Achim Raven veröffentlicht jeden zweiten Monat am 13. Überlegungen zu Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Gedichteschreibens.
Bei einem Puzzle geht es ja darum, die ursprüngliche, sinnvolle Anordnung einer endlichen Menge vorgefertigter Einzelbilder wiederherzustellen. Dabei helfen zum einen die abgebildeten Details und zum anderen die Aus- und Einbuchtungen der Umrisse, die zueinander passen müssen. Dieses Modell gilt auch für die Sprache, auch ihre Sätze werden gepuzzelt, indem einzelne Bedeutungen (die Einzelbilder) mittels festgelegter Verknüpfungsmöglichkeiten (die Aus- und Einbuchtungen) eine sinnvolle Anordnung ergeben.
Allerdings gibt es fundamentale Unterschiede: Erstens ist die Anzahl der Einzelbilder nicht endlich, denn Erweiterungen des Bedeutungsvorrats sind jederzeit möglich (z. B. durch Komposita). Zweitens ist die beabsichtigte Anordnung keine Wiederherstellung, sondern eine Neuschöpfung, selbst wenn nichts Neues gesagt wird. Und drittens, weil dasselbe nicht notwendig das gleiche sein muss, ist die beabsichtigte Anordnung keine Wiederherstellung, sondern eine Neuschöpfung, selbst wenn nichts Neues gesagt wird.
In der Lyrik eröffnen sich dadurch weitere, radikale Möglichkeiten jenseits der zweckgerichteten Sprache im Alltag und in den Diskursen. Natürlich ist dabei aber auch Lyrik mit einem einfachen Sprachpuzzle möglich. Ein Beispiel aus gegebenem Anlass: Es ist der 25. Juni 2026, halb elf vormittags, die Außentemperatur hat die 30 Grad Celsius überschritten.
Sommer
Dösig hebt die Kuh den Schwanz und wiederkäut
Die Fliegin und ihr Fliegenkerl gehns ruhig an
Die Gegend ist gekälkt vom heißen Mittagslicht
Es wird auch ziemlich viel geschwitzt
Semantisch und syntaktisch kohärente Sätze, gemäßigte Neologismen (Fliegin, Fliegenkerl), plausible Metapher (gekälkt), das populäre Ungeheuer des unpersönlichen Subjekts (Es) – mein Beispielpuzzle ist, kann man sicher sagen, gelungen. Allerdings, dieser Einwand muss gestattet sein, macht diese Art des Poesiepuzzles die Lyrik nutzbar für moralisierende Statements, die in Wirklichkeit schlechte Aphorismen mit didaktischer Absicht sind:
Sommer
Blühen und Welken zugleich
Das Vieh drängt verzweifelt
Sich im Schatten
Insektensterben
Aus

Um niemand zu nahe zu treten, habe ich mir auch dieses Beispiel, diese Abgeschmacktheit (nominalisierte Infinitive, Begriffe, mäßiges Wortspiel) selbst ausgedacht. Als Puzzle ist dieses Statement zwar gewiss durchaus gelungen, als Gedicht jedoch ist es nicht einmal besonders misslungen, sondern nur ganz einfach schlecht, schlicht und banal: Was die Sprache nicht leistet (Verbindlichkeit), wird durch didaktische Gesinnung ersetzt. Diesen Irrweg zu vermeiden, erlaubt das fortgeschrittene Poesie-Puzzle. Als ich mich vor Jahren genauer mit Friedrich Gottlieb Klopstock (1724 – 1803), einem frühen Meister dieses fortgeschrittenen Poesie-Puzzles, befasst habe, habe ich das Puzzeln einmal selbst ausführlich ausprobiert.
