Das knifflige Poesiepuzzle, Folge 8: Wem gehört die Sprache?

Achim Raven veröffentlicht in loser Folge am 13. eines Monats Überlegungen zu Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Gedichteschreibens. Im ersten Beitrag geht es um den Vers, der weder Zeile noch Satz ist und in der Ambivalenz seiner Möglichkeiten höchsten Scharfsinn oder aber bodenlose Dumpfheit befördern kann.

 

Wem gehört die Sprache? – Aneignung, Identität, Sprachpolizei.

 

Die folgenden Überlegungen sind weder neu noch originell, aber notwendig.
Nach dem beeindruckenden Auftritt der afroamerikanischen Dichterin Amanda Gorman bei der Inauguration Joe Bidens mit The Hill We Climb entbrannte rasch ein Streit um die moralische Berechtigung der Übersetzung in andere Sprachen. In den Niederlanden nahm Marieke Lucas Rijneveld von diesem Vorhaben Abstand, nachdem in sozialen Medien Empörung darüber ausgebrochen war, dass eine weiße Person an diesem Text arbeiten sollte. Denn Übersetzung ist ja immer auch Aneignung.

Wenn eine weiße Person sich den Text einer Person of Color aneignet, gilt vielen dies als Ausbeutung und rassistisch motivierter Diebstahl. In der Tat füllen bis heute die Plünderungen der Kolonialzeit ganze Museen. Im 19. Jahrhundert entstand aus dem Dünkel weißer Überlegenheit eine Wissenschaft, die in Deutschland „Völkerkunde“ hieß. Die „Völkerkundemuseen“ waren Trophäensammlungen aus Kriegen gegen indigene Bevölkerungen. 1896 fand in Berlin ein „Negerdorf“ gewaltigen Zuspruch, in dem ca. 100 Menschen aus deutschen Kolonien zur Schau gestellt wurden. Bereits 1874 gab es in Hagenbecks Tierpark (!) in Hamburg eine „Völkerschau“, wie sie bis in die vierziger Jahre überall in Europa inszeniert wurden. Kritik an derartigen Ungeheuerlichkeiten wurde erst spät und meist widerwillig wahrgenommen.

Die Gleichsetzung von Aneignung mit Ausbeutung und Diebstahl ist von daher im Zusammenhang mit Amanda Gormans Gedicht und dem weiterhin bestehenden Rassismus prima facie plausibel. Allerdings muss Aneignung nicht notwendig an Diebstahl und Ausbeutung gekoppelt sein. Wenn ich etwas an- bzw. übernehme, z.B. sz statt ß zu schreiben wie Friederike Mayröcker, mache ich mir ihre Schreibweise zu eigen und möchte demonstrieren, wie sehr ich mich ihrer Kunst verbunden fühle. Solche Übernahmen sind epigonal, vielleicht auch pubertär, die dahinter stehende Haltung aber ist notwendiges Ferment literarischer Übersetzungen: Sich vereinnahmen lassen, die Besonderheiten verinnerlichen, um ihnen so in der anderen Sprache Gestalt zu verleihen. Solcherart Aneignung ist immer ein Prozess des Lernens. Von Diebstahl kann hier nur im Falle eines Übersetzungsplagiats die Rede sein, z.B bei Georg Kreisler / Tom Lehrer oder Bertolt Brecht / François Villon – beide bis heute strittig, weil unklar ist, wieviel Eigenständigkeit im Spiel ist – , von Ausbeutung nur, wenn die Übersetzer*innenstimme die Autor*innenstimme übertönt, wie z.B. in Stefan Georges Übertragung der Shakespeare-Sonette.

Ausbeutung und Diebstahl kommen ins Spiel, wenn z.B. in Fortschreibung kolonialer und rassistischer Überheblichkeit die Aneignung fremdsprachiger Texte kein Lernprozess ist, sondern sich in einer selbstgefälligen und gönnerhaften Attitüde gefällt, die die Erfahrungsbasis des Textes ignoriert und stattdessen Bescheidwissen und „Verständnis“ demonstriert. Selbstgefälligkeit verweigert das Lernen, denn Lernen setzt das Zugeständnis eigener Unzulänglichkeiten voraus. Wenn der/die Übersetzer*in den Text vereinnahmt und nicht der Text den/die Übersetzer*in, ist die Übersetzung nichts als eitle Selbstbespiegelung, oft genug eine scheinheilige Instrumentalisierung, um die eigene Moralbilanz zu frisieren.

