Im babylonischen Süden der Lyrik, Folge 129: »Especias – Gewürze« von Ricardo Ezequiel Gandolfo (Argentinien) – in memoriam

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Just morgen vor genau einem halben Jahr starb der argentinische Dichter Ricardo Ezequiel Gandolfo, am (südherbstlichen) 6. April 2026 in Tucumán. In seinem Brotberuf war er ein angesehener freischaffender Psychoanalytiker und ein geschätzter Dozent an der dortigen Universität UNT (Universidad Nacional de Tucumán). Geboren wurde Ricardo Ezequiel Gandolfo am (frühlingshaften) 12. August 1953 in Las Termas de Río Hondo, Santiago del Estero.

Wir lernten ihn vor dreißig Jahren beim internationalen Poesiefestival in Rosario kennen. Seine Lesung an einem Abend war beeindruckend. Wir unterhielten uns danach und er schenkte uns sein Lesemanuskript mit einigen Gedichten, die uns sehr ansprachen und gefielen. Zwei längere Gedichte übersetzten wir kurze Zeit später. Eins davon trägt den Titel »Especias« (»Gewürze«). Es folgt nun zu seinem Gedenken hier.



Ricardo Ezequiel Gandolfo

Especias

El pimentón, con su provocación
                     a algún enigmático toro culinario
me recuerda 
tus enojos y aquellas sopas alemanas
                     que tomábamos en el invierno. Si el mundo
sólo se compusiera de canela
                                           veríamos
cada cosa en forma de una niebla parda
y reservada.
                     Sin duda pereceríamos
de tanta dulzura.
El curry duda
             entre su origen colonial
y cierto pavoneo aristocrático
y sofisticado. Lo sabemos de sólo
haber nacido en esta tierra.
                     Algún modo de viciosa ironía
semeja la pimienta. No por reconocer
                                           sus consecuencias
es que nos ausentamos de su compañía.
Decir que la vainilla
                              es una virgen de recatado atuendo
quizás sea prueba de lirismo.
                              A condición de no olvidar
que hasta la América iríamos por su aroma.

Con todo gusto
                     estoy dispuesto a conceder
que el Universo descansa en una lengua –
y no sobre los clásicos cuatro elefantes
                              de aquella insípida cosmogonía.

* * *


Ricardo Ezequiel Gandolfo

Gewürze

Die Paprika mit ihrer Provokation
                    irgendeines rätselhaften kulinarischen Stiers
erinnert mich
an deine Wut und jene deutschen Suppen,
                    die wir im Winter aßen. Wenn die Welt
nur aus Zimt bestünde,
                                 sähen wir
jedes Ding in Gestalt eines bräunlichen und
verschwiegenen Nebels.
                                 Zweifelsohne kämen wir
vor so viel Süße um.
Der Curry zweifelt
                          an seinem kolonialen Ursprung
und einem gewissen aristokratischen
und spitzfindigen Gehabe. Wir wissen es,
weil wir hier geboren sind.
                              Eine Art süchtige Ironie
scheint der Pfeffer zu sein, nicht durch die Erkenntnis
                                       seiner Wirkungen
meiden wir seine Begleitung.
Zu behaupten, die Vanille
                                     sei eine Jungfrau in sittsamem Kleid,
ist vielleicht ein Beweis für Schwärmerei.
                              Solange man nicht vergisst,
dass wir ihres Aromas wegen sogar bis nach Amerika gingen.

Jedenfalls
                bin ich bereit einzugestehen,
dass das Universum auf einer Zunge ruht –
und nicht auf den klassischen 4 Elefanten
                                          jener schalen Kosmogonie.

Übertragen von Juana Burghardt und Tobias Burghardt
© Herederos de Ricardo Ezequiel Gandolfo



In den letzten Jahren schrieben wir uns öfters. Und wir lasen seine neuere und älteste Lyrik. Olga Orozco und Roberto Juarroz gehörten einst zur Jury eines argentinischen Lyrikpreises und würdigten sein frühes, noch unveröffentlichtes Werk als Preisträger. Sein Lyrikdebüt erschien dann 1981 unter dem Titel »Diario de Babel« (Tagebuch von Babel). Es folgte 2009 eine Anthologie mit drei weiteren Autoren aus Tucumán. Sein zweiter Gedichtband aus dem Jahr 2012 lautete »Bazar Japonés« (Japanischer Basar), und ein dritter, von dem er erzählte, blieb unveröffentlicht.

Er starb am ersten Montag im vergangenen April. In seinem Gedicht »Wochentage« (»Días de la semana«) beschreibt er den Montag als abrupten Einschnitt und schließt mit einem Vers, in dem er davon spricht, »zu früh zu all deinen Treffpunkten« zu kommen. Ricardo Ezequiel Gandolfo ist ein großartiger Dichter Argentiniens, der an der Peripherie der Peripherie zentral wirkte.

 

Tobias Burghardt. Foto: privat
Tobias Burghardt (Foto: privat)

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Essayist, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte den Essayband »Ein Netz aus Blicken. Essays für lateinamerikanische Lyrik« und mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie sowie »Septembererde & August-Alphabet«. Zuletzt erschien seine Werkauswahl »Mitlesebuch 117« (Aphaia Verlag, Berlin/München 2018), sein aktueller Gedichtband »Die Elemente der See« und die umfangreiche Werkauswahl 1991–2021 »Das Gedächtnis des Wassers«.  2020 erhielt er den Internationalen Poesiepreis »Città del Galateo – Antonio de Ferrariis« in Rom, Italien. Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, Indien, im Irak, in Japan, Kolumbien, Portugal, Serbien, Schweden, Uruguay und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet.

Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem »Internationalen KATHAK-Literaturpreis« in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, und als Verlagsteam der Edition Delta mit dem »Deutschen Verlagspreis 2021« und dem »Deutschen Verlagspreis 2024« des Kulturstaatsministeriums, Berlin, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert