Inspiriert lassen hat sich Danilo Art-Merbitz für »Landkarte der Erinnerungen« von Robert Frosts »The Road Not Taken«. Art-Merbitz, nicht zuletzt durch seine beiden Gedichtbände »Von Rom nach New York« sowie, was bei dem Titel etwas überraschen mag, »Alpenglühen« als Freund der USA, ihrer Landschaft, Menschen und Kultur, bekannt, beschäftigt sich dabei keineswegs erstmals mit Frost, den US-amerikanischen Großdichter, der hierzulande erstaunlich wenig bekannt ist und den man gewiss als eines der großen Vorbilder des Leipziger Poeten bezeichnen darf.
In diesem Fall zentral: das Motiv des wohl berühmtesten Poems des vierfachen Pulitzer-Preisträgers, der 1874 in San Francisco geboren wurde und 1963 in Boston verstarb, nämlich jenes der Weggabelung. Sie bedeutet natürlich, wie Frost gemahnt, nicht nur eine Entscheidung für etwas, sondern auch eine gegen etwas – und auch Letztere wird das eigene Leben immer mit begleiten, nie ganz aus ihm verschwinden.
Als Setting wählt er dabei den Wald, man darf sich dabei wohl eher zwei Wege als zwei Straßen vorstellen. Und welchen Weg er nimmt, das macht er in Unkenntnis aller weiteren Dinge schlicht davon abhängig, dass der eine etwas komfortabler zu begehen zu sein scheint, da er grasreicher und aktuell (doch nicht gemeinhin!) weniger genutzt wirkt (insgesamt wirken beide Pfade recht gleich ausgetreten, und ihr Laub ist jeweils noch frisch). Dabei hat er vor, auch den anderen, später einmal, zu gehen – wohl ahnend, dass es dieses »später einmal« nie geben wird.
Frost erzählt so viel über die Grundlagen und die Auswirkungen von Entscheidungen, und zwar mithilfe eines eingängigen Waldwanderungsbildes. Dies erscheint dabei wenig neu, aber in seiner Kompaktheit und erzählerischen Kraft doch sehr berückend.
Dass mit Art-Merbitz nun ein deutscher Dichter sich der Wald- und Wanderungsthematik annimmt, dürfte kaum überraschen, ist die deutsche Lyrik doch gerade für Begriffe wie jenen romantischen der Waldeinsamkeit weltberühmt, und kennt man die Deutschen doch allgemein als wald- und wanderungsverrückt, was diese selbst wiederum längst freudestrahlend in ihr Selbstbild integriert haben, welches wiederum sie mit Eifer allenthalben zu bestätigen suchen.
Dabei übernimmt der Leipziger Poet die Entscheidungsmetaphorik und das Bild des Waldes. Anstatt aber sozusagen unthematisch das Leben und die (großen) Entscheidungen in ihm an sich zu behandeln, wählt er einen ganz konkreten Bezugspunkt: die romantische Liebe, genauer die (Nicht-)Beziehung zu einer Partnerin. Zudem beschreibt er nicht nur einen Zeitpunkt, sondern zeigt einen Zeitverlauf auf – was sich auch daran zeigt, dass der Wald sich hier wandelt, über die Jahreszeiten hinweg (wobei der Herbst, die Frost-Jahreszeit, bemerkenswerterweise übersprungen wird) bildstark und eindeutig den Beziehungsstatus widerspiegelt.
Anders als Frost entscheidet sich Art-Merbitz aber übrigens nicht explizit zwischen zwei Wegen, die an sich doch recht ausgetretene Weggabelungsmetapher umgeht Danilo Art-Merbitz, indem er nur einen Weg benennt – und zwar den nicht beschrittenen. Dafür macht er klar, was bei Frost zu ahnen ist: Jener verschwindet für immer. Bei Frost wohl deshalb, weil man in auf seinem Lebensweg, der ja mit der Wanderung dargestellt wird, nie mehr an jene Kreuzung zurück gelangt. Bei Art-Merbitz, weil der Weg an sich ungangbar wird. Für beide gilt dabei auch: Die nichtgenommenen Wege bestimmen das Leben mit. Und es muss immer unklar bleiben, ob die Entscheidung richtig war, eine Ambivalenz bleibt.
Zeittypisch (Frosts Gedicht stammt von 1915, die Art-Merbitz’ Verse von 2023) ist das Gedicht, das Inspiration diente dabei streng gebunden, also durch Strophenform und Reim sowie Rhythmus bestimmt, während das von ihm angestoßene Poem formal frei daherkommt. Und ebenso zeittypisch sind die Wege bei Frost in die Natur integriert, während die Straßen bei Art-Merbitz die Natur durchschneiden.
Das Frost-Gedicht, das nach US-Recht bereits gemeinfrei ist, nach unserem aber eben noch nicht (nach EU-Recht ist nicht entscheidend, wann das Gedicht entstanden ist, sondern nur ob der Poet schon länger als 70 Jahre tot ist), und also nicht einfach in diesem Klappkasten hier wiedergegeben werden kann, findet sich etwa hier auf den Seiten der Poetry Foundation: https://www.poetryfoundation.org/poems/44272/the-road-not-taken