»Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie«: eine fortlaufende Online-Anthologie, zusammengestellt von Jan-Eike Hornauer
Karsten Paul
Der gelegentliche Waldspaziergänger
denkt über seinen Abschied nach
Wer hat dich, du Fichtenforst,
konzipiert als Nutzplantage,
Borkenkäferfraß, Blamage,
welcher Trottel, welcher Horst?
Schau dich an,
schau dich an, wie du verdorrst!
Sparen soll ich jetzt beim Sprit,
Häuschen luftdicht renovieren,
Heizung entkarbonisieren …
Wirst du dadurch wieder fit,
deutscher Wald,
oder bleibst du aus dem Tritt?
Ja, der Mensch, der passt sich an,
keltert Trollinger in Schweden,
Grönland wird zum Garten Eden,
und die Häuser baut man dann
unter Tage,
wo man sie gut kühlen kann.
Shit, was geht der Wald uns an?
Seinetwegen jetzt verzichten?
Ganz das Leben neu ausrichten?
Bloß damit er wachsen kann,
einheitsbraungrün,
dieser dumpfe deutsche Tann?
Nein. Dein Sterben nervt nur, Wald.
Niemand lässt sich gern bedrängen
von Ästlein, die so traurig hängen –
jeder wird am Ende alt.
Lebe wohl!
Schirm dich Gott, du schöner Wald!
© Karsten Paul, Linz und Nürnberg
+ Das Original
Joseph von Eichendorff
Der Jäger Abschied
Wer hat dich, du schöner Wald,
Aufgebaut so hoch da droben?
Wohl den Meister will ich loben,
Solang noch mein’ Stimm’ erschallt.
Lebe wohl,
Lebe wohl, du schöner Wald!
Tief die Welt verworren schallt,
Oben einsam Rehe grasen,
Und wir ziehen fort und blasen,
Daß es tausendfach verhallt:
Lebe wohl,
Lebe wohl, du schöner Wald!
Banner, der so kühle wallt!
Unter deinen grünen Wogen
Hast du treu uns auferzogen.
Frommer Sagen Aufenthalt!
Lebe wohl,
Lebe wohl, du schöner Wald!
Was wir still gelobt im Wald,
Wollen’s draußen ehrlich halten,
Ewig bleiben treu die Alten:
Deutsch Panier, das rauschend wallt,
Lebe wohl!
Schirm’ dich Gott, du schöner Wald!
+ Zum Autor
Karsten Ingmar Paul wurde 1970 in Kaufbeuren geboren und lebt heute in Linz und Nürnberg. Der als ordentlicher Professor an der Johannes-Kepler-Universität in Linz tätige Psychologe kann zahlreiche Fachpublikationen vorweisen, dazu sind etliche seiner Gedichte in Anthologien, u. a. in »Wenn Liebe schwant« (hg. v. Jan-Eike Hornauer, muc Verlag 2017), und Literaturzeitschriften veröffentlicht, u. a. in »Das Gedicht« und »Macondo«.
Er ist regelmäßiger Autor von »Gedichte mit Tradition – neue Blätter am Stammbaum der Poesie«. Mehrfach wurde Paul bei Lyrikwettbewerben ausgezeichnet, zuletzt beim Lyrikstier 2018 (Jurypreis), beim Preis für politische Lyrik 2017 (1. Platz), beim Hochstadter Stier 2014 (Publikumspreis 1. Platz) und beim Jokers Lyrik-Preis 2013 (TextArt-Sonderpreis).
Jüngst ist sein erster Lyrikband erschienen, inspiriert durch die Reihe »Gedichte mit Tradition« und eng verwoben mit ihr: »Semmel sei der Mensch, Bratwurst und Senf!« (Untertitel »Fortschreibungen, Parodien, Gegenreden usw. zu klassischen Gedichten von Martial über Goethe bis Gomringer – frisch aus den Niederungen des Jetzt«, herausgegeben und mit Einordnungstexten von Jan-Eike Hornauer, muc Verlag 2025).
»Gedichte mit Tradition« im Archiv
Zu dieser Reihe: »Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie« ist eine Online-Sammlung zeitgenössischer Poeme, die zentral auf ein bedeutendes Werk referieren, ob nun ernsthaft oder humoristisch, sich verbeugend oder kritisch. Jeden zweiten Freitag erscheint eine neue Folge der von Jan-Eike Hornauer herausgegebenen Open-End-Anthologie. Alle bereits geposteten Folgen finden Sie hier.