»Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie«: eine fortlaufende Online-Anthologie, zusammengestellt von Jan-Eike Hornauer
Thomas Rackwitz
cravings
als ich einmal online scrollte und dort nichts bestimmtes wollte,
es war sommer oder winter und ich hatte sonst nichts vor,
sah ich einen tab aufploppen, mit der frage: »willst du shoppen?«
nein, ich konnte mich nicht stoppen, ahnungslos was ich verlor.
»ich muss shoppen«, sprach ich, ahnungslos was ich verlor,
»denn ich habe sonst nichts vor.«
wenn ich mich so recht entsinne, saß am fenster eine spinne
mit neun beinen, schrecklich dünne, und ich weiß noch, wie ich fror.
dabei knurrte mir der magen, ich wollt beinah drum verzagen,
mich vor lauter hunger fragen, fragen vor dem monitor,
ob ich kurz zum kühlschrank könne, denn ich saß am monitor,
reglos knurrend wie zuvor.
plötzlich summte schwach die klingel. welcher hundsgemeine schlingel
hielt es, hielt es für geboten, mich zu stören, welcher tor?
wo ich so gemütlich klickte mit der maus, auf reisen schickte
meinen cursor, hungrig blickte und mir letzten endes schwor,
während ich gemütlich klickte und mir letzten endes schwor,
still zu sitzen wie zuvor.
da der schlingel nun auch klopfte, die gedanken mir verstopfte,
krächzt ich »keiner da im hause«, rauer als ein rabenchor.
er zog vor, statt dazubleiben, einen zettel mir zu schreiben,
ohne hier zu übertreiben, dachte ich genervt und schwor,
sein gekritzel nicht zu lesen, ja, das war’s, was ich mir schwor,
ich blieb sitzen wie zuvor.
ich bestellte mir stattdessen, das war durchaus angemessen,
eine unterraschungskiste. ach was wäre ich ein tor,
die versuchung wegzuklicken, aufzustehen und mich zu bücken
und den zettel wegzupflücken! nein, ich blieb am monitor,
zu bestellen mir die kiste, blieb ich brav am monitor,
krummen rückens wie zuvor.
viele weitere artikel, mittel gegen schattenpickel,
shoppte ich, nicht mehr zu stoppen, ach was wäre ich ein tor,
zu verzichten auf rabatte, die nie keiner nirgends hatte!
angebote sondergleichen, abgepackter normhumor,
kiloweise, grammgenauer, abgepackter normhumor!
heile welt, wie nie zuvor.
draußen ging der mond spazieren, unsichtbar auf allen vieren.
scheinbar um mich abzulenken, tauchte er ins himmelsmoor,
doch ich ließ mich nicht erweichen, von des daseins fragezeichen,
nicht von langmut, langeweile, die ich viel zu spät verlor,
freizeitdivergenten freunden, die ich viel zu spät verlor.
ich hielt fest mich wie zuvor.
schon aus trotz vor sogenannten freunden, die mich kaum noch kannten,
scrollte ich und fand alexa, die zum kaufen ich erkor.
als ich angab, wo ich wohne, landete bereits die drohne
und die fracht glitt oben ohne durch das offne ofenrohr,
wie präzise warf die drohne sie durchs offne ofenrohr!
sprach alexa: »eigentor.«
nun, ich nuschelte recht häufig, meiner stimme nicht geläufig …
also fragte ich ganz simpel, »wer gewann den ballon d‘or
häufiger als cr7?«, um noch hinterherzuschieben:
»den die fans so innig lieben, kein athlet aus ecuador,
dieser kleine argentinier, kein athlet aus ecuador.«
sprach alexa: »eigentor.«
dieses teil ist wirklich praktisch, wenn auch etwas kontrafaktisch
und ich bat, um es zu testen: »geh sie in den korridor,
bringe sie mir meine treter, denn die brauche ich für später.
doch sie brachte den katheter, den ich hinterm schrank verlor,
samt dem beutel, dem gefüllten, den ich hinterm schrank verlor.
sprach alexa: »eigentor.«
»oh, das ist mir furchtbar peinlich, ich bin sonst besonders reinlich,
möge sie für sich behalten, was erreicht ihr augenohr.
