»Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie«: eine fortlaufende Online-Anthologie, zusammengestellt von Jan-Eike Hornauer
Jan-Eike Hornauer
Grau
Schwierig, im Nebel zu wandern:
Stets kratzt ein Busch, tritt ein Stein.
Trifft’s neben dir auch ’nen andern?
Weiß man’s? Es könnte so sein.
Dass aber unsere Welt,
dunstgrau und kantig und starr,
neben dir andre noch quält,
wär’s etwa besser, wär’s wahr?
Man ist für sich – und weise,
wer dies im Inn’ren erkennt.
Weint nur! Ja, weint – aber leise:
Ihr seid von allen getrennt.
Schwierig, im Nebel zu wandern,
dies auch noch stets ganz allein!
Wir sähen so gern einen andern
beim Wandern durchs eigene Sein …
© Jan-Eike Hornauer, München
+ Zu Original und HintergrundDas Vorbild ist hier mit »Im Nebel« ein zeitlos beliebtes sowie hochgradig existentielles Gedicht von Hermann Hesse. Der Nobelpreisträger nähert sich in ihm dem grundlegenden Einsamkeitsgefühl des Menschen über ein so simples wie eindrückliches Bild an, nämlich eine Nebelszenerie, in welcher nun wirklich jeder und alles voneinander separiert ist, ja, selbst für Steine und Bäume gilt der Befund des unüberbrückbaren Alleinseins – und für den Menschen erst recht. Selbst wenn die Jugend ihm noch was anderes vorgespiegelt haben mag, am Ende bleibt ihm dies: Isolation. Die Form lässt das Gesagte dabei noch eindringlicher wirken, Reim und Rhythmus sorgen für zusätzliche Tiefe, Greifbarkeit, geistige Verankerung.
Inspiriert von einem der verehrtesten und meistwiedergegebenen Gedichte deutscher Zunge, sollte »Grau« die Motivwelt aufgreifen, die Stimmungslage, die gebundene Form – und doch alles so variieren, dass neben einer Verbeugung auch ein eigenständiges Kunstwerk entsteht.
In voller Länge lesen und auch – vom Dichter selbst vorgetragen – hören lässt sich das Vorbild, lässt sich Hermann Hesses »Im Nebel« via Lyrikline: hhttps://www.lyrikline.org/de/gedichte/im-nebel-5490
+ Zum AutorJan-Eike Hornauer, geboren 1979, lebt als freier Textzüchter (Autor, Herausgeber, Lektor und Texter) in München. In Lübeck auf die Welt geworfen, aufgewachsen in Hausen bei Aschaffenburg, Studium der Germanistik und Soziologie in Würzburg. Seine literarischen Schaffensschwerpunkte sind: gereimte Lyrik (u. a. komische Gedichte sowie Gedichte zu den Themen Liebe, Gesellschaft und Tiere) und Kurzgeschichten unterschiedlichster Stimmungslage. Er ist zweiter Vorsitzender des Münchner Künstlervereins »Realtraum« sowie freier Redakteur bei »DAS GEDICHT blog«, der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik (GZL, Leipzig) und Literaturradio Hörbahn. Gedichte von ihm sind u. a. erschienen in Publikumsmedien (wie taz und Main-Echo sowie WDR 3 und 5), in Anthologien (u. a. bei Reclam und dtv) sowie in Literaturzeitschriften / -reihen (z. B. DAS GEDICHT, Versnetze, Poesiealbum neu, etcetera und Poesie Agenda).
Zuletzt als Buch herausgekommen sind sein zweiter Solo-Lyrikband »Das Objekt ist beschädigt – zumeist komische Gedichte aus einer brüchigen Welt« (muc Verlag 2016) und die beiden Herausgaben »Wenn Liebe schwant«, eine Anthologie mit neuen komischen Liebesgedichten zeitgenössischer Poeten (muc Verlag 2017), sowie »Semmel sei der Mensch, Bratwurst und Senf!« von Karsten Paul, das aus den »Gedichten mit Tradition« heraus entstanden ist und an dem Hornauer, wie in der Online-Reihe, als Herausgeber, Lektor und Einordnungstextverfasser beteiligt war (muc Verlag 2025).
Auf »DAS GEDICHT blog« hat er u. a. mehrere Online-Anthologien verantwortet, zu denen er auch je eigene Beiträge beigesteuert hat (etwa »Wenn Liebe schwant III« und »Vom Leder gezogen – zur EM 2016 in Frankreich«). Zusammen mit Alex Dreppec und Fritz Deppert hat er hier überdies die Reihe »Lockdown-Lyrik« herausgegeben, in der zahlreiche Poetinnen und Poeten den ersten Corona-Shutdown unmittelbar lyrisch begleitet und kommentiert haben.
Textzuechterei.de/autor.html
»Gedichte mit Tradition« im Archiv
Zu dieser Reihe: »Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie« ist eine Online-Sammlung zeitgenössischer Poeme, die zentral auf ein bedeutendes Werk referieren, ob nun ernsthaft oder humoristisch, sich verbeugend oder kritisch. Jeden zweiten Freitag erscheint eine neue Folge der von Jan-Eike Hornauer herausgegebenen Open-End-Anthologie. Alle bereits geposteten Folgen finden Sie hier.