Neugelesen, Folge 74: »Gesammelte Gedichte« von Hugo Ball

Bücher können auftauchen und glänzen, aber auch einstauben und verschwinden – immer gilt jedoch, ganz gleich, wie alt sie sind: Ihre Texte wollen neuentdeckt werden! David Westphal stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor.


Nachdem ich zuletzt Hugo Ball als Theatermacher und revolutionären Dichter kennengelernt habe, war mir danach, ihm weiter auf der Spur zu bleiben. Ich habe mich bei Online-Antiquariaten umgeschaut und bin auf »Hugo Ball ­– Gesammelte Gedichte. Mit Photos und Faksimiles« aus dem Arche-Verlag in Zürich gestoßen. Auf die volle Erwartung, dass dieser schöne, quadratische Band aus dem Jahr 1963 alle Gedichte Balls enthält, folgte schnelle Ernüchterung: Der Henker, um den es in der letzten Folge Neugelesen ging, ist schon einmal nicht drin. Trotzdem ist dieses Büchlein sehr gelungen. Es ist ein schöner Mix aus Gedichten, Bildern, Zeichnungen, Briefen und einigen »Erinnerungen und Bekenntnissen« von Ball selbst und von Wegbegleitern. Hinten im Buch dann auch gleich eine weitere Überraschung: Hugo Ball, den ich in meiner letzten Folge als Revolutionär kennen gelernt hatte, ist nach seinem politischen Engagement und seiner anarchistischen Ausrichtung zum Katholizismus reversiert. Strenggläubige Kreise und alte Mystiker waren von da an seine Bezugspunkte.

Was das bedeuten mag, hierzu möchte ich Ball selbst zitieren, mit einem Vier-Verse-Auszug, der mir zu diesem geschlagenen Haken passend vorkommt: »Er liebe es in allen Lebenslagen / Dem Unerhörten nur Gehör zu leihn. / Umgeben so von hundert Fabulein / Kann man nur zögernd ihm zu glauben wagen« (aus Epitaph). Und assoziativ weiter dem Zitat folgend, möchte ich anmerken: Das Unerhörte finde ich bei Ball insbesondere bei seiner Lautdichtung, etwa hier: »tressli bessli nebogen leila / flusch kata« (aus Seepferdchen und Flugfische). Eine Freundin hat seine Lautgedichte Zaubersprüche genannt. Das finde ich einen sehr schönen Vergleich, obwohl im Katholizismus Magie verboten ist. Aber die Kraft der Worte jenseits von profaner Bedeutung ist stark. Neben Dada und Lautgedichten scheint ihm die Sonett-Form besonders auf den Fersen zu sein. In nicht wenigen späteren Gedichten ist die christliche Mystik wiederum sehr präsent. Ein Lyriker zwischen Anarchie, Glaube, Klassik und Moderne. Für mich erwächst er mehr und mehr zu einem Wegbereiter der Poesie nach 1920. Wer seinen Weg auch nachbeschreiten möchte, dem empfehle ich zu Anfang in jedem Fall das kleine Quadrat aus dem Arche-Verlag, es ist auch antiquarisch gut erhältlich.


Cover »Gesammelte Gedichte« von Hugo Ball, Arche 1963

Hugo Ball
Gesammelte Gedichte
Mit Photos und Faksimiles
Hg. v. Annemarie Schütt-Hennings
Arche 1963
Softcover
124 Seiten
ISBN 3-7160-3507-6




David Westphal. Foto: Volker Derlath
David Westphal (Foto: Volker Derlath)



David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.




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