»Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie«: eine fortlaufende Online-Anthologie, zusammengestellt von Jan-Eike Hornauer
Carsten Stephan
Ich bin der Wald
Ich bin der Wald,
Ich bin verkalkt.
Ich hege den Fuchswurm,
Ich hege den Zeck,
Ich schütze den Räuber,
Ich schütze die Hex.
Ich werfe mit Ästen,
Ich warte voll Arg,
Ich blak in der Stube,
Ich bau euch den Sarg.
Ich spreche in Versen,
Ich schweige nie still,
Darum, ihr Menschen,
Rodet mich schnell!
© Carsten Stephan, Frankfurt am Main
+ Zu Original und Hintergrund
Dass Lyrik und Wald in der Lyrik deutscher Zunge unverbrüchlich miteinander verbunden sind (ob nun im feierlich oder kritisch, ernstgemeint oder … nun ja, verkohlend), ist allgemein bekannt und reicht weit über das vielleicht populärste Gedicht unserer Breitengrade hinaus, nämlich Goethes »Wandrers Nachtlied«, das anhebt mit »Über allen Gipfeln ist Ruh«, und die große Waldeinsamkeit der Romantiker, von Eichendorff und Arnim bis hin zu Heine. Eine modernere Variante ist Carsten Stephan gleich doppelt über offiziell aufgestellte Schilder im Wald begegnet (auf Rügen und im Erzgebirge), zudem hat er es in der »Forstlichen Standesfibel« aufgespürt (herausgegeben wurde diese »Sammlung forstlicher Standesregeln« mit Zustimmung des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft vom Forstwirte-Verein an der Hochschule für Bodenkultur in Wien, und zwar beim Wiener Verlage Fromme anno 1950). Sein Verfasser ist unbekannt. Auch variieren die Schreib- und Darstellungsweisen etwas (ohne Titel sind jedoch alle). Nachfolgende Fassung hat Stephan sich zum Vorbild erkoren – und der doch sehr altertümlich gesetzten, den tradierten lyrischen Ton ausstellenden Sprache, dem triefenden Kitsch der Aussagen, der Hinmalung eines unerreichten Ideals einen scharf satirischen, äußerst wirklichkeitsnahen und jetzigen Ansatz gegenübergestellt. Dabei aber behält er eines bei: Das Erhalten der Wälder, das wollen am Ende beide Gedichte. Nur ihre Mittel weichen stark voneinander ab. In kritischer Distanz führt Stephan letztlich das Vorbild fort, in andere Gesellschaftsbereiche und ins Jetzt.
Ich bin der Wald,
Ich bin uralt,
Ich hege den Hirsch,
Ich hege das Reh,
Ich schütz’ Euch vor Sturm,
Ich schütz’ Euch vor Schnee,
Ich wehre dem Frost,
Ich wahre die Quelle,
Ich hüte die Scholle,
Ich bin immer zur Stelle.
Ich bau’ Euch das Haus,
Ich heiz’ Euch den Herd –
Darum, Ihr Menschen,
Haltet mich wert!
+ Zum Autor
Carsten Stephan, geboren 1971 in Dessau, studierte Germanistik und Philosophie in Leipzig, lebt und schreibt heute in Frankfurt am Main – und ganz im Ernst ausschließlich komische Lyrik. Seit 2010 entstehen regelmäßig Gedichte, und diese finden sich in ordentlicher Zahl auch bereits in Zeitschriften (wie Das Gedicht, hEFt, Poesiealbum neu, zugetextet), Anthologien (u. a. »Jahrbuch der Lyrik 2024/25«, hg. v. Matthias Kniep, Karin Fellner, Schöffling 2024, sowie »und kein Gedicht will Abschied von dir nehmen – Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart«, eine Widmungsanthologie für Axel Kutsch, hg. v. Markus Peters, Sabine Schiffner, Amir Shaheen, Verlag Ralf Liebe 2024), bei Radio Z (Literatursendungsreihe »Eisenbart & Meisendraht« des freien Senders aus Nürnberg) und auf der »Die Wahrheit«-Satireseite der taz. Zudem ist Stephan Sieger beim Preis für komische Lyrik »Der Große Dinggang« 2019 (Jurypreis).
Im vergangenen Jahr ist mit »Gulaschfuturismus« (Container Press 2025) sein erster umfassender Gedichtband erschienen. Außerdem herausgekommen sind als Solotitel von ihm bislang das Künstlerbuch »Brigadebuchrebellin Kühner ‒ Der Osten im Porträtgedicht« (deerpress 2016), das Automatenbuch »Café Sonnenschein – Groteske Gedichte« (Art Connection & zakk 2017) und das Heft »Der wundersame Riesenbrahmahahn – Tiergedichte« (deerpress 2024).
CarstenStephan.com
»Gedichte mit Tradition« im Archiv
Zu dieser Reihe: »Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie« ist eine Online-Sammlung zeitgenössischer Poeme, die zentral auf ein bedeutendes Werk referieren, ob nun ernsthaft oder humoristisch, sich verbeugend oder kritisch. Jeden zweiten Freitag erscheint eine neue Folge der von Jan-Eike Hornauer herausgegebenen Open-End-Anthologie. Alle bereits geposteten Folgen finden Sie hier.