»Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie«: eine fortlaufende Online-Anthologie, zusammengestellt von Jan-Eike Hornauer
Carsten Stephan
In den Januar geflüstert
Frühe Straßen, schwarz und kalt.
Fahrer kratzen wirr an Scheiben.
Raue Hände purpurn treiben.
Autos röcheln ungestalt.
Harscher Wege gräulich Schnee.
Krähen stürzen sich von Dächern.
Finger weiden klamm an Bechern,
Und im Schuh zerschellt ein Zeh.
Schwüle in den Bahnen wohnt,
Bleicher Münder dunkles Bellen.
Nasen grünlich überquellen,
Und in Stirnen Eiter thront.
Dämmerung! Die Niesel wehn.
Wagen kreischen jähe Lieder,
Und ein jeder Greis bricht nieder.
Becken bersten still und schön.
© Carsten Stephan, Frankfurt am Main
+ Das Original
Georg Trakl
In den Nachmittag geflüstert
Sonne, herbstlich dünn und zag,
Und das Obst fällt von den Bäumen.
Stille wohnt in blauen Räumen
Einen langen Nachmittag.
Sterbeklänge von Metall;
Und ein weißes Tier bricht nieder.
Brauner Mädchen rauhe Lieder
Sind verweht im Blätterfall.
Stirne Gottes Farben träumt,
Spürt des Wahnsinns sanfte Flügel.
Schatten drehen sich am Hügel
Von Verwesung schwarz umsäumt.
Dämmerung voll Ruh und Wein
Traurige Guitarren rinnen.
Und zur milden Lampe drinnen
Kehrst du wie im Traume ein.
+ Zum Autor
Carsten Stephan, geboren 1971 in Dessau, studierte Germanistik und Philosophie in Leipzig, lebt und schreibt heute in Frankfurt am Main – und ganz im Ernst ausschließlich komische Lyrik. Seit 2010 entstehen regelmäßig Gedichte, und diese finden sich in ordentlicher Zahl auch bereits in Zeitschriften (wie Das Gedicht, hEFt, Poesiealbum neu, zugetextet), Anthologien (u. a. »Jahrbuch der Lyrik 2024/25«, hg. v. Matthias Kniep, Karin Fellner, Schöffling 2024, sowie »und kein Gedicht will Abschied von dir nehmen – Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart«, eine Widmungsanthologie für Axel Kutsch, hg. v. Markus Peters, Sabine Schiffner, Amir Shaheen, Verlag Ralf Liebe 2024), bei Radio Z (Literatursendungsreihe »Eisenbart & Meisendraht« des freien Senders aus Nürnberg) und auf der »Die Wahrheit«-Satireseite der taz. Zudem ist Stephan Sieger beim Preis für komische Lyrik »Der Große Dinggang« 2019 (Jurypreis).
Im vergangenen Jahr ist mit »Gulaschfuturismus« (Container Press 2025) sein erster umfassender Gedichtband erschienen. Außerdem herausgekommen sind als Solotitel von ihm bislang das Künstlerbuch »Brigadebuchrebellin Kühner ‒ Der Osten im Porträtgedicht« (deerpress 2016), das Automatenbuch »Café Sonnenschein – Groteske Gedichte« (Art Connection & zakk 2017) und das Heft »Der wundersame Riesenbrahmahahn – Tiergedichte« (deerpress 2024).
CarstenStephan.com
»Gedichte mit Tradition« im Archiv
Zu dieser Reihe: »Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie« ist eine Online-Sammlung zeitgenössischer Poeme, die zentral auf ein bedeutendes Werk referieren, ob nun ernsthaft oder humoristisch, sich verbeugend oder kritisch. Jeden zweiten Freitag erscheint eine neue Folge der von Jan-Eike Hornauer herausgegebenen Open-End-Anthologie. Alle bereits geposteten Folgen finden Sie hier.