Im babylonischen Süden der Lyrik, Folge 123: »पागल (Pagal – The Lunatic – Der Mondsüchtige), Teil 3 und 4« von Laxmi Prasad Devkota (Nepal)

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

In der Folge 114 von »Im babylonischen Süden der Lyrik« befindet sich mit Teil 1 und 2 ein erster dreisprachiger Einblick in das sechsteilige Langgedicht »पागल« (Pagal – The Lunatic – Der Mondsüchtige) des großen nepalesischen Dichters Laxmi Prasad Devkota (1909–1959), geschrieben im Jahr 1939 und erstveröffentlicht 1953, das vom Autor 1956 aus dem Nepali ins Englische übersetzt wurde. Zum weiteren Hineinlesen in dieses berühmte Gedicht folgen hier seine beiden Mittelteile (3 und 4) in Nepali, Englisch und Deutsch.



लक्ष्मीप्रसाद देवकोटा

पागल



तिमी चतुर छौ, वाचाल !
तिम्रो शुद्ध गणित सूत्र हरहमेशा चलिरहेको छ
मेरो गणितमा एकबाट एक झिके
एकै बाँकी रहन्छ !
तिमी पाँच इन्द्रियले काम गर्छौ,
म छैटौँले !
तिम्रो गिदी छ साथी !
मेरो मुटु ।

तिमी गुलाफलाई गुलाफ सिवाय देख्न सक्तैनौ,
म उसमा हेलेन र पद्मिनी पाउँछु,
तिमी बलिया गद्य छौ !
म तरल पद्य छु !
तिमी जम्दछौ जब म पग्लन्छु,
तिमी सङ्ग्लन्छौ जब म धमिलो बन्छु,
र ठीक त्यसैका उल्टो !
तिम्रो संसार ठोस छ ।
मेरो बाफ !
तिम्रो बाक्लो, मेरो पातलो !
तिमी ढुङ्गालाई वस्तु ठान्दछौ,
ठोस कठोरता तिम्रो यथार्थ छ ।
म सपनालाई समात्न खोज्दछु,
जस्तो तिमी, त्यो चिसो, मीठो अक्षर काटेको
पान्ढीकीको बाटुलो सत्यलाई !
मेरो छ वेग काँडाको साथी !
तिम्रो सुनको र हीराको !

तिमी पहाडलाई लाटा भन्दछौ,
म भन्छु वाचाल ।
जरुर साथी ।
मेरो एक नशा ढिलो छ ।
यस्तै छ मेरो हाल ।



म माघको ठण्डीमा
ताराको सेतो प्राथमिक राप तापेर
बसिरहेको थिएँ,
दुनियाँले मलाई तरङ्गी भने!
भस्मेश्वरबाट फर्कदा सात दिन
टोह्लाएको देखेर
भूत लागेको भने!
एक सुन्दरीका केशमा
समयका तुषाराको
पहिला छिर्का परेको देखेर
म तीन दिन रुँदा,
मेरो आत्मालाई बुद्धले छुँदा
मलाई छटाएको भने!

मैले वसन्तको पहिलो कोकिल सुनेर
नाचेको देख्दा,
बहुला भने!
एक सूनसान औंसीले मलाई निशास भएर
म प्रलय–वेदनाले उफ्रेँ!
मूर्खहरुले मलाई त्यस बेला ठिङ्गुरा हालेर राखे!
म तूफानसँग एक दिन गीत गाउन थालेको थिएँ,
मलाई बुज्रुगहरुले,
राँची पठाइदिए!
म आफूलाई एक दिन मरेको सम्झेर
लम्पसार थिएँ,
एक साथीले बेसरी चिमटिदिए
र भने, “ए पागल तेरो मासु अझ मरेको छैन!”
यस्ता कुरा भए साल, साल!
पागल छु साथी!
यस्तै छ मेरो हाल!

* * *


Laxmi Prasad Devkota

The Lunatic

3

You’re clever, quick with words,
your exact equations are right forever and ever.
But in my arithmetic, take one from one—
and there’s still one left.
You get along with five senses,
I with a sixth.
You have a brain, friend,
I have a heart.

A rose is just a rose to you—
to me it’s Helen and Padmini.
You are forceful prose
I liquid verse.
When you freeze I melt,
When you’re clear I get muddled
and then it works the other way around.
Your world is solid,
mine vapor,
yours coarse, mine subtle.
You think a stone reality;
harsh cruelty is real for you.
I try to catch a dream,
the way you grasp the rounded truth of cold, sweet coin.
I have the sharpness of the thorn,
you of gold and diamonds.

You think the hills are mute—
I call them eloquent.
Oh yes, friend!
I’m free in my inebriation—
that’s just the way I am.

