»Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie«: eine fortlaufende Online-Anthologie, zusammengestellt von Jan-Eike Hornauer
Carsten Stephan
Picknick
Vergnügte Leute lungern auf der Wiese
Im Schatten eines morschen Apfelbaums.
Man plaudert nett. Von früher. Von Akquise.
Vom Einbau eines hübschen Hobbyraums.
Man blickt auf sanfte Hügel: braune Äcker,
In die ein Stoppelfeld sich goldig schiebt.
Man sagt: wie Soße über Pudding, lecker.
Die blaue Schüssel drüber scheint beliebt.
Doch mancher wünscht sich riesenhafte Stürme,
Die schmatzend schlingen Baum und Puddingberg
Und spucken in den Kosmos das Gewürme.
Dann kracht der Himmelsnapf wie Feuerwerk.
© Carsten Stephan, Frankfurt am Main
+ Das Original
Alfred Lichtenstein
Sommerfrische
Der Himmel ist wie eine blaue Qualle.
Und rings sind Felder, grüne Wiesenhügel –
Friedliche Welt, du große Mausefalle,
Entkäm ich endlich dir … O hätt ich Flügel –
Man würfelt. Säuft. Man schwatzt von Zukunftsstaaten.
Ein jeder übt behaglich seine Schnauze.
Die Erde ist ein fetter Sonntagsbraten,
Hübsch eingetunkt in süße Sonnensauce.
Wär doch ein Wind … zerriss mit Eisenklauen
Die sanfte Welt. Das würde mich ergötzen.
Wär doch ein Sturm … der müsst den schönen blauen
Ewigen Himmel tausendfach zerfetzen.
+ Zum Autor
Carsten Stephan, geboren 1971 in Dessau, studierte Germanistik und Philosophie in Leipzig, lebt und schreibt heute in Frankfurt am Main – und ganz im Ernst ausschließlich komische Lyrik. Seit 2010 entstehen regelmäßig Gedichte, und diese finden sich in ordentlicher Zahl auch bereits in Zeitschriften (wie Das Gedicht, hEFt, Poesiealbum neu, zugetextet), Anthologien (u. a. »Jahrbuch der Lyrik 2024/25«, hg. v. Matthias Kniep, Karin Fellner, Schöffling 2024, sowie »und kein Gedicht will Abschied von dir nehmen – Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart«, eine Widmungsanthologie für Axel Kutsch, hg. v. Markus Peters, Sabine Schiffner, Amir Shaheen, Verlag Ralf Liebe 2024), bei Radio Z (Literatursendungsreihe »Eisenbart & Meisendraht« des freien Senders aus Nürnberg) und auf der »Die Wahrheit«-Satireseite der taz. Zudem ist Stephan Sieger beim Preis für komische Lyrik »Der Große Dinggang« 2019 (Jurypreis).
Im vergangenen Jahr ist mit »Gulaschfuturismus« (Container Press 2025) sein erster umfassender Gedichtband erschienen. Außerdem herausgekommen sind als Solotitel von ihm bislang das Künstlerbuch »Brigadebuchrebellin Kühner ‒ Der Osten im Porträtgedicht« (deerpress 2016), das Automatenbuch »Café Sonnenschein – Groteske Gedichte« (Art Connection & zakk 2017) und das Heft »Der wundersame Riesenbrahmahahn – Tiergedichte« (deerpress 2024).
CarstenStephan.com
»Gedichte mit Tradition« im Archiv
Zu dieser Reihe: »Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie« ist eine Online-Sammlung zeitgenössischer Poeme, die zentral auf ein bedeutendes Werk referieren, ob nun ernsthaft oder humoristisch, sich verbeugend oder kritisch. Jeden zweiten Freitag erscheint eine neue Folge der von Jan-Eike Hornauer herausgegebenen Open-End-Anthologie. Alle bereits geposteten Folgen finden Sie hier.