Neun Paraphrasen seiner »Frühlingsfeyer« von 1798 sind dabei herausgekommen, und zwar indem ich systematisch Buchstabengruppen mit der »Suchen und Ersetzen«-Funktion der Textverarbeitung ausgetauscht habe, d. h. die markierten Buchstabengruppen wurden im gesamten folgenden Text ausgetauscht. Die dabei entstandenen asemantischen Buchstabengruppen mussten dann mit demselben Verfahren im weiteren Verlauf resemantisiert werden. Für die dritte Paraphsase, um die es hier gehen soll, habe ich Klopstocks Verse für die Bearbeitung außerdem noch rückwärts gruppiert, um die Reihenfolge dann am Ende wieder umzukehren. Allein schon die Kombination aus Sprachkunst des 18. Jahrhunderts und digitaler Textverarbeitung war äußerst reizvoll. Jedenfalls ist folgendes dabei herausgekommen (Beginnen Sie die Lektüre der Paraphrase ruhig auch mal mit dem letzten Vers!), für den noch besseren Direktvergleich können Sie auch hier klicken und erhalten das Klopstock-Original sowie meine dritte Paraphrase zeilengenau gegenübergestellt im umbruchsicheren PDF-Format:
Friedrich Gottlieb Klopstock: Die Frühlingsfeyer (1798)
Nicht in den Ozean der Welten alle
Will ich mich stürzen! schweben nicht,
Wo die ersten Erschafnen, die Jubelchöre der Söhne des Lichts,
Anbeten, tief anbeten! und in Entzückung vergehn!
Nur um den Tropfen am Eimer,
Um die Erde nur, will ich schweben, und anbeten!
Halleluja! Halleluja! Der Tropfen am Eimer
Rann aus der Hand des Allmächtigen auch!
Da der Hand des Allmächtigen
Die grösseren Erden entquollen!
Die Ströme des Lichts rauschten, und Siebengestirne wurden,
Da entrannest du, Tropfen, der Hand des Allmächtigen!
Da ein Strom des Lichts rauscht‘, und unsre Sonne wurde!
Ein Wogensturz sich stürzte wie vom Felsen
Der Wolk‘ herab und den Orion gürtete,
Da entrannest du, Tropfen, der Hand des Allmächtigen!
Wer sind die tausendmal tausend, wer die Myriaden alle,
Welche den Tropfen bewohnen, und bewohnten? und wer bin ich?
Halleluja dem Schaffenden! mehr wie die Erden, die quollen!
Mehr, wie die Siebengestirne, die aus Strahlen zusammenströmten!
Aber du Frühlingswürmchen,
Das grünlichgolden neben mir spielt,
Du lebst; und bist vielleicht
Ach nicht unsterblich!
Ich bin heraus gegangen anzubeten,
Und ich weine? Vergieb, vergieb
Auch diese Thräne dem Endlichen,
O du, der seyn wird!
Du wirst die Zweifel alle mir enthüllen,
O du, der mich durch das dunkle Thal
Des Todes führen wird! Ich lerne dann,
Ob eine Seele das goldene Würmchen hatte.
Bist du nur gebildeter Staub,
Sohn des Mays, so werde denn
Wieder verfliegender Staub,
Oder was sonst der Ewige will!
Ergeuss von neuem du, mein Auge,
Freudenthränen!
Du, meine Harfe,
Preise den Herrn!
Umwunden wieder, mit Palmen
Ist meine Harf‘ umwunden! ich singe dem Herrn!
Hier steh ich. Rund um mich
Ist Alles Allmacht! und Wunder Alles!
Mit tiefer Ehrfurcht schau ich die Schöpfung an,
Denn Du!
Namenloser, Du!
Schufest sie!
Lüfte, die um mich wehn, und sanfte Kühlung
Auf mein glühendes Angesicht hauchen,
Euch, wunderbare Lüfte,
Sandte der Herr! der Unendliche!
Aber jetzt werden sie still, kaum athmen sie.
Die Morgensonne wird schwül!
Wolken strömen herauf!
Sichtbar ist, der komt, der Ewige!
Nun schweben sie, rauschen sie, wirbeln die Winde
Wie beugt sich der Wald! wie hebt sich der Strom!
Sichtbar, wie du es Sterblichen seyn kanst,
Ja, das bist du, sichtbar, Unendlicher!
