Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.
Diese Folge soll noch einmal die sãotomensische Dichterin Conceição Lima würdigen, die jüngst, am 15. Mai 2026, im Alter von 64 Jahren verstorben ist. Sie gehörte zu den wesentlichen Autorinnen der afrikanischen Gegenwartspoesie, dazu hinterließ sie auch als Journalistin bedeutende Spuren. Sie wurde mit drei Trauertagen auf São Tomé e Príncipe geehrt, ihrem Inselstaat am Äquator. Ihre Gedichte, die sich tiefergehend mit der Geschichte, der Erinnerung, dem Kolonialismus und der insularen Identität Afrikas beschäftigen, wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und auf mehreren Kontinenten veröffentlicht, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik«, Folge 65, Folge 73 und Folge 125, sowie die beiden zweisprachigen Doppelbände fürs deutschsprachige Publikum, erschienen in der Edition Delta: »O Útero da Casa & A Dolorosa Raíz do Micondó – Die Gebärmutter des Hauses & Die schmerzvolle Wurzel des Affenbrotbaums« sowie »O País de Akendenguê & Quando Florirem Salambás no Tecto do Pico – Das Land von Akendengué & Wenn Samt-Tamarinden auf dem Dach des Gipfels blühen«.
Conceição Lima
Colinas
Quando tomba um caminho
Os meninos do meu país desenham colinas sobre as ondas.
Conceição Lima
Hügel
Wenn ein Weg kippt
Zeichnen die Kinder meines Landes Hügel auf die Wellen.
* * *
Conceição Lima
Rosto
Tudo é profundo nos olhos da Cidade.
Até a teia dos enganos desvenda a pertinácia deste rosto.
Conceição Lima
Gesicht
In den Augen der Stadt ist alles tief.
Sogar das Täuschungsnetz enthüllt den Trotz dieses Gesichts.
Beide Gedichte: aus dem afrikanischen Portugiesisch übertragen von Juana Burghardt und Tobias Burghardt
© Conceição Lima

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Essayist, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte den Essayband »Ein Netz aus Blicken. Essays für lateinamerikanische Lyrik« und mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie sowie »Septembererde & August-Alphabet«. Zuletzt erschien seine Werkauswahl »Mitlesebuch 117« (Aphaia Verlag, Berlin/München 2018), sein aktueller Gedichtband »Die Elemente der See« und die umfangreiche Werkauswahl 1991–2021 »Das Gedächtnis des Wassers«. 2020 erhielt er den Internationalen Poesiepreis »Città del Galateo – Antonio de Ferrariis« in Rom, Italien. Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, Indien, im Irak, in Japan, Kolumbien, Portugal, Serbien, Schweden, Uruguay und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet.
Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem »Internationalen KATHAK-Literaturpreis« in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, und als Verlagsteam der Edition Delta mit dem »Deutschen Verlagspreis 2021« und dem »Deutschen Verlagspreis 2024« des Kulturstaatsministeriums, Berlin, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.




