Im babylonischen Süden der Lyrik, Folge 125: »Os dias – Die Tage« von Conceição Lima (São Tomé e príncipe)

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Am 15. Mai 2026 starb völlig überraschend die sãotomensische Dichterin und Journalistin Conceição Lima, die zu den wesentlichen Autorinnen der aktuellen afrikanischen Poesie gehört. Die beliebte Dichterin wurde offiziell mit drei Trauertagen auf dem Inselstaat am Äquator São Tomé e Príncipe geehrt. Ihre Gedichte, die sich tiefergehend mit der Geschichte, der Erinnerung, dem Kolonialismus und der insularen Identität Afrikas beschäftigen, wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und auf mehreren Kontinenten veröffentlicht, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik«, Folge 65 und Folge 73.

Wir begegneten ihr auf internationalen Poesiefestivals in Caracas, Venezuela und der türkischen Metropole Istanbul, befreundeten uns; ihr fast gesamtes Lyrikwerkschaffen übersetzten wir ins Deutsche und veröffentlichten hierzulande die zwei folgenden zweisprachigen Doppelbände der unvergesslichen Poetin Conceição Lima: »O Útero da Casa & A Dolorosa Raíz do Micondó – Die Gebärmutter des Hauses & Die schmerzvolle Wurzel des Affenbrotbaums« sowie »O País de Akendenguê & Quando Florirem Salambás no Tecto do Pico – Das Land von Akendengué & Wenn Samt-Tamarinden auf dem Dach des Gipfels blühen«.



Conceição Lima

Os dias

Conheço tempos estranhos
Prenhes noites e manhãs
de nascimentos e medos e sortilégios.

De mãos dadas com a vida
cantá-los-ei
nos pendentes frutos do mamoeiro.

* * *


Conceição Lima

Die Tage

Ich kenne seltsame Zeiten
Du schwängerst Nächte und Morgen
mit Geburten und Ängsten und Zauberei.

Hand in Hand mit dem Leben
werde ich sie besingen
auf den hängenden Früchten des Papayabaums.

Aus dem afrikanischen Portugiesisch übertragen von Juana Burghardt und Tobias Burghardt
© Conceição Lima



 

Tobias Burghardt. Foto: privat
Tobias Burghardt (Foto: privat)

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Essayist, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte den Essayband »Ein Netz aus Blicken. Essays für lateinamerikanische Lyrik« und mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie sowie »Septembererde & August-Alphabet«. Zuletzt erschien seine Werkauswahl »Mitlesebuch 117« (Aphaia Verlag, Berlin/München 2018), sein aktueller Gedichtband »Die Elemente der See« und die umfangreiche Werkauswahl 19912021 »Das Gedächtnis des Wassers«.  2020 erhielt er den Internationalen Poesiepreis »Città del Galateo – Antonio de Ferrariis« in Rom, Italien. Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, Indien, im Irak, in Japan, Kolumbien, Portugal, Serbien, Schweden, Uruguay und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet.

Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem »Internationalen KATHAK-Literaturpreis« in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, und als Verlagsteam der Edition Delta mit dem »Deutschen Verlagspreis 2021« und dem »Deutschen Verlagspreis 2024« des Kulturstaatsministeriums, Berlin, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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