Achim Raven veröffentlicht jeden zweiten Monat am 13. Überlegungen zu Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Gedichteschreibens.
Es ist immer wieder verlockend, persönliche Hintergründe auszuleuchten und dabei gern mal in menschliche Abgründe zu schauen. Die Erzählkunst bietet zu diesem Zweck insbesondere die Autobiografie und die Autofiktion an, das Leben den Tratsch im Treppenhaus. Am erfolgreichsten bei solchem Erzählen ist immer der Verzicht auf die Kunst zugunsten einer Plauderprosa, von der das Publikum vor lauter Authentizität kreisrunde Augen kriegt: Boah, echt jetzt?
Mit der Lyrik ist es da ein bisschen komplizierter, weil sie nicht plaudern kann. Sie präsentiert sich als Mauer aus Wörtern, die nicht erkennen lässt, ob überhaupt was dahintersteckt. Es gibt keinen tieferen Sinn und kein »zwischen den Zeilen«, allein schon weil es da gar keine Zeilen gibt, sondern nur Verse. Es gibt einzig, was die Semantik der Wörter und ihre syntaktischen sowie asyntaktischen Verfugungen hergeben. Und das hängt nicht nur von denen ab, die dichten, sondern ebenso von denen, die lesen.
Ein Gedicht kann von daher niemals eine unmittelbare Selbstäußerung sein. Selbst wenn es als unmittelbare Selbstäußerung gemeint ist, ist diese nur mittelbar. Das ist zugleich banal und paradox: Banal, weil jede Äußerung eine Selbstäußerung ist, und sei sie noch so abstrakt, denn der Körper und sein Befinden sprechen immer mit, selbst naturwissenschaftliche oder juristische Texte können das Mitreden des Körpers nicht restlos eliminieren. Paradox, weil die Selbstäußerung im Gedicht zwar immer monologisch ist, zugleich aber auch Produkt kollektiver Sprachpraxis. Die Stärke des Gedichts besteht darin, dass es die Sprache nicht für Zwecke instrumentalisieren kann. Der spontane Einfall, der kreative Urplopp, dieser fade Abklatsch dessen, was großspurig Urknall genannt wird, ist nichts als eine Leiter, die nicht mehr gebraucht wird, nachdem sie einmal erklommen ist, um die von niemand kontrollierten Gefilde der sprachlichen Paradoxien und Ambivalenzen zu erreichen.
Die Stärke der Erzählung dagegen besteht in aneinandergereihten Beschreibungen, die so konstruiert sind, dass sie als Anfang Mitte und Schluss funktionieren oder diesem Schema explizit widersprechen. Erzählen ist eine Ingenieursarbeit, bei der die Sprache zum Zweck eines thematischen Zusammenhangs kunstvoll arrangiert wird, wie etwa bei Thomas Mann oder Irmtraud Morgner. Dichten ist Wühlarbeit, um die Sprache wuchern zu lassen. Das Ergebnis kann sowohl ein artiger Ziergarten sein als auch ein Dschungel voll betörender, giftiger Blüten, wie bei Rainer Maria Rilke oder Ann Cotten. Ingenieursarbeit und Wühlarbeit schließen einander nicht aus, manche Autor:innen entscheiden sich trotzdem für das eine und gegen das andere, Beispiele hierfür sind: Arno Schmidt, Brigitte Kronauer – Rose Ausländer, Thomas Kling.
In beiden Bereichen zu Hause ist Margarete Beutler (1876 – 1949), die mit ihrem Gedicht Wandlung (1908) ein beeindruckendes Beispiel dafür liefert, wie illusionär die unmittelbare lyrische Selbstäußerung ist.
Wandlung

Ich fühle mich so grauenvoll verändert,
Ich bin nicht ich, ein Fremdes wohnt in mir,
Aus diesen Augen ― flackernd und umrändert
Blickt hinterlistig ein gereiztes Tier.
In wildem Brüten wandle ich die Tage ―
Ich bin nicht ich, und weiß nicht, wer ich bin ―
Und weiß nur eins, daß ich ein Wesen trage,
Und daß ich neuen Lebens Hüterin . . .
