»Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie«: eine fortlaufende Online-Anthologie, zusammengestellt von Jan-Eike Hornauer
Karsten Paul
»Doch wo sind Sieg und Siegsbeweise
aus dem von dir vertretenen Reich?«
Reaktion eines Professors auf eine Frage Gottfried Benns
Na DA, schau HIN! Schon lang gedruckt
im Journal of Myopic Answers
to Brain Pollution, Dreams, and Cancers.
Zwar hat noch niemand hingeguckt,
doch wird die Theorie gewiss
gewaltig Impact generieren,
mein laues Leben validieren,
denn sie hat epistemisch Biss
und deduziert und strebt empor
zu höchsten Höhen der Vertiefung
und übersteigt die Überlief’rung
und stürmt der LOGIK letztes TOR!!!
Nachtrag, nach Abklingen des Anfalls:
Ich leb halt gern in Zitationen;
wie kann man nur woanders wohnen?
Die Welt ist – objektiv! – zu bunt.
(Und Frauen finden mich zu rund.)
© Karsten Paul, Linz und Nürnberg
+ Zu Original und Hintergrund
Die Überschrift dieses Gedichts ist ein Zitat aus dem Original: Vers drei und vier der zweiten Strophe aus »Einsamer nie« von Gottfried Benn (1886 – 1956) lauten so. Benn beschreibt eine Sommernaturidylle im August – und fragt kritisch nach, wo denn hier sein Reich noch Platz hat. Er befindet schlussendlich, er diene »dem Gegenglück, dem Geist«. Wie Gottfried Benn, von dem er auch jene zentrale Formulierung übernimmt, sieht sich also nun auch Karsten Paul dem Geist verschrieben und somit vom Glück, von der direkten Lebensfülle und -pracht ausgeschlossen.
Dabei verbindet beide nicht nur ihr Poetentum, sondern auch ihr Broterwerb im akademischen Rang: Benn war Arzt, Paul ist Professor für Wirtschaftspsychologie. Insofern ist, dass Paul unmittelbar Bezug nimmt auf universitäres Sein, im doppelten Sinne angemessen. Und der Dichterbezug des Originals wird so überdies wunderbar kontrastiert – sowie verstärkt. Was bleibt: Es gibt das Leben. Und es gibt jenen, der hier schreibt. Und beides will und kann nicht recht zusammenkommen.
Nachlesen und -hören lässt sich das Original, lässt sich Gottfried Benns »Einsamer nie« etwa auf der »Deutsche Lyrik«-Webseite von Fritz Stavenhagen: https://www.deutschelyrik.de/einsamer-nie.html
+ Zum Autor
Karsten Ingmar Paul wurde 1970 in Kaufbeuren geboren und lebt heute in Linz und Nürnberg. Der als ordentlicher Professor an der Johannes-Kepler-Universität in Linz tätige Psychologe kann zahlreiche Fachpublikationen vorweisen, dazu sind etliche seiner Gedichte in Anthologien, u. a. in »Wenn Liebe schwant« (hg. v. Jan-Eike Hornauer, muc Verlag 2017), und Literaturzeitschriften veröffentlicht, u. a. in »Das Gedicht« und »Macondo«.
Er ist regelmäßiger Autor von »Gedichte mit Tradition – neue Blätter am Stammbaum der Poesie«. Mehrfach wurde Paul bei Lyrikwettbewerben ausgezeichnet, zuletzt beim Lyrikstier 2018 (Jurypreis), beim Preis für politische Lyrik 2017 (1. Platz), beim Hochstadter Stier 2014 (Publikumspreis 1. Platz) und beim Jokers Lyrik-Preis 2013 (TextArt-Sonderpreis).
Jüngst ist sein erster Lyrikband erschienen, inspiriert durch die Reihe »Gedichte mit Tradition« und eng verwoben mit ihr: »Semmel sei der Mensch, Bratwurst und Senf!« (Untertitel »Fortschreibungen, Parodien, Gegenreden usw. zu klassischen Gedichten von Martial über Goethe bis Gomringer – frisch aus den Niederungen des Jetzt«, herausgegeben und mit Einordnungstexten von Jan-Eike Hornauer, muc Verlag 2025).
»Gedichte mit Tradition« im Archiv
Zu dieser Reihe: »Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie« ist eine Online-Sammlung zeitgenössischer Poeme, die zentral auf ein bedeutendes Werk referieren, ob nun ernsthaft oder humoristisch, sich verbeugend oder kritisch. Jeden zweiten Freitag erscheint eine neue Folge der von Jan-Eike Hornauer herausgegebenen Open-End-Anthologie. Alle bereits geposteten Folgen finden Sie hier.