Das knifflige Poesiepuzzle, Folge 16: Versteckspiel

Achim Raven veröffentlicht in loser Folge am 13. eines Monats Überlegungen zu Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Gedichteschreibens. Im ersten Beitrag geht es um den Vers, der weder Zeile noch Satz ist und in der Ambivalenz seiner Möglichkeiten höchsten Scharfsinn oder aber bodenlose Dumpfheit befördern kann.

 

Versteckspiel

„Kennt jemand ein Wort mit ‘Keks’, in dem nicht ‘Dose’ vorkommt?“
„Daisyduckekstase?“

Vor vielen Jahren hat Alexander Nitzberg entdeckt, dass in der deutschsprachigen Lyrik jede Menge Haikus versteckt sind, bzw. das, was hierzulande dafür gehalten wird (5-7-5 Silben). So originell der Einfall war, er trug nicht besonders weit und geriet auch wieder in Vergessenheit. Aus gegebenem Anlass habe ich mich aber kürzlich bei den all time favourites der deutschsprachigen Lyrik noch einmal auf die Suche begeben und bin fündig geworden. Die Ergebnisse sind nicht vollkommen überzeugend, aber immerhin:

Johann Wolfgang von Goethe:

die Winde schwangen
leise Flügel umsausten
schauerlich mein Ohr

(Mir schlug das Herz …)

 

Friedrich Hölderlin:

an dem Himmel und
gewaltig die Monde gehn
so redet das Meer

(Mnemosyne Zweite Fassung)

 

Joseph von Eichendorff:

in der Fremde gehn
auf buntbewegten Gassen
des Lebens Schauspiel

(Abschied)

 

Heinrich Heine:

Geier horsten und
schrecklich grunzt die wilde Sau
des blonden Ebers

(Babylonische Sorgen)

 

Georg Heym:

in Herbstesmorgen
entblättertem Abendrot
wachse ich steil aus

(Meine Seele)

 

Nicht vollkommen überzeugend sind diese Ergebnisse, weil die Deutsche Haiku-Gesellschaft sicher einiges an ihnen auszusetzen hätte. Aber hier geht es nicht darum, japanische Kultur zu adaptieren. Ebenso wenig übrigens darum, Schulbeispiele kreativen Schreibens zu produzieren, das den Siebzehnsilber gern als formales Schema benutzt, um Kreativität zu generieren. Aber immerhin wurde hier eine oulipoide Spielregel angewendet: Finde siebzehn aufeinander folgende Silben, die in drei Abschnitten à 5-7-5 Silben nicht gegen syntaktische Regeln verstoßen. Anders als bei Oulipo handelt es sich hier jedoch nicht um eine Schreib- sondern um eine Leseregel.
Zweck des Lesens ist, Sinn zu erfassen. Vier Grundschuljahre lang lernen die Kinder, Buchstabenketten als semantische Elemente zu erkennen, die durch einen syntaktischen Zusammenhang strukturiert sind. Diese Buchstabenketten sind idealerweise einfach codiert: Lisa rennt über die Wiese. Später kommt die Erfahrung, dass die Buchstabenketten auch mehrfach codiert sein können: Lisa schaltet ab und lässt die Seele baumeln. Solche Mehrfachkodierungen können auch hochkomplex sein und das Assoziationsvermögen und den Verstand extrem fordern:

 

[…]
Wie aber Liebes? Sonnenschein
Am Boden sehen wir und trockenen Staub
Und tief mit Schatten die Wälder und es blühet
An Dächern der Rauch, bei alter Krone
Der Türme, friedsam; und es girren
Verloren in der Luft die Lerchen und unter dem Tage weiden
Wohlangeführt die Schafe des Himmels.
[…]

(Hölderlin, Mnemosyne, 2. Fassung)

 

Wenn nicht überfordern.
Welchen Vorteil gegenüber dem sinnerfassenden Lesen aber hat nun die oulipoide Regel?
Sie ermöglicht, eine lebenswichtige Kulturfertigkeit, den mühsam andressierten Sinnerfassungsreflex, zu suspendieren und allein auf syntaktische Kohärenz achten. Wenn es in Heines Babylonische Sorgen heißt:

[…]
In einem jener Tannenforsten,
Wo Wölfe heulen, Geier horsten
Und schrecklich grunzt die wilde Sau,
Des blonden Ebers Ehefrau.
[…]

ist die Syntax unmittelbar verständlich und wird obendrein verstärkt durch die Dominanz des Jambus und die beiden Reimpaare, sodass am Ende wie unter Pauken und Trompeten eine deftige Pointe gesetzt werden kann: Die Wildsau ist die Gattin der blonden Bestie, die damit eine Erfindung Heines sein dürfte, Jahrzehnte vor Nietzsche. Im extrahierten Siebzehnsilber ist solch eine stabile Konstruktion nicht möglich, eine Pointe, für die ja immer erst Fallhöhe zu erzeugen ist, schon mal gar nicht. Also muss in dem Extrakt eine andere Syntax enthalten sein. Tatsächlich: Das Und kann anders als bei Heine zu Geier horsten geschlagen werden und markiert damit keine quantitative Reihung mehr, sondern verspricht eine qualitative Steigerung. Sein Synonym ist kein Plus, eher ein Doch oder Indes. Diese syntaktische Verschiebung bedingt eine semantische. Da nach der oulipoiden Leseregel [E-bers] die beiden letzten Silben sind, funktioniert auch Heines Apposition nicht mehr, ihre Reste müssen nunmehr als Attribut gelesen werden, was ebenfalls eine semantische Verschiebung bedeutet.

Geier horsten und
schrecklich grunzt die wilde Sau
des blonden Ebers

Diese semantischen Verschiebungen erschließen sich nicht einem primär sinnerfassenden Lesen, sondern sind Folge einer Überprüfung der syntaktischen Kohärenz des Extrakts. Derartige Effekte finden wir im Goethe-Haiku:

[…]
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
[…]

die Winde schwangen
leise Flügel umsausten
schauerlich mein Ohr

 

und im Hölderin-Haiku:

[…]
Wenn nämlich über Menschen
Ein Streit ist an dem Himmel und gewaltig
Die Monde gehn, so redet
Das Meer auch und Ströme müssen
Den Pfad sich suchen. […]

an dem Himmel und
gewaltig die Monde gehn
so redet das Meer

 

und im Eichendorff-Haiku:

[…]
Bald werd ich dich verlassen,
Fremd in der Fremde gehn,
Auf buntbewegten Gassen
Des Lebens Schauspiel sehn;
[…]

in der Fremde gehn
auf buntbewegten Gassen
des Lebens Schauspiel

 

und auch im Heym-Haiku:

Meine Seele ist eine Schlange,
Die ist schon lange tot,
Nur manchmal in Herbstesmorgen,
Entblättertem Abendrot
Wachse ich steil aus dem Fenster,
[…]

in Herbstesmorgen
entblättertem Abendrot
wachse ich steil aus

 

Wenn aber das sinnerfassende Lesen eine lebenswichtige Kulturfertigkeit ist, worin besteht dann der Wert der oulipoiden Leseregel? Wenn auf das Lebenswichtige verzichtet werden kann, spricht man von Luxus. Fabergé-Eier und Waldmeister-Brausetütchen braucht kein Mensch, trotzdem gibt es nicht wenige, denen sie Vergnügen bereiten. Genau da liegt auch der Nutzen solcher Übungen: spielerisches Vergnügen. Manchmal ist Spielen einfach wichtiger als Ernstmachen. Und nachdem man sich einmal auf dieses Luxusspiel eingelassen hat, kann man feststellen, dass es über sich selbst hinaus tatsächlich einen nützlichen Mehrwert hat: Die Wahrnehmung der Sprache wird geschmeidiger. Trotz der Alternativlosigkeit der poetischen Gestalt – diese macht ja das Kunstwerk aus, das stets nur  so und nicht anders sein kann – lassen sich Alternativen finden, Syntax und Semantik sind auf einmal nicht mehr sakrosankt, die Kunst wird nahbar, erlaubt Berührungen und reagiert darauf.

 

[Zwischenbemerkung
An dieser Stelle fielen mir plötzlich die Verse Like a virgin / Touched for the very first time ein, mit denen Frau Ciccone vor beinah 40 Jahren Furore gemacht hat. Besonders tricky dabei ist das Like: erste Male, vor allem sehr erste Male, sind bekanntlich unwiederholbar. Womöglich ist diese Erinnerung aber eine Deckerinnerung an Karl Kraus‘ Idee der Spracherotik, der Verflechtung von Poesie und Sexualität, die – unter starkem Einfluss des in jeder Hinsicht unglückseligen Otto Weininger – dringend neu, und das heißt historisierend, gelesen werden sollte, um beispielsweise Heine und die Folgen vor unqualifizierter Polemik zu bewahren. Solche Sisyphusarbeit möchte ich anderen überlassen, mein akademischer Ehrgeiz war nie besonders entwickelt und geht inzwischen gegen Null. Ich halte es lieber mit Wolfgang Matheuers Sisyphos. – Doch zurück zum Thema:]

 

