Im babylonischen Süden der Lyrik – FOLGE 69: »HERZLICHE GEBURTSTAGSGRÜSSE AN DAS KOLUMBIANISCH-SCHWEDISCHE POETENPAAR ÁNGELA GARCÍA UND LASSE SÖDERBERG NACH MALMÖ«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Gestern (4. September 2021) feierte das kolumbianisch-schwedische Poetenehepaar Ángela García und Lasse Söderberg im südschwedischen Malmö den taggleichen Geburtstag. Unsere herzlichen Geburtstagsgrüße und poetischen Glückwünsche hier & heute an beide!

Als wir uns im vergangenen Jahr dort trafen, überraschte mich Ángela mit ihrem besinnlichen »Löttchen-Gedicht« auf unsere Katze, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik« Folge 37.

 

 

Ángela García

Die kolumbianische Dichterin Ángela García


Lyrikmanuskript «Mirada de gato» von Ángela García

Lyrikmanuskript «Mirada de gato» von Ángela García (beide Fotos: Edition Delta, Stuttgart)

 

 

Ángela García

Mirada de gato

Latchia me mira a los ojos
pone sus ojos en mis ojos
me refrescan las dos pupilas
alargadas en ese lago de ámbar veteado.

No sé qué piensa si piensa.
No sé qué ve.

Luego cierra los párpados
y ronronea manteniendo el rostro tenso.

 

 

Ángela García

Kattblick

Latchia tittar mig i ögonen
hon spänner ögonen i mig
de två pupillerna ger mig kraft
långsmala i en sjö av marmore rad bärnsten.

Jag vet inte vad hon tänker om hon tänker.
Jag vet inte vad hon sero

Sedan sluter hon ögonlocken
och spinner vidare med spänt ansikte.

 


Översättning till svenska: Lasse Söderberg

 

 

Ángela García

Katzenblick

Löttchen schaut mir in die Augen,
legt ihre Augen in meine Augen,
meine beiden Pupillen erfrischen sich,
erweitert in diesem See aus marmoriertem Bernstein.

Ich weiß nicht, was sie denkt, wenn sie denkt.
Ich weiß nicht, was sie sieht.

Danach schließt sie die Augenlider
und schnurrt mit weiterhin angespanntem Gesicht.

 

Ins Deutsche übertragen von Juana & Tobias Burghardt

© Ángela García

 

 

Für die internationalen Poesie- und Kunstfreund:innen in Malmö – und selbst weit außerhalb Schwedens – ist Lasse auch mit seinen 90 Jahren eine stets kreative »Institution«, siehe dazu »Im babylonischen Süden der Lyrik« Folge 12 und Folge 44.

 

Lasse Söderberg

Lasse Söderberg in Malmö


Lasse Söderberg

Der schwedische Dichter Lasse Söderberg (beide Fotos: Edition Delta, Stuttgart)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lasse Söderberg

O, ich lernte an deinem süßen Munde
Zuviel der Seligkeiten kennen!

Else Lasker-Schüler, Sulamith

Kärleken, sade hon,
är som att kasta tärning i öknen.

När tärningen har slutat rulla
har den övergivits av sina siffror.

Vad skall vi med siffror,
undrade han, när vi har ord?

Vad skall vi med ord,
svarade hon, när vi har läppar?

 

 

Lasse Söderberg

¡Oh de tu dulce boca yo aprendí
Venturas en exceso!

Else Lasker-Schüler, Sulamita

El amor, decía ella,
es como lanzar un dado en el desierto.

Cuando ya no rueda
las cifras habrán desaparecido.

¿De qué sirven las cifras,
preguntaba él, si tenemos palabras?

¿De qué sirven las palabras,
contestaba ella, si tenemos labios?

 

Traducido al castellano por Ángela García y Lasse Söderberg

 

 

Lasse Söderberg

O, ich lernte an deinem süßen Munde
Zuviel der Seligkeiten kennen!

Else Lasker-Schüler, Sulamith

Die Liebe, sagte sie,
ist wie ein in die Wüste geworfener Würfel.

Wenn er nicht mehr rollt,
werden die Zahlen verschwunden sein.

Wozu taugen die Zahlen,
fragte er, wenn wir Worte haben?

Wozu taugen die Worte,
antwortete sie, wenn wir Lippen haben?

 

Ins Deutsche übertragen von Juana & Tobias Burghardt
© Lasse Söderberg

 

 

Seit einigen Jahren beschäftigt sich der schwedische Dichter und Übersetzer Lasse Söderberg versöhnlich mit der »kritischen« deutschen Sprache, der Muttersprache seiner in den 1920er Jahren nach Schweden ausgewanderten Mutter.

Anzumerken bleibt dabei natürlich auch, dass wir manchmal am Esstisch, etwa nach dem Frühstück oder nachmittags beim Café, zwischen den drei Sprachen (Schwedisch–Spanisch–Deutsch) an diesen und solchen Übertragungen gemeinsam tüftelnd gearbeitet haben.

Zu seinem 90. Geburtstag haben wir ihm nun die monographische Schrift »delta #11 – Lasse Söderberg« gewidmet, ein Essay über sein Leben & Werk mit etlichen seiner Gedichte in ausschließlich deutscher Übersetzung. Die Coverzeichnung »El unemundos« (Der Weltenvereiniger) wurde eigens dafür von Jona Burghardt gemalt.

¡Enhorabuena!

 

»Sternige Klippe – Farallón constelado« von Ángela García

Buchcover-Abbildung (Verlag im Wald)

 

 

 

 

 

 

 

»Sternige Klippe – Farallón constelado« von Ángela García bei Verlag im Wald/ Edition Delta

 

»delta #11 – Lasse Söderberg«

Buchcover-Abbildung (Edition Delta)

 

 

 

 

 

 

 

 

»delta #11 – Lasse Söderberg« bei Edition Delta

 

 

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie sowie »Septembererde & August-Alphabet«. Zuletzt erschien seine Werkauswahl »Mitlesebuch 117« (Aphaia Verlag, Berlin/München 2018) und sein aktueller Gedichtband »Die Elemente der See«. 2020 erhielt er den Internationalen Poesiepreis »Città del Galateo – Antonio de Ferrariis« in Rom, Italien. Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Kolumbien, Portugal, Serbien, Schweden, Uruguay und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem »Internationalen KATHAK-Literaturpreis« in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, und als Verlagsteam der Edition Delta mit dem »Deutschen Verlagspreis 2021« des Kulturstaatsministeriums, Berlin, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.




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