»Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie«: eine fortlaufende Online-Anthologie, zusammengestellt von Jan-Eike Hornauer
Karsten Paul
Löschungslied
zur Feier des Art. 17 DSGVO
sie schweben für immer
durchs kollektive Gedächtnis
die vergötterten Altstars:
die Monroe haucht dem toten Mr. President
zum zigtausendsten Mal
ein »Happy Birthday«
Rock Hudson schaut auf zu Liz Taylor
gleich darf er sie wieder nicht küssen
James Dean bleibt an die Flinte gekreuzigt
in läppischer Jesuspose
Yul Brunner träumt traurig von Kopfhaar
Dennis Hopper choppert weiter ohne Helm
und John Wayne stakst noch immer herum
als bräuchte die Windel ne Leerung …
todlos wie wandelnde Leichen
verharren die Göttlichen
in ewigem Starkult
betäubend in dauernder Wiederkehr
blüht uns ihr Abbild
– sie dürfen nicht sterben
wir lieben sie untot
doch uns ist nun gegeben
zu schwinden – ein Recht auf
Vergessen das Löschen
all unseres Bullshits
im Weltnetz
es torkeln es fallen
wir dümmlichen Menschlein
blindlings von peinlichem
Fehler zu Fehler
und posten verbreiten
den sinnfreisten Schwachsinn
und gerne auch Weltwut und Hass …
das dürfen wir löschen
dank neuem Gesetz
das sollten wir tun
© Karsten Paul, Linz und Nürnberg
+ Das Original
Friedrich Hölderlin
Hyperions Schicksalslied
Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.
Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.
Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.
+ Zum Autor
Karsten Ingmar Paul wurde 1970 in Kaufbeuren geboren und lebt heute in Linz und Nürnberg. Der als ordentlicher Professor an der Johannes-Kepler-Universität in Linz tätige Psychologe kann zahlreiche Fachpublikationen vorweisen, dazu sind etliche seiner Gedichte in Anthologien, u. a. in »Wenn Liebe schwant« (hg. v. Jan-Eike Hornauer, muc Verlag 2017), und Literaturzeitschriften veröffentlicht, u. a. in »Das Gedicht« und »Macondo«.
Er ist regelmäßiger Autor von »Gedichte mit Tradition – neue Blätter am Stammbaum der Poesie«. Mehrfach wurde Paul bei Lyrikwettbewerben ausgezeichnet, zuletzt beim Lyrikstier 2018 (Jurypreis), beim Preis für politische Lyrik 2017 (1. Platz), beim Hochstadter Stier 2014 (Publikumspreis 1. Platz) und beim Jokers Lyrik-Preis 2013 (TextArt-Sonderpreis).
Jüngst ist sein erster Lyrikband erschienen, inspiriert durch die Reihe »Gedichte mit Tradition« und eng verwoben mit ihr: »Semmel sei der Mensch, Bratwurst und Senf!« (Untertitel »Fortschreibungen, Parodien, Gegenreden usw. zu klassischen Gedichten von Martial über Goethe bis Gomringer – frisch aus den Niederungen des Jetzt«, herausgegeben und mit Einordnungstexten von Jan-Eike Hornauer, muc Verlag 2025).
»Gedichte mit Tradition« im Archiv
Zu dieser Reihe: »Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie« ist eine Online-Sammlung zeitgenössischer Poeme, die zentral auf ein bedeutendes Werk referieren, ob nun ernsthaft oder humoristisch, sich verbeugend oder kritisch. Jeden zweiten Freitag erscheint eine neue Folge der von Jan-Eike Hornauer herausgegebenen Open-End-Anthologie. Alle bereits geposteten Folgen finden Sie hier.