimirowitsch Putin nur den halbstarken Rüpel aus dem Hinterhof zu sehen, der sich aus kleinsten Verhältnissen ganz nach oben durchgeboxt hat, und dem dann, Hehe, Kleiner Mann − ganz groß, seine Macht nach und nach in den Kopf gestiegen ist, bis sie ihm schließlich ganz die Birne vernebelt und aufgeschwemmt hat wie übermäßiger Wodkakonsum. Der kann auch Deutsch, wenn er will, war Offizier, kennt die Geschichte, zumindest die seines Landes, und ist eigentlich nicht blöd, aber gerade das macht ihn nicht ungefährlicher. Er thront allein und meint, unsere Demokratie zu kennen, und ihre eigentliche Stärke, nämlich lange Entscheidungsprozesse nach mühsamer Konsensfindung, auf dem kurzen Dienstweg durch Befehle aushebeln, und in einer Art Überrumplungstaktik, gegen sie wenden zu können. Aber dieser Möchtegernzar aus dem Fabrikarbeitermilieu mit ganz ordinär rotem Blut in den Adern sollte sich vielleicht mehr mit der Seeschlacht von Salamis zwischen den Griechen und Persern beschäftigen, die im Jahr 480 vor Christus in der Nähe von Athen tobte, und bei der die zahlen- und materialmäßig vollkommen unterlegenen Griechen und ihre Verbündeten listig die riesige persische Flotte zurückwarfen und fast aufgerieben haben – denn nach der bereits zuvor im Jahr 490 vor Christus verlorenen Schlacht bei Marathon hatte der persische Großkönig Dareios I. bekanntlich noch ein zweites Mal versucht, sich die griechischen Stadtstaaten einzuverleiben, um, Hört, hört!, die persische Staatskasse mit deren Vermögen zu füllen und um sich ein Sprungbrett für weitere Eroberungen im Westen zu schaffen. Wenn die Kleinen aber zusammenhalten, kann ein Großer auf Dauer nichts gegen sie ausrichten, und jedenfalls damals hat Europa mit vereinten Kräften seine Zivilisationsgeschichte selbst gegen den Expansionsversuch des Ostens verteidigt. Und im Gegensatz zum heutigen Putativzaren im Kreml war Dareios wirklich blaublütig, aber selbst dieser Hochwohl-geborene scheiterte zweimal kläglich, was mich wenigstens heute doch noch ein ganz klein wenig hoffen lässt, Vater.

Weßling, 26.02.2022
 
20.02.2022

Jetzt, in diesen lichtarmen, stürmischen Tagen, in denen das Virus noch immer seine bleiernen Wolken über uns aufspannt und weiterhin alle höherfliegenden Pläne ausbremst, jetzt, da sich Politiker*innen wie aufgescheuchte Hühner im künftigen Lockern von freiheitsbeschränkenden Maßnahmen gegeneinander zu überbieten versuchen, während täglich noch immer mehrere hundert Menschen allein in unserem Land am verfluchten Virus krepieren, ohne dass es noch jemanden besonders zu jucken scheint, jetzt da unsere Vorsteher*innen Klimarettung so praktisch ausgestalten, dass sich bald nur noch Bessergestellte den Luxus einer warmen Stube leisten können, jetzt, da sich der ewige Präsident des einstigen Ostriesenreiches R. mit versteinerter Miene hinter seinem XXL-Schleiflack-Tisch in Elfenbeinweiß verschanzt, um an dessen anderen Ende abwechselnd die sog. West-Leadership zu platzieren, und alles dabei ein wenig an eine Wippe im Kindergarten erinnert, von der gleich das erste Balg schreiend herunterpurzeln wird, und der besagte Präsident sich bei aller Lächerlichkeit seiner Tischinszenierung selbst vorgaukelt, er habe Eier aus Stahl, während er sich in Wahrheit nur auf die Feuerkraft seiner versoffenen Soldateska stützt, die für seine Großmannssucht am Ende den Kopf hinhalten muss, jetzt also, in diesen, fast möchte ich sagen, beschissenen Zeiten, zähle ich die verstrichenen Stunden, Tage, Monate seit deinem plötzlichen Tod und stelle fest, es sind zu viele schon (»fugit irreparabile tempus«, Vergil), und ich meine einmal mehr, bis jetzt hast du nicht allzu viel versäumt und ich fürchte, du hättest an all diesen kleinen und großen Aushilfs-Macchiavellis keine rechte Freude gehabt, die vom Werk Il Principe nicht recht viel mehr missverstanden haben als das allgemeine Prinzip, Der Zweck heiligt die Mittel, und ich stehe hier an deinem Grab unter dem geschmiedeten Kreuz, wo noch immer die bronzene Tafel fehlt mit deinem Namen, weil der Graveur außerstande ist, insgesamt vier Zeilen fehlerfrei zu gravieren, worüber du herzlich lachen würdest, wie ich dich kenne, gekannt habe, denn Es ist eine sehr große Kunst, einen so einfachen Namen falsch zu gravieren, hör ich dich frotzeln, und den Zahlendreher in deinem Sterbedatum würdest du ihm als lässliche Sünde durchgehen lassen und vielleicht damit entschuldigen, dass der Graveur nicht die richtige Schule besucht hat, nämlich deine, denn bei dir hätte er gelernt, Namen richtig zu schreiben und Ziffern auch, und ich bewundere einmal mehr die Zärtlichkeit und Geduld, mit der du lange Zeit deine Mutter im Pflegeheim gefüttert hast, die dich, ihren ältesten Sohn, nicht mehr erkannte, ihr Löffel für Löffel eingegeben hast Tag für Tag, ihr, die manchmal so grob war zu dir in ihrer stockkatholischen Brutalität, als sie noch mehr oder weniger bei Verstand war – und das, obwohl dir Geduld stets so schwer gefallen ist als ständig rotierender Mensch mit akutem Helfersyndrom, und ich ertappe mich beim Hadern mit Gedanken wie Hättest du doch mehr auf dich geachtet, dann hättest du dir selbst mehr geholfen, und du könntest heute noch anderen helfen, was du doch eh am liebsten getan hast.

Weßling, 19.02.2022
 
13.02.2022 Need gnua griang

Am End bassiad oiss, wosda
Nia so rechd hosd voaschdäin
Woin, nua no a bissal wuida,
Wiasdas voagschäid häddsd,
Wei vui vo dene do drom de
Säiwn Debbn bliem san, des
Oiwei scho warn und mia Fuas-

Voigg aa need rechd vui mera
Zreissn daadn, boi ma om
Waarn. Oiso schlongma uns
Wieda d’ Schädl ei, bevoas
No olle a bissal z’ guad geed
Und blos koane Baam in Himme
Waxn kenna. Und’s Zwoade

Deidsche Auf-oan-Aug-Blind-
Seng scheissd uns dawei am
Samsdogamd zua Breimteim-
Schbeimteim zua midm Dschju-
Wanne Mo-Zarrella seina bafüa-
Miadn Schoo, weis grod goa
A so schee is auf da Wäid.

Weßling, 12.02.2022

Den Hals nicht vollkriegen

Am Ende passiert alles, was man
Sich nie so richtig vorstellen
Wollte, nur noch ein bisschen schlimmer,
Als man es sich vorgestellt hätte,
Weil viele von denen, die herrschen, die-
Selben Idioten geblieben sind, die sie
Immer schon waren und wir Fuß-

Volk wahrscheinlich auch nicht recht viel mehr
Bewegen würden, falls wir am Ruder
Wären. Also schlagen wir uns
Wieder die Schädel ein, ehe es
Noch allen einen Tick zu gut geht
Und damit bloß keine Bäume in den Himmel
Wachsen können. Und das Zweite

Deutsche Auf-einem-Auge-Blind-
Sehen scheißt uns inzwischen am
Samstagabend zur Primetime-
Sichübergebenmüssenszeit zu mit der parfü-
Mierten Giovanni-
Mo-Zarrella-Show, weil es gerade gar
So paradiesisch schön ist auf der Welt.

Aus dem Bairischen vom Autor

06.02.2022

Erster Tabakkonsum, besser kontrolliert und richtig angeleitet als verboten und abgedrängt ins Heimliche, Stille, Leise − so Vaters pädagogisches Credo auch in diesem Punkt. Folglich schenkte er mir bereits im Grundschulalter einen kleinen Nasenkocher, wie er die Minipfeife zärtlich zu nennen pflegte, dank ihrer geschwungenen Form leicht zwischen den Zähnen zu halten, schwarz und sandgestrahlt, dasselbe robuste Modell, wie er es in Groß so gern benutzte beim Korrigieren von Schulaufgaben − weiß Gott, wie und wo es ihm gelungen war, dieses kindgerechtere Stück zu beschaffen. Welch kostbares Geschenk für den Sohn, zusammen mit einem einklappbaren Pfeifenbesteck, bunten, baumwollumsäumten Reinigungsstäbchen und italienischen Überallanzündern, Fiammiferi Cerini, sogar an Pantoffelsohlen zu entflammen, wie er mir gleich demonstrierte oder an der Wand, wo allerdings rote Streifen zurückbleiben könnten zu Mutters späterer Freude … Locker stopfen, leitete er mich an, sonst brennt sie nicht, und so verfüllte ich jene dänische Tabakmischung mit mild duftenden Fruchtnoten, die mir Vater feierlich zureichte, Krümel für Krümel in mein Pfeiflein, das ich behandelte als wär’s ein rohes Ei, stolz wie Oskar, selig im konspirativen Gefühl, gerade etwas tun zu dürfen, was noch keinem meiner Freunde erlaubt war und auch nicht so schnell erlaubt werden würde. Vorsichtig ziehen, nicht zu fest, nicht zu viel Rauch einatmen auf einmal! Die väterlichen Warnungen im Überschwang überhört und sofort mit einer Hustenkanonade bezahlt sowie einer fürchterlich brennenden Zunge, aber schon einige Züge später seliges Staunen als ringförmige Rauchzeichen aufstiegen von meinem improvisierten Römerlager auf dem weißen Berberteppich, die sich über Vaters schwerem Schreibtisch mit seinen dicken Schwaden zu einer regelrechten Wolke vereinten unter der Zimmerdecke, bis wir das Doppelflügelfenster zum Garten öffneten, um es als Dunstabzugshaube zu nutzen, damit Mutter nicht mehr Rauch riechen konnte als er sonst aus Vaters Zimmer drang. Männerangelegenheiten sollten unter uns Männern bleiben, so Vater, und ich schwor, alles für mich zu behalten und gab ihm auch mein großes Centurio-Ehrenwort darauf, gültig bis zu unserer nächsten Verabredung zum geheimen Pfeifenclub.

