»Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie«: eine fortlaufende Online-Anthologie, zusammengestellt von Jan-Eike Hornauer
Carsten Stephan
Matze Maier
Matze Maier schrieb am Abend
Launig mit geschnorrtem Stifte
Ein paar Zeilen auf den Deckel
Seines Bieres.
Und am nächsten Morgen schellten
Vierzig feiste Großverleger,
Bis er endlich irgendeinem
Gähnend nachgab,
Der sein Werk in einer Woche
Dann millionenfach verkaufte
Und die Wälder niederwalzte
Fürs Papier.
Matze Maier zuckte zaghaft
Seine schönen, schmalen Schultern
Und zog zügig in ein Schlösschen,
Fern in Frankreich,
Wo bald große Kipper knatternd
Geld aus Hollywood abluden
Und die Groupies grinsend aus den
Laken lugten.
Und kaum einen Monat später
Schrieb er wundersamerweise:
Werde nie im Leben Dichter!
Und zerbarst.
© Carsten Stephan, Frankfurt am Main
+ Das Original
Alfred Lichtenstein
Der Rauch auf dem Felde
Lene Levi lief am Abend
Trippelnd, mit gerafften Röcken,
Durch die langen, leeren Straßen
Einer Vorstadt.
Und sie sprach verweinte, wehe,
Wirre, wunderliche Worte,
Die der Wind warf, daß sie knallten
Wie die Schoten,
Sich an Bäumen blutig ritzten
Und verfetzt an Häusern hingen
Und in diesen tauben Straßen
Einsam starben.
Lene Levi lief, bis alle
Dächer schiefe Mäuler zogen,
Und die Fenster Fratzen schnitten
Und die Schatten
Ganz betrunkne Späße machten –
Bis die Häuser hilflos wurden
Und die stumme Stadt vergangen
War in weiten
Feldern, die der Mond beschmierte …
Lenchen nahm aus ihrer Tasche
Eine Kiste mit Zigarren,
Zog sich weinend
Aus und rauchte …
+ Zum Autor
Carsten Stephan, geboren 1971 in Dessau, studierte Germanistik und Philosophie in Leipzig, lebt und schreibt heute in Frankfurt am Main – und ganz im Ernst ausschließlich komische Lyrik. Seit 2010 entstehen regelmäßig Gedichte, und diese finden sich in ordentlicher Zahl auch bereits in Zeitschriften (wie Das Gedicht, hEFt, Poesiealbum neu, zugetextet), Anthologien (u. a. »Jahrbuch der Lyrik 2024/25«, hg. v. Matthias Kniep, Karin Fellner, Schöffling 2024, sowie »und kein Gedicht will Abschied von dir nehmen – Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart«, eine Widmungsanthologie für Axel Kutsch, hg. v. Markus Peters, Sabine Schiffner, Amir Shaheen, Verlag Ralf Liebe 2024), bei Radio Z (Literatursendungsreihe »Eisenbart & Meisendraht« des freien Senders aus Nürnberg) und auf der »Die Wahrheit«-Satireseite der taz. Zudem ist Stephan Sieger beim Preis für komische Lyrik »Der Große Dinggang« 2019 (Jurypreis).
Im vergangenen Jahr ist mit »Gulaschfuturismus« (Container Press 2025) sein erster umfassender Gedichtband erschienen. Außerdem herausgekommen sind als Solotitel von ihm bislang das Künstlerbuch »Brigadebuchrebellin Kühner ‒ Der Osten im Porträtgedicht« (deerpress 2016), das Automatenbuch »Café Sonnenschein – Groteske Gedichte« (Art Connection & zakk 2017) und das Heft »Der wundersame Riesenbrahmahahn – Tiergedichte« (deerpress 2024).
CarstenStephan.com
»Gedichte mit Tradition« im Archiv
Zu dieser Reihe: »Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie« ist eine Online-Sammlung zeitgenössischer Poeme, die zentral auf ein bedeutendes Werk referieren, ob nun ernsthaft oder humoristisch, sich verbeugend oder kritisch. Jeden zweiten Freitag erscheint eine neue Folge der von Jan-Eike Hornauer herausgegebenen Open-End-Anthologie. Alle bereits geposteten Folgen finden Sie hier.