»Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie«: eine fortlaufende Online-Anthologie, zusammengestellt von Jan-Eike Hornauer
Georg Eggers
Der Panther
Bei Dichtern ist der schwarze Panther
ja wahrlich kein ganz Unbekannter.
Sie neigen dazu, jenen Tieren
so manches anzumetaphieren.
So schön und wild das Panthertier,
und nach der Freiheit lechzt es schier.
Und wie es leidet (seht nur, seht!),
wenn es im Käfig Runden dreht.
Nur hat kein Dichter unverzagt
mal selbst im Käfig nachgefragt!
Könnt’ sein, dass es ihn sehr erstaunt,
was ihm der Panther fauchend raunt:
»Verpiss dich, schlapper Reimeknecht!
Die ihr vom Wilden radebrecht:
Ich spiel’ nicht länger Alibi
für eure wilde Phantasie.
Die Freiheit, ja, verdammt noch mal,
wird eines Tages auch zur Qual.
Weil du dich jeden Tag voll Frust
alleine motivieren musst.
Das ganze wilde Jagd-Zickzack,
das ging mir so sehr auf den Sack!
Und ständig stieg mir irgendwer
mit seiner Knarre hinterher.
Der ganze Mythos, ja, ich weiß,
kommt bloß von diesem Rilke-Scheiß.
Begreif’ es endlich, sei nicht dumm:
Ich hänge hier sehr gerne rum!
Ich sehnte mich schon lange Zeit
nach häuslicher Beschaulichkeit.
Fand schließlich hier im Käfig drin
zu fressen und ’ne Pantherin.
Und ist dein Leben dir zu fad,
dann gebe ich dir diesen Rat:
Lass du mich bloß in Ruhe hier
und werd’ gefälligst selbst zum Tier!«
So könnte seine Antwort sein …
Ich sage »könnte« ganz allein –
hab’ ich es doch auch nie gewagt
und ihn im Käfig selbst befragt.
Denn ich bin zwar der Sorgen voll,
wohin mein Leben führen soll,
doch weiß ich immerhin so viel:
dass ich am Leben bleiben will.
© Georg Eggers, München
+ Zu Original und Hintergrund
Rainer Maria Rilke
Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.
Zur Panther-Reihe: »Der Panther« von Rilke war ohnehin schon mit klarem Abstand das am häufigsten genutzte Vorlagen-Gedicht dieser Reihe. Popularität und Angebot an vor allem inhaltlichen, jedoch auch formalen Anknüpfungspunkten sind hier zwei entscheidende Kriterien: Das Rilke-Raubtier gilt vielen meiner Dichterkollegen (sogar dann, wenn sie ihn einmal weniger zart weiterverarbeitet haben sollten!) wie auch mir als eines der besten deutschen Gedichte überhaupt; sie kennen es gut, tragen es im Geiste immer mit sich und beschäftigen sich gerne mit ihm. Und es lässt sich in vierlei Hinsicht uminterpretieren sowie thematisch (hinsichtlich unterschiedlichster Aspekte von Leben und Gesellschaft), auf die Zeit bezogen sowie auch formal und sprachlich wahlweise gut originalnah nutzen oder auch neu denken.
Aus der ohnehin großen Präsenz des Rilke-Panthers in »Gedichte mit Tradition« ergab sich der Gedanke, die »Panther«-Nachfolgegedichte quasi als kleine Sammlung innerhalb der Reihe leicht zugänglich zu machen sowie auch die Panther-Familie noch weiter zu stärken. Entsprechend rufe ich seitdem, in öffentlichen Beiträgen wie diesem hier und im persönlichen Kontakt mit Dichterinnen und Dichtern, dazu auf, weitere »Panther«-Lyrik zu verfassen bzw. auch bereits bestehende einzusenden. Das hat bereits zu einer überaus erfreulichen Resonanz geführt und auch dazu, dass zahlreiche Panther-Poeme neu entstanden bzw. erstmals veröffentlicht wurden. Wunderbar und überaus erfreulich!