4

In the cold of the month of winter
I sat
warming to the first white heat of the star.
The world called me drifty.
When they saw me staring blankly for seven days
after I came back from the burning ghats
they said I was a spook.
When I saw the first marks of the snows of time
in a beautiful woman’s hair
I wept for three days.
When the Buddha touched my soul
they said I was raving.
They called me a lunatic because I danced
when I heard the first spring cuckoo.

One dead-quite moon night
breathless I leapt to my feet,
filled with the pain of destruction.
On that occasion the fools
put me in the stocks,
one day I sang with the storm—
the wise men
sent me off to Ranchi.
Realizing that same day I myself would die
I stretched out on my bed.
A friend came along and pinched me hard
and said, Hey, madman,
your flesh isn’t dead yet!
For years these things went on.
I’m crazy, friend—
that’s just the way I am.

Translated into English by Laxmi Prasad Devkota

* * *


Laxmi Prasad Devkota

Der Mondsüchtige

3

Du bist klug, schnell mit Worten,
deine exakten Gleichungen sind für immer und ewig richtig.
Aber in meiner Arithmetik, nimm eins von eins —
und es bleibt immer noch eins übrig.
Du kommst mit fünf Sinnen aus,
ich mit einem sechsten.
Du hast ein Hirn, mein Freund,
ich habe ein Herz.

Eine Rose ist nur eine Rose für dich,
für mich sind es Helena und Padmini.
Du bist kraftvolle Prosa,
ich flüssige Poesie.
Wenn du frierst, schmelze ich,
wenn du klar bist, komme ich durcheinander,
und dann wirkt es auch andersherum.
Deine Welt ist fest,
meine dampfförmig,
deine grob, meine feinsinnig.
Du denkst eine steinerne Wirklichkeit;
harte Grausamkeit ist für dich wirklich.
Ich versuche, einen Traum zu fangen,
so wie du die runde Wahrheit der kalten, süßen Münze begreifst.
Ich habe die Schärfe des Dorns,
du die von Gold und Diamanten.

Du denkst, die Hügel sind stumm.
ich nenne sie wortgewandt.
Oh ja, mein Freund!
Ich bin frei in meiner Trunkenheit.
So bin ich nun mal.

4

In der Kälte des Wintermonats
saß ich
und wärmte mich an der ersten weißen Hitze des Sterns.
Die Welt nannte mich träge.
Als sie mich sahen, wie ich sieben Tage lang ausdruckslos starrte,
nachdem ich von den brennenden Ufertreppen zurückkam,
sagten sie, ich sei ein Gespenst.
Als ich die ersten Spuren des Schnees der Zeit
im Haar einer schönen Frau sah,
weinte ich drei Tage lang.
Als der Buddha meine Seele berührte,
sagten sie, ich würde schwärmen.
Sie nannten mich einen Mondsüchtigen, weil ich tanzte,
als ich den ersten Frühlingskuckuck hörte.

In einer totenstillen Mondnacht
sprang ich atemlos auf meine Füße,
vom Schmerz der Zerstörung erfüllt.
Bei dieser Gelegenheit stellten die Narren
mich an den Pranger,
eines Tages sang ich mit dem Sturm,
die Weisen
schickten mich nach Ranchi.
Als ich merkte, dass ich am selben Tag sterben würde,
streckte ich mich auf meinem Bett aus.
Ein Freund kam vorbei und kniff mich fest
und sagte: »Hey, Mondsüchtiger,
dein Fleisch ist noch nicht tot!«
Jahrelang ging das so weiter.
Ich bin mondsüchtig, mein Freund!
So bin ich nun mal.

Aus dem Englischen ins Deutsche übertragen von Juana Burghardt und Tobias Burghardt
© Laxmi Prasad Devkota

 

Tobias Burghardt. Foto: privat
Tobias Burghardt (Foto: privat)

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Essayist, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte den Essayband »Ein Netz aus Blicken. Essays für lateinamerikanische Lyrik« und mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie sowie »Septembererde & August-Alphabet«. Zuletzt erschien seine Werkauswahl »Mitlesebuch 117« (Aphaia Verlag, Berlin/München 2018), sein aktueller Gedichtband »Die Elemente der See« und die umfangreiche Werkauswahl 19912021 »Das Gedächtnis des Wassers«.  2020 erhielt er den Internationalen Poesiepreis »Città del Galateo – Antonio de Ferrariis« in Rom, Italien. Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, Indien, im Irak, in Japan, Kolumbien, Portugal, Serbien, Schweden, Uruguay und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet.

Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem »Internationalen KATHAK-Literaturpreis« in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, und als Verlagsteam der Edition Delta mit dem »Deutschen Verlagspreis 2021« und dem »Deutschen Verlagspreis 2024« des Kulturstaatsministeriums, Berlin, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert