»Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie«: eine fortlaufende Online-Anthologie, zusammengestellt von Jan-Eike Hornauer
Melanie Arzenheimer
Der Gschwerlkönig
Wer rumpelt auf’d Nacht und macht so an Wind?
Da Vadda is – i glaub, er spinnt.
Sein Buam, den tragt er auf seim Arm,
gibt eam an Schaps, des hoit eam warm.
Mei Bua, was schaugst du so deppert mi o? –
Mei, Vatter, siegst du net den seltsama Mo?
An Kini mit Zepter und goldenem Gwand.
Des is der Sigi mit am Weizen in der Hand.
»Mein lieber Bua, kumm geh mit mir,
mir spuin mitanand, versprich i dir,
und scheene Bliamal bring i mit
und vo meiner Muada es beste Outfit.«
Oh Vadda, mei Vadda, ja hearst es du net,
was der Weizensigi mir anbieten tät? –
Sei stad, bleib ruhig, du depperter Bua,
du hearst am bsuffana Bierdümpfe zua.
»Magst, feiner Bub, du net mit mir geh?
Und mit meine Madln am Tresen steh?
Die Madln serviern dir a gschmackige Maß
und sorgn danach noch für saubernen Spaß!«
Mei Vadda, oh Vadda, ja siegst du net – dort
dem Sigi seine Weiber am finsteren Ort? –
Oh Bua, mei Bua, i sehs ganz genau,
Des is dem Sigi sei Zugehfrau.
»I steh auf di, du tats mi scho reizen,
und wennst mi ned mogst, dann mindest mein Weizen!«
Oh Vadda, mei Vadda, etz langt er mi oh
der Sigi hat mir was ganz greisligs an to …
Etz graust es den Vadda und er hats kapiert,
der Bub hat mit bösen Substanzen hantiert,
er wirft ihn aufs Canapee, geht in die Knie:
Ja, saxn di, der Bua is hi!
© Melanie Arzenheimer, Eichstätt
+ Das Original
Johann Wolfgang von Goethe
Erlkönig
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm. –
Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? –
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. –
»Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir;
Manch’ bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.«
Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind!
In dürren Blättern säuselt der Wind. –
»Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.«
Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? –
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. –
»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.« –
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! –
Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.
+ Zur Autorin
Melanie Arzenheimer wurde 1972 in Eichstätt geboren, wo sie immer noch lebt und arbeitet. Die Journalistin ist seit Oktober 2021 Redaktionsleiterin des Freizeitmagazins »Bayern mittendrin«. Die ausgebildete Hörfunkredakteurin und Moderatorin ist außerdem als Hörfunkjournalistin (Kulturkanal Ingolstadt, Radio K1), Autorin, Werbetexterin und Lyrikerin tätig. Ihre Leidenschaft für Kuriositäten der regionalen Geschichte lebt sie als »Seltsammlerin« in ihrem »Seltsammelsurium« aus, einer Reihe von Mini-Podcasts, die bis 2022 auch mehr als zwei Jahre lang von Radio IN allwöchentlich ausgestrahlt worden ist. Hier auf DAS GEDICHT blog betrieb sie von 2014 bis 2020 die monatliche Rubrik »Melanie am Letzten«.
2009 hat Melanie Arzenheimer den Lyrikwettbewerb »Hochstadter Stier« gewonnen, sie ist Trägerin der »Medaille de Pille Palais« des MuT e. V. Eichstätt (der Karnevalsorden des örtlichen Musik-und-Theater-Vereins) und wurde 2013 zu den Münchner Turmschreibern berufen, dessen Präsidium sie seit 2017 angehört. 2018 war sie Gastherausgeberin von DAS GEDICHT. Im selben Jahr stand sie zusammen mit Sisi Wein in dem Kabarettprogramm »MuT zur Erotik – Endstation Eichstätt« auf der Bühne. Sie schreibt Theaterstücke für Erwachsene (zuletzt »Tropical Scream – ein Horrormusical«) und Kinder. Und bislang sind von Melanie Arzenheimer drei eigene Gedichtbände erschienen: »Der Indianer ist Veganer«»Der Indianer ist Veganer« (2014), »Unter Spezln« (2012) und »Die Frisuren der Lemuren« (2008; alle Poesie 21).
melaniearzenheimer.de
»Gedichte mit Tradition« im Archiv
Zu dieser Reihe: »Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie« ist eine Online-Sammlung zeitgenössischer Poeme, die zentral auf ein bedeutendes Werk referieren, ob nun ernsthaft oder humoristisch, sich verbeugend oder kritisch. Jeden zweiten Freitag erscheint eine neue Folge der von Jan-Eike Hornauer herausgegebenen Open-End-Anthologie. Alle bereits geposteten Folgen finden Sie hier.