schluss ist jetzt mit dem gebettel! auf dem boden liegt ein zettel …
himmels dröhnte heavy metal, darum las sie ihn nicht vor,
ignorierte meine weisung, las den zettel mir nicht vor,
sprach bald blechern: »eigentor.«
träge und höchst widerwillig, denn das teil war nicht ganz billig,
stand ich auf von meinem stuhle, da die nerven ich verlor.
es mir rechtens zu besehen, musste ich durchs zimmer gehen,
um sein wesen zu verstehen. wuchs heran es im labor?
o was litt es, als es reifte, hörte sonst nichts im labor
als das wörtchen »eigentor«?
voller mitleid und versöhnlich sprach ich: »nimm es nicht persönlich,
doch der fußballgott, der weise, brachte böses auch hervor.
selbst hab ich daran gelitten, war als kind nicht unumstritten,
hab die linie überschritten, und der schiri hob empor
seine hand, auf mich zu zeigen, hob er seine hand empor.«
sprach alexa: »eigentor.«
»ja, ich weiß …«, um trost zu spenden, ließ ich es dabei bewenden
und erinnerte mich daran, dass ich zähneklappernd fror.
»kannst du mich ein wenig wärmen, statt dies eine wort zu lärmen?
denn es zieht in den gedärmen, von der zunge schneit der soor.
bist du hier, um mir zu helfen? von der zunge schneit der soor.«
sprach alexa: »eigentor.«
»du hast recht, die vielen süßen dinge lassen mich nun büßen!
und der mangel an bewegung, nein, ich mache mir nichts vor …
kennst du eine rasche heilung gegen nahrungsfalschverteilung?
meinem körper fehlt die peilung. magensäure hüpft zum ohr.
hilf mir doch! weißt du’s nicht besser? magensäure hüpft zum ohr.«
sprach alexa: »eigentor.«
du hast recht, die vielen süßen dinge lassen mich nun büßen!
soll ich etwa, um zu leben, nur noch essen styropor?
muss allein ich für mich sorgen, nicht mehr hoffen bloß auf morgen,
mir ein neues glück zu borgen? sag mir, sag’s! ich bin ganz ohr.
höre auf, mich zu verhöhnen – sag mir, sag’s! ich bin ganz ohr.«
sprach alexa: »eigentor.«
»kannst du auch was andres sagen? mich nach meiner meinung fragen,
statt mich hier so vorzuführen? ich bin menschlich – stell dir vor!
so z. b. ›ich back kuchen, soll ich deine schlüssel suchen
oder eine reise buchen oder knacken den tresor?‘
kannst du knacken, sie zu ärgern, meiner nachbarschaft tresor?‹
sprach alexa: »eigentor.«
durch alexa in dem zimmer ward das leben immer schlimmer.
statt den zettel vorzulesen, kaufte sie ein eigentor,
kaufte krass, als wär ich krösus oder besser noch jeff bezos,
selbst den donald trump’schen jesus, ihn zu kreuzigen am ohr.
und ich stand im sitzen staunte. »praise the slop!«, stieß ich hervor,
und alexa war d’accord.
© Thomas Rackwitz, Blankenburg (Harz)
+ Das Original
Edgar Allan Poe
Der Rabe
in der Übersetzung von Carl Theodor Eben
Mitternacht umgab mich schaurig, als ich einsam, trüb und traurig,
Sinnend saß und las von mancher längstverklung’nen Mähr’ und Lehr’ –
Als ich schon mit matten Blicken im Begriff, in Schlaf zu nicken,
Hörte plötzlich ich ein Ticken an die Zimmerthüre her;
»Ein Besuch wohl noch«, so dacht’ ich, »den der Zufall führet her –
Ein Besuch und sonst nichts mehr.«
Wohl hab’ ich’s im Sinn behalten, im Dezember war’s, im kalten,
Und gespenstige Gestalten warf des Feuers Schein umher.
Sehnlich wünscht’ ich mir den Morgen, keine Lind’rung war zu borgen
Aus den Büchern für die Sorgen – für die Sorgen tief und schwer
Um die Sel’ge, die Lenoren nennt der Engel heilig Heer –
Hier, ach, nennt sie Niemand mehr!
Jedes Rauschen der Gardinen, die mir wie Gespenster schienen,
Füllte nun mein Herz mit Schrecken – Schrecken nie gefühlt vorher;
Wie es bebte, wie es zagte, bis ich endlich wieder sagte:
»Ein Besuch wohl, der es wagte, in der Nacht zu kommen her –
Ein Besuch, der spät es wagte, in der Nacht zu kommen her;
Dies allein und sonst Nichts mehr.«
Und ermannt nach diesen Worten öffnete ich stracks die Pforten:
»Dame oder Herr«, so sprach ich, »bitte um Verzeihung sehr!
