»Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie«: eine fortlaufende Online-Anthologie, zusammengestellt von Jan-Eike Hornauer
Georg Eggers
Frühlingsfühlen
mit Rhinitis allergica
Frühling lässt sein blaues Band,
wieder flattern durch die Lüfte,
süße, wohlbekannte Düfte
streifen ahnungsvoll das Land …
Veilchen träumen schon,
wollen balde kommen.
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen …
… denn ich ahne schon die Qual,
die Natur zeigt ihr Bemühen:
wird beim ersten Sonnenstrahl
gleich mit Donnerschlag erblühen!
Blumen, Bäume, Sträucher, Gras
treiben Blüten wie die Tollen.
Und in meine feine Nas’
treibts – das spüre ich: die Pollen.
Was Herrn Eduard M. verzückt,
lässt mir Rotz und Wasser laufen,
Antihistamine kaufen
lässt schon niesen wie verrückt.
Und dann höhnt der Dichterschwur:
Frühling sei gefühlt zu spüren …
An Gefühlen hab ich nur
Nies- und Juckreiz anzuführen.
»Ach der Frühling«, wird geschwallt,
ließe Körpersäfte quellen.
Ja: Es quillt mir mit Gewalt …
aber aus den falschen Stellen.
»Auf, den Frolleins nachgestellt!«,
ruft manch’ Dichter nun beflissen …
aber wer mag jemand küssen,
dem grad dick der Rotz rausquillt!?
Nein! Ich hüte mich bei Gott,
holden Reizen zu erliegen.
Juck- und Niesreiz ließen flott
jede Leidenschaft verfliegen.
Und dann litte ich ganz still.
Denn dank Pollen-Augenbrennen
könnt’ ich heulen, wie ich will:
Es fiel’ nicht mal auf mein Flennen!
Veilchen, lasst mich bloß in Ruh.
Ach, ich träum’ von Regenwolken
euch ins Blütenmeer gemolken.
Und von einer fetten Kuh.
Frühling, Du seist angeklagt,
machst als eitler Blütenprotzer
mich zum Taschentuch-Berotzer!
So. Jetzt wär’ das mal gesagt.
© Georg Eggers, München
+ Zu Original und Hintergrund
Diesmal ist das Original mehr als offenkundig, schließlich wird sein Textkorpus ja zu Beginn von Georg Eggers’s »Frühlingsfühlen« vollständig wiedergegeben. Und noch dazu stellt »Er ist’s« von Eduard Mörike, auch weil es seit Generationen quasi flächendeckend in der Schule behandelt und auswendig gelernt wird, eines der bekanntesten Gedichte deutscher Zunge überhaupt dar – so dass der erst später und dann abgekürzt gebrachte Dichtername und das völlige Fehlen des Titels das Vorbildgedicht keineswegs verschleiern, sondern lediglich unterstreichen: Nahezu jedermann kennt es, das weiß und darauf verlässt sich auch Eggers.
Für den vollständigen Lesegenuss und weil Georg Eggers sich einige Freiheiten herausgenommen hat, um etwa via Strophenform und Interpunktion vom Original fließend in sein Nachbild hineinzuführen sowie auch Akzentuierungen und inhaltliche Verweise vorgenommen werden, etwa indem der letzte Vers des Originals abgesetzt erscheint, was die Harmonie des Vorbildpoems angreift sowie den letzten Vers als Ansatzpunkt für das inhaltlich kontrastierende Nachbild besonders herausstellt.
Eduard Mörike
Er ist’s
Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!
+ Zum Autor
Georg Eggers (alias »Grög!«), geb. 1967 in Göttingen, wo er auch Physik studierte der und promovierte, ging zunächst als Entwicklungsingenieur nach München, wo er seit 2012 als Professor der Hochschule für angewandte Wissenschaften für Sensorik und Signalverarbeitung wirkt. Darüber hinaus präsentiert er Wissenschaft auch noch besonders niedrigschwellig und lustbetont, und zwar mit seiner wissenschaftssatirischen Veranstaltungsreihe »Die Physik des Scheiterns«, in der er auf Kabarettbühnen ebenso wie in Hörsälen und auf Konferenzen wissenschaftliche Entdeckungen und Erfindungen präsentiert, die sich nicht wirklich im Sinne des Erfinders entwickelt haben.
Bereits 2004 entdeckte er in der bayrischen Landeshauptstadt den sich in Deutschland etablierenden Poetry Slam als Bühne für seine satirischen Kurzgeschichten, dramatischen Versgedichte und Fabeldichtungen. Er trat in den folgenden Jahren auf Veran¬staltungen im ganzen deutschen Sprachraum auf und vertrat München fünfmal auf den deutschsprachigen Slam-Meisterschaften. 2009 hatte sein erstes literarisches Kabarett-Solo »Wo denken Sie hin?« Premiere. Mit ihm war er anschließend u. a. in der Münchner Lach- & Schießgesellschaft zu sehen. Seit 2011 ist er fester Autor der Münchner Lesebühne »Westend ist Kiez«.
Georg Eggers’ Gedichte und Kurzgeschichten erschienen in einer Reihe von Anthologien, etwa in mehreren Ausgaben von DAS GEDICHT und in den Hausbüchern der süddeutschen Schriftstellervereinigung Münchner Turmschreiber. Dazu war er bereits im Bayerischen Rundfunk zu vernehmen, und zwar in den »radioSpitzen« und im Fernsehformat »Vereinsheim Schwabing«.
physik-des-scheiterns.de und groeg.de
»Gedichte mit Tradition« im Archiv
Zu dieser Reihe: »Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie« ist eine Online-Sammlung zeitgenössischer Poeme, die zentral auf ein bedeutendes Werk referieren, ob nun ernsthaft oder humoristisch, sich verbeugend oder kritisch. Jeden zweiten Freitag erscheint eine neue Folge der von Jan-Eike Hornauer herausgegebenen Open-End-Anthologie. Alle bereits geposteten Folgen finden Sie hier.