Neugelesen, Folge 73: »Der Henker« von Hugo Ball

Bücher können auftauchen und glänzen, aber auch einstauben und verschwinden – immer gilt jedoch, ganz gleich, wie alt sie sind: Ihre Texte wollen neuentdeckt werden! David Westphal stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor.


Portrait von Hugo Ball anno 1916
Hugo Ball 1916

Vor kurzem war ich wieder einmal in den Münchner Kammerspielen: Friedrich Schiller, Wallenstein. Eigentlich eine Dramentrilogie, die Goethe in drei Teilen uraufgeführt hat, hat der Regisseur Jan-Christoph Gockel einen siebenstündigen Theatertag draus gemacht. Aus meiner Sicht ein Muss für alle Theaterbegeisterten! Während ich die nächsten Tage noch im Begleitmaterial herumblättere und den Wallenstein auch mal wieder aufschlage, kommt mir die Frage, seit wann die Kammerspiele eigentlich existieren. Möglicherweise habe ich das zu Schulzeiten schon einmal gehört, aber ich kann mich nicht daran erinnern. Ich recherchiere also etwas und stoße auf Hugo Ball. Hugo Ball und die Kammerspiele? Was weiß ich eigentlich über Hugo Ball? Lyriker. Irgendwie Dada-(Mit?-)Begründer, vielleicht auch Expressionismus? Ich ordne meine Gedanken. Germanistikstudium, zweites oder drittes Semester, Seminar über Expressionismus. Reclam Universalbibliothek, Band 18181: 50 Gedichte des Expressionismus (die Band-Nummer weiß ich nicht aus dem Gedächtnis, aber der Band steht hinter mir in meinem Bücherregal). Mir fällt aber auch ein, dass unser Dozent meinte, dass die letzten Autoren aus diesem Band eher über den Expressionsmus hinaus deuten. So auch Hugo Ball, der ein Wegbereiter der Lautlyrik ist (»Karawane // jolifanto bambla o falli bambla«). Gleichzeitig stand er aber auch mit der Gruppe des Blauen Reiters in enger Verbindung, die durchaus dem Expressionismus zugeordnet werden. Alles nicht ganz klar, irgendwie … Und was ist das jetzt mit den Münchner Kammerspielen?

Tatsächlich war Ball, wie eine kurze Recherche sogleich zeigt, nicht nur Lyriker, so wie ich ihn vornehmlich kennengelernt habe, sondern auch u. a. Dramatiker, Dramaturg und Regisseur. 1912 ist er zum Münchner Lustspielhaus gekommen: Unter der Leitung von Eugen Robert wurde das Lustspielhaus am 11. Oktober 1912 unter dem von Ball vorgeschlagenen Namen Münchner Kammerspiele eröffnet. Im Übrigen, für alle, die die Theaterlandschaft in München kennen: Die Kammerspiele waren zu diesem Zeitpunkt dann tatsächlich in der Augustenstraße 89, wo das heutige Lustspielhaus noch immer ist. Diese Namensüberschneidungen sind kein Zufall, und die Geschichte dieser Spielstätte geht noch weiter zurück. Doch bleiben wir bei Ball: Im folgenden Jahr, 1913, erscheint Balls Gedicht Der Henker in der ersten Ausgabe von Heinrich F. S. Bachmairs Zeitschrift Revolution.


Der Henker

Ich kugle Dich auf Deiner roten Decke.
Ich bin am Werk: blank wie ein Metzgermeister.
Tische und Bänke stehen wie blitzende Messer
der Syphiliszwerg stochert in Töpfen voll Gallert und Kleister.

Dein Leib ist gekrümmt und blendend und glänzt wie der gelbe Mond
deine Augen sind kleine lüsterne Monde
dein Mund ist geborsten in Wollust und in der Jüdinnen Not
deine Hand eine Schnecke, die in den blutroten Gärten voll Weintrauben und Rosen wohnte.

Hilf, heilige Maria! Dir sprang die Frucht aus dem Leibe
sei gebenedeit! Mir rinnt geiler Brand an den Beinen herunter.
Mein Haar ein Sturm, mein Gehirn ein Zunder
meine Finger zehn gierige Zimmermannsnägel
die schlage ich in der Christenheit Götzenplunder.

Als dein Wehgeschrei dir die Zähne aus den Kiefern sprengte
da brach auch ein Goldprasseln durch die Himmelssparren nieder.
Eine gigantische Hostie gerann und blieb zwischen Rosabergen stehen
ein Hallelujah gurgelte durch Apostel- und Hirtenglieder.

Da tanzten nackichte Männer und Huren in verrückter Ekstase
Heiden, Türken, Kaffern und Muhammedaner zumal
Da stoben die Engel den Erdkreis hinunter
Und brachten auf feurigem Teller die Finsternis und die Qual.
Da war keine Mutterknospe, kein Auge mehr blutunterlaufen und ohne Hoffen
Jede Seele stand für die Kindheit und für das Wunder offen.


Für alle, die sich fragen: Ja, es handelt sich hier um jenen Bachmair, der 1919 auf dem Pasinger Marienplatz die Räterepublik ausgerufen haben wird, um schließlich die Rote Artillerie vor Dachau unter Ernst Toller zu führen. Das Heft wird umgehend konfisziert; der Vorwurf: Verbreitung unzüchtiger Schriften. Das Reichsgericht entschied im Jahr 1914 in letzter Instanz jedoch anders: Das Gedicht sei »unverständlich« und rufe daher keine »schamverletzende Wirkung« hervor.

Für Ball ein doppelter Glücksfall: Seine Bekanntheit ging mit der ursprünglichen Klage durch die Decke, und er musste nun keine Konsequenzen mehr fürchten. Nicht, dass ich viel über die Rechtsprechung dieser Zeit wüsste, aber auf mich wirkt das wie ein geradezu progressives Urteil – falls es nicht gänzlicher Inkompetenz und Gleichgültigkeit gegenüber Lyrik zuzuschreiben ist. Denn dieses Gedicht ist voll von Assoziationsspielräumen, die sich uns gewiss nicht in vollumfänglicher Verständlichkeit eröffnen, aber so viel Platz lassen für »schamverletzendes« Denken. Sei es sexueller, geradezu pornographischer Natur, wie auch an Grenzen religiöser Empfindlichkeiten und politischer Gewohnheiten. Man kann auch sagen: Bachmair hat Gründe dafür gesehen, dass dieses Gedicht in seine erste Ausgabe der Revolution hineinmusste. Es bewegt sich am Rande hermetischer Dichtung, die sich mir meist der Metapher folgend erschließt, fasziniert vor einer Scheibe zu stehen und dem Geschehen dahinter zuzuschauen, ohne teilnehmen zu können oder um die Ecken zu schauen. Es ist manchmal merkwürdig, wie man neue und alte Dichtung plötzlich neu entdeckt und was sich mit einem Mal für Welten eröffnen.




David Westphal. Foto: Volker Derlath
David Westphal (Foto: Volker Derlath)



David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.




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