Im babylonischen Süden der Lyrik, Folge 130: »Días de la semana – Wochentage« von Ricardo Ezequiel Gandolfo (Argentinien) – in memoriam

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Diese Folge würdigt erneut den jüngst verstorbenen argentinischen Dichter Ricardo Ezequiel Gandolfo (1953 – 2026), und zwar mit einem weiteren seiner Gedichte (siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik«, Folge 129).



Ricardo Ezequiel Gandolfo

Días de la semana

Los calendarios parecen calamares.
Detrás de una nube de tinta,
           los días acuden, tenues, a sus citas.

El lunes te degüella con su fina guadaña.
El martes el teléfono no suena.
A la hora indicada
          con paso de hábil diplomático se presenta
el miércoles.
          Susurra la promesa
que no habrá de cumplirse el domingo.
Allí estás ya a merced de un crepúsculo venenoso
‚que flota sobre la amante ocasional del viernes,
lacrimosa por no haberte conocido el sábado.
          Cuando todo eran rosas
observas asombrado reptar al gusano glotón
tejiendo el hilo del recomienzo eterno.
Tan detestablemente momentáneo que parece piedad
          o el destello fugaz entre escenas
de una lenta película japonesa.

En resumen:
El jueves rememoras un sueño de tu padre
en el que pierde siempre todos los ferrocarriles.
Y tú llegas demasiado temprano a todos tus encuentros.

* * *


Ricardo Ezequiel Gandolfo

Wochentage

Die Kalender scheinen Kalamares zu sein.
Hinter einer Tintenwolke
          strömen die Tage weich zu ihren Terminen hin.

Der Montag köpft dich mit seiner feinen Sense.
Am Dienstag klingelt das Telefon nicht.
Zur verabredeten Stunden
          stellt sich mit diplomatisch leichtem Schritt
der Mittwoch ein.
          Es säuselt das Versprechen,
das am Sonntag womöglich nicht eingehalten wird.
Da bist du bereits einem giftigen Morgengrauen ausgeliefert,
das auch eine gelegentliche Geliebte vom Freitag umschwebt,
den Tränen nahe, weil sie dich nicht samstags kennengelernt hat.
          Wenn alles auf Rosen gebettet,
siehst du die gefräßige Seidenraupe kriechen,
die am ewigen Faden des Wiederanfangs spinnt.
Derart verhasst augenblicklich, dass es Gnade scheint
          oder das kurze Aufflammen zwischen zwei Szenen
eines langsamen japanischen Films.

Zusammengefasst:
Am Donnerstag erinnerst du dich an einen Traum deines Vaters,
in dem er immer die Züge verpasste.
Und du kommst zu früh zu all deinen Treffpunkten.

Übertragen von Juana Burghardt und Tobias Burghardt
© Herederos de Ricardo Ezequiel Gandolfo



 

Tobias Burghardt. Foto: privat
Tobias Burghardt (Foto: privat)

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Essayist, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte den Essayband »Ein Netz aus Blicken. Essays für lateinamerikanische Lyrik« und mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie sowie »Septembererde & August-Alphabet«. Zuletzt erschien seine Werkauswahl »Mitlesebuch 117« (Aphaia Verlag, Berlin/München 2018), sein aktueller Gedichtband »Die Elemente der See« und die umfangreiche Werkauswahl 1991–2021 »Das Gedächtnis des Wassers«.  2020 erhielt er den Internationalen Poesiepreis »Città del Galateo – Antonio de Ferrariis« in Rom, Italien. Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, Indien, im Irak, in Japan, Kolumbien, Portugal, Serbien, Schweden, Uruguay und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet.

Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem »Internationalen KATHAK-Literaturpreis« in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, und als Verlagsteam der Edition Delta ausgezeichnet mit dem Deutschen Verlagspreis 2021, 2024 und 2026 des Kulturstaatsministeriums. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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