Doch ich war mit matten Blicken im Begriff, in Schlaf zu nicken,
Und so leis scholl Euer Ticken an die Zimmerthüre her,
Daß ich kaum es recht vernommen; doch nun seid willkommen sehr!« –
Dunkel da und sonst Nichts mehr.
Düster in das Dunkel schauend stand ich lange starr und grauend,
Träume träumend, die hienieden nie ein Mensch geträumt vorher;
Zweifel schwarz den Sinn bethörte, Nichts die Stille draußen störte,
Nur das eine Wort man hörte, nur »Lenore?« klang es her;
Selber haucht’ ich’s, und »Lenore!« trug das Echo trauernd her –
Einzig dies und sonst Nichts mehr.
Als ich nun mit tiefem Bangen wieder ins Gemach gegangen,
Hört’ ich bald ein neues Pochen, etwas lauter als vorher.
»Sicher«, sprach ich da mit Beben, »an das Fenster pocht’ es eben,
Nun wohlan, so laß mich streben, daß ich mir das Ding erklär’ –
Still, mein Herz, daß ich mit Ruhe dies Geheimniß mir erklär’
Wohl der Wind und sonst Nichts mehr.«
Riß das Fenster auf jetzunder, und herein stolzirt’ – o Wunder!
Ein gewalt’ger, hochbejahrter Rabe schwirrend zu mir her;
Flog mit mächt’gen Flügelstreichen, ohne Gruß und Dankeszeichen,
Stolz und stattlich sonder Gleichen, nach der Thüre hoch und hehr –
Flog nach einer Pallasbüste ob der Thüre hoch und hehr –
Setzte sich und sonst Nichts mehr.
Und trotz meiner Trauer brachte er dahin mich, daß ich lachte,
So gesetzt und gravitätisch herrscht’ auf meiner Büste er.
»Ob auch alt und nah dem Grabe«, sprach ich, »bist kein feiger Knabe,
Grimmer, glattgeschor’ner Rabe, der Du kamst vom Schattenheer –
Sprich, welch’ stolzen Namen führst Du in der Nacht pluton’schem Heer?«
Sprach der Rabe: »Nimmermehr.«
Ganz erstaunt war ich, zu hören dies Geschöpf mich so belehren,
Schien auch wenig Sinn zu liegen in dem Wort bedeutungsleer;
Denn wohl Keiner könnte sagen, daß ihm je in seinen Tagen
Sonder Zier und sonder Zagen so ein Thier erschienen wär’,
Das auf seiner Marmorbüste ob der Thür gesessen wär’
Mit dem Namen »Nimmermehr«.
Dieses Wort nur sprach der Rabe dumpf und hohl, wie aus dem Grabe,
Als ob seine ganze Seele in dem einen Worte wär’.
Weiter Nichts ward dann gesprochen, nur mein Herz noch hört’ ich pochen,
Bis das Schweigen ich gebrochen: »Andre Freunde floh’n seither –
Morgen wird auch er mich fliehen, wie die Hoffnung floh seither.«
Sprach der Rabe: »Nimmermehr!«
Immer höher stieg mein Staunen bei des Raben dunklem Raunen,
Doch ich dachte: »Ohne Zweifel weiß er dies und sonst Nichts mehr;
Hat’s von seinem armen Meister, dem des Unglücks finstre Geister
Drohten dreist und drohten dreister, bis er trüb und trauerschwer –
Bis ihm schwand der Hoffnung Schimmer, und er fortan seufzte schwer:
›O nimmer – nimmermehr!‹«
Trotz der Trauer wieder brachte er dahin mich, daß ich lachte;
Einen Armstuhl endlich rollte ich zu Thür und Vogel her.
In den sammt’nen Kissen liegend, in die Hand die Wange schmiegend,
Sann ich, hin und her mich wiegend, was des Wortes Deutung wär’ –
Was der grimme, finst’re Vogel aus dem nächt’gen Schattenheer
Wollt’ mit seinem »Nimmermehr«.