Weßling, 05.02.2022

30.01.2022

Nach dem Tod des überlebenden Elternteils einigten sich mein Freund und sein Bruder darauf, alles im Haus so zu belassen, Strom, Wasser etc. weiter zu bezahlen. Samstags kommt dann einer von ihnen heim, sieht nach dem Rechten, lüftet, fläzt sich auf die Couch, blättert im zerfledderten TV-Programm, zappt sich durchs Vier-zu-drei-Format, nickt dabei ein, döst und löst sich danach wieder vom Zuhause, vom vertrauten Gefühl, Vater und Mutter säßen mit im Wohnzimmer. Was für eine Verschwendung von Wohnraum dachte ich immer dabei − und sowas musst du dir erst einmal leisten können! Jetzt aber, acht Monate nach Vaters Tod, ist in seinem Zimmer noch immer alles an dem Platz, den er selbst dafür ausgewählt hatte, jeder Stift, jeder handbekritzelte Notizzettel mit Telefonnummern, die mir nichts sagen. Der letzte Tag, den er darin verbracht hat, verlängert sich so jeden Tag aufs Neue, und ich stelle seine Pendeluhr, die nachgeht, immer wieder vor, ziehe ihre beiden Gewichte hoch, stoße das Pendel an, lade ständig neue Updates auf sein Notebook und installiere sie, ohne seine voreingestellten Seiten aufzurufen, Google News Italia z. B. Dies alles geschieht nur, damit er sich sofort zurechtfindet, wenn er wiederkehrt, und bis dahin wird abends warmes Licht aus seinem Zimmer dringen und mir den Weg beleuchten, wenn ich heimkomme nachts von der Arbeit und die Abkürzung über die Terrasse nehme, um ihn zu sehen, und er wird noch wach sein, an seinem Tisch sitzen und studieren, und er wird seine rechte Hand wieder locker heben können und mir zuwinken, zuzwinkern, lässig, und ich werde zurückwinken, voller Freude, dass er noch auf ist, und lesend wacht als guter Geist über unser Haus.

Weßling,29.01.2022

23.01.2022

Der dir Halt gab so oft
am Ende selbst haltlos, droht zurückzusacken auf die Klobrille, halbseitig gelähmt, während wir zu dritt mit aller Kraft versuchen, ihn zu fassen, ihm unter die Arme zu greifen, damit er zurückkann ins Bett, endlich wieder zum Liegen kommt, aber er stemmt sich mit Bärenkräften dagegen, krallt sich fest am Türstock, LOSLASSEN, BITTE LASS LOS, ICH KANN DICH NICHT LÄNGER HALTEN, aber er klammert weiter, will sich nicht fallenlassen, bloß nicht aufgefangen werden, schreit vielmehr, lallt Neejm, Neejm − er, der so Wortmächtige scheitert am Substantiv Nein und nochmals am Nein, ist einfach nicht mehr von der Stelle zu bewegen, droht ganz in sich zusammenzusinken, ES GEHT NICHT MEHR, ICH KANN IHN NICHT LÄNGER und ich komm nicht hin, es ist viel zu wenig Platz, wenn ich nur wüsste, wie man einen Hilflosen am besten anfasst, der schon weit weg ist mit den Augen und noch panischer wird, als ich zum Handy greife in meiner Verzweiflung und Eins-Eins-Zwei tippe, Bitte kommen Sie schnell, kommen Sie, schreit er nur noch Neejm, Neejm, Neejm, in einem fort Neejm, und ich wünschte, ich wäre noch weiter fort als er es schon ist oder ich wäre an seiner Stelle, als ich ihm, der auf der Trage draußen, eingerahmt von Notarzt und Sanitätern noch eine Hand hebt zum Abschiedsgruß, auf einmal wieder souverän wie eh und je, fast Aristokrat oder seinen Segen erteilender Priester, Don Antonio, als ich ihm nachrufe, laut nachrufe, Vater, komm bald wieder, wir brauchen dich hier, denn ohne dich ist es viel zu still im Haus.

Weßling, 22.01.2022 

16.01.2022 Bumarang

 

Da Vadda woidd
Füa olle wos doa,
Wei eam des guad
Do hod, dass se
Wos duad, weia
Vohea wos do hod –
Und ea aa glaubd
Hod, dass oiss amoi
Zrugg kummd, wos ma
Füa andare do hod.

Wias awa nachad
Dahi ganga is
Mid eam, hod se
Nimma vui do
Füa ean säiwa.
Do warn nua no
Mia do und a boa
Leid, füa de ea
No nia wos do
Ghabd hod.

Weßling, 15.01.2022

Bumerang

 

Vater wollte
Für alle etwas tun,
Weil er sich gut
Dabei fühlte, wenn
Etwas vorankam, das
Er vorher angeschoben hatte −
Und er auch überzeugt
Davon war, dass uns alles einmal
Vergolten würde, was wir
Anderen Gutes beschert haben.

Als es aber schließlich
Zu Ende ging
Mit ihm, hat sich
Nicht mehr allzu viel getan
Für ihn selbst.
Da waren nur noch
Wir da und ein paar
Menschen, für die er
Sich noch nie en-
Gagiert hatte.

Aus dem Bairischen vom Autor

09.01.2022 Dreizehn nach Zwölf

 

Gleich am ersten Tag nach den zwölf Nächten erscheint mir mein Vater quietschfidel und voller Geschichten über unser Dorf aus der Zeit, als sich noch keine alte Sau dafür interessierte, also keine Spekulanten, Makler, Neureichen, Erben, und es noch nicht einmal Straßennamen gab, stattdessen durchnummerierte Häuser. Hinter einer der Ziffern hauste Simon, seines Zeichens Eckschneider Simmerl, Herrenfrisör mit Hinterzimmersalon-Küchenkombi, laut Vater für seine eckigen Stufen gefürchtet, die er allen ohne Ansehen der Person ins Haar schnitt, sodass danach alle gleich alt aus der Wäsche schauten und sich schämten für sich und ihn, und als er dann auch noch zu zittern begann bei der Arbeit, was er selbst auf seine Kriegsgefangenschaft in Russland zurückführte, und deshalb auf eine Schermaschine umstieg, soll er nur noch als Simon Glatzenschneider Furcht und Schrecken verbreitet haben bei allen, die noch gut aussehen wollten, um eine Frau zu finden – und auch ich sehe mich schon bei Simon G. auf dem elektrischen Stuhl und er wäscht mir ordentlich den Kopf, bevor er den Saft aufdreht und ich zu schmoren beginne, während Vater mir wieder Ciao sagt, weil er Umzugsvorbereitungen treffen müsse nach Westberlin um eine Altlehre als Herrenfrisör zu beginnen, wie er mir unter dem strengen Siegel der Verschwiegenheit verrät, damit ich es ja nicht Mutter erzähle und ich mich noch wundere, warum ein Altphilologe, konservativ wie er und mit zwei linken Händen ausgestattet, ausgerechnet nach Berlin, aber dann diese Frage gottlob nicht weiter vertiefen muss, weil mir das Rumpeln der Müllabfuhr geigt, wo die Musik hier und jetzt wirklich spielt und nach zwölf rauen Nächten ein nicht weniger rauer Tag anzubrechen scheint.

 Weßling, 08.01.2022 

02.01.2022 2022, Hurra

 

Wir stehen wieder auf
Abstand an und warten
Geduldig, bis wir
Dran sind, bitten,
Erbitten einen sanften
Verlauf, bitten um
Die Antragsberechtigung
Auf den Bezugsschein für
Milde Gaben, aus-
Füllbar durch kosten-
Pflichtige Steuerkanzler
Und deren Kanzlaien,
Allzeit bereit für den
Vierten, fünften,
Sechsten Booster,
Für Wellenreiter,
Wellenbrecher,
Willnichtwillschon-
Nieundnimmer-
Körpermeinistnicht-
Deindiskutantenonkels,
Damit wir endlich
Durch sind mit den
Nerven ganz und
Gar oder wir legen
Uns einfach wieder hin
Und schlafen durch bis
2023, Hurra,
Wir stehen wieder auf
Abstand an und warten.

Weßling, 01.01.2022

26.12.2021

Vaters Platz am Tisch am ersten Heiligen Abend ohne ihn verwaist. Er, der Weihnachtsmuffel, wollte immer ein christliches Fest feiern und stieß dabei auf halb taube, halb offene Ohren, so dass er übersprungartig früh oder später ins Politisieren geriet, was regelmäßig zu Streit führte mit dem Sohn, während sich auf der Couch mehr und mehr betretenes Schweigen breitmachte. Er hätte gestaunt, wenn er uns so gesehen hätte, wie wir da saßen vor dem Fernseher, konzentriert auf die Stille Nacht in Rom, ganz in seiner Stadt an seiner statt, in der Ewigen Stadt also für alle Lateiner, und dem sehr schwer atmenden Papst an den Lippen hingen, hinter seiner etwas verwaschenen Stimme, seinem Nuscheln die kristallklaren Worte förmlich einsogen von der eigentlichen Revolution des Christseins, der ewigen Suche nach Gott im Kleinen und Kleinsten, im Elend, das Bild vom neugeborenen Königskind, gewindelt in der Krippe im Stall zwischen Eselin und Ochs, zwischen Maria und Josef und den Hirten, in aller Anmut und Armut scheißend auf römische Bonzen unter Kindermordverdacht, namentlich auf König Herodes, auf Präfekt Pontius Pilatus und zweitausend Jahre später vielleicht auch auf die Kurie in Rom.

Weßling, 25.12.2021 

19.12.2021 Politischer Diskurs, kleinteilig

 

48,3 Millionen Euro: Die Summe spricht
für sich. Aufgeschnappter O-Ton aus
dem Bayerischen Landtag

Ich diskutiere heute
Zum fünften Mal
In Folge die Impf-
Pflicht im Talk
Mit meiner Frisörin
Maybe Igittna.

Wir sind uns
Einig: Mangel an
Vitamin B. ist
In Bayern tödlich
Für den Verdienst
Siebenstelliger Pro-
Visionen legt sich
Vielleicht sogar
Eine echte Minister-
Tochter a. D. ins
Nächste freie
Intensivbett und
Lässt sich für uns
Alle einmal so
Richtig öffentlich
Gehen.

Ach ja, die Frage
Nach der Pflicht
Vergessenheit bleibt
Weiterhin unbe-
Antwortet. Die
Impfpflicht aber
Wird kommen viel-
Leicht, vielleicht
Auch nicht.

Für mich
Auf alle Fälle bitte
Auf die Schnelle
Schon mal die
Nächste Dauer-
Welle!

Weßling, 18.12.2021 

12.12.2021

Vaters Laune am Hl. Abend senkte sich alljährlich mit jeder Stunde, bis sie zur Bescherung um 18 Uhr schließlich ganz im Keller war. Er hätte uns so gern ohne Ende aus der Weihnachtsgeschichte des Neuen Testaments rezitiert auf Altgriechisch, mit glasigen Augen und sich brechender Stimme nahe am Predigtton, was uns schon immer nach einer geschlagenen Viertelstunde ein wenig zu viel des guten Urchristentums wurde, weil Mutter eher zum Singen aufgelegt war, nach Lasst uns frooohooo Tannenbaum, o, was wiederum Vater missfiel, weil ein Tannenbaum nichts und schon dreimal nichts mit der christlichen Weihnachtsbotschaft am Hut habe, auch wenn er bisweilen als Christbaum missverstanden werde, sei er heidnisch konnotiert, et cetera pp. Und während Bibel und Singen die Klingen kreuzten, stachen mir als Bub die großen und kleinen Päckchen ins Auge, deren Bänder und Klebefolienstreifen ich immer so schnell wie möglich lösen wollte, um ihnen die glitzernden Geschenkpapierkleider endlich vom Leib reißen zu können. Zwischen den verschiedenen Weihnachtspolen herrschte eine fast elektrische Spannung, die sich mitunter sogar in Geschrei oder in trotziges Schweigen entladen konnte. Aber Hand aufs Herz, wie viel würden wir heute dafür geben, wenn Du, Vater, am 24.12. in Deinem Lehnstuhl sitzen könntest, beide Füße auf dem Schemel, und uns Deine Bibellesung abhalten würdest aus dem Griechischen, um im Anschluss alles frei ins Deutsche zu übertragen. Und dann würde ich Dich auf einmal mit einem Disput überraschen über den vielleicht doch heidnischen Ursprung des Weihnachtsfests, und Dich auf Kaiser Aurelian ansprechen, der bereits den 25. Dezember 274 als reichsweiten Festtag für den Sonnengott Sol Invictus festgelegt hatte, während der 25. Dezember erst seit dem Jahr 336 in Rom als kirchlicher Feiertrag belegt ist. Christus verus Sol, Christus, die wahre Sonne oder Christus versus Sol, Christus als Widerpart oder Alter Ego des Sonnengotts. Das dialektische Weihnachtskitzeln zwischen uns würde Dir vielleicht sogar das schlechte Gewissen wegen der Christmettenschwänzerei verdrängen, und, ich bin mir fast sicher, danach würdest Du sogar mit uns einstimmen ins Singen und damit beginnen, Deine Geschenke neugierig zu entkleiden.

