Eingestreute Kritik von Hellmuth Opitz
Matthias Politycki mit seinem aktuellen Band »Meisenfrei« und Ludwig Steinherr mit »Gottes Nähmaschine« – zwei etablierte Dichter präsentieren frische Poesie, bei der der Funke überspringt.
Matthias Politycki: Meisenfrei als Geisteshaltung
Die Kneipe »Meisenfrei« im Hamburger Generalsviertel war lange Zeit die Kreativzuflucht des Dichters Matthias Politycki. Hier entstand – »bei dezent nachgezapftem Jever« – so manches Gedicht. Seit Politycki aber mit Aplomb Deutschland wegen des unguten politischen Klimas verließ, um in Wien zu leben, ist er viel zu selten in seinem Stammlokal. Kein Wunder also, dass dieser Sehnsuchtsort den Titel für Polityckis neuesten Gedichtband liefern durfte. Denn »Meisenfrei« ist viel mehr als eine Kneipe, es ist ein Geisteszustand. Meisenfrei, das steht für ungezwungenes, unabhängiges Denken und Dichten, aber auch für eine gute Portion Spinnerei, Träumerei und Lachen, die Meise unterm Pony eben. Mit den 99 Gedichten dieses Bandes schüttet Politycki einmal mehr ein Füllhorn poetischer Stimmen über der geneigten Leserschaft aus.
Vom fragilen, beinahe flehentlichen Liebesgedicht über sinnlich dampfende Deftigkeiten aus aller Herren Länder bis hin zu politischen Nadelstichen – der weltläufige Dichter beherrscht alle Tonlagen. Ihm gelingt das durch einen charakteristischen Kniff: Er schlüpft, wie auch schon in den vorigen Gedichtbänden, in die Persönlichkeiten unterschiedlicher Protagonisten, die jeweils für eine bestimmte lyrische Tonalität stehen. Dabei erweist sich Politycki immer wieder als Meister im Ablauschen von tiefschürfender Tresen-Philosophie. Dafür sorgen Gewährsmänner, die wie Korrespondenten dem Dichter selbst aus heterogenen gesellschaftlichen und sozialen Biotopen berichten. Hier eine kleine Typologie besagter Protagonisten: Rudi Schachtlmacher steht für eine deftige, leicht prollige Ansprache, Professor Blohms Handreichungen zum Verständnis der modernen Klassiker entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Pump-up-Volume-Stücke recht profaner Thekenweisheiten. Dr. Daxenberger ist ein sinnlicher Connaisseur alter Schule, dazu gibt es noch Gomera-Jürgen, Eder Hannes und anderes semi-fiktives Personal. Kurz: ein bunter Flickenteppich handfester Originale.
Hinzu kommen teils exotische Sitten und Trinkrituale unterschiedlichster Provenienz, die der weltläufige Poet wie Briefmarken gesammelt hat. Entsprechend breitgefächert sind die Sprechhaltungen dieser Gedichte. Da gibt es zum einen die Aufzählung mehr oder minder lustiger und aufschneiderischer Botschaften, die sich auf bedruckten Herrenslips finden: »Big dick is back in town / Warning! May contain nuts / One size fits all / Wham bam thank you Ma’am / Big boss – big business« und auf der anderen Seite der nach oben offenen Dichterskala ein wunderschönes Stück Melancholie: »Aus dem Dunkel kommst du / und bist nichts. / Ins Dunkle gehst du und / wirst nichts gewesen sein.« Dieser Gedichtband ist wie ein Roadtrip für Körper, Herz und Seele. Man kommt wieder und welterfahrener heraus als man hineingegangen ist. Oder wie Politycki es resümierend selber sagt: »Am Ende ist man im Leben, alles / in allem, ein paar Sekunden glücklich. / Vorausgesetzt, man hat Glück.« … und diesen Gedichtband gelesen, möchte man gern ergänzen.