Die »Reihe in der Reihe« soll auch weiter fortgesetzt werden, über entsprechende Zusendungen freue ich mich. Viele, teils sehr namhafte und in jedem Fall von mir geschätzte Vers-Dompteure haben bereits extra für diese Serie gezüchtet oder ihre schon lange umherstreifenden poetischen Großkatzentiere bei ihr in Obhut gegeben: Helmut Krausser, Axel Kutsch, Matthias Kröner, Barbara Weinzierl, Alex Dreppec, Uwe-Michael Gutzschhahn, Karsten Paul, Patricia Falkenburg, Volker Maaßen, Michael Hüttenberger, Gabriele Trinckler, Jan Causa, Hans-Werner Kube, Julia Bachhuber, Jochen Stüsser-Simpson, Thomas Glatz, Christian Engelken, Jens Rohrer, Matthias Gysel sowie Achim Raven. Und auch ich selbst habe natürlich einen Panther großgezogen und entlassen.
Damit alle bisherigen und künftigen »Panther«-Gedichte mit nur einem Klick übersichtlich zugänglich sind, wurden die entsprechenden Folgen mit dem Tag »Der Panther« versehen; entweder unten auf den Tag klicken oder hier auf den nachfolgenden Link, und schon steht die ganze »Panther«-Familie versammelt da: https://www.dasgedichtblog.de/tag/der-panther
+ Zum Autor
Georg Eggers (alias »Grög!«), geb. 1967 in Göttingen, wo er auch Physik studierte der und promovierte, ging zunächst als Entwicklungsingenieur nach München, wo er seit 2012 als Professor der Hochschule für angewandte Wissenschaften für Sensorik und Signalverarbeitung wirkt. Darüber hinaus präsentiert er Wissenschaft auch noch besonders niedrigschwellig und lustbetont, und zwar mit seiner wissenschaftssatirischen Veranstaltungsreihe »Die Physik des Scheiterns«, in der er auf Kabarettbühnen ebenso wie in Hörsälen und auf Konferenzen wissenschaftliche Entdeckungen und Erfindungen präsentiert, die sich nicht wirklich im Sinne des Erfinders entwickelt haben.
Bereits 2004 entdeckte er in der bayrischen Landeshauptstadt den sich in Deutschland etablierenden Poetry Slam als Bühne für seine satirischen Kurzgeschichten, dramatischen Versgedichte und Fabeldichtungen. Er trat in den folgenden Jahren auf Veranstaltungen im ganzen deutschen Sprachraum auf und vertrat München fünfmal auf den deutschsprachigen Slam-Meisterschaften. 2009 hatte sein erstes literarisches Kabarett-Solo »Wo denken Sie hin?« Premiere. Mit ihm war er anschließend u. a. in der Münchner Lach- & Schießgesellschaft zu sehen. Seit 2011 ist er fester Autor der Münchner Lesebühne »Westend ist Kiez«.
Georg Eggers’ Gedichte und Kurzgeschichten erschienen in einer Reihe von Anthologien, etwa in mehreren Ausgaben von DAS GEDICHT und in den Hausbüchern der süddeutschen Schriftstellervereinigung Münchner Turmschreiber, dessen Präsidium er auch angehört. Dazu war er bereits im Bayerischen Rundfunk zu vernehmen, und zwar in den »radioSpitzen« und im Fernsehformat »Vereinsheim Schwabing«.
physik-des-scheiterns.de und groeg.de
»Gedichte mit Tradition« im Archiv
Zu dieser Reihe: »Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie« ist eine Online-Sammlung zeitgenössischer Poeme, die zentral auf ein bedeutendes Werk referieren, ob nun ernsthaft oder humoristisch, sich verbeugend oder kritisch. Jeden zweiten Freitag erscheint eine neue Folge der von Jan-Eike Hornauer herausgegebenen Open-End-Anthologie. Alle bereits geposteten Folgen finden Sie hier.