Und wie ich selbst mir täglich fremder werde,
Wird fremd und sinnlos mir Geburt und Tod,
Und fremd das tolle Blühen dieser Erde ―
Und fremd der eignen Fruchtbarkeit Gebot ― ―
― Natur, du Törichte! ― Nimm diese Bürde,―
Die Frucht, die ohne Segen schwillt und Glück,
Die ich hinschleppe ohne Mutterwürde,
Eh’ sie ins Leben reift, ― Nimm sie zurück! ―
(aus: Margarete Beutler, Neue Gedichte, Berlin 1908, Bruno Cassirer, S. 66)
Bereits die Überschrift ist erstaunlich: Wandlung markiert zunächst einmal den Inhalt des Gedichts, die körperlichen Veränderungen während der Schwangerschaft und ihre verstörenden psychischen Folgen. Dafür lägen die Bezeichnungen »Verwandlung« oder »Veränderung« allerdings näher. Die Wortwahl Wandlung spielt explizit auf die Eucharistie an: Die Transsubstantiation von Brot und Wein, eingeleitet von den Worten Dies ist mein Leib. Beutler spielt in diesem Gedicht wiederholt auf religiöse Motive an, um sie drastisch zu negieren. Sie lebt in einer Gesellschaft, deren Frauenbild geprägt ist von einem religiös überhöhten Kult der Mütterlichkeit, der die Schwangere verklärt als neuen Lebens Hüterin. Dagegen erklärt sich die Stimme der Wandlung als ohne Mutterwürde. Statt Mutterglück empfindet sie Grauen: Ich bin nicht ich, ein Fremdes wohnt in mir. Dieser unerhörte Satz wurde in Zeiten veröffentlicht, als Otto Weiningers Geschlecht und Charakter (1903) Furore machte und die Auffassung herrschte, Hingabe und Schwangerschaft seien die natürliche Bestimmung »des Weibes«.
Beutlers Satz ist eine Provokation, und das gleich in zweierlei Hinsicht: Hier wendet sich eine Frau gegen ihre »natürliche Bestimmung«, die Bürde, die sie hinschleppt, und zugleich gegen ihre gesellschaftliche Bestimmung, verfügbarer Körper zu sein, »Gefäß«, so eine damals populäre Metapher. Sie beansprucht dagegen, Ich zu sein, und macht die Erfahrung, dass die Schwangerschaft dies verhindert, indem sie sie zum gereizten Tier macht. Ihr Dies ist mein Leib ist ein Vorwurf.
Spätestens hier wird deutlich, wie unangemessen es wäre, der Verlockung zu folgen, biografische Hintergründe auszuleuchten, das Gedicht als Symptom einer psychischen Krise zu lesen und sich darin einzufühlen. Es hebt die subjektive, private Erfahrung auf, die womöglich der Anlass war, um den Text zu schreiben, der kreative Urplopp. Der Grund dafür, das Gedicht zu veröffentlichen, kann nur die erfolgreiche Arbeit in den Gefilden der sprachlichen Paradoxien und Ambivalenzen gewesen sein.
Dafür spricht erstens, dass bei Erscheinen des Gedichts Beutlers Schwangerschaften schon mehrere Jahre zurücklagen, und zweitens, dass ihr Reflexionsniveau sie als hoch entwickeltes Ich ausweist, als völliges Gegenteil eines gereizten Tiers. Das Thema des Gedichts ist im Gegensatz zu seinem Inhalt nicht eine partikulare Befindlichkeit, sondern etwas, was notwendig jedermann interessiert (Kant).
In Wandlung manifestiert Beutler ihren Anspruch, Ich zu sein, um als autonomes Subjekt sich gegen die Gesellschaft zu stellen und das, was diese ihr als vorgeblich natürliche Bestimmung aufzwingen will. Wie Goethes Prometheus von 1774 fordert ihr lyrisches Ich übermächtige Gewalten heraus. Goethe modelliert den Titanen, der Zeus den Kampf ansagt. Darunter macht er es nicht. Seine Verse beben, als wäre in seinem Körper jeder einzelne Muskel angespannt. Da spricht ein Krieger.
Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Beutlers Schwangere hat nichts Titanisches, ihre Verse beben auch nicht. Diese Verse nehmen Fahrt auf, um immer wieder zu stocken, zu verstummen: Im Druckbild erscheinen keine Gedankenstriche, sondern Geviertstriche, im Deutschen wenig gebräuchlich und als überlang empfunden. Diese Geviertstriche heben in ihrer typografischen Unangemessenheit das Diskontinuierliche, Grüblerische des Textes hervor und sind auch deutliche Markierungen für den Vortrag.
― Natur, du Törichte! ― Nimm diese Bürde,―
[…] ― Nimm sie zurück! ―
Darüber hinaus besteht ein fundamentaler Unterschied zwischen beiden Gedichten: Zeus sitzt als absolutistischer Herrscher auf dem Olymp, der Titan revoltiert. Die Schwangere trägt die Frucht, die ohne Segen schwillt, in sich, sie leidet. Was beide verbindet, ist einmal die diskontinuierliche Diktion, zum anderen eine ungeheure Empörung, die am Ende des Gedichts Unmögliches begehrt: dein nicht zu achten (Goethe) und Nimm sie zurück! (Beutler).
Wandlung beginnt mit einem grauenvollen Bild: Die Schwangere präsentiert sich als Besessene, in der ein Fremdes wohnt und sie in ein hinterlistiges, gereiztes Tier verwandelt. Dies ist mein Leib. Ebenfalls grauenvoll ist die Selbstreflexion in der zweiten Strophe: Die Hervorhebung der Ichlosigkeit ist auch eine sarkastische Reaktion auf die Stimme Gottes im brennenden Dornbusch (Exodus 3,14), die den Gläubigen die Gewissheit allmächtigen Beistands vermittelt: Ich bin, der ich bin – Du magst sein, der du bist, aber ich bin nicht ich. Wo Ich sein will, ist Es. Hier spricht ein Lebewesen, halb Mensch, halb Tier, die Frau, der ein gereiztes Tier aus den Augen schaut. Beutlers Zeitgenosse Frank Wedekind, in seinem Glauben an die heilende Kraft der elementaren Natur, verklärt ein solches Lebewesen inErdgeist als das wilde, schöne Tier, als Utopie gegen die bürgerliche Heuchelei. Bei Beutler gibt es keine Utopie, nur wildes Brüten – zur Hälfte das Animalische des Austragens der Frucht, zur Hälfte haltloses,gereiztes Grübeln, kein kreisendes Denken, eher ein Irresein, das nur zwei Gewissheiten kennt: die Tatsache der Schwangerschaft und das Geraune von des neuen Lebens Hüterin. In diesem Zustand wandle ich die Tage, heißt es. Hier klingt zum einen die Überschrift an, die körperlichen Veränderungen verändern den Lebensprozess, zum anderen bewegt sie sich durch die Zeit auf das Unvermeidliche hin, ein bewusstloses, beinah somnambules Vorwärtsgehen. Ein Bild radikaler Selbstentfremdung in einer Situation, in der man von einer Frau erwartet, ihre Erfüllung gefunden zu haben und ganz bei sich selbst zu sein. Von solch verkommener Ideologie, die alles, was ihr zupasskommt, mit der Phrase »von Natur aus« heiligspricht, in die Rolle des Halbtieres »Weib« gezwungen, hat die Schwangere jeglichen Sinn für alle Natur verloren. Das große Werden und Vergehen ist ihr fremd geworden, nurmehr ein abgeschmacktes Spektakel, weil sie sich selbst fremd geworden ist. Die lebendige Natur ist nicht mehr erfahrbar, sie ist verschmolzen mit einem kollektiven Natürlichkeitswahn und seinen unerbittlichen Zwängen.
In der letzten Strophe mündet die Selbstreflexion in eine Anrufung der törichten Natur. Sie soll gegen ihre eigene Gesetzlichkeit die Frucht zurücknehmen. Wenn die Natur verschmolzen ist mit der Ideologie der Natürlichkeit, sind ihre Gesetze vielleicht ja gar keine, sondern willkürliche Festlegungen. Allein, die imperativische Anrufung zwischen all den Geviertstrichen lässt da wenig Hoffnung aufkommen.
Die Frucht schwillt ohne Segen, ohne Benediktion. Gebenedeit unter den Weibern ist nur eine einzige, und gebenedeit ist auch die Frucht ihres Leibes. Der Herr ist ja auch schließlich mit ihr. Das Gegrüßet seist du gilt eben Maria, der glorifizierten Mütterlichkeit, nicht aber dem ichlosen Halbtier in seiner Realität, in der kein Herr mit ihm sein kann, weil es für ihn da sein soll.
Dieses Gedicht hat in den 118 Jahren seit seinem Erscheinen kaum an Radikalität eingebüßt: Immer noch wird Fremdbestimmung als naturgegeben hingestellt, immer noch ist es schwer, sich gegen das Diktat der Selbstzurichtung zu wehren, immer noch haben diese Verse eine verstörende Wirkung. Nicht nur wegen ihres Inhalts und ihres Themas, sondern vor allem wegen der Bilder, die Margarete Beutler in den Gefilden der sprachlichen Paradoxien und Ambivalenzen gefunden hat, das wilde Brüten zum Beispiel und die Frucht, die ohne Segen schwillt sind immer noch Bilder von großer Suggestivkraft. Einzig der fünfhebige Jambus und der Kreuzreim mögen heutzutage etwas betulich wirken. Gerade deswegen ist es so wichtig, genau hinzuschauen, um zu erkennen, wie sehr das anscheinend unmittelbar Individuelle Gesellschaftliches, Politisches, Literarisches repräsentiert, ohne diskursiv »darüber« zu reden. Margarete Beutler legt durch ihre Wühlarbeit in den unkontrollierten Gefilden der Paradoxien und Ambivalenzen den radikalen Unterschied zwischen dem Subjektiven und dem Privaten frei und bringt so die Wörter zum Sprechen. Dass ihr Gedicht Wandlung angesichts des weltweiten antifeministischen Rollbacks (vgl. Diskussion um die Tradwives) von bestürzender Aktualität ist, muss leider nicht eigens betont werden.
© Achim Raven, Düsseldorf





