Gedichte mit Tradition, Folge 331: »cravings« von Thomas Rackwitz

»Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie«: eine fortlaufende Online-Anthologie, zusammengestellt von Jan-Eike Hornauer


Thomas Rackwitz

cravings

als ich einmal online scrollte und dort nichts bestimmtes wollte,
es war sommer oder winter und ich hatte sonst nichts vor,
sah ich einen tab aufploppen, mit der frage: »willst du shoppen?«
nein, ich konnte mich nicht stoppen, ahnungslos was ich verlor.
»ich muss shoppen«, sprach ich, ahnungslos was ich verlor,
»denn ich habe sonst nichts vor.«

wenn ich mich so recht entsinne, saß am fenster eine spinne
mit neun beinen, schrecklich dünne, und ich weiß noch, wie ich fror.
dabei knurrte mir der magen, ich wollt beinah drum verzagen,
mich vor lauter hunger fragen, fragen vor dem monitor,
ob ich kurz zum kühlschrank könne, denn ich saß am monitor,
reglos knurrend wie zuvor.

plötzlich summte schwach die klingel. welcher hundsgemeine schlingel
hielt es, hielt es für geboten, mich zu stören, welcher tor?
wo ich so gemütlich klickte mit der maus, auf reisen schickte
meinen cursor, hungrig blickte und mir letzten endes schwor,
während ich gemütlich klickte und mir letzten endes schwor,
still zu sitzen wie zuvor.

da der schlingel nun auch klopfte, die gedanken mir verstopfte,
krächzt ich »keiner da im hause«, rauer als ein rabenchor.
er zog vor, statt dazubleiben, einen zettel mir zu schreiben,
ohne hier zu übertreiben, dachte ich genervt und schwor,
sein gekritzel nicht zu lesen, ja, das war’s, was ich mir schwor,
ich blieb sitzen wie zuvor.

ich bestellte mir stattdessen, das war durchaus angemessen,
eine unterraschungskiste. ach was wäre ich ein tor,
die versuchung wegzuklicken, aufzustehen und mich zu bücken
und den zettel wegzupflücken! nein, ich blieb am monitor,
zu bestellen mir die kiste, blieb ich brav am monitor,
krummen rückens wie zuvor.

viele weitere artikel, mittel gegen schattenpickel,
shoppte ich, nicht mehr zu stoppen, ach was wäre ich ein tor,
zu verzichten auf rabatte, die nie keiner nirgends hatte!
angebote sondergleichen, abgepackter normhumor,
kiloweise, grammgenauer, abgepackter normhumor!
heile welt, wie nie zuvor.

draußen ging der mond spazieren, unsichtbar auf allen vieren.
scheinbar um mich abzulenken, tauchte er ins himmelsmoor,
doch ich ließ mich nicht erweichen, von des daseins fragezeichen,
nicht von langmut, langeweile, die ich viel zu spät verlor,
freizeitdivergenten freunden, die ich viel zu spät verlor.
ich hielt fest mich wie zuvor.

schon aus trotz vor sogenannten freunden, die mich kaum noch kannten,
scrollte ich und fand alexa, die zum kaufen ich erkor.
als ich angab, wo ich wohne, landete bereits die drohne
und die fracht glitt oben ohne durch das offne ofenrohr,
wie präzise warf die drohne sie durchs offne ofenrohr!
sprach alexa: »eigentor.«

nun, ich nuschelte recht häufig, meiner stimme nicht geläufig …
also fragte ich ganz simpel, »wer gewann den ballon d‘or
häufiger als cr7?«, um noch hinterherzuschieben:
»den die fans so innig lieben, kein athlet aus ecuador,
dieser kleine argentinier, kein athlet aus ecuador.«
sprach alexa: »eigentor.«

dieses teil ist wirklich praktisch, wenn auch etwas kontrafaktisch
und ich bat, um es zu testen: »geh sie in den korridor,
bringe sie mir meine treter, denn die brauche ich für später.
doch sie brachte den katheter, den ich hinterm schrank verlor,
samt dem beutel, dem gefüllten, den ich hinterm schrank verlor.
sprach alexa: »eigentor.«