 Weßling, 11.12.2021 

05.12.2021 Machd wäxln

 

Kummd wos
Bessas noch
Kummd nix

Wos kummd,
Kummd noch
Uns kummd

Kumma.
Wead scho
Wean, awa

Wea
Wäad se
No

Dageng?
Bäsa
Wias is,

Kos imma
No kemma.
Kumm

Hoid scho,
Gee! Gä,
Bleib do,

Ezad is
Ä scho
Wuaschd.

Weßling, 03.12.2021
(Fassung II, 4.12.2021)
 

28.11.2021 Ein Mann ohne Schurz

 

ist nur halb angezogen, sagen sie in Südtirol, von wo aus einst einige unserer Vorfahren aufgebrochen sind – vom Passeiertal in die Oberpfalz, von der Oberpfalz nach Oberbayern. »Ein Anton Leitner kämpfte Seite an Seite mit dem Sandwirt für ein Freies Tirol, gegen bajuwarische Besatzer und gegen die Franzosen«, wie mir Vater erzählte. Er hielt sogar einmal Ende der Sechzigerjahre auf einem Gebirgspass an, um mir seinen, meinen, Großvaters, Urgroßvaters, Ururgroßvaters Namen Anton Leitner neben dem von Andreas Hofer zu zeigen, was mich schwer beeindruckt hat als Bub. Daheim erledigte Vater nicht die kleinste handwerkliche Verrichtung ohne seinen Schaber, jenen enzianblauen Bauernschurz aus der längst verlassenen Heimat, und wenn er gut beschürzt im Garten vor meinem Fenster den zweirädrigen Korbwagen voller Buchenholzscheite vorbeizog und mit einer Hand freundlich hereinwinkte, wusste ich, dass es Frost geben würde in der kommenden Nacht, und er wieder seinen dunkelgrünen Grund-Kachelofen mit der moscheeartigen, weißen Kuppel befeuern würde, dessen wohlige Wärme ihm heilig war, weil er statt trockener Luft (wie die Zentralheizung) fein dosiert Hitze abstrahlt und dabei zwischendurch knistert, knackt oder zischt, und der geöffnete Schieber am Ofentürchen züngelnde Flammen zeigt oder die glimmende Glut, so oder so ähnlich lautete jedenfalls Vaters großes Ofenlob. Er, der schnell fror, vielleicht weil er als Kriegskind schon so viel hatte frieren müssen, zitierte als alter Lateiner gerne dabei den Bannspruch von der Untersagung des Wassers und des Feuers, aquae et ignis interdictio, den Entzug des Lebensnotwendigen als Höchststrafe Roms. Aber er brauchte wirklich nicht mehr als Feuer im Ofen und etwas Licht und seinen schweren Lehnstuhl und eine gute Lektüre, meist auf Italienisch oder Spanisch, und ein Wörterbuch dazu, um ganz bei sich zu sein. Wie gerne hätte ich ihm seinen gekachelten Ofen mitgegeben unter die Erde, dann würde jetzt aus seiner letzten Ruhestätte statt des bronzenen Kreuzes ein silbernes Ofenrohr herausragen und an kalten Tagen wie diesen Rauch daraus austreten und vielleicht würde sein Grab sogar bullern und die fröstelnden Besucher ein wenig aufwärmen.

Weßling, 27.11.2021 

21.11.2021 Schäbs schoasln

 

Wei need sei ko,
Wos need sei deaf,
Is nix aso, wias is.

Und weis nix is,
Wias is, is oiss aso,
Wiasd moansd,

Dass is. Oiso
Iss nix und bleibd
Aa so, wei no

Goa nia vo nix
Nix andas
Kemma is ois

Nix.

Weßling, 20.11.2021 

14.11.2021 Zu spät ist nie zu

 

An der Wand der Streifenkalender Zwanzigeinundzwanzig zuhause im Flur. Das aktuelle Blatt aufgeschlagen, November, ein Eintrag nur am Zweiundzwanzigsten: Marianne H. 90. Zittrige Schrift, unruhig, weit weg von seiner kalligraphischen Bestform. Ohne Schwung, ohne ausgeprägte Rundungen, die er so liebte beim Schreiben, bei Frauen. Ordinärer Stift statt Füllfederhalter. Ausgerechnet trauriges Schwarz statt roter Tinte. Rot, seine Favoritin unter den Farben seit Tag Eins als Lehrer, als Chef, und ihr als bibelfester Christ treu und konspirativ verbunden: Wären eure Sünden auch rot wie Scharlach … (Jes 1,18). Kulis mochte er nicht, weil sie den Fluss der Tinte bremsen und die flüssige Schrift. Panta rhei, alles im Fluss, Heraklit, Platon, Simplikios hör ich dich sagen, als ich erst heute, über ein halbes Jahr nach deinem Tod, den Eintrag im Kalender bemerke und ablese daraus, wie schlecht es dir schon damals, wahrscheinlich Wochen vor deinem Schlag, ergangen sein mag. Indianer kennt keinen Schmerz, du hast kein Wort darüber verloren. Was hätte uns doch alles deine erschreckend veränderte Schrift verraten können! Aber, Vater, ich weiß, nach dem Tod des Patienten ist jeder Diagnostiker noch viel klüger als zuvor. Jetzt aber werde ich für dich einspringen und Marianne H. pünktlich zum Neunziger gratulieren mit Bene vale ad multos annos, versprochen.

Weßling, 13.11.2021 

07.11.2021 Kopf, Hand. Schopf. Alter

 

Zopf: Für was
Zum Teufel brauchst du
So viele Schreib

Tische? Zum Ab
Legen ausgelebter Geh
Danken ohne

Schranken
Wärter. Aber für
Was brauchst du

So viel Werk
Zeug in der
Kiste? Für die

Arbeit natürlich
Für was
Sonst? Um

Sonst für Bro
Samen. Um
Armen, ver

Armen, vers
Kopfen. Ver
Handen, ver

Sanden, ver
Golden. Tropf
Reicher Knopf.

Weßling, 06.11.2021 

31.10.2021 Die Zeit eilt

 

Heilt
Keine
Meine
Deine

Wunden
Stunden
Sechs
Monate

Schlag
Auf
Schlag
Anfall

Fallen
Blätter
Bavarian
Summer

Aller
Seelen
Segnung
Sengender

Singsang
Farben
Zauber
Voodoo

Priester
Römisch
Katholisch
Alle

Jahre
Wieder
Ein Jahr
Zuvor

Du
Stehst
Ein
Mit uns

Allein
Ein
Familien
Grab

Mensch
Vater
Mutter
Bruder

Herz
Schwester
Du
Wir

Zünden
Kerzen
Nebel
Kerzen

Scherzen
Jetzt
Nicht
Schmerzen

Mehr
Da
Bei
Dir

Wir
Ohne
Dich
Die

Zeit
Lang
So
Lang

Kein
Ich
Zünde
Dir

Eine
Kerze
An
Deine

Kerze
Aus
Der
Traum

So
Schnell
Leer die
Batterie

Nicht
Wieder
Auf
Ladbar.

Erlangen / Weßling, 23.10.2021 

24.10.2021 Hilf, wo immer

 

Du kannst und wem auch immer, jederzeit neugierig im Gespräch bleiben mit allen, um zu erfahren, wo sie der Schuh drückt und wo der Druck vermindert werden kann, denn jeder zufriedene Mensch mehr treibt andere weniger zur Verzweiflung, so Vaters innerste Überzeugung. Und er mischte er sich ein, ergriff Partei, wenn sein Gefühl es gebot, z. B. für die ersten Gastarbeiter im Ort, die dem Ruf der Arbeit gefolgt waren − vom Stiefelabsatz Italiens direkt zu uns im Dorf −, die ohne Kind und Kegel Kanonenöfen befeuerten im strengen oberbayerischen Winter in einer Baubaracke außerhalb vom Ort am Grund der Kiesgrube ihres Patrons, ein eingesessener Bauunternehmer mit Spitznamen Würger, nach dem Krieg aktiv in der FDP, davor engagiert in der NSDAP. Stoppelbärtige Männer, spindeldürr und kleinwüchsig, die jede hart verdiente Mark einmal im Monat nach Hause überwiesen und selbst in ihrem dauerprovisorischen Gemeinschaftsquartier von der Hand in den Mund lebten. Sie, die von allen Links-liegen-Gelassenen verstand keiner besser als einer, mein Vater, und mit ihm, dem polyglotten Professore an ihrer Seite, gingen sie am Ende als Sieger im Papierkrieg hervor, den unsere Behörden aus läppischem Anlass gegen sie angezettelt hatten, eine Art Stellvertreterkrieg vielleicht, weil sich die damalige Obrigkeit niemals an deren Chef herangewagt hätte.


Weßling, 23.10.2021 

17.10.2021 Vaters Freude auf die großen Ferien

 

War immer eine Vorfreude, die schon
Anfang Juli begann, wenn sich das
Alte Schuljahr noch mehrere Wochen
Hinzog. Er, der gestandene Lehrer,
Plötzlich kribbelig wie ein Junge, fast
Zappelphilipp, begann zu Hause schon
Italienisch zu sprechen, mehr mit sich
Selbst als mit uns. »Autostrada del
Sole« höre ich ihn heute noch schwär-
Men und dabei kroch er immer wieder
Auf die Rückbank seines knallorangen
VW-Käfers, um Packstrategien auszu-
Testen, die es Mutter später ermög-
Lichen sollten, im kugelförmigen Auto-
Mobil, dieser völkischen Volkswagen-
Fehlkonstruktion ohne Stauraum, ihren
Halben Haushalt mit nach Italien zu
Verfrachten. Aber der »Scheißkarrn«,
Wie Vater ihn gerne bei solchen Ver-
Suchsanordnungen zu beschimpfen
Pflegte, ließ sich auch nicht mit Raffi-
Nesse oder Verstand austricksen,
Denn wo kein Platz ist, ist auch kein
Platz zu gewinnen. Als später dann
Doch das Wunder geschehen war
Und wir uns zwischen Koffern, Plastik-
Tüten, Kühltaschen für die Brotzeit
Und losem Schuhwerk eingezwängt,
Auf dem Weg nach Süden befanden,
Geriet das schwachbrüstige 25-PS-
Vehikel selbst am zahmen Brenner-
Pass so heftig ins Schwitzen und
Schnaufen, dass sich mein stolzer
Vater selbst von LKW’s aushupen
Lassen musste, die hinter uns durch
Uns und mit uns zum Kriechgang
Verdammt waren. Später am gold-
Gelben, feinkörnigen Sandstrand
Der Küste Liguriens mit der Aus-
Sicht aufs glänzende Meer, mal
Türkis, mal azurblau, mit sonnen-
Durchfluteten Bergen im Rücken,
Waren alle Strapazen der Fahrt
Vergessen und wir wussten uns
Prächtig im natürlichen Wohlfühl-
Becken der Riviera zu erfrischen.
Ich, anfänglich noch mit Schwimm-
Flügeln geschützt, und mir wenig
Später schon ohne sie die Ufer-
Zonen erschnorchelnd, eskortiert
Vom nur halb auf mich konzentrierten
Vater, der in einem fort nach allen
Seiten schnatterte auf Italienisch, aber
Sofort reagierte, wenn sich Strand-
Verkäufer mit »Coco-Bello«-Rufen
Näherten oder das Zauberwort »Ge-
Lati« ertönte oder gar ein Küstenflieger
Über uns ein riesiges Banner hinter
Sich herzog und hunderte von rot-
Weißen Fallschirmchen abwarf
Mit grünen oder roten Gutscheinen
Für aufblasbare Galbani-Maskottchen,
Übermannsgroße Käsebären mit den
Proportionen von Kindern. Vater
Gelang es mit viel Sprachgeschick,
Für mich einen Bärengutschein zu
Ergattern und deshalb saß auf der
Rückfahrt ein aufgeblasener Riesen-
Bär neben mir, wobei sich Vater
Ständig beklagte, dass er überhaupt
Keine Rücksicht mehr habe im Auto
Und uns deshalb quasi blind heim-
Chauffieren müsse. Er, trotz mangel-
Hafter Sicht damals aber schon
Wieder voller Vorfreude auf die
Nächsten Großen Ferien in Bayern,
Viel zu spät angesetzt, wie immer,
Weil die Bayern erst dann anfingen,
Wenn andere schon wieder auf-
Hörten und deshalb auch zu spät
In den Himmel kämen, laut Vater.

