Im babylonischen Süden der Lyrik, Folge 124: »Autorretrato a los ochenta años – Selbstbildnis mit achtzig Jahren« – ein neues Gedicht von Homero Aridjis

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 



Homero Aridjis

Autorretrato a los ochenta años

Nunca pensé pasar mis ochenta años
en el año de la plaga y de la plebe gobernante.
Pero aquí estoy recluido en mi casa
de la ciudad de México, acompañado por Betty,
mi esposa de toda la vida,
y por tres gatos ferales que llegaron de la calle;
ah, y por una imagen de la Virgen del Apocalipsis
alumbrada día y noche en la pared de la escalera.

Chloe y Eva, mis hijas, gemelas astrales,
se han convertido en madres espirituales,
y Josefina, mi nieta única, se ha vuelto una abuela lúdica.
Están en Londres y Brooklyn, separadas de nosotros,
detrás de ventanas viendo y oyendo
pasar las ambulancias de la muerte.

Hay paraísos que no tienen país
y mis soles son soles interiores,
y el amor, más que el sueño
es una segunda vida,
y lo viviré hasta el último momento
en la estupenda cotidianeidad del misterio.

Rodeado de luz y de gorjeo de pájaros,
vivo en un estado de poesía,
porque para mí, ser y poetizar es lo mismo.
Por eso quisiera, en estos días finales,
como Tiziano, representar una vez más el cuerpo humano.
Polvo seré mas polvo enamorado.

* * *


Homero Aridjis

Selbstbildnis mit achtzig Jahren

Ich hätte nie gedacht, dass ich meinen Achtzigsten
im Jahr der Pest und des herrschenden Pöbels verbringe.
Aber hier bin ich, in meinem Haus
in Mexiko-Stadt, zurückgezogen, begleitet von Betty,
meiner lebenslangen Frau,
und drei wilden Katzen, die von der Straße gekommen sind;
ach, und einem Bild der Jungfrau der Apokalypse,
Tag und Nacht an der Treppenhauswand beleuchtet.

Chloe und Eva, meine Töchter, Astralzwillinge,
verwandelten sich in spirituelle Mütter,
und Josefina, meine einzige Enkelin, wurde zur verspielten Großmutter.
Sie sind in London und Brooklyn, getrennt von uns,
hinter Fenstern sehen und hören sie,
wie die Krankenwagen des Todes vorbeifahren.

Es gibt Paradiese, die kein Land haben,
und meine Sonnen sind innere Sonnen,
und die Liebe, mehr als der Traum,
ist ein zweites Leben,
und ich werde sie bis zum letzten Augenblick leben:
in der wunderbaren Alltäglichkeit des Mysteriums.

Umgeben von Licht und Vogelgezwitscher
lebe ich in einem Zustand der Dichtung,
denn für mich sind Sein und Dichten dasselbe.
Deshalb möchte ich in diesen letzten Tagen,
wie Tizian, den menschlichen Körper ein zusätzliches Mal darstellen.
Zu Staub werde ich, jedoch verliebter Staub.

Aus dem mexikanischen Spanisch übertragen von Juana Burghardt und Tobias Burghardt
© Homero Aridjis

 

Tobias Burghardt. Foto: privat
Tobias Burghardt (Foto: privat)

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Essayist, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte den Essayband »Ein Netz aus Blicken. Essays für lateinamerikanische Lyrik« und mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie sowie »Septembererde & August-Alphabet«. Zuletzt erschien seine Werkauswahl »Mitlesebuch 117« (Aphaia Verlag, Berlin/München 2018), sein aktueller Gedichtband »Die Elemente der See« und die umfangreiche Werkauswahl 19912021 »Das Gedächtnis des Wassers«.  2020 erhielt er den Internationalen Poesiepreis »Città del Galateo – Antonio de Ferrariis« in Rom, Italien. Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, Indien, im Irak, in Japan, Kolumbien, Portugal, Serbien, Schweden, Uruguay und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet.

Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem »Internationalen KATHAK-Literaturpreis« in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, und als Verlagsteam der Edition Delta mit dem »Deutschen Verlagspreis 2021« und dem »Deutschen Verlagspreis 2024« des Kulturstaatsministeriums, Berlin, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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