»oh, das ist mir furchtbar peinlich, ich bin sonst besonders reinlich,
möge sie für sich behalten, was erreicht ihr augenohr.
schluss ist jetzt mit dem gebettel! auf dem boden liegt ein zettel …
himmels dröhnte heavy metal, darum las sie ihn nicht vor,
ignorierte meine weisung, las den zettel mir nicht vor,
sprach bald blechern: »eigentor.«

träge und höchst widerwillig, denn das teil war nicht ganz billig,
stand ich auf von meinem stuhle, da die nerven ich verlor.
es mir rechtens zu besehen, musste ich durchs zimmer gehen,
um sein wesen zu verstehen. wuchs heran es im labor?
o was litt es, als es reifte, hörte sonst nichts im labor
als das wörtchen »eigentor«?

voller mitleid und versöhnlich sprach ich: »nimm es nicht persönlich,
doch der fußballgott, der weise, brachte böses auch hervor.
selbst hab ich daran gelitten, war als kind nicht unumstritten,
hab die linie überschritten, und der schiri hob empor
seine hand, auf mich zu zeigen, hob er seine hand empor.«
sprach alexa: »eigentor.«

»ja, ich weiß …«, um trost zu spenden, ließ ich es dabei bewenden
und erinnerte mich daran, dass ich zähneklappernd fror.
»kannst du mich ein wenig wärmen, statt dies eine wort zu lärmen?
denn es zieht in den gedärmen, von der zunge schneit der soor.
bist du hier, um mir zu helfen? von der zunge schneit der soor.«
sprach alexa: »eigentor.«

»du hast recht, die vielen süßen dinge lassen mich nun büßen!
und der mangel an bewegung, nein, ich mache mir nichts vor …
kennst du eine rasche heilung gegen nahrungsfalschverteilung?
meinem körper fehlt die peilung. magensäure hüpft zum ohr.
hilf mir doch! weißt du’s nicht besser? magensäure hüpft zum ohr.«
sprach alexa: »eigentor.«

du hast recht, die vielen süßen dinge lassen mich nun büßen!
soll ich etwa, um zu leben, nur noch essen styropor?
muss allein ich für mich sorgen, nicht mehr hoffen bloß auf morgen,
mir ein neues glück zu borgen? sag mir, sag’s! ich bin ganz ohr.
höre auf, mich zu verhöhnen – sag mir, sag’s! ich bin ganz ohr.«
sprach alexa: »eigentor.«

»kannst du auch was andres sagen? mich nach meiner meinung fragen,
statt mich hier so vorzuführen? ich bin menschlich – stell dir vor!
so z. b. ›ich back kuchen, soll ich deine schlüssel suchen
oder eine reise buchen oder knacken den tresor?‘
kannst du knacken, sie zu ärgern, meiner nachbarschaft tresor?‹
sprach alexa: »eigentor.«

durch alexa in dem zimmer ward das leben immer schlimmer.
statt den zettel vorzulesen, kaufte sie ein eigentor,
kaufte krass, als wär ich krösus oder besser noch jeff bezos,
selbst den donald trump’schen jesus, ihn zu kreuzigen am ohr.
und ich stand im sitzen staunte. »praise the slop!«, stieß ich hervor,
und alexa war d’accord.


© Thomas Rackwitz, Blankenburg (Harz)

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Zu dieser Reihe: »Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie« ist eine Online-Sammlung zeitgenössischer Poeme, die zentral auf ein bedeutendes Werk referieren, ob nun ernsthaft oder humoristisch, sich verbeugend oder kritisch. Jeden zweiten Freitag erscheint eine neue Folge der von Jan-Eike Hornauer herausgegebenen Open-End-Anthologie. Alle bereits geposteten Folgen finden Sie hier.



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