Die oulipoide Leseregel führt letztlich zu der Erfahrung, dass der Zwang zur Sinnerfassung nur punktuell außer Kraft gesetzt werden kann, um schließlich einem sekundären Sinn auf die Spur zu kommen, der mit den Intentionen und Deutungsmöglichkeiten des primären Textes nichts zu tun hat, sodass (wie im Goethe-Haiku) auf einmal schwingen intransitiv sein kann und leise Flügel ein Ohr umsausen können. Dem Sinn ist nicht zu entkommen, denn sogar der Nonsens ist ja dialektisch mit ihm vereint. Dieses Spiel zielt ab auf die Herstellung erweiterter organischer Verbindungen und ist im philosophischen Sinne tatsächlich erotisch, sogar libidinös.
Einmal entdeckt, lässt das Spiel sich auch anwenden auf einzelne Wörter. Vielleicht gibt es in der Sprachwissenschaft längst einen Begriff für sowas. Sie kann sich dann ja mal melden.

• aBRUTschen
• KanaLINSEln
• pfLÜGEn
• FrühsTÜCKEn
• GelegenheitsrEIMEReien
• NaSENFlügel
• ZiSCHLAUt
• GrunDÜBEL
• AuTODidakt
• FachspRACHEn
• TreppENGELänder

Es bereitet Vergnügen herauszufinden, welche Wörter da ineinander hocken, ohne dass sie mit Absicht oder im kollektiven Prozess der Zeichenbildung da hineingesetzt worden wären. Manchmal sind diese Implantate sogar kongruent mit ihren Wirtswörtern:

• Urinstinkt ← Urin stinkt
• dementsprechend ← dement sprechend (Das muss vor langen Jahren mal in der Titanic gestanden haben.)

Poetischer Profit jedenfalls ist aus solchen Spielereien eher nicht zu schlagen. Bei geschicktem Umgang enthalten immerhin

• AuTODidakt
• FachspRACHEn
• TreppENGELänder

ein umsetzbares Potenzial. Der Tod des Autodidakten, die Rache der / an den Fachsprachen, der Engel im Treppengeländer eröffnen Bildbereiche, die von Versen getragen zu werden sich lohnten. Es bleibt auszuprobieren.
Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob die Leseregel vielleicht in eine Schreibregel überführt werden könnte. Zum Beispiel so: Wörter werden so in Satzkonstruktionen eingebaut, dass sie als Implantate aus einfachen Sätzen Wirtssätze machen:

• Die Substanz stanK NOCH ENtsetzlicher als am Tag zuvor.
• Vor mir hatte ich einen Stapel vollgekritzelTER ZETTel.
• Die Wiese war bedeckt von FriSCHEM ELchdung.
• Ihre Stimme klanG RAU, SIGnale nahm sie nicht mehr wahr.
• Wenn plötzlich in einer ToPLAGE GEIST ERwacht.
• Sie stritt alles AB, STUR Zerpflückte sie die gegnerischen Vorhaltungen.

Auch dieses Schreibspiel ist zunächst bloß just for fun, eine Sprachgeschmeidigkeitsübung. Auch hier haben die drei letzten Beispiele möglicherweise ein poetisches Potenzial, das mal auszuprobieren wäre.
Anders ist Poesie sowieso nicht zu haben: Die unendlichen Mengen Sprachmaterial, das uns buchstäblich um die Ohren fliegt, enthalten immer wieder auch Elemente, die sich für die Luxusproduktion Lyrik als geeignet erweisen. Es gibt kein genuin poetisches Material, es gibt nur das Ausprobieren. Und wenn das Versteckspiel dabei hilft, umso besser. Mir ist das passiert: Bei der Lektüre der Findungen von Birgitta M. Schulte ist mir der Titel Fototermin ins Hirn gesprungen – gruseliges Wort: da steckt ein Toter drin.

 

Comme il faut

Toter Mineraloge
Hatte sich vergessen
Wie man sich verläuft oder vertut
Vollgeschlagen mit falschem Zeug
Den Bauch sank er zurück
Ins Mineralische
Lässt Fototermine
Fototermine sein

 

© Achim Raven

 

Achim Raven
Achim Raven (Foto: privat)
Achim Raven, geboren 1952 in Düsseldorf, hat von 1984 bis 2015 unter dem Pseudonym Ferdinand Scholz einige Bücher mit Lyrik und Prosa veröffentlicht.
Seither veröffentlicht er unter seinem richtigen Namen, zuletzt: Fehlgänge – Dreizehn Geschichten von der Rückseite des Möbiusbandes, Düsseldorf 2019, edition virgines. Er hat 40 Jahre an Gymnasien Deutsch, Philosophie und Kunst unterrichtet und 10 Jahre literarisches Schreiben an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

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