Das knifflige Poesiepuzzle, Folge 38: Moonwalk – ein Mäander

Achim Raven veröffentlicht jeden zweiten Monat am 13. Überlegungen zu Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Gedichteschreibens.


Die knifflige Tätigkeit

Zum Versemachen braucht es Zurückgezogenheit. Denn diese knifflige Tätigkeit darf durch nichts und niemand gestört werden. Schon ein Telefonklingeln kann stundenlange Arbeit zunichtemachen. Knifflig ist die Tätigkeit deswegen, weil sie kein selbstvergessenes Spiel ist, sondern einen engen Bezug zu dem herstellt, vor dem sie sich zurückziehen muss: anderen Menschen. Das Versemachen ist nicht nur wegen der Sprache ein durch und durch gesellschaftliches Tun. Wie ein Bühnenmonolog richtet es sich an die Allgemeinheit, ohne direkt mit ihr zu kommunizieren.

Identisch sein

Theodor W. Adorno, der sich gleichermaßen auf die Kunst wie auf die vertrackten gesellschaftlichen Verhältnisse verstand, spricht von einer Entwicklungstendenz des spätbürgerlichen Bewusstseins […], unter deren Zwang das Individuum umso emphatischer sich selbst hervorhebt, je scheinhafter und ohnmächtiger es in der Realität geworden ist. (Versuch über Wagner, Ffm 1974, S. 46).

Diese Entwicklungstendenz hat ihren Ursprung im bürgerlichen Identitätszwang: Identität weist das Individuum als identifizierbar aus. Es kann und darf nicht mit anderen verwechselt werden. Deswegen heißt der Personalausweis in vielen Sprachen auch entsprechend: Identity card, Carte d’identité, Cartão de identidade … Identität ist zunächst eine juristische und administrative Notwendigkeit. Diese ist in einer bürgerlichen Gesellschaft aber bei weitem nicht hinreichend, denn sie braucht über die quantifizierbaren hinaus auch qualitative Identitätsmerkmale, das Unvergleichliche, den Charakter ihrer Bürger:innen.

Ohne meine doppelte Identität als Inhaber:in des nummerierten Personalausweises, der meine Gleichheit dokumentiert, und als unvergleichlicher Charakter, der mir Freiheit erlaubt, bin ich nichts. Mit ihr bin ich Ich, bekomme damit aber ein gewaltiges Problem: Meine ausgewiesene Einzigartigkeit kann ich nur im Wettbewerb verwirklichen, indem ich sie im Vergleich mit zahllosen anderen ausgewiesenen Einzigartigkeiten permanent auf die Probe stellen lassen muss. Meine Freiheit muss ich in der Gleichheit erringen und meine Gleichheit in der Freiheit behaupten. Das geht gern mal schief, und eh ich mich’s versehe, bin ich Verlierer: In der Identität oszilliert das Selbstgefühl zwischen Überlegenheit und Ohnmacht, zwischen Selbstherrlichkeit, Trotz und bodenlosem Zweifel. So fühlt sich das Individuum zu nachgerade panischer Selbstinszenierung getrieben. Die bürgerliche Gesellschaft beruht auf dem Wettbewerb und damit auf der Unterscheidung von Siegern und Verlierern. Nicht zufällig wollen so viele auf der Autobahn erster sein, immer einen Informationsvorsprung haben oder ihre Körper perfekt modellieren. Sei besser als alle anderen muss die Maxime jeder Handlung sein. Ob schöner, schneller, frommer, schlauer oder reicher ist letzten Endes gleichgültig, Hauptsache irgendwas und jederzeit. Das Ideal verkörpert der fiktive Dauersieger James Bond, ausgestattet mit den Gadgets von Q. In der Realität repräsentiert Donald Trump dieses Ideal in all seiner Erbärmlichkeit.

Mit der Maxime des Erster Alles ist das Scheitern als Bestandteil der bürgerlichen Identität angelegt. Die bürgerliche Identität braucht die Maßgaben einer höheren Instanz, um sich einigermaßen zu stabilisieren. Sogar James Bond ist schließlich On Her Majesty’s Secret Service. Damit erweist er sich als gut geöltes Phantasma: Er kann sich der schützenden Autorität absolut sicher sein, weil er nie verliert. Donald Trump dagegen ist darauf angewiesen, sich selbst als diese höhere Instanz zu inszenieren: His Majesty by His Own Grace – der feuchte Traum des autoritären Charakters! Über den Gesetzen stehen, die auf alle anderen möglichst gnadenlos angewandt werden sollen (mit Ausnahme der eigenen Entourage, versteht sich)! Ob das Individuum sich von diesem autoritären Phantasma befreien kann, ist unsicher und hängt letztlich gar nicht von ihm ab.