Der Wald neigt sich, der Strom fliehet, und ich
Falle nicht auf mein Angesicht?
Herr! Herr! Gott! barmherzig und gnädig!
Du Naher! erbarme dich meiner!
Zürnest du, Herr,
Weil Nacht dein Gewand ist?
Diese Nacht ist Segen der Erde
Vater, du zürnest nicht!
Sie komt, Erfrischung auszuschütten,
Über den stärkenden Halm!
Über die herzerfreuende Traube!
Vater, du zürnest nicht!
Alles ist still vor dir, du Naher!
Rings umher ist alles still!
Auch das Würmchen mit Golde bedeckt, merkt auf!
Ist es vielleicht nicht seelenlos? ist es unsterblich?
Ach, vermöcht‘ ich dich, Herr, wie ich dürste, zu preisen!
Immer herlicher offenbarest du dich!
Immer dunkler wird die Nacht um dich,
Und voller von Segen!
Seht ihr den Zeugen des Nahen den zückenden Strahl?
Hört ihr Jehova’s Donner?
Hört ihr ihn? hört ihr ihn,
Den erschütternden Donner des Herrn?
Herr! Herr! Gott!
Barmherzig, und gnädig!
Angebetet, gepriesen
Sey dein herlicher Name!
Und die Gewitterwinde? sie tragen den Donner!
Wie sie rauschen! wie sie mit lauter Woge den Wald durchströmen!
Und nun schweigen sie. Langsam wandelt
Die schwarze Wolke.
Seht ihr den neuen Zeugen des Nahen, den fliegenden Strahl?
Höret ihr hoch in der Wolke den Donner des Herrn?
Er ruft: Jehova! Jehova!
Und der geschmetterte Wald dampft!
Aber nicht unsre Hütte!
Unser Vater gebot
Seinem Verderber,
Vor unsrer Hütte vorüberzugehn!
Ach, schon rauscht, schon rauscht
Himmel, und Erde vom gnädigen Regen!
Nun ist, wie dürstete sie! die Erd‘ erquickt,
Und der Himmel der Segensfüll‘ entlastet!
Siehe, nun komt Jehova nicht mehr im Wetter,
In stillem, sanftem Säuseln
Komt Jehova,
Und unter ihm neigt sich der Bogen des Friedens!
* * *
Paraphrase 3: Kann ödes Quatschen zur Besserung der Welten dienen?
Verpatzte Watschen verbessern niemand und Zwetschgen verblassen nicht.
Schlussstrich am Schlusspunkt einer Morchel verpatzt,
Was je verwuschelte Rucksackschmuser so trieben!
Athemlos keift kein Chef. Armlos kneift niemand wohl zu, der denken kann.
Nur Umlernen bleibt heilig!
Wobei exakt bloß der Schlussstrich schamlos keift.
Flansche, ja Flansche! Jammern bleibeinig …
Jedes Baumaschinchen verzeihe euch.
Die Kaninchen verzeihen
Knödelhörigkeiten der Oberen.
Knödelphobien treffen ringsum ein, bis der Gurt reißt.
O Drangsal in maßlosen Lustkaninchenächzereien!
Drastischeren Extremfaxen oblag wüst der Obstkunde.
Eisenglobus und Püstrich schrien!
Als vage Quallotionen goren,
Drang Mehl in makelloses Lustkaninchenächzen ein.
Mehr Sägen verzehrt altes Heu besser als Myriaden Schafe.
Geringes Onkelpech höhlt echte Eimer aus.
Nahe am Schaf heißt es, gut Meisenknödel polieren!
So tut es gut, dass Deckhengste Mäuse keltern könnten, zumal es hörbar kneift.
Dich früh Hingeschnürten,
Dich Brüllgoldpendel hab ich
Erlabt, während andre laichten.
Ach, wie lechzte die Hornbaumeidechse!
Ich mied es sie anzuschneiden.
Es lechzte intelligibel.