Weßling, 16.10.2021 

10.10.2021 Es hilft nichts, Augen auf und

Im Mittelalter war der zehnte und
Längste Monat im gregorianischen
Kalender heilig, Oktober, Hochzeit
Für aristokratische Hochzeiter, König
Und Königkinder & Co., aber ich er-
Kenne ehrlich gesagt heute nichts
Heiliges mehr in dieser Zeit der
Schwindsüchtigen Tage und zu-
Nehmenden Finsternis, besonders
Heuer, wenn es oft so bedenklich
Still bleibt im Haus, weil kein Tele-
Fon mehr klingelt und die Pendel-
Uhr keinen Ton mehr von sich gibt,
Da keiner mehr regelmäßig daran
Denkt, ihre Gewichte hochzuziehen.
Wir haben es wohl als zu selbst-
Verständlich hingenommen, dass
Du verlässlich unten in deinem
Studierzimmer gesessen bist und
Unterwegs warst in der Welt als
Eine Art Seniorsurfer im Netz, stets
Neugierig darauf, wie deutsche
Politik international ankommt,
Und zu diesem Zweck spanisch-,
Englisch-, italienisch- oder fran-
Zösischsprachige Suchmaschinen
Bemühtest, obwohl du dich sonst
So schwer getan hast mit der
Computerei, wie du sie nanntest.
Wir, leicht genervt von deinen
Dauertelefonaten mit ehemaligen
Schülern, Eltern, Lehrern, du, da-
Zwischen kurz durchklingelnd
Beim Sohn, um zu fragen, wo
Sich denn heute wieder dieses
Verflixte @-Zeichen verstecke
Auf der Tastatur. Aber eine kurze
Antwort auf meine Gegenfragen,
Z. B. Wie lautet im Lateinischen
Der Plural von iocus
, war immer
Drin − ein lebendes Lexikon im
Haus, nicht aufzuwiegen mit
Gold! Nikotin entfaltet auf Hyper-
Aktive eine beruhigende Wirkung:
Wenn an sonnigen Tagen der
Rauch deines Zigarillos auf den
Balkon zu mir nach oben zog,
Wusste ich, dass es Sonntag
Kurz nach vier sein muss und
Dass es dir gut geht, weil für
Dich jeder Zug eine kleine
Meditation war, so wie für mich
Deine Rauchringe mit der herben
Sumatra-Note. Du würdest lachen,
Wenn ich dir verraten könnte, wie
Sehr mir diese deine Rituale fehlen.
Und der gutgläubige Katholik in dir
Möge es mir verzeihen, wenn ich
Hier und jetzt behaupte, dass die
Vage Aussicht auf ein Wiedersehen
Im Jenseits nur ein sehr schwacher
Trost ist, weil die Musik so laut im
Diesseits spielt und uns das Leben
Täglich einen sauberen Marsch bläst.

 

Weßling, 8./9.10.2021 

03.10.2021 Vater als geölter Blitz

 

Bei zehn Grad minus,
Leicht geschürzt wie immer
In aller Herrgottsfrüh
Holt das Blättle rein
Und ich ihm nach-
Geschlichen, Junior-
Häuptling Leuchtender
Pfad und schwuppdiwupp
Die Haustür zu, bevor
Er wieder drin ist mit
Dem Merkur und die
Klingel auch noch ab-
Gestellt und danach
Rückzug, hopphopp ins
Tipi unterm Küchentisch
Und beide Ohren zu-
Gehalten und er läutet
Sicher Sturm, aber es
Wird nicht klingeln und er
Wird bumbern und bum-
Bern wie wild wie mein
Herz und er wird frieren,
Fror sich den halben
Arsch ab, puh, aber
Dann der erste Schlag,
Gewaltig, dieses furcht-
Bare Klirren, das Draht-
Glas nicht gewachsen
Seiner Faust, der zweite
Schlag, er sprengt die
Türe auf und ER mit
Blutender Faust brüllt
Ich blute wie ein Schwein,
Siehst du, wie ich blute
Und ER steht vor mir,
Ein Riese mit hochrotem
Kopf und ich rutsche
Auf den Knien vor mein
Tipi, um zu beten
Laut vor ihm das Vater-
Unser, damit ihm wieder
Warm wird und sein Zorn
Verfliegt und Bitte, bitte,
Lieber Gott, bitte flicke
Unsere Haustür, durch
Die es jetzt so kalt
Hereinzieht.

Weßling, 2.10.2021 

26.09.2021 Wahlkrampf

 

Vater, du hättest gewusst, bei wem du dein Kreuz machst, weil deine zwei Stimmen an deine Partei gegangen wären, so wie immer. Dem Ausgang der Wahl hättest du bestimmt nicht engegengefiebert, weil du in diesem ganzen Wahlzirkus vor allem Herz und Verstand, aber auch Witz vermisst hättest. Es hätte dir gleichgesehen, dass dir dabei Incitatus in den Sinn gekommen wäre, jenes Pferd aus dem Rennstall der Grünen Zirkuspartei des römischen Kaisers Caligula, das dieser so schätzte, dass er es sogar mit der Konsulwürde und einem ständigen Sitz im Senat bestallen wollte. Am Tag vor den Rennen, hör ich dich sagen, hat der Verrückte von Soldaten die Straßen zum Zirkus sperren lassen, damit sich Incitatus ganz auf bevorstehende Rennen konzentrieren konnte. Weisst du, dieses Pferd hatte im Gegensatz zu uns und zu denen, die sich befähigt fühlen, uns zu regieren, wenigstens genügend Zeit, sich vor seinen Einsätzen zu sammeln und darüber nachzudenken, wie es vom Fleck kommt.

Stau, 25.9.2021 

19.09.2021 Gut angekommen da oben

 

Aber die Fahrt war beschei-
Den. Eine Baustelle nach
Der andern. Alle Autobahnen
Voll. Mords Gurkerei. Von
Stau zu Stau. Scheiß Bahner-
Streik! Viel Wind, das Wetter
Mau und halb Berlin schon
Auf der Insel. Zuagee duads
Do wia am Schdachus! Und
De nemas de Lebendign.
Hosd bis ezad no need vui
Vasaamd. Und wia geeds
Bei eich dahoam?
Die Worte

Schon zurechtgelegt und
Leichtes Flattern. Aber er
Wird hingehen gleich nach
Dem ersten Klingelton. Hat
Bestimmt schon gewartet
Auf meinen Anruf. Hat sich
Schon Sorgen gemacht. Er
Wird mir zusammenfassen,
Was er heut im Blättle ge-
Lesen hat und was mich
Betrifft. Er wird berichten,
Wer im Dorf gestorben ist.
Er

Ostseebad Binz, 18.9.2021 

12.09.2021 Am 11. September 2001 läuft der Fernseher

 

Beim Optiker. Jetzt auch der noch so ein Flimmerkistenheini. Nicht viel los bei ihm im Laden. Kaiserwetter. Und er hängt an seiner Glotze. Ich will nur ne neue Sonnenbrille und danach gleich ab zum See. Und hab heut nix und zweimal nix mit CNN am Hut. DA BRENNT EIN TURM VOM WTC, schlagzeilt der Optiker. IST WOHL NE CESSNA REINGEKRACHT. ICH WAR NOCH OBEN NEULICH, stöhnt er, PUH, erst über Ostern. WAS FÜR EINE AUSSICHT! Und ich seh schon meine Ray-Ban für heut den Bach … Dann TV-Düsenlärm, ein Großkaliberjet verschwindet live im im zweiten Turm. Feuerball, so surreal, fast Hollywood. Kein Zufall mehr, kein Unfall, Anschlag wohl. UM GOTTESWILLEN, DA! DA SPRINGEN WELCHE IN DIE TIEFE, RUDERND MIT DEN ARMEN! Ich denk nur noch an den Poetenfreund, der wohnt zwei Straßen weiter in NY. Lass meine Brille Brille sein, will nur noch heim und durchklingeln bei ihm. Und er geht hin und klingt so nah. Sirenenlärm im Hintergrund, Geschrei von Kindern.

Papa, Papa, schau, da fliegen Menschen runter! Heilige Scheiße! Stell dir vor, ich musste sie trösten mit einer Lüge: Es ist nicht wie ihr denkt, sie springen Trampolin!

Autobahn nahe Berlin, 11.9.2021 

05.09.2021 100-Watt-Glühbirnen ersetzt durch

 

11-Watt-LEDs, kaltweiß. Gegen-
Über brennt Licht, brennen alle
Außenlampen durch – wie immer,
Wenn sie weg sind. Natürlich

Nachhaltig: Viel zu hell unter-
Tags, viel zu grell nachtsüber.
Damit jedem Dieb ein Licht
Aufgeht, sobald das Licht aus-

Geht, denn dann ist sicher
Nichts mehr zu holen drüben,
Solange, bis es draußen wie-
Der angeht und durchbrennt.