Die postkoloniale Kritik an der ausbeuterischen Aneignung arbeitet mit identitären Zuschreibungen. Dies liegt nahe, die Erfahrungsbasis kollektiver Traumata wirkt identitätsstiftend, allerdings auf eine fatale Weise. Die so gewonnene Identität kann zwar eine Solidarität der Betroffenen erzeugen, ist aber durch und durch negativ bestimmt. Diese Identität ergibt sich primär daraus, was ihr gewaltsam vorenthalten ist. Positive Bestimmungen ergeben sich erst sekundär. Die Philosophie der Négritude z.B. ist eine Reaktion auf die Verheerungen des französischen Kolonialismus.

Der weißen Identität fehlt im Gegensatz zur schwarzen der unhintergehbare Kern realer Erfahrung. Die Notwendigkeit weißer Identität ist hintergehbar, sie entspringt daraus, dass längst nicht alle Weißen die „Privilegien“ des Weißseins genießen dürfen. Weiße diskriminieren systematisch auch Weiße, u.a. weil Empathie als Schwäche auslegbar ist und Armut als Versagen. Die Insass*innen der Arbeitshäuser und die pauperisierten Lohnarbeiter*innen des 18.und 19. Jahrhunderts waren immer noch Weiße. Ihre spezifischen Erfahrungen waren zwar auch identitätsstiftend, aber nur innerhalb der eigenen Klasse. Da diese Klasse nicht rassifiziert war, konnte ihre Erfahrung – nicht ganz, doch weitgehend – durch eine abstrakte, nämlich allgemein-menschliche überschrieben werden, die in den identitären Begriff des Volkes mündete.

Das Beispiel zweier „weißer“ Romane aus dem 18. Jahrhundert belegt dies: Karl Philip Moritz‘ Anton Reiser von 1785 gilt bis heute als bedeutender Roman, der die Traumatisierung durch Armut zum Thema hat. Identitätsstiftend war er im Gegensatz zu den elf Jahre zuvor erschienen Leiden des jungen Werthers aber nie. Goethe löste mit seinem Roman eine hippieske Jugendkultur aus, die bis in den Dresscode hinein Folgen hatte (blauer Frack, gelbe Weste). Diese larmoyante Jugendkultur war gegen den Universalismus der Aufklärung gerichtet und kultivierte das Leiden an der Welt, eine abstrakte, d.h. gegenstandslose Empfindsamkeit, bestens geeignet, sich von beliebigen Kalamitäten leuchtend abzuheben. Eine zukunftsweisende Abstraktion.

Mit dem Leiden an der Welt lässt sich der gesellschaftliche Antagonismus kaschieren, der sich in der Klassengesellschaft des 19. Jahrhundert herausbildet, weil dies Leiden zu „der Natur“ „des“ Menschen gehört. Daraus lässt sich identitäres Kapital schlagen, denn wer sich den Luxus dieser abstrakten Melancholie nicht leisten kann, ist kein richtiger Mensch. Von da aus ist es nur noch ein weiterer Schritt, die Identität zu rassifizieren, um im Namen der „Volksgemeinschaft“ oder „White Supremacy“ der Bedrohung durch minderwertige Rassen zu entgegenzutreten, den schwarzen Horden, roten Fluten oder jüdischen Drahtziehern. So ist letztlich auch die weiße Identität durch und durch negativ bestimmt, auch diese Identität ergibt sich primär daraus, was ihr anscheinend gewaltsam vorenthalten ist. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass schwarzen Menschen tatsächlich die einfachsten Errungenschaften des zivilisierten Lebens vorenthalten waren, dass „der weiße Mann“ seine Ungleichbehandlung aber halluziniert. Seine grundlegende Wirklichkeitserfahrung besteht aus Verzerrungen und Palimpsesten, die Freuds Deckerinnerungen gleichen, letztlich jedoch eine Wut erzeugen, die sich aggressiv nach außen wendet.

Dies bedeutet insgesamt: identitäre Zuschreibungen verweisen nur indirekt auf reale Zustände, sowohl das „Wir“ wie das „Ihr“ sind negativ bestimmte ideologische Fetische, wobei das schwarze „Wir“ eine auf realen, qualvollen Erfahrungen beruht, das weiße aber auf einer Abstraktion, die letztlich zu kollektiven Halluzinationen führen kann. Entscheidend ist, dass gegensätzliche Identitäten immer aufeinander angewiesen sind, wie in einem Kartenhaus kann keine Identität sich halten ohne ihre Gegenidentität. So erweist sich die Gesamtkonstruktion der gegenseitig sich bedingenden Identitäten als brüchig, sie verbirgt mehr als sie offenlegt. In der praktischen Auseinandersetzung erweist sich die Konstruktion der Identitäten gleichwohl als nützlich: Sie gibt unübersichtlichen Verhältnissen eine robuste Struktur, indem sie polarisiert.

