Bücher können auftauchen und glänzen, aber auch einstauben und verschwinden – immer gilt jedoch, ganz gleich, wie alt sie sind: Ihre Texte wollen neuentdeckt werden! David Westphal stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor.
Manchmal kann man es ja gar nicht fassen, was man alles verpasst hat. Und damit meine ich nicht die sogenannte FOMO (Fear of missing out), an der Menschen mit übertriebenem Social-Media-Konsum leiden. Vor einigen Jahren habe ich begonnen, mich mit den Beat-Poeten zu befassen: Kerouac, Ginsberg, Borrough u. a. Die selbst ernannten Erben der Lost Generation. Wild, ungestüm, rauschhaft, wütend, wahrhaftig; eine faszinierende Generation an Schriftstellern. Die deutschen SchriftstellerInnen hatten derzeit andere Themen als die der Beat Generation: das verkrustete Nachkriegsdeutschland. Ein ganzes Stück nach den Beat-Poeten und drei Jahre vor der Gruppe 47, die die Nachkriegsliteratur so stark mitgeprägt hat, wurde Jörg Fauser geboren. Damit ist aus heutiger Sicht klar, wessen Kind er werden musste: ein Kind der Studentenbewegung der 60er Jahre. Er wurde es auch, aber nicht ohne Vorbehalt. Obwohl er sehr wohl die sozialistischen und kommunistischen Texte kannte, die für jene Bewegung so wichtig waren, und er das utopistische Denken auch hochhielt, kann man ihn nicht als leidenschaftlichen Anhänger bezeichnen. Proletarische Bewegungen haben ihn fasziniert und doch waren sie kein glänzender Pol seiner Literatur. Auch nicht in seinen Gedichten.
»Kaum war ich von der Spritze runter / tappte ich in die nächste Falle: / die Revolution.« So heißt es zu Beginn seines Gedichts Trotzki, Goethe und das Glück. Was für eine Keule! Der Diogenes-Verlag hat Fausers Gedichte in einem über 300 Seiten starken Band gesammelt und, sofern möglich, nach Erscheinungsjahr sortiert. Für mich war Ich habe große Städte gesehen eine echte Entdeckung. Ich gestehe es gleich: mir war schlicht nicht bewusst, dass wir solche Dichter im letzten Jahrhundert in Deutschland hatten.
Die Gedichte sind filmisch-szenisch. Jedes Gedicht hat Charaktere, die in irgendeiner Weise düster erscheinen, aber selten bedrohlich. Als würden sie neben einem stehen und einen Drink nach dem anderen kippen, bis sie ihr Leben im Alkohol vollenden. Sie sprechen die Sprache der Drogen, die diese Generation überschwemmt hat und denen der Autor selbst zu oft anheimgefallen ist. Es spiegeln sich ein Hunger und eine parallele Müdigkeit in ihnen; man mag fast sagen, es spiegelt sich die Bundesrepublik darin. Auf der anderen Seite sind sie sehr reich an Referenzen, die man erst einmal kennen muss. Die Intellektualität spielt in einigen der Gedichte eine Rolle; auch das sozialistische Denken, aber in der Regel sehr kritisch. Rausch, Intellektualität und Film wären die Schlagworte, die ich unter das Buch setzen würde. Sie üben einen mächtigen Sog aus, aber sind auch gefährlich (eben drum!). Die Sprache ist dabei direkt von der Straße. Sie sind in der alten Arbeiter-Eckkneipe von früher zu Hause, nicht an der Universität oder in politischen Bewegungen. Ein wirklich wilder Mix, der perfekt aufgeht! Seit ich seinen Roman Rohstoff gelesen hatte, war ich von allem, was neben ihm erschienen ist, immer etwas enttäuscht: hardboiled Schnüffler zwischen Kriminalität und Wahrheitsfindung. Nichts weiter als Krimis (im Wikipedia-Artikel steht, man würde ihm mit so einer Aussage unrecht tun. Das darf jeder für sich selbst herausfinden). Aber in seinen Gedichten findet sich der Geist von Rohstoff. Und eben auch der Geist seiner Vorbilder aus der Beat Generation, die er sehr stark rezipiert hat, Charles Bukowski insbesondere.
Es ist schon merkwürdig, was einem manchmal entgeht. In Fausers Fall wird es wohl mit der schon zu Lebzeiten sehr gemischten Rezeption und Literaturkritik zu tun haben. Von der hohen Kritik (namentlich Reich-Ranicki) wurde er stets geschnitten. Irgendwie hat er als Underground-Literat begonnen, hat u. a. literarische Cut-up-Experimente aus seinen Drogenerfahrungen in Istanbuler Slums geschaffen, aber obwohl er den Weg hinausfinden wollte, und manchmal auch als Pate der deutschen Pop-Literatur betitelt wird, hat er es anscheinend nicht geschafft, selbst wirklich populär zu werden. Zum Glück hat sich der Diogenes-Verlag dem Autor angenommen und eine umfangreiche Edition seiner Werke auf die Beine gestellt. Ich habe große Städte gesehen ist zudem mit einem sehr gelungenen Vorwort von Björn Kuhligk versehen, und ich bin sehr froh, dass es nicht von dem mit dem Axel-Springer-Verlag verbandelten Stuckrad-Barre geliefert wurde, der sich Fauser gern auf die Fahnen geschrieben hat. Ich denke nicht, dass der Journalist Jörg Fauser darüber glücklich gewesen wäre.

Jörg Fauser
Ich habe große Städte gesehen
Die Gedichte
Diogenes 2019
352 Seiten
Hardcover
24,– Euro
ISBN: 9978-3-257-07072-9

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.




