Das Vor- für Hans-Werner Kubes »Selbstbild« ist ein Epigramm Erich Kästners, und zwar »Unsanftes Selbstgespräch«. In diesem kleinen, flapsigen und inhaltsreichen Stück aus der Sammlung »Kurz und bündig« von 1950 verweist Kästner sich selbst – und damit selbstredend auch seine Leser – darauf, dass jener, der fotografiert, hinterher nicht selber auf dem Bild zu sehen ist. Nun, ein gutes Dreivierteljahrhundert später sind da die technischen Möglichkeiten und gesellschaftlichen Gepflogenheiten natürlich ganz anders gelagert – der Mensch jedoch, er ist und bleibt, ganz unverbesserlich, ein Schaf.
Übrigens ist diese Veränderung, die Umkehrung der Gegebenheiten, nicht nur im direkt wörtlichen Verständnis dieser jeweils vier Zeilen zu sehen: War etwa im Journalistischen das Ich lange verpönt, so rückte es im Pop-Journalismus ins unbedingte Zentrum, der Berichterstatter trat aus der zuvor gesuchten Unsichtbarkeit heraus und avancierte zum zentralen Betrachtungsgegenstand im eigenen Stück. Ähnliche Feststellungen sind auch für Film, bildende Kunst und Literatur zu treffen. Klar, den sich selbst beobachtenden und beschreibenden Autor etwa gab es schon immer (man denke nur an Marcel Proust) – aber Autofiktion als Standard und Gütesiegel, das ist schon ein sehr heutiges Phänomen (welches weit über prominente Vertreter wie Karl Ove Knausgård und Joachim Meyerhoff hinausstrahlt).
Zudem gilt es zu bedenken, dass weder Kästner noch Kube einen absoluten Ist-Zustand aufzeigt, sondern nur vorherrschende Strömungen. Und dass in beiden Fällen ganz wesentlich nicht nur das Sein, sondern auch der fundamentale Haltungs- und Arbeitsanspruch formuliert wird.
Formal fällt auf: Kube orientiert sich eng an Kästner, er bleibt nicht nur in der Verszahl gleich, er übernimmt auch Kreuzreim, Zweihebigkeit und das Prinzip der stets männlichen Kadenzen. Letztlich erweist er sich aber gar noch ein bisschen strenger als der Originalpoet: Konsequent zieht er den Jambus durch, während Kästner in Vers zwei und vier – an unterschiedlicher Stelle – auch mal zwei unbetonte Silben in Folge bringt.
Es bleibt, formal wie auch inhaltlich: Kube ist dicht am Vorbild – und verwandelt es sich doch an. So gibt er ihm neuen Drive und neue Bedeutung – und erweitert es ins Jetzt. Das Kästner-Epigramm im Wortlaut findet sich etwa hier (im Artikel »Kästner und Lessing« auf Literaturkritik.de wird es vollständig wiedergegeben): https://literaturkritik.de/kaestner-und-lessing-ein-urenkel-der-deutschen-aufklaerung,30359.html