Diese Polarisierung ermöglicht auch die Okkupation der Sprache, z.B. indem eine Fertigsoße mit Paprika fortan umzubenennen ist oder indem alle Personenbezeichnungen fortan zu gendern sind. Die Gegenidentität wird dann ihr Recht auf „Zigeunersauce“ und „Leser dieses Artikels“ reklamieren. Der Kampfbegriff „Leitkultur“ sorgt letztlich dafür, dass ihm der „Gesellschaftsvertrag“ entgegengehalten wird. In den daraus resultierenden Debatten verfügen jeweils beide Seiten über fundierte Meinungen, die lediglich zeigen, dass solche Sprachokkupationen nicht Umdenken bewirken, sondern Machtspiele. Identitäre Sprachokkupationen zeigen Probleme, lösen sie aber nicht. Sie können aufklärerisch sein ohne aber aufklärerisch zu wirken, schlimmstenfalls sind sie eine Vorstufe zum Neusprech.

Die identitäre Sprachokkupation beruht in ihrem sprachpolizeilichen Habitus auf einem Irrtum. Die Polizei nämlich ist ein Exekutivorgan des Staates, sie setzt das Gewaltmonopol um. Im Gegensatz zu Bürgerwehren, deren Status immer fragwürdig ist, garantiert sie die innere Sicherheit des Staates und ist dazu mit hoheitlichen Rechten ausgestattet. Die Sprache ist kein Staat, zur Durchsetzung ihrer Regeln gibt es kein Gewaltmonopol und also auch keine hoheitlichen Rechte. (Was der Deutschunterricht an den öffentlichen Schulen durchsetzt, sind staatliche Prinzipien, den sprachlichen folgt er auch bloß.) Die Sprachokkupant*innen gleichen einer Bürgerwehr, ihr Anliegen ist kein rechtliches, sondern eines der Gerechtigkeit. Recht gilt ohne Ansehen der Person, Gerechtigkeit entsteht durch genaues Ansehen der Person und bedient Partikularinteressen, sie will dafür sorgen, dass es bestimmten Gruppen nicht schlechter geht als anderen. Es ist ehrenhaft, jemandem gerecht zu werden, solange dies nicht auf Kosten des Rechts geht.

Die Sprachbürgerwehren fordern Gerechtigkeit für Sinti und Roma im Fertigsaucensektor oder absolute Gendergerechtigkeit, im anderen Lager machen sie sich stark für das Weiterbestehen von etwas, das es niemals gab: ein durchstrukturiertes System des Deutschseins. Hinter solchen Forderungen steht immer ein partikularistisches Gerechtigkeitsempfinden mit universalistischem Anspruch, gekoppelt an einen wohlfeilen wie wirkmächtigen Moralismus.

Dem entzieht sich die Sprache, sie ist, wie etwa auch das Geld, ein allgemeines Verkehrsmittel, das von Individuen und Gruppen genutzt werden kann, und zwar egal wofür. Sie entsteht, ebenfalls wie das Geld, durch ihre Nutzung hinter dem Rücken der Individuen, bleibt aber als Ganzes jeglicher Verfügungsgewalt entzogen. Ihre Grammatik und ihre Semantik sind zwar beschreibbar und erklärbar, nicht aber verfügbar. Eingriffe gelingen nur, wenn sie auch angenommen werden, sie sind nicht planbar und nicht strategisch durchsetzbar. Das berüchtigte „N-Wort“ konnte nicht verboten werden, auch nicht durch öffentliche Empörung verdrängt, nur eine gesamtgesellschaftliche Verschiebung konnte es überflüssig machen, es wird schlicht nicht mehr gebraucht.

In einem wesentlichen Punkt unterscheiden sich jedoch Sprache und Geld: Beide gehören zwar niemand, das Geld aber wird von Staat und Wirtschaft kontrolliert, nicht jede*m steht es hinreichend zur Verfügung. Die Sprache dagegen wird dokumentiert und klassifiziert, von ihrem Gebrauch ist aber niemand ausgeschlossen. Auch wenn Sprech- und Schreibverbote erlassen werden, kommt sie jedem Menschen uneingeschränkt zustatten.

