Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.
Multipolare Weltpoesie
Südasien, die Arabische Welt, Lateinamerika und Nordeuropa sind hier die geographischen Koordinaten der folgenden vier AutorInnen einer multipolaren Weltpoesie: Rabindranath Tagore, Abū Tammām, Ida Vitale und Lasse Söderberg. Ihre Poetiken bewegen sich jeweilig zwischen Kulturen, Zeiten und diversen Sprachen.
Rabindranath Tagore
Der legendäre Bangla-Dichter Rabindranath Tagore war der erste asiatische bzw. nicht-westliche Literaturnobelpreisträger, der sein gesamtes poetisches und literarisches Werk in der Muttersprache Bangla verfasste sowie etliche Einzelbände daraus parallel ins Englische übertrug, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik«, Folge 24.
In Bangla lautet sein Name রবীন্দ্রনাথ ঠাকুর (Rabīndranāth Thākur), gebürtig ist er aus der damaligen Hauptstadt Kolkata (zu seinen Lebzeiten: Bengalen, Britisch-Indien; ab 1947 West-Bangalen, Bundesrepublik Indien bzw. Bhārat). Sein schöpferisches Werk – Lyrik, Prosa, Lieder und Musik, die an verschiedenen Orten Bengalens entstanden sind – wird folglich ebenso im heutigen Bangladesch verehrt und als gemeinsames Bangla-Kulturerbe angesehen. Jene südasiatische Region war dazumal gleichfalls ein Britisch kolonialisierter Teil von »Bengalen«, wurde ab 1947 für einige Jahre »Ost-Bangalen«, danach vorübergehend »Ostpakistan« – bis 1971, als sich die Staatsgründung des Bangla sprechenden Teils Pakistans als unabhängige Republik des »Landes der Bengalen« (Bangladesch) ereignete.
Abū Tammām
Der abbasidische Dichter Abū Tammām war zeit seines Lebens viel und ausdauernd unterwegs, bevorzugt auf Kamelen, von Karawanserei mit Herberge plus Stallungen zu Karawanserei mit Herberge plus Stallungen, entlang jener alten Seidenstraße zwischen dem Mittelmeer, Mesopotamien sowie dem Persischen Hochland, und schrieb seine arabischsprachigen Gedichte u. a. in Kairo, Damaskus, Homs, Maarat an-Numan (Idlib), Bagdad, Nischapur oder Neyschabur (Khorasan), Hamedān, Samarra sowie Mossul.
Von Abū Tammām ist vor allem die allererste Anthologie arabischer Poesie mit dem Titel »Hamāsa« bekannt. Dieser erste berühmte Diwan der frühen arabischen Poesie erschien u. a. 1859 in Kolkata und wurde von Friedrich Rückert, dem Mitbegründer der deutschen Orientalistik, ins Deutsche übersetzt. Doch nur sehr wenige Übersetzungen der eigenen Gedichte von Abū Tammām, die 1875 gesammelt in Kairo veröffentlicht wurden, liegen in anderen Sprachen vor; auf Deutsch fast nichts, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik«, Folge 13 und Folge 63.
Abū Tammām gehört indes zu den bemerkenswerten Dichtern der abbasidischen Bewegung der poetischen Erneuerung im Goldenen Zeitalter der arabischsprachigen Poesie. Adonis sieht in Abū Tammām einen innovativen Vorreiter der heutigen Lyrik, der insbesondere die integrale metaphorische Dimension des Gedichts inspiriert.
Ida Vitale
Die uruguayische Poetin Ida Vitale lebt seit einigen Jahren wieder in Montevideo, nachdem sie lange Jahrzehnte in Mexiko-Stadt und Austin, Texas (USA), gewirkt hat. Sie sagte einmal, dass ihr eine öffentliche Bibliothek und ein naher Flughafen ausreichen würde, um sich in ihrem bewegten Leben zuhause zu fühlen. Die lateinamerikanische Autorin, Lyrikerin, Übersetzerin (aus dem Französischen wie auch aus dem Italienischen) und Literaturkritikerin wird in der gesamten spanischsprachigen Welt sehr geschätzt. Ida Vitale ist mit zahlreichen renommierten Literaturpreisen gewürdigt worden, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik«, Folge 39, Folge 40 und Folge 94.
