Bücher können auftauchen und glänzen, aber auch einstauben und verschwinden – immer gilt jedoch, ganz gleich, wie alt sie sind: Ihre Texte wollen neuentdeckt werden! David Westphal stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor.
Letzten Monat (genauer: am 14. August) war der siebzigste Todestag von Bertolt Brecht. Schon das ganze Jahr über finden sich folgerichtig hie und da Beiträge über Brechts Theater, sein Leben und Schaffen. Das alles zusammen ergab für mich einen Anlass, seine Gedichte neu zu lesen, und dabei ist mir ein Gedicht besonders ins Auge gestochen, und zwar eines, das ich als Schüler bereits kennengelernt hatte: An die Nachgeborenen. Entstanden ist es zwischen 1934 und 1938 im Exil. Brecht hat es fertiggestellt, damit es auf dem aus Spanien agierenden Freiheitssender 29,8 über Kurzwelle ausgestrahlt werden konnte, um den Widerstand in Nazideutschland zu stärken. Obwohl das Regime immer wieder versucht hatte, diese Frequenz zu stören, gelang es ihm nicht, den Sender mundtot zu machen. Das erledigten schließlich aber Francos Truppen im März 1939. Bis dahin jedoch diente das Radio als subversives Medium für wiederständige Poesie.
»Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!« ist der berühmte Auftakt des wohl bekanntesten Exilgedichts Brechts. In der ersten der drei Strophen breitet das lyrische Ich die Frage aus, wie man überhaupt noch unbeschwert sein könne, während es andernorts an allem fehle. Es kommt zu dem Schluss: »Ein Gespräch über Bäume [ist] fast ein Verbrechen«. Die Naturlyrik auch? Vermutlich. Ohne feste Form handelt es vorgreifend von der Schuld der Überlebenden, wie auch von Werten, die im Angesicht des Naziregimes überdacht werden müssen. Etwa wird in Frage gestellt, was Weisheit im Angesicht dieser großen Not bedeuten kann; stillsitzen und erleiden wohl kaum. Es gibt kein Weiter so mehr.
Die zweite Strophe berichtet aus der Vergangenheit. Handelt davon, was für Schlachten bereits geschlagen wurden – ohne dass über sie viel erreicht worden wäre; welche Fehltritte man sich geleistet hat, nur um unerreichbarer Ziele Wille: »So verging meine Zeit, / Die auf Erden mir gegeben war« endet jede der vier Versgruppen.
Die dritte und letzte Strophe richtet sich an die Nachgeborenen, an die Welt, die aus der Flut auftauchen werde, in der man selbst untergegangen sei. Dort drückt sich die Hoffnung aus, dass der Mensch irgendwann »dem Menschen ein Helfer« sein wird. Kein Wolf. Und es bittet das lyrische Ich um Vergebung dafür, dass »wir […] selber nicht freundlich sein« konnten, obwohl man doch der Freundlichkeit fruchtbaren Boden geben wollte. Weil eben auch der »Zorn über das Unrecht […] die Stimme heiser« werden lässt.
Es ist eines dieser Gedichte, die – heute gelesen – möglicherweise sogar Fatalismus schüren. Denn die Nachgeborenen, das sind schließlich alle Generationen nach 1945. Es sind die Menschen, die heute leben, oder nicht? Doch »denk ich an Deutschland« usw. – es ist nicht nötig, Heinrich Heines Zeilen auszuschreiben – und auch in vielen weiteren Ländern der Erde sieht es politisch düster aus. Was also tun? Gedichte lesen? Es wäre klug. Der Leser oder die Leserin ist immerhin schon einmal jemand, der/die sich hinsetzt und sich dafür interessiert, was jemand anderes denkt, sagt und fühlt. Damit ist schon viel gewonnen, wie etwa auch Peter Sloterdijk behauptet.
Wenn ich heute Brechts Gedicht An die Nachgeborenen lese, dann schlagen sich viele Gedanken bei mir nieder. Zum Beispiel frage ich mich, ob die Nachgeborenen, von denen hier die Rede ist, überhaupt schon das Licht der Welt erblickt haben. Vielleicht sind wir noch immer in den sich erneut auftürmenden Wogen dieser Flut, die Brecht beschreibt. Und wahrscheinlich ist auch meine eigene Stimme noch nicht heiser genug. »Das Ziel«, wie es heißt, liegt womöglich ferner, als Brecht es sich vorgestellt hat, und eine Fortschreibung der Katastrophe näher, als allen lieb sein kann. Das ist auch das Aufregende an diesem Gedicht: Es verschmelzen Horizonte. Was sich auftut, kann uns wenigstens nach Brecht Geborenen schon einiges mitgeben. Darum: Ja, auch jetzt ist die Lyrik, die Literatur und die Kunst überhaupt kein Nebenschauplatz. Im Übrigen würde der Kulturkampf um Deutungshoheiten wohl kaum in der jetzigen Intensität geführt, wäre das alles nur nice to have.
Freilich wäre es angebracht, die heiseren Verse Brechts an dieser Stelle anzuhängen. Jedoch erlischt das Urheberrecht trotz des siebzigsten Todestages Brechts erst zum 1. Januar 2027. Für mich eine ironische Wendung in Anbetracht des Anti-Kapitalisten Bertolt Brecht, die vielleicht ein Hinweis darauf ist, dass das Kapital und der Nationalismus einen gemeinsamen Grundton haben. Aber das wäre mir zu Schulzeiten wohl als Überinterpretation angekreidet worden.

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.
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