Der Zank darüber, wer das We in Amanda Gormans Gedicht übersetzen darf, und ob die deutsche Übersetzung durch die Autorin und Netzaktivistin Kübra Gümüşay, die schwarze Journalistin Hadija Haruna-Oelker und die Literaturwissenschaftlerin Uda Strätling sachgerechter ist als es die niederländische durch Marieke Lucas Rijneveld gewesen wäre, geht in die Irre. Hier wird um ein Phantom gezankt: die exklusive Verfügungsberechtigung über Sprache. Da spielen sich selbsternannte Exekutivorgane auf und wähnen sich in höherem Auftrag.

Eine sinnvolle Auseinandersetzung ginge darum, in welchem Maße es den Übersetzenden gelingt, im vollen Bewusstsein der eigenen Distanz lernend dem näher zu kommen, was ihrer Erfahrung sich entzieht: dem unmittelbaren Leid der Diskriminierten und Misshandelten. Eine solche empathische Aneignung wäre keine Annexion, sondern der Versuch einer Anverwandlung. Das ästhetische Potenzial der Sprache erlaubt – weit über Information und Diskurs hinaus – auch nicht unmittelbar nachvollziehbare Gefühlslagen in all ihren Ambivalenzen und spontanen Impulsen zu vermitteln, wenn auch immer in der Gefahr möglichen Scheiterns. Das kann niemand verbieten, Identitäten samt ihrem Moralismus, die immer alles schon kennen, nur kein Scheitern, sind da nur peinlich.

Mir ist bewusst, dass ich zu alt und zu weiß bin, um ernst genommen zu werden in den hitzigen Auseinandersetzungen um The Hill We Climb, nach deren Grundsätzen ich nur zur Kenntnis nehmen dürfte, was mir gewährt wird. Wenn ich in Moor Mothers Creation Myth auf ihrem Album Fetish Bones (2016) so radikale wie bestürzende Verse höre wie: […] how momma made biscuits outta nothing / All while having a dope needle in her arm (vollständiger Text), müsste ich eigentlich um der identitären Lagermentalität willen K.-o.-Tropfen nehmen.

 

 

© Achim Raven

 

 

Achim Raven

Achim Raven (Foto: privat)

Achim Raven, geboren 1952 in Düsseldorf, hat von 1984 bis 2015 unter dem Pseudonym Ferdinand Scholz einige Bücher mit Lyrik und Prosa veröffentlicht.
Seither veröffentlicht er unter seinem richtigen Namen, zuletzt: Fehlgänge – Dreizehn Geschichten von der Rückseite des Möbiusbandes, Düsseldorf 2019, edition virgines. Er hat 40 Jahre an Gymnasien Deutsch, Philosophie und Kunst unterrichtet und 10 Jahre literarisches Schreiben an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

Ein Kommentar

  • Klasse! – Ich habe erst vor wenigen Tagen die Inaugurationsrede von Amanda Gorman für Joe Biden gelesen – und war nicht übermäßig begeistert: Inhaltlich ist der Text freilich in keiner Weise zu beanstanden (wobei ich frecherweise die Frage, ob ich nun als „White Old Man“ berechtigt sei, mich überhaupt zu so einem schwarzweiblichunterpriviligierten Text zu äußern, einfach unbeantwortet stehen lasse…) – formal jedoch war ich kaum beeindruckt. Und was die Kollektivübersetzung betrifft, realisiert sich da für mich die alte Erfahrung, dass viele Köche den Brei verderben: die wenigen Wortspiele des Originals werden höchstens ansatzweise versucht nachzugestalten. Immerhin war der Kommentar der Übersetzerinnen ein wenig hilfreich, weil er Einblicke vermittelte in typisch amerikanische Konnotationnen, die ‚man‘ als Europäer nicht im Kopf hat.
    Aber manchmal möchte ich stöhnen, wenn ich diese Eiertänze lese von Menschen, die anscheinend kein größeres Problem haben als ihre – ach so leicht kränkbare – „Identität“, die ja eigentlich nur ein Mosaikteil dessen ist, was den jeweils einzelnen Menschen in seiner(! – Mensch ist grammatisch männlich!) Einmaligkeit ausmacht. – Immerhin gibt es ja dann auch noch „die“ Person“ – aber wen interessiert schon eine 83-jährige männlichweiße Person, die so und nur so nur einmal vorkommt, vorkam, vorgekommen sein wird! .
    Herzlichen Gruß
    Horst..

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