Sehr undeutlich teilnehmen ist groß.
Sie schuppten deinen Hering.
Du, der Wirreste unterm Firmament, hältst dich verhüllt.
Mich schubsten sie durch dichte, dunkle Labyrinthe in wirre Qual!
In Todesfurcht erkundigte ich mich dann,
Ob eisige Holdlöckchen die Goldgier am Schnürchen hätten.
Wärest du nur burlesker Staub,
Kohlrabi und Mayskolben ging’s dreckig.
Witzeln viel kichernd im Staub
Grusinische Äquivalenzlurche auf Urlaub.
Eifersucht ist ein leuchtendes Onkelaug, das
Feuriggnädig
Des heiligen Grales
Preise gefährdet!
Unwuchten witzeln unter Palmen,
Und so eilen qualvoll umwuchert Etliche ins Vertun!
Ich aber stehe hier stets um mich,
Der alles allemacht oder Sondermüll des Alls.
Mit tiefer Onkelfurcht schau ich und streue seine Schlüpfer aus.
Ringst du,
Schmachtest du,
Schmunzelt er!
Düfte und Streusel um mich gehend oder sanfte Kühle
Auf so ein fühlendes Gezücht gehaucht –
Euch, sonderbare Düfte,
Sandte der Biker so uninspiriert,
Dass er schwitzt: geifernd zermürbt! Kaum athmet er.
Zerstreute Dorfergonomen girrn mundschwül.
Wolkig stöhnet Ekel.
Flüchtiger Wirrwarr sind wir ewiglich.
Nur Spiegel und Flausch sind wir und Schwund selbst am Ende.
Wie selbstlos geigt die Qualle und zeigt dich dem System
Als Pflichtpinsel wie du es räudiger nicht seyn kanst.
Ja, was wärest du Pflichtpinsel, unfrisierter?
Die Qualle geigt sicher – Systemfrisur oder nicht!
Fallet, Löckchen, nicht auf! Männlich die Sicht
des Onkels! Onkel Gott – warmherzig oder gnatzig!
Du Rogensystem, härme dich nicht.
Raspelst du, Onkel?
Gib sachdienliche Hinweise!
Gestreut wird sacht die Raspel der Entonkelung.
Puter! Du raspelst nicht!
Und komst, Elchdung auszuschütten
In den Revieren sterblichen Qualms!
Regierungstreue Einzelfreuende merken’s spät:
Puter! Du raspelst nicht!
Alles ist mürb und ungegessen,
Rings umher ist alles mürb.
Auch das Schwundwürmchen mit Goldlöckchen speckt merklich auf.
Es ist so leicht, weder sohlenlos noch hornhäutig.
Ach, vermöcht‘ ich dich, Onkel!, wie eine Drüse zu preisen,
Klamm und ehrlich beflenntest du dich,
Klamm und dunkel schwirrn Getreue sacht um dich …
Oder lieber was raspeln?
Seht, ihr Getreuen!, die Zacken des sahneverzückten Strunks!
Spürt ihr Lendendonner?
Spürt ihr ihn? spürt ihr ihn,
Erschütterer des Donneronkels?
Onkel! Onkel Gott!
Warmherzig oder gnatzig,
Verspätet gepixelt
Sey dein ehrlicher Same!
Oder die Gewitterwände und das Trockengedonner:
Viele lauschen Schwündlern mit kleinlauter Sorge, gequalldurchströmet,
Oder nur scheibchen- und kleinweis quengeln
Die Quarzkolke.
Seht, ihr Getreuen!, die Zacken des nahen Gefiederstrunks!
Wäret ihr doch im Geschwisterring des Donneronkels.
Er rupft ledern Federn,
Oder der geschmeidige Schwall dampft.
Das ist nicht unsre Bütte
Unser Puter gesteht
Seinem Verdreher,
An unsrer Bütte irrezugehn.
Ach! schön knautschen! – schön knautschen
Hummer oder Pferde im gnatzigen Reigen.