Weßling, 1.9.2021
(Fassung II, 4.9.2021)
 

22.08.2021 Vaters samstägliches
Wir-fahren-In-die-Stadt-Ritual

 

war ihm heilig. Der Wechsel zwischen Stadt- und Landleben macht die Musik, lautete sein Credo und er hielt es als alter Lateiner mit Quintus Horatius Flaccus: „Hoc erat in votis: … hortus ubi et tecto vicinus iugis aquae fons et paulum silvae.“ Der eigene Garten, nahe am Wasser mit einem Schatten spendenden Wäldchen als Rückzugsort, sein kleines Paradies auf Erden. Welch Schock für ihn, als eines Tages nach der Rückkehr aus München eine lange Leiter an einer unserer Buchen lehnte und sich ein Nachbar in schwindelerregender Höhe wie wild mit seiner Säge an einem Ast zu schaffen machte, der zu ihm ins Grundstück hinüberragte. „Was machen Sie da?“, schrie Vater nach oben und der schrie nach unten „Ich säge einen Ast ab, das siehst Du doch!“, woraufhin Vater geistesgegenwärtig sofort zur Tat schritt und ihm die Leiter wegzog, so dass dieser erschrocken seine Säge fallen ließ und laut um Hilfe schreiend an jenem Ast hing, den er kurz zuvor noch selbst angesägt hatte. Vater ließ ihn eine ganze Weile da oben zappeln und schreien, bis er sich schließlich als guter Christ dazu durchringen konnte, ihm die Leiter unterzuschieben, was Selbigen anspornte, mit panischem Tempo herabzusteigen, sein Aluminium-Rettungswerkzeug unter die Arme zu klemmen und seine Beine dazu, die Säge zurückzulassen und sich dabei noch eine Kanonade wüster Beschimpfungen einzufangen sowie die Androhung einer gehörigen Tracht Prügel im Wiederholungsfalle, jederzeit abzuholen bei Vater. Danach kehrte wieder Ruhe ein für längere Zeit an der gutnachbarlichen Grünfront und der Sohn war einmal mehr stolz auf dieses gestandene Mannsbild mit ökologischem Gewissen, seinen Alten Herrn, der ganz nebenbei noch das antike Ideal vom Stadt- und Land-Leben mit archaischen Mitteln ins 20. Jahrhundert gerettet hatte.

Weßling, 28.8.2021

22.08.2021 Das flottierende Abrechnungsmodell

 

des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds – für Vater und Sohn ein undurchdringliches Gestrüpp: Wie viele Streifen müssen für die Fahrt von A nach B gestempelt werden, befindet sich das Ziel noch im inneren oder im äußeren oder im mittleren Ring oder in der roten, grünen, schwarzen oder blauen Zone, gilt die alte Streifenkarte noch nach der Preiserhöhung oder braucht es jetzt eine neue, um nicht als Schwarzfahrer mit 100 Euro abgestraft zu werden.

Vater war es gelungen, sich in München durchzufragen an einen Schalter im Untergeschoss, mit einem echten Menschen besetzt, bei dem er sich alle sechs Wochen mit einem ganzen Stapel an XXL-Tageskarten eindeckte, gültig für das gesamte Tarifgebiet.

Jedes Mal, wenn ich ihm gegenüber erwähnte, morgen mit der S-Bahn in die Stadt fahren zu wollen, steckte er mir augenzwinkernd einen seiner Freifahrtsscheine zu und ich hatte danach eine Sorge weniger.Neulich: Verzweifle am einzigen Fahrkartenautomaten auf unserem Bahnsteig: AUSSER BETRIEB! Wünsche mir einmal mehr Vater herbei und seinen schier unerschöpflichen Vorrat an XXL-Tageskarten, gültig für das gesamte Tarifgebiet des MVV.

Dresden, 20/21.8.2021

15.08.2021 Heimtextil

 

»Darf ich eine persönliche
Frage stellen?«, überrascht
Mich der Praktikant. »Habt ihr
Zuhause keine sanitären Ein-
Richtungen?« »Stinkt’s schon
So zum Himmel«, werf ich an-
Geranzt zurück. »Nee, nee,
Aber Tag für Tag so gegen Elf
Seh ich deinen Vater schnellen
Schritts im Bademantel in den
Wald marschieren.«

»Den ziehts fast so automatisch
Wie ne frisch geschlüpfte Baby-
Wasserschildkröte zum nassen
Element, nur da ist er als ein-
Geborener Fisch und Menschen-
Fischer ganz bei sich«, scherz
Ich und gerate ins Erzählen über
Alte Weßlinger, die seit je per
Pedes im Bademantel zum See
Aufbrächen, manche sogar auf
Dem Drahtesel.

Vater jedenfalls, er hatte dieses
Gerippte Frottee auf dem Weg
Zum See so verinnerlicht, dass
Er einmal in Fürth von Freunden
Aus in dieser Kluft einen Bus be-
Stieg, um ins Freibad zu fahren.
Dabei kam es ihm ein wenig spa-
Nisch vor, dass die einheimischen
Fahrgäste im schärfsten Fränkisch
Sogar den Allmächtigen selbst
Beschworen, um über den spär-
Lich bekleideten Passagier her-
Zuziehen, bei dem es sich ihrer
Meinung nach entweder um einen
Exhibitionisten oder einen frisch
Aus der Klinik Entwichenen han-
Deln musste, jedenfalls um je-
Mand, der ganz und gar nicht
In ihren Bus gehörte, auch wenn
Er dem gütig gleichgültigen Fah-
Rer aus Anatolien beim Einsteigen
Selbstverständlich einen korrekt
Gestempelten Fahrschein anstelle
Seines Glieds vorgezeigt hatte.

Weßling, 14.8.2021

08.08.2021 Vaters Gespür

 

Für sein nahendes Ende
Vielleicht Impuls, sich selbst
Zu entlassen aus der Klinik,
Wo es ihm gelungen war,
Typische Schlaganfall-Sym-
Ptome blendend zu über-
Spielen im Corona-Tohu-
Wabóhu links liegen ge-
Lassen Erster Klasse wg.
Harmlos-Diagnose Prellung.
Wir alle verprellt durch das
Besuchsverbot selbst für
Vollgeimpfte und Negativ-
Getestete und trotz des
Sonstigen strengen AH-
Pandemie-Pipapos. Denn
Wir hätten vielleicht seine
Verwaschene Sprache
Richtig interpretiert, wenn,
Ja wenn wir nur zu ihm
Gedurft hätten, so hadern
Wir bis heute nach dem
Motto Häddi, daadi, waari,
Wie der Bayer zu sagen
Pflegt. Aber er, der frisch
Entlassene benötigt vier
Gestandene Helfer und
Volle zwei Stunden für
Nicht ganz zwanzig Meter
Vom Gartentor bis ins
Haus, verdreht zwischen-
Durch die Augen, ver-
Krampft die Zunge, sein
Linkes Bein und sein
Linker Arm quittieren auf
Einen Schlag den Dienst.
Vater will völlig erschöpft
Nur noch in sein Bett und
Nicht zurück ins Kranken-
Haus, aus dem er gerade
Todkrank gekommen ist.
»Nein!« schreit er, »nein!«,
als wir zum Hörer greifen
Für die 112, er will seine
Ruhe, bis ihm im Schlaf-
Zimmer das Leibgericht
Serviert wird: Rührei mit
Schinken, Rücken an
Rücken mit dem Sohn,
Mit vier Händegabeln ver-
Eint seinen Heißhunger
Gestillt. »Gebds ma bid-
Scheen no a Schlüggal vo
Meim Roadn dazua« – aber
Wir Deppen denken deutsch-
Rational Kein Alkohol in die-
Sem Zustand! Und schenken
Ihm Schorle aus, Johannis-
Beersprudel statt Flor de
Rubi! Sein Lieblingsroter hätte
Ihn vielleicht zum letzten Mal
Träumen lassen vom Blüten-
Meer der wogenden Mohnfel-
Der im lichtgetränkten Frühling
Des kastilischen Hochlands,
Träumen lassen von Toledo,
Madrid, von all den dort ver-
Säumten Gesprächen auf gut
Spanisch unter der wärmenden
Sonne, statt unruhig hier in
Weßling zu liegen in diesem
Bedrohlichen Zustand, im nicht
Enden wollendem Regen, in
Der permanenten Zugluft der
Aufgerissenen Fenster, mitten
Im verpatzten oberbayerischen
Frühling, der nahtlos auf einen
frostigen, finsteren Winter ge-
Folgt war. Vater, niemand liebte
Die Nähe zu anderen Menschen
Mehr als Du. Dass ausgerechnet
Dir als Zoon Politikon im letzten
Lebensjahr Kontakte zu ihnen
Durch Verbote verwehrt waren,
Sollten wir beide postum als
Neue Stilfigur betrachten, als
Ironische Brechung vielleicht
Oder als Erinnerungsmarker an
Schönere Tage im Süden, z. B.
An Deine Abiturreisen nach Rom
Als metaphorisches Salz in Mutters
Saltimbocca alla romana oder
Einfach nur als Schnittlauch auf
Deinem letzten, mit Freude ver-
Speisten Rührei mit Schinken.

Weßling, 7.8.2021

25.07.2021 Vaters innerer Kompass

 

Sträubte sich dagegen, stets nach Norden zu zeigen, denn wenn in Bayern die Uhren schon anders gehen, warum sollten es Kompasse ihnen nicht gleichtun und von Haus aus nach Süden zeigen? Zuallererst zog es ihn »Gen Italien«, wo er andere Automobilisten in ihrer Muttersprache zu beschimpfen pflegte, vollkommen politisch unkorrekt, mit einem Lästerfaible für Frauen am Steuer, und sich anschickte, sein Arsenal an Schimpfworten wie ein Wilder einzusetzen, z. B. nach Herunterkurbeln der Seitenscheibe an roten Ampeln. Sein Wunsch nach mehr Pferdestärken stieß auf taube Ohren bei seiner Frau, unserer Finanzministerin, die eine überzeugte Anhängerin der These war, dass auch wenig PS für die Autostrada del Brennero reichten. So blieb er immer wieder bergauf und bergab zur Kriechspur verdammt und zum Fluchen gezwungen, bisweilen sogar auf das Ausrollen in Nothaltebuchten angewiesen, wenn weißer Rauch aus der Motorhaube seines Opel-Kadetts oder des später neu angeschafften VW-Käfers zu dringen begann. Einmal folgte er nicht seinem inneren Kompass und brach mit Mutter und mir in den 70er Jahren auf, um die Großen Ferien auf der Insel Fehmarn zu verbringen. Dabei überquerte er zwangsläufig die Fehmarnsundbrücke und kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, dass es so eine filigrane Bogen-Stahl-Konstruktion im wuchtigkeitslastigen Land der Deutschen gibt. Weil vor und hinter uns niemand fuhr und auch die Gegenfahrbahn verwaist schien, verlangsamte er immer mehr das Tempo und geriet fast in einen tranceähnlichen Zustand der Entschleunigung, aus dem er jäh gerissen wurde, als ihn ein scheinbar aus dem Nichts von hinten auftauchender Motorradpolizist anhielt und gegen ihn von oben herab sprechend ein Bußgeld wegen Zu-langsam-Fahrens verhängte, da Vater den Verkehrsfluss behindere, wobei außer dem Gendarmen auf dem BMW-Feuerstuhl und uns keine Menschenseele unterwegs war. Die unerhörte Begebenheit bot Vater Lästerstoff für viele Jahre und sie war wohl auch ursächlich dafür, dass er sich fortan nicht mehr gegen seinen inneren Kompass entschied.