Ida Vitale
Alianza con la niebla
Una historia narcótica empapa
a esta ciudad suspendida en la nada.
¿Qué sueño no se oxida en este invierno,
donde segregan voces los silencios
y la ceniza acalla en vez las voces?
A solas extendemos, para que se oiga lejos,
entre la retractación de los espejos,
la inútil lealtad de nuestro viaje.
Se llevará un naufragio su mensaje.
Todo es península, para quien sabe,
en su camino oculta, hiedra o mina.
Sea la niebla aliada y no enemiga.
* * *
Ida Vitale
Freundschaft mit dem Nebel
Eine berauschende Geschichte durchnässt
diese im Nichts schwebende Stadt.
Welcher Traum verrostet nicht in diesem Winter,
in dem jede Stille Stimmen absondert
und die Asche zugleich die Stimmen zum Schweigen bringt?
Allein breiten wir, damit es von fern hörbar ist,
zwischen der Einkehr der Spiegel
die unnütze Treue unserer Reise aus.
Seine Botschaft wird einen Schiffbruch mitnehmen.
Alles ist Halbinsel für den Wissenden,
er verdeckt auf seinem Weg, Efeu oder Mine.
Sei der Nebel ein Freund und kein Feind.
Übertragen von Juana und Tobias Burghardt
Lasse Söderberg
Weit über die Grenzen Schwedens hinaus genießt Lasse Söderberg den glänzenden Ruf eines leidenschaftlichen Übersetzers und Kulturvermittlers Spaniens sowie Lateinamerikas, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik«, Folge 12, Folge 44 und Folge 69.
Gegen die imaginative Unterentwicklung der nördlichen Breitengrade Europas lehnt er sich schon immer amüsiert auf und weiß nur zu gut, wovon er spricht, wenn er rückblickend sagt: »Spanien war für mich als Person und Schriftsteller entscheidend.« Seit einigen Jahren beschäftigt sich der nordische Dichter und Übersetzer Lasse Söderberg, der seit langem im südschwedischen Malmö lebt, versöhnlich mit der »kritischen« deutschen Sprache, der Muttersprache seiner in den 1920er Jahren nach Stockholm ausgewanderten Mutter. Wann immer es ihm möglich ist, reist er gerne und sehr viel zwischen diversen Sprachen, Zeiten und Kulturen. Dazu meint er: »Der entfernteste Ort / ist in Reichweite.«
Mehr zu den vier vorgestellten Dichterinnen und Dichtern
Zu allen vier hier kurz vorgestellten Poetinnen und Poeten gibt es auch weiterführende Lektüre bei der Edition Delta. Die Buchcover sind verlinkt.





Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Essayist, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte den Essayband »Ein Netz aus Blicken. Essays für lateinamerikanische Lyrik« und mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie sowie »Septembererde & August-Alphabet«. Zuletzt erschien seine Werkauswahl »Mitlesebuch 117« (Aphaia Verlag, Berlin/München 2018), sein aktueller Gedichtband »Die Elemente der See« und die umfangreiche Werkauswahl 1991–2021 »Das Gedächtnis des Wassers«. 2020 erhielt er den Internationalen Poesiepreis »Città del Galateo – Antonio de Ferrariis« in Rom, Italien. Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, Indien, im Irak, in Japan, Kolumbien, Portugal, Serbien, Schweden, Uruguay und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet.
Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem »Internationalen KATHAK-Literaturpreis« in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, und als Verlagsteam der Edition Delta mit dem »Deutschen Verlagspreis 2021« und dem »Deutschen Verlagspreis 2024« des Kulturstaatsministeriums, Berlin, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.