Zwischenbemerkung

Wie fließend die Grenzen zwischen Wettbewerbsethos und Irrsinn sind, belegt die beliebte Phrase vom frühen Vogel, der den Wurm fängt: Schon die Voraussetzung, dass es nur einen Wurm gibt, ist blanker Unsinn, der von dem Glauben lebt, dass nicht alle Vögel satt werden dürfen und nur einer es wirklich schaffen kann. Der einzige Sieger produziert zig Verlierer, die in den Mond gucken. Statt Futter zu suchen, hacken die Vögel aufeinander ein. Zwangsläufig muss der Wettbewerb um »den« Wurm zum Krieg aller gegen alle werden. Wie kann es kommen, dass gerade Menschen, die sich so viel auf ihre Rationalität einbilden, dieses plumpe Märchen glauben?

Sich seinen Reim machen

Das Ringen mit dem strukturell bedingten Autoritarismus des Erster Alles kennzeichnet vor allem die jugendlichen Subkulturen. Die entstehen aus der Erfahrung, wie der Wille und die Vorstellungen immer wieder mit der Realität kollidieren. Jugendliche Individuen erfahren sich besonders intensiv als scheinhaft und ohnmächtig. Im erwachenden Bewusstsein der Identität unter dem Zwang, gleich und frei zu sein, entwickeln sich so vitale wie bizarre Rituale, heftige Frisuren und schreiende Dresscodes, die ebenso liebenswert wie verstörend sein können. Damit setzen sie sich mehr oder weniger aggressiv ab von den geltenden Autoritäten und phantasieren sich erotisch besetzte, monumentale Ersatzautoritäten (Stars, Promis, Heilige aller Couleur) zu Leitbildern. Sie behaupten damit eine eigene Authentizität und bleiben doch autoritätsfixiert.

Ausdruck dieser widersprüchlichen juvenilen Authentizität ist von jeher das Versemachen. Bevor Menschen überhaupt die Fähigkeit entwickeln, den realen Schein der Verflechtungen von Personen und Sachen zu durchschauen, machen sie sich buchstäblich ihren Reim darauf. Etwas zu begreifen bereitet Kopfzerbrechen, es farbig auszumalen Vergnügen. Der Reim auf die Realität ist das Lied von Herzschmerz, Ungerechtigkeit und Restriktion und dem heroischen Umgang damit. Oder das Lied von Erfüllung, Glück und Entgrenzung und dem leidenschaftlichen Umgang hiermit. Es ist beide Male dasselbe Sehnsuchtslied derer, die sind, aber sich nicht haben (Ernst Bloch). In seinen Versen hebt in einer Gemengelage aus natürlicher Begabung und Präpotenz das Individuum sich selbst emphatisch hervor. Heroisch oder leidenschaftlich. Die daraus entspringende Euphorie in einem jungen Körper, der kraftvoll ist wie nie zuvor und nie wieder danach, kulminiert in einer Gemengelage aus gefühlter Unsterblichkeit und koketter Todessehnsucht.

Auch jenseits dieser genialischen Lebensphase wirken noch Reste der jugendlichen Selbstüberhebung. Karl Kraus’ Aphorismus Manche Talente bewahren ihre Frühreife bis ins späte Alter gilt so gesehen nicht nur für die literarischen Dampfplauderer, die er als Talente verhöhnt, sondern auch für die seriösen Dichter:innen und nicht zuletzt auch für ihn selbst. Berufsbedingte Selbstbezüglichkeit und der gut oder auch schlecht sublimierte Glaube an die eigene Unsterblichkeit erhalten diese Reste oft genug bis ins späte Alter. So entsteht der Anschein – der ja durchaus einen gewissen Placebo-Effekt haben kann – Lyrik sei ein schamanisches Lebenselixier, das hilft, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen.

Überhaupt Reime auf die Wirklichkeit machen

Selbst in gelungenen Gedichten weit jenseits der wackligen Empfindungen von Heroismus und Leidenschaft wirkt jene jugendliche Selbstüberhebung immer noch als Ferment. So in Else Lasker-Schülers pathetischem Gebet voll bitterer Spiritualität von 1917:

Gebet

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen großen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandle immer in die Nacht …
Ich habe Liebe in die Welt gebracht, ­–
Daß blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

(aus: Gesammelte Gedichte, München 1966, S. 167)

Dieses Gedicht beweist, dass da, wo der Identitätszwang seinen dunklen Schatten wirft, auch Licht sein muss, sonst wäre es kein Schatten, sondern Finsternis. Der Zwang, das Individuum umso emphatischer sich selbst hervorheben [zu lassen], je scheinhafter und ohnmächtiger es in der Realität geworden ist, kann nicht verhindern, dass das scheinhafte und ohnmächtige Individuum, das mit einer messianischen Sendung ein Leben müde [s]ich gewacht hat,als im Kugelglas der Rest den Zwang jener Entwicklungstendenz für einen Augenblick mit der Vision des neue[n] Erdball[s] sprengen kann. Ein einzelner Augenblick kann für eine klare Wahrnehmung reichen. Es ist dies, was Lasker-Schüler mit Walter Benjamin und Franz Kafka verbindet.

Ganz anders und doch ähnlich liegt die Sache bei Joseph von Eichendorff. In seiner Mondnacht, dem wohl bekanntesten, beliebtesten und typischsten deutschen Gedicht, offenbart sich keine messianische Spiritualität wie bei Lasker-Schüler, hier sieht zunächst alles nach Weltflucht aus:

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

(aus: Werke, Bd. 1, München 1970, S. 285)

Es war einmal, dass unter dem wolkenlosen Nachthimmel ein mildes Lüftchen wehte und ein Individuum ein Glücksgefühl verspürte. So etwas passiert häufiger, und doch ist das Glücksgefühl jedes Mal neu, sonst wäre es keins. Deshalb bekommt es auch die Gestalt der Metapher vom Flug der geflügelten Seele. Das Erstaunliche an dem Gedicht ist aber, wie unter dem Gefühl die Gewissheit sich regt, dass die Wirklichkeit nur durch die Verwendung des Konjunktiv II als Irrealis der Vergangenheit diesem Gefühl gerecht werden kann. Das Individuum weiß genau, dass der Himmel die Erde nicht küsst, dass die Erde nicht träumt, und dass es den Flug nach Haus nicht gibt.

Sowas ist keine Weltflucht, hier erschrickt ein Zeitgenosse vor der ersten Phase der Industrialisierung mit ihren sozialen Verwerfungen und ihren technologischen Neuerungen. Er ahnt, wie Lohnarbeit und Dampfmaschine die Lebensverhältnisse zurichten werden. Er weiß von Kinderarbeit und Maschinenstürmern. Er weiß, dass die Welt seiner Dichtung nur noch im Modus des Als-ob, als Simulation Bestand haben kann. Er weiß – im Gegensatz zur ersten Generation der Romantiker –, dass die Welt nicht romantisierbar ist.

Else Lasker-Schüler und Joseph von Eichendorff sind nicht miteinander vergleichbar, in ihren Stärken nicht und erst recht nicht in ihren Schwächen. Umso erstaunlicher ist es, wie beide in diesem einen Punkt sich treffen: Indem das scheinhafte und ohnmächtige Individuum emphatisch sich selbst hervorhebt und in jugendlicher Selbstüberhebung (Lasker-Schüler war 48, Eichendorff 47, als sie ihre Gedichte schrieben), den Identitätszwang für einen flüchtigen Moment sprengen und mit einem imaginären Nichtidentischen sich amalgamieren (dem Engel, dem Als-ob), durchbrechen sie den Teufelskreis von Konkurrenz und Autoritarismus, das Realitätsprinzip und gewinnen jene Authentizität, die für Adorno das Kunstwerk vom Entertainment unterscheidet.

Fly Me To The Moon

Gelingt eine solche Sprengung der Entwicklungstendenz nicht – es gibt schließlich kein Rezept für ein solches Gelingen –,führt die emphatische Selbsthervorhebung in der Tat zum Eskapismus, und es wird Nacht. Die träumerische Verklärung solcher Umnachtung ist seit dem frühen 19. Jahrhundert Standardmotiv. Die gebildeten Stände lasen dazu Novalis, dessen Dichtung im Vergleich zur Finesse Eichendorffs wie Morphium wirkt:

[…]

Gelobt sey uns die ewge Nacht,
Gelobt der ewge Schlummer.
Wohl hat der Tag uns warm gemacht,
Und welk der lange Kummer.
Die Lust der Fremde ging uns aus,
Zum Vater wollen wir nach Haus.