Weßling, 31.7.2021

25.07.2021 Die alte und neue Schule
des Werdens

 

»Mei, Donal, des wead
Schwea füa di, wei dei
Vadda scho ois Bua bei
Mia an Homäa vom Blaadl
Weg üwasezzn hod kenna«,
Unkte Hans Schober vor
Meiner allerersten Alt-

Griechischstunde bei ihm.
Schober, jener holzge-
Schnitzte Steißtrommler,
Der selbst Hitlers Russ-
Landfeldzug überstanden
Hatte als junger Leutnant,
Unverwechselbar durch

Seine rosazeageröteten
Wangen, die mit grauem
Haarflor umkränzte, täg-
Lich auf Hochglanz po-
Lierte Glatze, kurz, die
Koryphäe des Nachkriegs-
Humanismus an Bayerns

Höheren Lehranstalten.
Gegner der Koedukation,
Versteht sich, Vertreter
Der nassen K-Aussprache
Im Lateinischen. Damals
Beherrschte ich noch
Nicht einmal das griechi-

Sche Alphabet, weil es
Mir Vater vor dem von
Ihm veranlassten Schul-
Wechsel nicht beige-
Bracht hatte. »Des wead
Scho, Bua«, lautete sein
Baldrianersatzallheilmittel,

Und: »Scheiß da nix!«.
Als mir Schober die
Erste Extemporale mit
Geschwungener roter
Riesensechs plus Stern
Auf die Schulbank knallte
Und bemerkte, »Du bist

Vollkommen unbegabt!«,
War ich noch nicht ein-
Mal fähig, seine Stegreif-
Aufgabe zu lesen, ge-
Schweige denn zu lösen
Und schiss mir fast in die
Hose vor Angst. Jahre

Später klopfte mir der
Alte Schober jovial auf
Die Schulter und schlug
Mich nebenbei auch
Noch zum Ritter: »Des
Hädd i ma damois need
Dengd, Dass aus dia aa

No amoi wos wean kannd,
Awa a Hundling bisd ja oi-
Wei scho gwen.« Spätes-
Tens da begann mir Vaters
Formel »Das wird schon«
Einzuleuchten, weil das,
Was werden kann, auch

Wird. Einmal. Vielleicht.

Weßling, 24.7.2021

18.07.2021 Das zweite olympische Feuer

»Bevoasdma no ganz
Vom Fleisch foisd, fliag i
Mid dia liawa noch Ateen«,
So Vater, und flugs hatte
Er Flugtickets für uns

 

Beide gebucht und eine
Bleibe dazu. Er, der
Sonst vor allem das
Große Ganze im Blick
Behielt und Detailarbeit

Delegierte, hatte selbst
Zum Hörer gegriffen und
Alles perfekt gemacht,
Weil er nicht länger mit-
Ansehen konnte, wie

Sein einziger Sohn im-
Mer mehr abmagerte
Vor Liebeskummer.
Den hatte nämlich ur-
Plötzlich die erste

Große Liebe im Leben
Verlassen: Ihm nachts
Heimlich den Schlüssel
Zu ihrer Studentenbude
Vom Bund gelöst und

Sich am nächsten Mor-
Gen mit Kuss und »see
You later« für immer
Verabschiedet. Wochen
Danach stand Hellas in

Blüte und Vater sprach
Augenzwinkernd zum
Filius im Heiligtum des
Zeus in Elis: »Bua, des
Muasd olümbbisch seng!

Auf guad Bairisch, so an
Deife konnsd nua mid am
Neien Beelzemadl ausdreim!«.
Und begleitet von Schulter-
Klopfen sein listiger Rat, der

Möglichen zweiten Flamme
Stante pede mittels Post-
Karte direkt aus den Wett-
Kampfstätten der Antike die
Frohe Kunde zu übermitteln,

Dass das Feuer der ersten
Olympischen Liebesspiele
Verloschen sei und gerade
In Griechenland eine neue
Fackel entzündet werde.

Weßling, 17.7.2021

11.07.2021 Vaters Weg

 

Ins Reich des Hades:
Hat wie immer große
Eile. Auf das Tor
Der Tiefgarage schon
Von oben mit der Fern-
Bedienung! Und dann
Schnell die Treppe

Runter in den Keller.
Nur eine Stufe aus-
Gelassen, die letzte,
Vor lauter Freude: Ab
Heid deaf i endli wieda
Faan! Drei Monate lang
Die Tage einzeln ab-

Gezählt. Fahrsperre
nach der Transitorisch
Ischämischen Attacke
(Einmal mehr sich selbst
Entlassen gegen ärzt-
Lichen Rat aus Intensiv).
Heute nur zur Probe

Die Auffahrt rauf und
Runter. Alter Indianer
Kennt keinen Schmerz:
Mi hods grod sauwa
D’ Drebbn obigwaffed.
I glaub, dass i ezad
Nimma gscheid gee

Ko!

Weßling, 10.7.2021

04.07.2021 Lehrerlehren

 

Wenn es den Schülern
Gut geht, geht es auch
Meiner Schule gut, so

Vaters Credo. Seinem
In Stein gemeißelten
Satz hatte sich alles

Unterzuordnen. Punkt.
Wer mithalf, ihn zu ver-
Wirklichen, wurde reich

Belohnt, also weiter-
Empfohlen als Chef,
Wer sich widersetzte,

Wegbefördert ins Mini-
Sterium − wie er es
Schaffte, war allen

Ein Mysterium, ver-
Bunden vielleicht mit
dieser mehr oder

Weniger Freistaats-
Tragenden Partei.
Deshalb sitzen die

Besten immer hinten
Am Ruder, so seine
Rede, und er meinte

Es ernst, mindestens
So, wie der von ihm
im Original gelesene

Miguel de Cervantes
Saavedra es schon
Mit seinem Don Qui-

Jote ernst gemeint
Hatte. Einmal im Jahr
Rebellierte er gegen

Die eigene Partei,
Diesen Weihnachts-
Männerverein, indem

Er Mutter anwies, den
Vordruck für den bar-
Geldlosen Zahlungs-

Verkehr zur Über-
Weisung des Mitglieds-
Beitrags einfach unter

Den Tisch fallen zu
Lassen. Dafür gehen wir
Lieber zum Pasqualino,

Damit der auch nicht
Leben muss wie ein
Hund!

Weßling, 3.7.2021

27.06.2021 Vater, unser

 

See wartet
Auf dich
Täglich

Gekrault
Werden möchte er
Von Dir

So gern, er
Wälzt sich sogar
Schon unruhig

In seinem
Kieselbett,
Sendet

Erste Wellen
Aus. Schaum,
Zarter

Flaum eher,
Die Sonnen-
Anbeterinnen

Am Strand
Zwitschern
Wo bleibt er denn,

Unser Anton?
Er habe sich stets
Erkundigt

Nach ihren
Töchtern,
Söhnen

Und alle
Beim richtigen
Namen

Genannt:
Ob sie denn
Ihren Weg

In der Schule
Des Lebens
Sein Credo

Du kannst
Alles, wenn nur
Einer

An dich glaubt
Und du an
Ihn und an

Dich,
Das wird schon
Werden,

Ihr werdet
Sehen!
Nur er wird

Nicht mehr
Schwimmen,
Aber er ist noch

Immer
Mit dabei, eine
Zeit lang

Zumindest,
Am rettenden
Ufer. Ein echter

Weßlinger
Holzkopf wird
Neunzig! (Was

Zu beweisen
Gewesen
Wäre.)

Weßling, 26.6.2021

20.06.2021 Zruggdraan

 

»Woasdas no, damois
Wiasd Fünfazwanzge
Woan bisd, do san ma
Olle midanand um Zwäife
Aufd Nachd no naggad
In Sä einigschbrunga.
Des war aa des oanzige

Moi in meim Lem, dass i
No bsuffa hoam gfaan
Bin. Good sei dangg is
Nix bassiad.« Fünfadreissg
Jaar schbäda samma an
Meim Sechzga aa wieda
Am Sä, awa desmoi draan

Ma bloos a Rundn z’ Fuas
Und radschn üwa de oidn
Zeiddn, wos ma do no füa
Wuide Hund gwen san –
Bis ma aufgscheichd wean
Vo am gaachn Glingln
Hindda uns. »Zur Seite,

Kinderlein! «, bläad a leichd
Gschüazzds Weiwaz, des
Aufm Radl ohne Liachd an
Uns voabeischiassd. Ja
Saggradi, do kannsd grod
Moana, dass ma rüggwäads
Zum Oiddan ofanga!«

Weßling, 16.6.2021
(Fassung II, 19.6.2021)

13.06.2021 Zwoachtzehn, Vaters Besuch bei mir  

 

In der Klinik. Er fühlt sich sichtlich
Nicht wohl im Krankenzimmer
Mit meinem alten, stöhnenden Bett-
Nachbarn, der nur noch kotzt, links
Liegen gelassen vom spärlichen

Personal, durch den Fleischwolf
Gedreht von seinem viel zu lauten
Besuch, seinem antiautoritär er-
Zogenen Enkel, der ihm ständig
Auf den Bauch trommelt und mit

Schmutzigen Straßenschuhen
Übers Bett krabbelt. Wie kann ich
Uns rausziehen aus dieser Scheiß-
Situation, damit Vater noch bleibt,
Wenigstens eine Viertelstunde

Lang. Da kommt mir die hintere
Ecke im Seitenflur links als rettende
Idee: Leder-Couch-Lounge-Atmo
In Hydro-Kulturbegleitung, Palmen,
Exotische Fischfarbenpracht, dazu

Zwerggarnelen, Einsiedlerkrebse,
Aquarienwelt, Privatpatienten-
Wartebereich allem Anschein nach.
Vater gefällt die Idee und er blüht
Auf, als sie anstakst mit ihrem rosa

Alurollköfferchen, reich verziert mit
Perlen-Applikationen, Kopf gesenkt,
Hildegard-Knef-artiges Wesen im fort-
Geschrittenen Stadium verblassend,
Von Gott und allen guten oder weniger

Guten männlichen Geistern verlassen,
Sich uns gegenüber platzierend ohne
Uns auch nur eines einzigen Blickes zu
Würdigen. Aber Vater, es sieht im gleich,
Spricht auch ihr noch Trost zu: „Ich

Wünsche Ihnen eine milde Diagnose,
Was auch immer Ihnen fehlt!“ − Sagt es,
Und sie erschrickt sich halb zu Tode
Darüber. Aber dann wird sie aufge-
Rufen und damit aus ihrer misslichen

Lage befreit. Frau Von-und-zu, der
Herr Professor lässt … Erst dann seh
Ich das Schild der Sonderabteilung für
Beutelschneiderei: PLASTISCH-ÄSTHE-
TISCHE-UND-REKONSTRUKTIVE

CHIRURGIE. Und den Slogan darunter:
Ihre äußere Schönheit entfaltet leuch-
Tende Strahlkraft nach innen. Die irre-
Parable Frau ist weg und Vater will
Heim. „Ich werde beten für sie“, sagt

Er noch voller Empathie, „sie hat so
Schlecht ausgesehen, hoffentlich
Kann ihr noch geholfen werden!“
„Hoffentlich“, pflicht ich bei und mein
Den Edlen Don Qui von la Mancha.

Weßling, 5.6.2021

06.06.2021 Dancing lesson

 

omnia vincit amor
Vergil (Ekloge X, 69)

Eigentlich hätte Vater, Acht-
Unddreißiger, seit je auf John
Winston Lennon, Jahrgang
Neunzehnhundertundvierzig,
Abfahren müssen: All You
Need, passend wie die Faust
Aufs – aber kein Ding für ihn,
Dem die Tugend der ewigen
Jugend, seine Schüler über
Alles, jedoch nicht ihre Musik,

ZU LAUT, er stürmte ins Kinder-
Zimmer, DREH LEISER, ABER
SOFORT! The Beatles leiser,
DAS GEHT GAR NICHT, schrie
Ich zurück, und LECK MICH,
WELCHER IRRE HEBT VOR
DEM ORGASMUS AB, WENN
ES KLINGELT, lass es einfach
Klingeln, war meine Devise, nur
Er hätte immer abgehoben, je-

Doch nicht bei diesen Beatles,
Da hätte er den Hörer aufgeknallt
Oder gleich den Stecker gezogen,
BASTA, also Kommando zurück
Und den Volume-Knopf Richtung
Minus gedreht, der Ausweg aus
Dieser Misere ein Around-Ear-
Kopf-Hörer, solange, bis er eines
Tages gegen Mitternacht mit
Mutter auf unsere Kellerparty stieß

Und wie selbstverständlich ein-
Tauchte ins Stroboskoplicht und
Im Inkognito-Modus zu tanzen
Begann mit ihr auf klassische
Weise zu All You Need is – Om-
Nia vincit amor, danach schrumpfte
Die Distanz zwischen Publius
Vergilius Maro und John, zwischen
Liverpool und Weßling, zwischen
Anton Senior und Anton junior.