Dieses saß ich still ermessend, doch des Vogels nicht vergessend,
Dessen Feueraugen jetzo mir das Herz beklemmten sehr;
Und mit schmerzlichen Gefühlen ließ mein Haupt ich lange wühlen
In den veilchenfarb’nen Pfühlen, überstrahlt vom Lichte hehr –
Ach, in diesen sammtnen Pfühlen, überstrahlt vom Lichte hehr –
Ruhet sie jetzt nimmermehr!
Und ich wähnte, durch die Lüfte wallten süße Weihrauchdüfte,
Ausgestreut durch unsichtbare Seraphshände um mich her.
»Lethe«, rief ich, »süße Spende schickt Dir Gott durch Engelshände,
Daß sich von Lenoren wende Deine Trauer tief und schwer!
Nimm, o nimm die süße Spende und vergiß der Trauer schwer!«
Sprach der Rabe: »Nimmermehr!«
»Gramprophet!«, rief ich voll Zweifel, »ob Du Vogel oder Teufel!
Ob die Hölle Dich mir sandte, ob der Sturm Dich wehte her!
Du, der von des Orkus Strande – Du, der von dem Schreckenlande
Sich zu mir, dem Trüben, wandte – künde mir mein heiß Begehr:
Find’ ich Balsam noch in Gilead! ist noch Trost im Gnadenmeer?«
Sprach der Rabe: »Nimmermehr!«
»Gramprophet!«, rief ich voll Zweifel, »ob Du Vogel oder Teufel!
Bei dem ew’gen Himmel droben, bei dem Gott, den ich verehr’ –
Künde mir, ob ich Lenoren, die hienieden ich verloren,
Wieder find’ an Edens Thoren – sie, die throhnt im Engelsheer –
Jene Sel’ge, die Lenoren nennt der Engel heilig Heer!«
Sprach der Rabe: »Nimmermehr!«
»Sei dies Wort das Trennungszeichen! Vogel, Dämon, Du mußt weichen!
Fleuch zurück zum Sturmesgrauen, oder zum pluton’schen Heer!
Keine Feder laß zurücke mir als Zeichen Deiner Tücke;
Laß allein mich dem Geschicke – wage nie Dich wieder her!
Fort und laß mein Herz in Frieden, das gepeinigt Du so sehr!«
Sprach der Rabe: »Nimmermehr!«
Und der Rabe weichet nimmer – sitzt noch immer, sitzt noch immer
Auf der blassen Pallasbüste ob der Thüre hoch und hehr;
Sitzt mit geisterhaftem Munkeln, seine Feueraugen funkeln
Gar dämonisch aus dem dunkeln, düstern Schatten um ihn her;
Und mein Geist wird aus dem Schatten, den er breitet um mich her,
Sich erheben – nimmermehr!
+ Zum Autor
Thomas Rackwitz, geb. 1981 in Halle (Saale), wo er auch Literaturwissenschaft, Geschichte und Anglistik studierte, lebt heute in Blankenburg (Harz). Abbruch des Studiums 2009, seitdem Übersetzer, Lektor, Schriftsteller und Nachdichter. Als Autor verfasst Rackwitz Gedichte (darunter sogar Sonettenkränze) und Kinder- / Jugendbücher (etwa die Benx-Reihe). Er ist Mitglied im PEN Deutschland und wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Stadtschreiber-Stipendium der Stadt Halle 2015 und dem Jugend-Kultur-Preis des Landes Sachsen-Anhalt 2006.
Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften (etwa Abwärts, Ostragehege oder Ort der Augen), einige seiner Gedichte wurden zudem übersetzt, und zwar ins Armenische, Bulgarische, Englische, Italienische und Serbische. Bislang sieben eigenständige Gedichtbände, zuletzt »neophyten« (2020), »in meinem garten steht ein blauer eisberg« (2022; beide Mitteldeutscher Verlag) und »Urknallstaub« (Verlag der 9 Reiche 2024).
https://thomasrackwitz2.wordpress.com
»Gedichte mit Tradition« im Archiv
Zu dieser Reihe: »Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie« ist eine Online-Sammlung zeitgenössischer Poeme, die zentral auf ein bedeutendes Werk referieren, ob nun ernsthaft oder humoristisch, sich verbeugend oder kritisch. Jeden zweiten Freitag erscheint eine neue Folge der von Jan-Eike Hornauer herausgegebenen Open-End-Anthologie. Alle bereits geposteten Folgen finden Sie hier.