[…]

(aus: Novalis, Hymnen an die Nacht, 6. Sehnsucht nach dem Tode, Schriften. Band 1, Stuttgart 1960–1977, S. 152)

Wem das nicht gemütlich genug war, versank gern in Betrachtung des Mondes, so wie Caspar David Friedrich sie gemalt hat. Allerdings weiß die Umgangssprache, dass die, die in den Mond gucken, leer ausgehen. So malt Johann Peter Hasenclever 1846 Die Sentimentale mit verrutschter Bluse und aufgelöstem Zopf, durchs am Fenster den Mond anstarrend. In ihrem engen, biedermeierlichen Zimmer sind überall Bücher verstreut, aufgeschlagen sind Goethes Werther und Claurens Mimili, ein Topseller des Biedermeier. Außerdem gibt es noch das Porträt eines Uniformierten mit prächtigem Schnäuzer, von dem sie wohl vergeblich träumt. Wäre das Grammophon schon erfunden, krächzte es des Walzerkönigs Zigeunerbaron:

[…]

Ja – mild sang die Nachtigall
Ihr Liedchen in die Nacht:
Die Liebe, die Liebe
Ist eine Himmelsmacht.

(Ignatz Schnitzer)

Die Himmelsmacht des Gefühls ist die beste Arznei gegen die Zumutungen einer unbegriffenen Wirklichkeit. Da darf unter Thränen geseufzet werden, sich zu artikulieren wäre profan und wäre mit der schönen Seele nicht in Einklang zu bringen: Die schöne Seele braucht sich keinen Reim mehr auf die Wirklichkeit zu machen, sie genügt sich selbst.

Und was tun Menschen am liebsten, die, jeglicher geistigen Regung entbunden, derart in die eigenen Gefühle abtauchen? Sie glotzen den Mond an! Und weil der so gar nichts ist und kann, eine Deko am Nachthimmel, ist er die ideale Projektionsfläche. Er stellt er den wogenden Gefühlen nichts in den Weg. Dass er immerhin mit seiner schieren Masse für Ebbe und Flut sorgt, haben seine Verehrer:innen nicht auf dem Schirm. Stattdessen muss er sich auch noch duzen lassen:

Guter Mond, du gehst so stille
In den Abendwolken hin,
Bist so ruhig, und ich fühle,
Daß ich ohne Ruhe bin!
Traurig folgen meine Blicke
Deiner milden, heitern Bahn;
O wie hart ist das Geschicke,
Daß ich dir nicht folgen kann!

(anonym, 1808)

So wie der Mond dem platten Sentiment der schönen Seele als Projektionsfläche dient, verkörpert er aber dennoch auch ein dunkles Geheimnis des Poetischen: Gedichte, zurückgezogene Konstrukte aus Worten, die stille ihre Bahn gehen, wenn die auch nicht mild und heiter ist (nicht sein kann, denn was wären milde Bahnen, heitere Bahnen?), lassen fühlen, dass die Ruhe hin ist. Weil sie so stille sind, laden sie zu banalsten Projektionen ein, weil sie so entfernt sind, irritieren sie gleichzeitig ihre Leserschaft. Aber wer sich genauer auf sie einlässt, wird feststellen, dass sie unbewohnbare Orte sind, deren Leuchten nur eine Spiegelung fremden Lichts ist. Doch sie bewirken Ebbe und Flut im Gemüt. Und genau das macht sie trotz ihrer Unwirtlichkeit so einladend. Der Einladung folgend, ist sie zu betreten immer wieder ein giant leap for mankind (Neil Armstrong): Das Gedicht zeigt denen, die es lesen, wie es sie begreift, wenn sie es begreifen.

Kein Wunder also, dass das Versemachen so eine knifflige Angelegenheit ist.


© Achim Raven, Düsseldorf

 

Achim Raven
Achim Raven (Foto: privat)
Achim Raven, geboren 1952 in Düsseldorf, hat von 1984 bis 2015 unter dem Pseudonym Ferdinand Scholz einige Bücher mit Lyrik und Prosa veröffentlicht.
Seither veröffentlicht er unter seinem richtigen Namen, zuletzt: Der Ernst des Unernstes kommt vom Unernst des Ernstes, Düsseldorf 2022, edition virgines. Er hat 40 Jahre an Gymnasien Deutsch, Philosophie und Kunst unterrichtet und 10 Jahre literarisches Schreiben an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.




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