Weßling, 6.6.2021

30.05.2021 Der Weg in den erhofften Himmel
führt über die Rezeption der höllischen
Realität
FFP3-maskiert, ich stürme
Von der Taxi-Rückbank direkt
Hinein in die Klinik, will so
Schnell es geht zu meinem
Sterbenden Vater. Aus-
Gerechnet jetzt, in seiner
Letzten Stunde, sitzt diese
Schnepfe am Empfang und
Hält seelenruhig hinter Glas
Ein Schwätzchen mit dem
Seidenschalgeck, Doktor
Wichtig mit Redehunger
Nach der Schicht. Ich räus-
Pere mich und sie wendet
Sich mir halb zu, genervt.Nein, Perso, Impfpass, knack-
Frischer Test, negativ, reicht
Alles nicht, auch nicht, dass
Ich noch bis vorhin an seinem
Bett gesessen bin. Streckt mir
Aus dem Schalterfenster ein
Thermometer entgegen, scharf
Richtung Stirn und erschreckt
Mich mit Siebenunddreißig-
Vier! Sie dürfen jetzt nicht rein
Wegen erhöhter Temperatur.
Gehen Sie zehn Minuten raus
Und kommen Sie wieder, wenn
Sie sich etwas abgekühlt haben
An der frischen Luft. Ich reiß mirDraußen zuerst die Kappe vom
Kopf, damits mich auch anständig
Friert, ich atme tief ein und atme
Tief aus und tief ein und tief aus,
Geh vor und zurück, geh im Kreis.
Der arschkalte Wind ist nichts als
Massage für meine Visage, ich
Behalt dabei ständig die Uhr im
Blick. Auf die Sekunde genau
Nach zehn Minuten ziehts mich
Wieder zur Rezeption, mit Mords-
Bammel, versteht sich. Sechsund-
Dreißigneun − Sie dürfen jetzt
Zu ihm! Ich renne und bis ich
Endlich auf Station bin, ist VaterTot.

 

Weßling, 29.5.2021

23.05.2021 Wurzelstock
Es wäre
Noch so vielEs ist zu viel
UngesagtZwischen uns
Dein offenesOhr für alle
AnderenDeren Kummer
Dein KümmernDie Fürsorge
Keine VorsorgeFür dich
Für mich

 

Für uns.
Wir zwei

Dasselbe
Holz

Hart
Holz

Kopf
Hoch

Zwei
Zu eins

Für
Wen?

Weßling, 22.5.2021

16.05.2021 August 1967, Lignano Sabbiadoro
Wir zu dritt auf dem Neben-
Einandem ganz beieinander.
Mutter links, Vater rechts
Am Steuer, der Blondschopf
Dazwischen, in der Mitte
Bin ich im Janker, wir dreiStrahlen um die Wette, Vater
Im T-Shirt mit halblangen
Ärmeln, muskulös, Unterarm
Behaart, Ehering am linken
Ringfinger, seine Brille schwarz
Gerahmt, eine leichte Merino-Jacke mit Hornknöpfen lässig
Um den Hals geschlungen,
Mutter im kurzen weißen
Kleid mit Bordüre (doppelt
bestickter Rundkragen), ihreSchwarze, langohrige Hand-
Tasche zart im Griff, zwischen
Uns und der lauen, medi-
Terranen Nacht, dem süd-
Lichen Sternenmeer, ein Stoff-
Himmel, Baldachin, einge-Säumt rundum mit weißen
Fransen, Mama und Papa
Treten für drei in die Pedale,
Es geht miteinander voran
In diesem verrückten Gefährt,
Die Zeit arbeitet für uns, so
Scheint es, vierundfünfzigJahre lang, dann wird Vater
Nie mehr am Steuer sitzen −
Unter der Schwarzweißfoto-
Grafie von 1967 in seiner
Geschwungenen Schrift:
Sicome una giornata.

 

Weßling, 15.5.2021

09.05.2021 Das Haus
So still
Ohne dich
Mein VaterDein Bad-
Radio streikt
Der AkkuEntladen.
Aber was sind
NachrichtenHeute noch
Wert
Für michBei Dir
Kamen sie
StetsAus erster
Hand, Vater
Ich sitze aufDeinem Stuhl
Vor dem Fenster
Zum GartenWo alles blüht.
Deine Schrift
Schönschrift

 

Geschwungen
Gluteo
Gesäß(muskel)

Schizzinoso
Zimperlich
Darunter

Eine Steuer-
Nummer für
Was?

Weßling, 8.5.2021
Einen Tag nach Vaters Beerdigung

02.05.2021 Aa dobbede Wadschn
babbd bessa im Gfries
Auf da Kelladrebbn
D’ voalezde Schdufn
Üwaseng und sauwa
Owigflong. Nimma
Aufkemma und linggs
An Arm nimma beweng
Kenna und’s Boarisch
Vawaschn − auf oan
Schlog aa no vom
Schlog droffa, wos
Wui ma mea: Vadda-
Dog!

 

Weßling, 1.5.2021

25.04.2021 Da Owamaxi vom Gmoazweggvaband
füa gäidbeidlfreindlichs Wohna
Hod aa no de lezdn Baam
Obschlong lassn, scheene
Oide Hainbuachan. »Wega
Da Vakäassichaheid«, sogda
Am Lokalblaadl. »Naa, um
Godswuin, Paaggbläzz kem-
Ma do nia hi, solang i do bin.«Oa Jaar schbäda hoda scho
D’ Bagga oroin lassn und
Oiss mid Beddon zuabflasdad,
Füa no mera Miedaschdäibläzz.
»So kenna se de arma Leid,
De do günsdig wohna, aa no
An Zwoadwong leisdn. Des
Kuawed sauwa d’ Wiad-
Schaffd o«, vazabbfda des-
Moi no im Lokalblaadl.

 

Weßling, 23.4.2021

18.04.2021 Rp. Bund
vs. Land

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Weßling, 17.4.2021

11.04.2021 Habds me doch gean!

 

I wuis goa need
Wissn, wos oiss
No kummd, wei
Ma scho des zvui
Wead, wos ezad is.

Weßling, Karfreitag, 2.4.2021
(Fassung II, 10.4.2021)

04.04.2021

Manchmal braucht es kein Wunder, um zu begreifen

Dass das mit der Auferstehung Quatsch ist, ist mir aufgegangen, als ich neulich in der Dämmerung im Garten jene graublaue Karthäuser-Katze seelenruhig auf dem Grab meiner Salz-und-Pfeffer-Mittelschnauzerin Nelly sitzen hab sehen, die früher ihre Todfeindin war. Nichts, gar nichts ist passiert, keine Erdspalte klaffte auf, aus der Nelly kläffend herausgestürmt wäre, um das langhaarige Vieh zu verjagen. Stattdessen schaute mir diese Katze auch noch frech ins Gesicht, triumphierte mit ihrem Stoizismus und blieb ungerührt – sitzen.

Weßling, 2.4.2021 (Fassung III)

28.03.2021 Endschuidigns

 

I bin kaoh.
Und wei i
Nimma ko,

Bleib i no
A bissal
Do.

Weßling, 27.3.2021

21.03.2021 Da unbefleggde Boandlgrama

 

Seids’ eanane Leichnwäng
Auf Weiss umgschbrizzd
Ham, fiachd i mi nimma
Voam Dod, weis Obgrazzn
So unschuidig woan is, wias
Olle Weiwaleid gwen san, de
Amoi in Weiss gheirad ham.

Weßling, 17.3.2021
(Fassung IV, 20.3.2021)

14.03.2021 An lezdn Weisheidszahn ziang

 

»Hosd an Mo, iss
Nix, hosd koan, iss
Aa nix«, vazabbfds
Grschroamaulad
Beim kaddolischn
Weiwakaffägranzal,
Wo aa scho d’
Schwindsuchd
Grassiad.

›Hosd a Wei, iss
Nix, hosd koans,
Iss aa nix‹, daad
Ia Oida song,
Boisn need scho
Eigrom hädd. Weia
Nia hideafa hod
An d’ Musi, issa
Imma no schdaada
Woan, bisa se am
End ganz zam-
Gsuffa ghabd hod.

Weßling, 13.3.2021

06.03.2021 Lang

 

Gschbaard
Und Zwanzg-
Zwanzg endli

An Uldraleichd-
Koffa ogschaffd –
Awa bis heid

Wega Korona
Bloos midm Ofn-
Räal ins Gebiag

Gschaugd. Und i
Meag aa, wia
Meim Koffa-

Freind ’s Naus-
Kemma ob-
Geed. Ea is

Scho ganz da-
Sig und wead
Imma no bleicha.

Und a Schdaub-
Beichal sezzda
Aa scho o. Mia

Braucha olle
Zwoa boid Bal-
Drian-Drobbfa,

Wenn des
No lang so
Weida geed.

Weßling, 6.3.2021

28.02.2021 Wias is, iss nix, awa wias wean kannd,
iss scho glei zwomoi nix
Ezad miassad se
Awa boid wos doa.
I moan, do duad
Se wos, weis ja aaZeid waar, dass
Se wos duad. Ja
Du bisd guad!
Bei uns duad seDoch nix, wei de do
Om moana, dass
Des scho duad füa
Uns, wos do ham.Oiso deans scho
Glei goa nix mea,
Wei wenns wos
Doa daadn, daadsGnua gem, de se
Drüwa aufreeng,
Dass wos do ham,
Weis des aa andasDoa häddn kenna
Oda bessa goa
Need. Oiso dram i
Scho davo, dassSe wos do hädd,
Awa danoch meag
I, dass oiss so bliem
Is, wias oiwei schoWar, oiso dass se
Wieda nix do hod.
Do konnsd nix doa
Dageng.

 

Weßling, 27.2.2021
(Fassung II)

21.02.2021 Schdichd da Hafa

 

Floggn riesln lassn
In a Schüssl und
Danoch schnibbsln.
Ebbfe in Scheim

Schnein und de
Scheim in Schdreifn
Und de Schdreifn
In no gleanare

Schdüggl. Draum
Viaddln und a Dschi-
Gwiedda in Radl
Deiln und d’ Radl hoi-

Bian, um oiss mid-
Nand zum varüan.
Mid Milli fluudn, no-
Moi rüan und se

Need scheenian,
Boi ma scho midm
Bläddschl aufn
Gschmagg kummd.

Weßling, 3.2.2021
(Fassung II, 20.2.2021)

14.02.2021 Deidsche Enggldriggvoasoage

 

»’s Imbfzenddrum hod ogruafa«,
Jubiliada. »I soi glei onlein gee
Und eana wos üwaweisn, damid
I boid dro kumm, hams gsagd.«

Grod gfrein duada se. Awa zum
Glügg isa need ins Nezz kemma,
Wei des vohea scho wieda zam-
Brocha is.

