Bücher können auftauchen und glänzen, aber auch einstauben und verschwinden – immer gilt jedoch, ganz gleich, wie alt sie sind: Ihre Texte wollen neuentdeckt werden! David Westphal stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor.
Immer mal wieder flammt hierzulande die Debatte um Migration auf. Nur selten bleibt es dabei sachlich. Und noch seltener wird auf Beispiele von Migration in anderen Ländern eingegangen. Zum Beispiel China: Ende des letzten Jahrhunderts gab es dort die bisher größte Migrationsbewegung überhaupt: jene der Mingong. Das sind inländische Arbeitsmigrantinnen und -migranten, die innerhalb der Volksrepublik Chinas von ländlichen Regionen in Ballungszentren gezogen sind, um dort Arbeit und ein besseres Leben zu finden. Aufgrund des chinesischen Einwohner-Melde-Systems durften diese Arbeiterinnen und Arbeiter aber an ihrem neuen Arbeitsort nicht einfach so sesshaft werden. Stattdessen blieben diese Arbeiter_innen-Massen (2013 sprach eine chinesische Behörde von über 250 Millionen Menschen) eine Art offenes Geheimnis mit unverändertem Wohnsitz in ihrer Heimat und ausgebeuteter Arbeitskraft in Elendsvierteln.
Während sich dort die Verelendung einer Arbeiterklasse wiederholt und Nöte grassieren, beginnt diese Klasse aber auch, eine Stimme zu finden. Es entsteht etwa eine Lyrik-Bewegung der Wanderarbeiter_innen. Eine ihrer bekanntesten Vertreterinnen ist Zheng Xiaoqiong. Letztes Jahr hat der Engeler-Verlag die Gedichte von Xiaoqiong in einem größeren Umfang für ein deutsches Publikum zugänglich gemacht. In einer zweisprachigen Ausgabe (chinesisch/deutsch), übersetzt und herausgegeben von Sara Landa, Maja Linnemann, Eva Schestag und Lea Schneider, findet sich eine Auswahl von Gedichten, die ungefähr zwei Jahrzehnte umfasst.
»Teil eins beginnt mit gewölbten Eisenplatten«. Die Dichterin war selbst eine dieser Wanderarbeiterinnen und hat vor allem in der Eisen- und Elektronikherstellung gearbeitet. Ihre prosaischen Gedichte handeln viel von der Entmenschlichung am Fließband, den schwierigen Arbeitsbedingungen und der entfremdeten Arbeit, die dort geleistet wird. Die Maschinen sind ständige Begleiterinnen und beeinflussen den Ton, den Rhythmus und die Bilder, die sich in den metaphernreichen und sehr körperlichen Gedichten manifestieren. Sie müssen schließlich körperlich sein, denn die Arbeiterin hat nichts anzubieten, außer ihrer Arbeitskraft – das spürt man von Gedicht zu Gedicht. Für mich sind diese Gedichte eine wichtige Erinnerung daran, wie existenziell die Lyrik sein kann. Das wird ganz besonders deutlich im Kapitel »Buch der Arbeiterinnen«. Die Gedichte des Kapitels sind dem gleichnamigen Gedichtband entnommen. Hier wurden Gedichte geschrieben, die auf Gesprächen mit Arbeiterinnen fußen, benannt nach der jeweiligen Arbeiterin. Die Autorin hat in ihrer wenigen Freizeit und letzten Kraft noch diese Unterhaltungen geführt und dokumentiert. Menschen, die, wie Xiaoqiong des Öfteren betont, sonst nur eine Nummer am Fließband sind, finden hier Gehör, Namen und damit Identität. Der reichhaltige Band ist zudem von einem Autorinnengespräch und weiterführenden Links flankiert.
Xiaoqiongs Gedichte lassen sich zweifellos kapitalismuskritisch lesen. Hie und da verlassen sie auch das partikulare Arbeiterinnen-Dasein und blicken auf jene globalen Märkte, für die sich verausgabt wird. Die Lyrik-Bewegung der Wanderarbeiter_innen wird viel rezipiert, auch in China; es gibt ein Museum, Veranstaltungen, Editionen und mehr. Was Sinn ergeben würde, versteht sich die Volksrepublik China doch als kommunistisch geprägtes Land und damit: proletarisch. Es gibt eine proletarische Schreibtradition in China. Doch so einfach ist es nicht. Der sozialistische Realismus Chinas verherrlicht und letztlich: verstellt den Blick auf die tatsächliche Situation der Arbeiterschaft. Dadurch bewegt sich die Wanderarbeiter_innen-Lyrik durchaus in einem politischen Spannungsfeld und diagonal durch den geradlinigen Raum des sozialistischen Realismus hindurch. Vielleicht ist das ein Grund, warum Wut, Hass und Verfluchungen eigentlich keine Rolle spielen. Die Wurzel des Leids bleibt unangetastet, es ist keine radikale oder revolutionäre Lyrik. Aber Zeile um Zeile so wahrhaftig und nicht ohne Agenda: das Geheime öffentlich machen und den Anonymen ein Gesicht geben.

Zhen Xiaoqing
Erzählung von den Konsumgütern
Gedichte, aus dem Chinesischen übersetzt von Sara Landa,
Maja Linnemann, Eva Schestag, Lea Schneider und Christian Filips
Hg. v. Christian Filips
Zweisprachige Ausgabe: Chinesisch und Deutsch
Engeler, Reihe Poesie Dekolonie 2025
Engl. Broschur, 182 Seiten
ISBN 978-3-907369-52-4

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.




