Bücher können auftauchen und glänzen, aber auch einstauben und verschwinden – immer gilt jedoch, ganz gleich, wie alt sie sind: Ihre Texte wollen neuentdeckt werden! David Westphal stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor.
In einer verstaubten Ecke einer privaten Bibliothek fand ich eine kleine Anthologie mit Gedichten aus dem letzten Jahrhundert. Ich nahm das Buch in die Hand und blätterte irgendwo in der Mitte auf. Das erste Gedicht, das mir begegnete, war von einem Autor, den ich ebenso wenig kannte, wie den Verlag, der diese Anthologie irgendwann einmal herausgebracht hat: Roman Ritter. Das Gedicht hieß Einen Fremden im Postamt umarmen. »Wir fahren zurück / Auf eine oder zwei Stunden kommt es nicht an.« Diese Zeile hat mich sofort in das Gedicht hineingezogen. Denn Zeit ist das, was uns allen und mir oft am allermeisten fehlt.
Das Gedicht handelt in sechs Versgruppen unterschiedlicher Länge von etwas, das man heute Roadtrip nennen würde. Das lyrische Ich beschreibt in einem leichten und doch leicht melancholischen Ton die schöne Bedeutungslosigkeit des Reisens. Wie Lichter an ihm vorbeiziehen, wie die Wolken vom Mond beschienen werden, wie das Auto sie wiegt, und wie es ist, in einem Auto enthalten zu sein. Es zu lesen, hat sich wie eine kurze Pause angefühlt. Ich musste nichts über den Autor, das Buch oder die Umstände dieses Gedichts wissen, um seine Kraft zu spüren. Das Gedicht hat mich in einem unbeobachteten Moment ohne Deckung erwischt. Ich liebe es, in der Geschichte zu wühlen, Dingen auf der Spur zu sein und Unentdecktes freizulegen. Aber dieses Gedicht hatte nichts davon nötig. Man bekam einfach so Lust darauf, einen »Fremden im Postamt zu umarmen«, ebenso wie das lyrische Ich auf seinen Reisen – auch wenn es heute keine Postämter mehr gibt, aber das ist ja nebensächlich. Denn der »Fahrtwind rauscht« während des Lesens, das ist alles, was zählt.
Nach all diesem Staunen konnte ich mich aber doch nicht zusammenreißen. Ich musste kurz recherchieren: Roman Ritter hat von 1943 bis 2025 gelebt. Und als Lektor und Herausgeber war er an einigem beteiligt, das mir nicht entgangen ist. Etwa an der Literaturzeitschrift Kürbiskern – Literatur, Kritik, Klassenkampf. Und nachdem er anfänglich darüber geschrieben hat, wie er mit einem Freund Bierfilze am Tischrand hochgeschlagen hat, habe ich schon erwartet, dass ihn etwas mit Bayern verbindet, denn dort ist ebendas ein beliebter Wirtshaussport. Das Gedicht muss aus dem gleichnamigen Buch von 1975 aus dem Raith-Verlag stammen. Anscheinend ist Roman Ritter übrigens gerne politisch in seinen Texten, was man aber in diesem Gedicht nicht spürt. So möchte ich also sagen: Lesen, ohne zu wissen, kann so befriedigend sein – und so niederschwellig schreiben zu können, ist eine Kunst.

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.
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