Weßling, 11.2.2021
(Fassung II, 13.2.2021)

07.02.2021 Bäaschbeggdivwexl

 

Schdäids eich voa, unsa
Gwambadde Scheefin
Miassad auf amoi säiwa

Oiss ausschdee, wos
Sonsd aussizzd oda
Oschaffd, wei ira Ladn

Vo oam Dog aufn andan
Zuagschbäad woan waar –
Und de miassad Andräg

Schdäin, dass weida ir
Diridari griagad, vo dene
Oana nochm andan ob-

Gleend wearad. Do daad
Sogoa aus dera am End
No a Schdrich in da Land-

Schafd wean und ire
Schbrüch wia »Im Großn
Und Ganzn is nix schiaf

Glaffa« daadn pfeigrod
Bassn wia d’ Fausd aufs
Aug.

Weßling, 6.2.2021

31.01.2021 Blassa Schimma

 

D’ Sonna schbizzd
A weng aussi,
Imbfd a bor

Gschundne Säin,

Awa glei danoch
Vaziagd sa se
Wieda.

Weßling, 29.1.2021
(Fassung II, 30.1.2021)

24.01.2021 Es is hoid a Greiz mid
dene Manna unddam Greiz
»Unsa Hochwüadn is a
Pfundskeal«, schwäambd
Sei Minisdrand midm Milli-
Gfries, dea scho üwa viazge
Is und no dahoam bei seina
Oidn Muadda im Kindda-
Zimma hausd. »Da Pfarra
Hod oiwei pfäffade Schbrüch
Üwa d’ Weiwaleid auf Laga!«
So wia des Zwedschgnmandl
In seim Paffnreggal umananda-
Schwanzld, woasa need rechd,
Wosa mid seim Zibbfe ofanga
Soi, dengg i ma, awa song
Dua I: »Dea soi liawa üwa wos
Reedn, wovoa wos vaschdeed
Und se füa olle ins Zeig leeng,
Dees braucha.« Sei Bolande
Vaschdeed mi need, weia
Dorad is und weia aa bloos
Des hean wui, wosa hean wui.

 

Weßling, 11.1.2021
(Fassung II, 16.1.2021)

17.01.2021 Sommahaus
im Windda
Des Heisl
Schdeed leer.Nua a boa
ZruggbliemneWian
San drinAm
vahungan.

 

Weßling, 11.1.2021
(Fassung III, 23.1.2021)

10.01.2021 Schdudian wos geed

 

Easda Dog Rechdsvadrearei,
Audi Max. I waar valoan gwen
undda sovui Leid, wenn need

Des Rauschgoidengal newa
Mia gsessn waar. Newa ira
Is ma des droggne Ziwui-

Rechdsgeleia ins oane Oa
Eini- und zum andan Oa
Ausseganga. Des oanzige,

Wos i schdudiad hob, is
Gwen, dass de mi wui und
I de aa. Oiso hob i mia a

Heaz gfassd und mei Heaz
In Veasal eibedd, und oiss
Auf am Kollidschblogg fesd-

Ghoidn, awa so do, ois
Daadi beim Baragrafnreiddn
Middoa. Wias amoi need

Zu mia rüwagschbechd hod,
Hob i des Bladdl mid de
Scheensdn Veasal raus-

Grissn und vaschdoin in ir
Rode Basddaschn gschdeggd.
Am Omd hods mi nachad

Scho ogruafa und gmoand,
Dass mia zwoa midnand
Redn miassadn. Des hama

Nachad aa gmachd, und
Need nua des, üwa zwoa
Semesdda lang.

Weßling, 9.1.2021
(Fassung II, Kurzfassung)

03.01.2021 Noch de Feiadog

 

Do schaungs olle bläd
Aus da Wäsch, weis auf
Amoi im Schdau schdenga,
Obwois scho in olla Fria

Aufbrocha san zum Flaschl-
Konddäina, damid neamads
Siechd, wias oan Boxbeiddl
Nochm andan zadebban im

Greaglos. De, de se do dreffa,
Schdiean vaschdoin in Bodn
Und dean a so, ois ob sa se
No nia wo gseng häddn, wei

Sa se schamma, dass andare
Midgriang, wos füa bsuffane
Wongscheiddl dass san, wo’s
Doch eanane gloana Üwa-

Fliaga an liabn langa Dog va-
Zäin, dass Saufa und Haschn
A Suchd san, de friara oda
Schbäda in Grom eini füad,

Wei a de schdeaggsde Lewa
Auf Daua nimma midduad
Unds Hiankasdl scho glei
Dreimoi need.

Weßling, 26.12.2020
(Fassung II, 2.1.2021)

27.12.2020 Onlein-Winddasemesdda 2020

 

»I wea boid dreissge und hogg an
Liabn langa Dog in dera gloana
Bude voam Läbtobb. Und mei Bio-
Wegga tiggd und tiggd und tiggd.
I mächad so gean an Kind griang,
Awa hob koa Schaas, oan zum
Kennaleana. Und meine zwoa
Dschobbs bin i aa los. Oiss bloos
Wega dem Scheiss Wirus!«

Weßling, 26.12.2020

20.12.2020 Heazbodn

 

Neili hod ma da jüngsde
Gmoaknechd zuazwinggad,
Ois i ean eawischd hob,
Wira mid seim Rüddla-Brooz
Mid am Moadskrach a Heaz
Aus beeschm, feina Schwoas-
Sand vo oam Medda Duach-
Messa in den sonsd nua grob-
Keandldn, graniddfarbna
Fuassweg einigschdambfd
Hod – wos need rechd vui
Gschbanna wean, weis äh
bloos drüwaladschn ohne
Zum schaung. Woas da
Deifi, wosn do griddn hod.
Hodas gmachd, weia seim
Gschbusi ohne Draaraa
Song woidd Do schaug hi,
Des is füa di oda hodas
Einigrüddld, weia guad
Drauf war und olle, de no
Aung ham im Kobbf, heid a
Gloane Freid macha woidd.

 

13.12.2020 De roasade Tabanagglwanzn

 

Neili hod uns a schwarz va-
Schleiade Klosdaschwesdda
In am VauWeh ubb! mid moads
Karacho linggs üwahoid. Awa

Bis i »dea bressiads in Himme«
Song hob kenna, wars scho üwa
Olle Beag. Hoffma, dass nachad
Wieda aufn rechdn Weg zrugg-

Gfundn hod und fois need, dass
Sa se alloa darennd hod und
Need soichane Käzza wia mi
In Himme midgnomma hod.

A99, 26.8.2020
(Fassung II: Weßling, 13.11.2020)

06.12.2020 Bosdkaddolischs Gribbnbuidl,
in da Gwaranddäne vawaggeld

»Da Vadda is a Ox«, sogd sei
Schbross. »Naa, i bin a Esl«,
Sogd da Vadda, »dass i dei
Muadda gheirad hob und
Dass i di mid ira fabrizziad
Hob – deshoib wead i no a
Heiliga, weasd seng«. »Naa«,
Bläad d’ Muadda, »i kumm a-
Moi in Himme, wei i eich zwoa
Aushoidn hob miassn jedn
Dog und vakösddign dazua
Und hinddaheawischn aa no.«Weßling, 5.12.2020
29.11.2020 Grean ogschmiad

 

»Guad, dass ma de
Äifdausnda Umwäid-
Brämie heia no
Midneema kenna,

Wei newa unsam
Kuh Siem und Kuh
Drei machd se so a
BeÄhmWeh-Eleggdro-

Schnaufal EiDreiEs
Mid hundadviaradachzg
PeEs no ganz guad –
Ois Voaschbui zum

Eleggdro-EiIX, den
Ma se ezad scho voa-
Bschdäin ko. Dea hod
Nachad gschdandne

Fünfhundad PeEs und
Is in a bor Seekundn
Vo Nui auf Hundad.
Do miassma schaung,

Dass ma füa den vom
Schdaad aa no a bis-
Sal a Umwäidhuife
Oaganisian kenna.«

Weßling, 25.11.2020
(Fassung II, 28.11.2020)

22.11.2020 Maschkera auf da
B
flegeschdaddion
»Wos machdn dea
Gwambade do hearin?«,
Bläada drei Moi hindda-
Anand wiara Wuida. Ma
Daad goa need glaum,
Wos so a Zwedschgn-
Mandl im Püdschaama
No füa a mords Oagan
Hod. »Zum Deifi mid
Dera feddn Sau!«,
Legda noch.
»Dea Digge«, sog i, »is
Dei Engal ausm Osdn
Und des Engal buzzd
Da an Arsch aus.«
»Wo is mei Oide?«,
Schreida danoch, »hoi
Sofoad mei Oide hea!«
»Dei Oide«, sog i, »deaf
Do need eini wega
Korona, woasd scho.«
»Awa warum hosd
Nachad du reideafa?«,
Frogda mi. »Wei i da
Dod bin«, sog i, »und
Wei i bei eich no a
Bissal wos zum doa
Hob. Und ezad lass
Mi biddscheen weida-
Weagggln.«Weßling, 21.11.2020
(Fassung II)
15.11.2020 Id newa räins in Sassan Bäväria

 

»Ab do biddscheen nua
No lacha!«, schdeed auf
Am Schuidl newam Dial
Vo oam, bei dem neamads
Wos zum lacha ghabd hod
Damois unddam Haggl-
Greiz. Awa ea hod oiss
Üwalebd und heidzodog
Woas koana mea, wos
Dea nedde Obbabba
Amoi füa oana gwen is.
Oiso machd eam a jeda
A rechde Freid und
Schdraaldn o, boia bei
Eam auf a Schdambal
Voabeischaugd.

Weßling, 28.10.2020
(Fassung IV, 14.11.2020)

08.11.2020 Demogradie üwam Grossn Deich Zwoa Punggd Nui

 

Wenns weida so zuageed
Auf da Wäid, wead i säiwa
No gschbinnad gnua, dass i
Mi auf meine oidn Dog zum
Amibräsidend wäin lassn ko.

Nua a boa Milliaadn Dolla
Miassad i davoa no gschwind
Ois Schmiagäid eisammen lassn,
Damids mi aa gwies aufschdäin.

(Weßling, 7.11.2020)

01.11.2020 Pandemiefrisör am Weßlinger See

 

Montagmorgen. Mutterseelenallein.
Rabenkrähengekrächze. Endlich

Tut sich was. Auf einer Parkbank.
Er sitzt, sie steht hinter ihm.

Mit der Schere. Übt wohl noch,
Schnippt in die Luft. Danach

Wirbeln weiße Haarflocken.
Bevor Gras darüber wachsen

Kann, wird schon Laub die
Büschel verdecken.

Weßling, 26.10.2020
(Fassung II, 31.10.2020)

 
Porträt Anton G. Leitner
Anton G. Leitner, Foto: Volker Derlath, München

Anton G. Leitner wurde 1961 in München geboren. Der examinierte Jurist lebt als Lyriker, Herausgeber und Verleger in Weßling (Landkreis Starnberg). Er publizierte bislang dreizehn Gedichtbände, u. a. »Schnablgwax. Bairisches Verskabarett« und »voix en plein trafic / Stimmen im Verkehr« (Deutsch – Französisch; Auswahlband, 2020). Seine Gedichte sind in neun Sprachen sowie diverse Dialekte (u. a. Schottisch, Londoner Cockney und Damaszenisch) übersetzt worden. Neben 28 Folgen der buchstarken Jahresschrift »Das Gedicht« edierte er über vierzig Anthologien, u. a. bei Reclam »Die Bienen halten die Uhren auf. Naturgedichte« (2020). Leitner wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem »Tassilo-Kulturpreis« der Süddeutschen Zeitung und dem »Bayerischen Poetentaler«. Er ist Mitglied der »Münchner Turmschreiber«. antonleitner.de, schnablgwax.de, wadlbeissn.de

 

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