Matthias Politycki
Meisenfrei
99 Gedichte
Hoffmann und Campe 2025
Leineneinband
144 Seiten
38,– €
ISBN 978-3-455-01970-4
Ludwig Steinherr: Der poetische Twist
»Und ich frage mich / was aus der Nähmaschine wurde – // Ich will nicht glauben / dass sie ins Feuer wanderte – // Ich glaube, sie blieb irgendwo stehen / am Straßenrand // wie ein vergessener Koffer – // Eine schwarze Nähmaschine der Dreißigerjahre / ein kleines Kunstwerk / (Singer? Pfaff?) // Blieb stehen und steht / in meinem Gedicht«. In dem Titelgedicht dieses Bandes erinnert Ludwig Steinherr an den authentischen Fall der Jüdin Johanna Rödelheimer, die bei ihrer Deportation nach Kaunas 1941 ihre Reisenähmaschine mitnahm, weil man ihr sagte, sie könne sie dort gebrauchen. Ein schweigendes Denkmal nennt Steinherr die Maschine ein paar Verse später, und dann verwandelt sich die Nähmaschine in einer Art von poetischem Twist in eine schwarze antike Schreibmaschine, »an der Gott sitzt / seit Ewigkeiten // um einen Brief zu schreiben / an dich, Johanna, an dich – // aber er findet den Anfang nicht / seine Finger streicheln die Tasten / die es nicht gibt // weil dies keine Schreibmaschine ist / sondern eine Nähmaschine // die flicken müsste / was nicht zu flicken ist«.
Es gibt leider Gottes so viele schlechte gefühlige Poeme über Auschwitz bzw. die deutschen Verbrechen an den Juden, dass ein sehr gutes, wie dieses Gedicht, turmhoch aus der Masse des pathetischen Durchschnitts herausragt. Denn Steinherr erzählt sein Gedicht entlang eines Gegenstands. Wer einmal zu Besuch in der Gedenkstätte Auschwitz war, wird sich am eindrücklichsten an die Räume erinnern, die angefüllt sind mit den Habseligkeiten der Juden, die ihnen bei Ankunft von den Nazis abgenommen wurden, die Räume voller Koffer, voller Schuhe, voller Brillen. Diese Gegenstände erzählen die Geschichten, weil die Menschen, denen sie gehörten, nicht mehr da sind, um sie zu erzählen.
Ein anderes kurzes Gedicht zu diesem Themenkomplex heißt »Ilse«, auch dieses wartet wieder mit einem poetischen Twist auf: Es erzählt von einem Mädchen, das eigentlich zu klein für alles Mögliche ist, vor allem für die vielzitierten Gefahrenquellen »MesserGabelSchereLicht«, und dann kommt die Wendung: »Aber groß genug / für den Viehwaggon / die Gaskammer / den Feuerofen / die Ewigkeit«. Mit dieser einfachen Gegenüberstellung von »klein« vs. »groß« gelingt es Steinherr, ein helles bzw. erhellendes Schlaglicht auf die Details eines beispiellosen Verbrechens zu werfen.
Doch das lyrische Augenmerk Steinherrs richtet sich auf eine Vielzahl von Themen und Aspekten. Am besten gefallen mir die Gedichte, in denen sich der Poet und der Philosoph Steinherr im Vers die Hände reichen, wie etwa in dem Gedicht »Kopf«. Da will das lyrische Ich die inneren Altlasten aus seinem Kopf räumen. Es ist wie eine Haushaltsauflösung, als wenn man sich vom Sperrmüll des Lebens befreien will. Konsequent einen Schlussstrich ziehen, das ist das angestrebte Ziel. Doch als vermeintlich alles leer und ausgeräumt ist, irritiert ein letzter Blick zurück. Im vermeintlich leeren Gedankengebäude brennt noch Licht: »alle Fenster hell erleuchtet / Stimmen Musik Gelächter // eine rauschende Party«. Ja, das Gedicht zeigt: Sich von Erinnerungen und altem Denken zu verabschieden, ist nicht so einfach. Nicht nur hier ist zu beobachten: Steinherr stellt in seinen Gedichten Fragen, die viel zu selten im Fokus stehen. Was macht beispielsweise die Stille, die zurückbleibt in Haus oder Wohnung, wenn man selbst zu einer Reise aufgebrochen ist? Oder was machen Worte, wenn sie sturmfreie Bude haben? Ein lohnender Gedichtband, der mit jedem Hineinblättern neue Perspektiven eröffnet.

Ludwig Steinherr
Gottes Nähmaschine
Gedichte
Allitera 2026 – Lyrikedition 2000
Hardcover
172 Seiten
22,50 €
ISBN 978-3-96233-547-2




