Bücher können auftauchen und glänzen, aber auch einstauben und verschwinden – immer gilt jedoch, ganz gleich, wie alt sie sind: Ihre Texte wollen neuentdeckt werden! David Westphal stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor.
In dem Theater, in dem ich arbeite, steht ein CD-Spieler für das Café zur Verfügung. Die Gastro-Crew sucht sich manchmal aus einem Haufen alter CDs – originale und kopierte – eine heraus und legt sie auf. Eines Abends, ganz beiläufig eigentlich, kommt ein Song, der ungewohnt experimentell und expressiv klingt – ungewohnt für das, was sonst auf diesen CDs aus dem Haufen zu finden ist. Die Gitarren stark übersteuert, eine Sequenz von einem Synthesizer, der darüber orgelt. Während ich so vor mich hinarbeite und aufräume, werde ich hellhörig: Irgendwo habe ich den Song schon einmal gehört, er kommt mir bekannt vor, aber richtig Aufmerksamkeit schenke ich ihm erst jetzt. Eine punkige Männerstimme setzt ein: »Ich möchte ein Eisbär sein.« Ich schaue im Internet. Es ist Eisbär von der Schweizer Band Grauzone.
Ich spiele meiner Freundin den Song vor. Er scheint ihr ebenso nicht neu und doch unbekannt. Kurze Zeit später kauft sie sich die passende Schallplatte dazu. Das Schweizer Label »We Release Whatever The Fuck We Want Records« (kurz: WRWTFWW Records) hat 2021 eine Neuauflage des Original-Albums von 1981 inklusive weiterer Tracks auf den Markt gebracht. Als Quelle für die zum 40-Jahre-Jubiläums-Edition wurden die originalen Reels (also Tonbänder) verwendet.
Warum ist das für eine Lyrikkolumne interessant? Wie schon häufiger geht es mir um die poetische Kraft des Textes, und dies kann eben auch Lieder betreffen, in diesem Fall Eisbär. Der Text ist kurz und lebt von den Wiederholungen und freilich von der Beziehung zum Sound. Das lyrische Ich wäre gerne ein Eisbär, der im kalten Polar lebt und dadurch endlich klarsichtig wäre. Dann müsste es nicht mehr schreien und nicht mehr weinen. Die wenigen Verse gehen dabei so ausgezeichnet mit den derzeitigen Krisen in Resonanz, dass es mich erschreckt. Der Text von Eisbär ist ein starkes Sprachbild, das aus dem Post-Punk der 80er seine Kraft zieht. Und der harte, experimentelle Sound zwischen den rau-poppigen Strophen verstärkt diesen Eindruck umso mehr. Eigentlich suche ich noch nach Worten für dieses Ereignis, das zwar zur Erstveröffentlichung große Wellen geschlagen hat, die dann aber doch recht schnell abgeebbt sind (vielleicht liegt das auch an dem ganz furchtbaren Videoclip, für den es keine Existenzberechtigung mehr gibt).
Die ganze Platte, also »Grauzone« von Grauzone, ist im Übrigen sehr hörenswert (auch wenn Eisbär das Highlight bleibt; dieser Song war auch der einzige kommerzielle Erfolg der kurzen Bandgeschichte). Außerdem ist der Doppel-LP eine sehr informationsreiche Beigabe des Musikhistorikers Lurker Grand zugefügt, in dem jeder Song unter die Lupe genommen wird, ganz klar ein weiterer Pluspunkt. Insgesamt ist diese Ausgabe ein lyrisches Juwel, eine tolle Edition – und beinhaltet ein One-Hit-Wonder im besten Sinne, das mich noch eine ganze Weile begleiten wird.

Grauzone
Grauzone
We Release Whatever The Fuck We Want Records
Schweiz 2021
Doppel-LP
ca. 30,– Euro

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.