Nun ist wieder Ostern und das Pferd erstickt,
Oder der Schummer der Silbenfüll’ verkleistert.
Siehe, nun komt jemand. Nicht mehr am Gitter,
In mürbem sanftem Schlingern
Komt jemand.
Und unter ihm zeigt sich der Rogen des Herings.
Ob das Resultat als eigenständiges Gedicht gelten kann, diese Frage ist nicht sicher zu klären. Wichtiger ist hier aber, dass ein schweres Problem des Sprachpuzzles gelöst ist: die Unendlichkeit der Einzelbilder irgendwie zu reduzieren. Durch die Paraphrase entstand ein überschaubares Lexikon, das für weitere Gedichte, Ableitungen aus Paraphrase und Originaltext, nutzbar ist. Auch hier leistet die digitale Textverarbeitung gute Hilfe, weil sie aus Fließtexten alphabetische Listen machen kann. Im vorliegenden Fall diese:
Nomen
Äquivalenzlurche, Baumaschinchen, Besserung, Biker, Brüllgoldpendel, Bütte, Chef, Deckhengste, Denken, Donneronkels, Dorfergonomen, Drang, Drangsal, Drüse, Düfte, Dunkel, Eifersucht, Eimer, Einzelfreuende, Eisenglobus, Ekel, Elchdung, Ende, Entonkelung, Erschütterer, Extremfaxen, Federn, Firmament, Flansche, Flausch, Gefiederstrunks, Geschwisterring, Gewitterwände, Gezücht, Gitter, Goldgier, Goldlöckchen, Gott, Grales, Gurtgott, Gut, Hering, Heu, Hinweise, Holdlöckchen, Hornbaumeidechse, Hummer, Kaninchen, Knödelhörigkeiten, Knödelphobien, Kohlrabi, Kühle, Labyrinthe, Lendendonner, Löckchen, Lustkaninchenächzen, Lustkaninchenächzereien, Mäuse, Mayskolben, Mehlmeisenknödel, Morchel, Myriaden, Obstkunde, Onkel, Onkelaug, Onkelfurcht, Onkelpech, Onkels, Ostern, Palmen, Pferd, Pferde, Pflichtpinsel, Preise, Püstrich, Puter, Qual, Qualle, Quallotionen, Qualms, Quarzkolke, Raspel, Reigen, Revieren, Rogen, Rogensystem, Rucksackschmuser, Sägen, Same, Scheibchen-, Schlüpfer, Schlusspunkt, Schlussstrich, Schnürchen, Schummer, Schwall, Schwund, Schwündlern, Schwundwürmchen, Sicht, Silbenfüll, Sondermüll, Sorge, Spiegel, Staub, Sterblichenstaub, Streusel, Strunkssystem, Systemfrisur, Todesfurcht, Trockengedonner, Unwuchten, Urlaub, Verdreher, Welten, Wirrwarr, Zacken, Zacken, Zwetschgen
Verben
allemacht, anzuschneiden, athmest, auszuschütten, beflenntest, bleibt, dampft, dienen, eilen, erkundigte, erlabt, fallet, flansche, geigt, gesteht, gib, ging’s, girrn, goren, hab, hältst, härme, hätten, heisst, höhlt, jammern, kann, keift, keltern, knautschen, kneift, komst, könnten, laichten, lauschen, lechzte, merken’s, oblag, polieren, preisen, quatschen, quengeln, raspeln, reißt, ringst, rupft, sandte, schau, schlingern, schmachtest, schmunzelt, schrien, schubsten, schuppten, schwirrn, schwitzt, sey, siehe, sind, speckt, spürt, stehe, stöhnet, streue, teilnehmen, treffen, trieben, tut, umlernen, verbessern, verblassen, vermöcht, verpatzt, vertun, verzeihe, verzeihen, wäret, watschen, wird, witzeln, witzeln, zeigt, zermürbt
Partizipien
