Bücher können auftauchen und glänzen, aber auch einstauben und verschwinden – immer gilt jedoch, ganz gleich, wie alt sie sind: Ihre Texte wollen neuentdeckt werden! David Westphal stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor.
Manchmal, da fühlt es sich so an, als dürfe man nichts mehr sagen. Aber das ist keineswegs richtig. Wir dürfen eigentlich alles sagen, was nicht die Rechte von anderen diskreditiert. Und doch erlange ich den Eindruck, dass sich Dichterinnen und Dichter oft zurückhalten. Sprache ist ihr Metier, der Markt ist überhitzt (oder sogar schon erkaltet), und dann ein Fehltritt? Ein Skandal? Das muss man sich leisten können – oder im Untergrund leben. Das deutsche Wort »Untergrund« klingt geradezu tragisch, das englische »Underground« hingegen referenziert auf etwas Cooles, etwas Subkulturelles, und nicht nur ein Kellerloch – auch wenn wir auf das Kellerloch nochmal zu sprechen kommen werden. Und so lohnt es sich, mal in den Underground zu schauen, wenn man es etwas unverblümter haben möchte. Und in diesem Fall lohnt es sich vielmehr hinzuhören.
Die Japanischen Kampfhörspiele sind eine extreme Metal-Band, die sich im Jahre 1998 gegründet hat. Man schreibt ihnen zu, dass sie sogenannten Deathgrind machen, also eine Mischung aus Deathmetal und Grindcore. Manchen mag es spitzfindig erscheinen, aber Grindcore ist streng genommen nicht aus dem Metal der 80er Jahre hervorgegangen – so wie das für Deathmetal der Fall ist –, sondern eine musikalisch brutalere Abspaltung aus dem Punkrock. Im Fall von JaKa spielt das tatsächlich eine Rolle. Denn ihre Texte haben uns im Visier: die Konsumgesellschaft. 2017 ist der Band »Japanische Kampflektüre« von Christof Kather erschienen. Er ist Gründer und Texter der Band und selbsternannter Grindcorechansonnier. Im Selbstverlag wurden ausgewählte Songtexte von 2016 bis 1998 veröffentlicht. Chronologisch rückwärts und nach Musikalbum sortiert, ist das kleine Bändchen voll mit den Lyrics der Japanischen Kampfhörspiele.
Der durchaus produktive Lyriker, der auf dem Buchcover mit dem seinem bürgerlichen Namen sehr anverwandten Künstlernamen Christ of Kather steht, hat in den letzten beinahe dreißig Jahren dabei schon einige Schellen ausgeteilt. Seine Texte sind immer am Puls der Zeit: digitale Phänomene, politische Entgleisungen, wuchernde Gesellschaftsdebatten und so weiter und so fort. Oder in den eigenen Worten des selbsternannten »süßen Sozialphobikers«: »Inhaltlich so widersprüchlich wie du und ich richten sich die Texte unter anderem gegen Arbeitssucht, Fremdverwirklichung, digitale Dauerbevormundung, allzu cheapes Sheepletum und vermeintlichen facebook-Ruhm. Sie sind also hoch aktuell und sehr wichtig!« (So zu finden auf seiner persönlichen Homepage – und natürlich mit einer ordentlichen Portion Selbstironie versehen.)
Das ist manchmal sehr witzig, manchmal bitter und manchmal auch erschütternd, bis hin zum Blutbad, wie es sich für Deathmetal gehört. Die Groteske ist diesem Genremix eingeboren. Die lyrische Form der Liedtexte steht nicht unbedingt im Vordergrund. Es sind eher das Sprachspiel, der Wortwitz und der Schlag vor den Bug, auf die es ankommt. Nichtsdestoweniger sind es Liedtexte, und sie haben deshalb häufig einen rhythmischen, musikalischen Charakter – auch wenn nicht allen Leser_innen die Musik von den Japanischen Kampfhörspielen gefallen dürfte. Doch dann kommt mir immer wieder der Gedanke: Ist der harte Klang nicht vielleicht das passende Gewand für Kathers Texte?
In jedem Fall steckt im Projekt JaKa sehr viel Sturheit, Satire, Musik und jede Menge Überraschendes an unerwarteter Stelle. Im OX-Fanzine heißt es dazu: »Mütter und Väter dieser Welt: Holt eure Kinder vom Poetry Slam und schickt sie mit diesem Büchlein in den Keller – Social Beat ist tot, es lebe deutsche Grindcoreprosa!« Also doch ab in den Keller, in den Untergrund! Darüber hinaus ist das Schriftbild an eine schlampige Schreibmaschinenarbeit angelehnt, in der herumgebastelt und hart gearbeitet wurde. Das steht diesem Sonderling ausgezeichnet!

Christ of Kather
Japanische Kampflektüre
Ausgewählte Songtexte 2016 – 1998
Selbstverlag 2017
Softcover
137 Seiten

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.