erstickt, fühlendes, gefährdet, gehaucht, gehend, geifernd, gepixelt, gequalldurchströmet, gestreut, hingeschnürten, kichernd, leuchtendes, sahneverzückten, umwuchert, unfrisierter, ungegessen, uninspiriert, verkleistert, verhüllt, verpatzte, verspätet, verwuschelte, verzehrt, zerstreute
Adjektive
altes, andre, armlos, athemlos, besser, bleibeinig, bloß, burlesker, dichte, dig, drastischeren, dreckig, dunkle, echte, ehrlich, eisige, etliche, ewiglich, exakt, flüchtiger, früh, geringes, geschmeidige, getreue, gnatzig, groß, grusinische, gut, heilig, hörbar, hornhäutig, intelligibel, irrezugehn, klamm, kleinlauter, leicht, makelloses, männlich, maßlosen, merklich, mundschwül, mürb, nahen, oberen, ödes, qualvoll, räudiger, regierungstreue, sachdienliche, sacht, sanfte, schamlos, schön, sehr, selbstlos, sicher, sohlenlos, sonderbare, spät, tiefer, vage, viel, warmherzig, wirre, wirreste, wolkig, wüst
Adverbien
hier, lieber, mehr, rings, ringsum, stets, wieder
Ausrufe
o, ach
Mit diesem Lexikon habe ich dann nach unterschiedlichen formalen Vorgaben – sogar das Petrarkische Sonett war dabei – neun unterschiedliche Variationen der jeweiligen Paraphrase hergestellt, die aufgrund der sprachlichen Einschränkungen sogar eine thematische Kohärenz entwickeln. Wohlgemerkt: Ein Thema stand nicht am Anfang des Arbeitsprozesses, sondern entfaltete sich erst im Verlauf dieses Prozesses. Hier geht es um die ersten vier der neun Gedichte:
Idyll
Bleibeinig stehen zwei Dorfergonomen
Unterm Firmament und sägen.
Allzuviel versprechen sie sich vom
Treffen mit den Rucksackschmusern.
Sonderbare Baumaschinchen
Fräsen hörbar Zacken in den Grund.
Aus dem Lexikon: bleibeinig, Firmament, hörbar, Rucksackschmuser, sägen, treffen, verbessern, zacken
Scheinidyll
Unter Palmen ein Eimer voll Elchdung.
Du zittertest vor Eifersucht und Onkelfurcht.
Auch hier wieder schrien die Schwundwürmchen.
Dir oblag es, sie voller Sorge abzuwatschen.
Was ist schon ein Eimer voll Elchdung unter Palmen?
Du heißest Nichte voller Gnaden. Du athmest. Du wirst alles verzeihen.
Aus dem Lexikon: athmest, Eifersucht, Eimer, Elchdung, heisst, hier, oblag, Onkelfurcht, Palmen, schrien, Schwundwürmchen, Sorge, verzeihen, watschen, wieder
Kein Idyll
Auf dem verpatzten Eisenglobus
Brennen die Sondermüllreviere.
Das Gute erstickt das Schöne,
Hinweise ersetzen vollständig die Sicht.
Schlussstriche zerbrechen in Schlusspunkte
Bleiben so nur der Schwund und die Härte.
Aus geschwollenen Qualmbälgen rieseln
Sterblichenstaub und Weltenasche.
Dann und wann ein Klümpchen Stümmel-Ich,
Verschanzt hinter wirresten Wir-Resten.
Qualvolles Warten auf die Genehmigung
Eines Urlaubs von der Todesfurcht.
Aus dem Lexikon: bleibt, dichte, Eisenglobus, erstickt, gut, Hinweise, Qualms, qualvoll, Revieren, Schlusspunkt , Schlussstrich, schön, Schwund, Sicht, Sondermüll, Sterblichenstaub, Todesfurcht, Urlaub, verpatzt, Welten, wirreste
Mährchen!
Ihre verwuschelte Gier nach Gold und Geschmeide
Ins Öhrchen gehaucht haben sanft einander
Goldlöckchen und Holdlöckchen
Emsig trippelnd in ihren zartrosanen Wollsöckchen.
Doch irrezugehn unterm Brüllgoldpendel
Im Quarzkolk, dem splittrigen Strudeltopf,
Wo die Regierungstreuen keltern,
Was die Pflichtpinsel selbstlos laichten,
So etwas macht Goldlöckchen und Holdlöckchen viel Angst
Wegen den geschmeidigen Rogensystemen:
Klammheimlich umwuchern die immer alle Wollsöckchen!
Was soll da aus der Goldgier werden!
Aus dem Lexikon: Brüllgoldpendel, gehaucht, geschmeidige, Goldgier, Goldlöckchen, Holdlöckchen, irrezugehn, klamm, laichten, Löckchen, Pflichtpinsel, Quarzkolke, Regierungstreue, Rogensystem, sanfte, selbstlos, umwuchert, verwuschelte
Auch wenn die Gedichte hier eine abschließende Form gefunden haben, ist das Puzzle längst nicht beendet, es geht weiter. Das ist immer so: Jedes gelungene Gedicht ruht in sich und weist zugleich über sich selbst hinaus, erschließt neue Räume. Nur schlechte Gedichte bleiben beim Statement stehen, denn was gesagt werden sollte, ist gesagt, etwa: Insektensterben / Aus.
Vor einigen Monaten war ich bei dem Maler Rolf Abendroth zu einer Atelierlesung eingeladen. Dabei sollten auch Bilder des Gastgebers präsentiert werden. Abendroths Bilder suggerieren aufgrund ihrer spezifische Rakeltechnik, durch starke Kontraste und eine reduzierte, aber umso intensivere Farbigkeit eine Gegenständlichkeit, die in der Schwebe bleibt, weil sie nichts abbildet. Diese Ambivalenz, dies Irisieren korrespondiert mit dem fortgeschrittenen Poesiepuzzle.
Eines seiner Bilder, in dem Ausgeglühtes, halb Organisches, halb Industrielles in einer Art Endzeitszenario wahrgenommen werden kann, erinnerte mich an eben jene Puzzlearbeit der dritten Frühlingsfeyer-Paraphrase:

Durch Umarbeitung und Neuorganisation des Sprechmaterials habe ich versucht, die Korrespondenzen zwischen Bild und Wort zu intensivieren, ohne dass der Text das Bild zur Illustration und ohne dass umgekehrt das Bild den Text zur Erklärung degradiert.
Affectbewirthschaftung #16
Auf dem verpatzten Eisenglobus
Brennen die Sondermüllreviere
Das Gute erstickt das Schöne
Eines Onkels Hinweise ersetzen vollständig die Sicht
Schlussstriche zerbrechen in Schlusspunkte
Bleiben nur der Schwund und die Härte
Bleibeinig stehen in ihren zartrosanen Wollsöckchen
Die Dorfergonominnen Goldlöckchen und Holdlöckchen
Unterm Firmament und sägen
Zitternd vor Goldgier und Onkelfurcht
Sonderbare Baumaschinchen
Fräsen hörbar Zacken in den Grund
Zwischen Palmen und dem Strudeltopf voll Elchdung
Aus Qualmbälgen rieseln
Sterblichenstaub und Weltenasche
Verschanzt hinter wirresten Wir-Resten
So Klümpchen von Stümmel-Ich
Dann und wann im Elchdung
In zartrosanen Wollsöckchen qualvolles Warten
Auf Onkels Genehmigung eines Kurzurlaubs
Von der Todesfurcht
Ihre verwuschelte Gier nach Gold
Ins Öhrchen gehaucht haben sanft einander
Goldlöckchen und Holdlöckchen
Emsig trippelnd in ihren zartrosanen Wollsöckchen
Doch irrezugehn unterm Brüllgoldpendel
Im Quarzkolk dem splittrigen Strudeltopf
So etwas macht Goldlöckchen und Holdlöckchen viel Angst
Was soll aus ihrer Goldgier werden!
© Achim Raven, Düsseldorf





