Mit eingebautem Hallo-Wach-Effekt: der Gedichtband »panik/paradies« von Carl-Christian Elze

Eingestreute Kritik von Hellmuth Opitz

»Gedichte sind nicht zum Träumen da, sondern zum Aufwachen.« Das war einer der poetologischen Merksätze, die Gerhard Falkners letzten Gedichtband »Schorfheide« begleitet haben. Für Poesie-Romantiker alter Schule erst einmal ein Satz mit Irritations-Potenzial: Gedichte als Weckamine? Als Aufruf? Als Fanal? – Warum eigentlich nicht? Mit »panik/paradies« hat Carl-Christian Elze jedenfalls schon mal einen echten Wachmachertitel gewählt. Er öffnet einen weiten Spielraum für unterschiedlichste Interpretationen. Da stehen Unruhe, Verwirrung, Hektik und Katastrophenstimmung nur durch einen Slash getrennt von Ruhe, Perfektion, Gelassenheit und Genuss. Oder ist es anders gemeint? Etwa so, dass wir uns in unserer immerwährenden Panik schon paradiesisch eingerichtet haben? Oder so, dass das Schöne (Paradies) nichts als des Schrecklichen (Panik) Anfang ist?

Viel Platz für Deutungen also. In diesem Deutungsraum scheint sich der Schreiber des Klappentextes verloren zu haben, formuliert er doch den erkenntnisfreien Satz: »panik/paradies ist nichts weniger als eine unbedingte, eine schonungslose Hingabe an die Existenz und an die scheinbar unendlichen Fragen, die sie aufwirft.« Nun, das Gleiche trifft auch auf den Appetizer-Text auf der Rückseite einer Tiefkühlpizza-Packung zu, der über den reichhaltigen Belag und den knusprigen Boden fabuliert. Aber wenden wir unsere Aufmerksamkeit lieber dem Band selbst zu: Auffällig ist die für das Verlagshaus Berlin eher unübliche farbige Gestaltung des Covers. Die Illustration zeigt ein grünes Blatt, in das die Strichzeichnung eines nesselartigen Tiers integriert ist. Die Schrift des Titels darüber changiert in den Farben Pink, Lila und Rot. Verantwortlich für das Cover zeichnet die formidable Illustratorin Nele Brönner, die auch im Mittelteil des Bandes, übrigens stilistisch unterschiedliche, Illustration platziert. Sie zeigen Tiere, Pflanzen, Masken, amorphe Formen, bisweilen erinnern sie an Höhlenmalerei oder Kunst mit afrikanischen Einflüssen.

Und genauso vielfältig wie Nele Brönners Werke sind auch die Gedichte von Carl-Christan Elze. Unterteilt in zehn Kapitel, die mit »Caput I« bis »Caput X« betitelt sind, setzen sie unterschiedliche Schwerpunkte. Optisch wird jedes dieser Kapitel durch eine schwarze Doppelseite eingeleitet. Den einzelnen Themen wird, wenn man so will, ein schwarzer statt eines roten Teppichs ausgerollt.

Ein wuchtiges, fulminantes Statement zur Zeit

Will man schon jetzt eine resümierende Einschätzung zu diesem Gedichtband vornehmen, so bleibt dem Rezensenten wenig anderes übrig, als zu sagen: panik/paradies ist ein wuchtiges, fuliminantes Statement zur Zeit, das die gegenwärtige Stimmung kraftvoll aufnimmt, diese Mischung aus Angst, Ohnmacht, Trauer, Schmerz und einem zarten Pflänzchen Zuversicht. Elze geht dabei umfassend vor, er sucht in seinem 200-Seiten-Band sämtliche Bezirke menschlicher Erfahrung auf: Ob Kindheitserinnerungen, Liebe, Ehe und Familie, Entfremdung, Geschichte oder Politik, nichts entgeht dem lyrischen Lichtkegel des Dichters. Und er beleuchtet die Dinge mit einer beeindruckenden stilistischen Vielfalt: Sonette, Balladen, Zyklen, Terzinen, Listen, Anrufungen, Oden, Gebete – Elze breitet sein poetisches Operationsbesteck souverän aus.

Wie sind die Gedichte nun? Fangen wir mit einem ungewöhnlichen Gedicht an, es befindet sich fast am Schluss des Bandes und trägt den programmatischen Titel: »der tag, an dem ich keine gedichte mehr schreibe«. Mit der ersten Strophe legt es gleich offensiv los: »der tag, an dem ich keine gedichte mehr schreibe / wird ein glücklicher tag sein, von morgens bis abends / in mut getaucht, in ein meer voller zellen / die nicht schwanken“. Es scheint so, als habe das lyrische Ich sich von einer Last befreit. Das beglaubigt auch die zweite Strophe: »der tag, an dem ich keine gedichte mehr schreibe / wird ein tag ohne krücken sein. ich stehe auf / und beginne zu laufen: laufe und laufe / lass die stadt hinter mir, tauche ein in ein rapsfeld“. Man fühlt sich fast an die Bibel erinnert, wo Jesus zu einem Lahmen sagt: »Steh auf und wandle!« So geht es noch drei Strophen weiter. Wirkt die Befreiung von der Poesie wie eine Wunderheilung? Fast könnte man es glauben, wenn es in Kursivschrift heißt: »es ist geschafft! Nun iss und lebe. lebe und iss / wir sterben heut nicht!«

Wohltuende Klarheit, echte Virtuosität – doch gelegentlich rattert die Mechanik

Dann aber ändert sich die Tonlage, das lyrische Ich schmiert »auf alle Servietten« die letzte Strophe, die allem vorher Gesagten mit einem Ruck den Boden unter den Füßen wegzieht: »der tag, an dem ich keine gedichte mehr schreibe / der tag, an dem ich keine krücken mehr brauche / der tag, an dem ich keinen atem mehr brauche / der tag, an dem ich keine rettung mehr brauche / […] ist kein tag ist kein tag ist kein tag!« Auf einmal wird die scheinbare Last von eben zu etwas Lebensnotwendigem, dass das lyrische Ich so nötig braucht wie die Luft zum Atmen. Die Poesie als (Über-)Lebensmittel – eine klare Programmatik.

Überhaupt lässt es Carl-Christian Elze an wohltuender Klarheit nicht fehlen. Seine Gedichte schleppen keinen metaphorischen Ballast mit sich herum, kein enigmatisches Kunsthandwerk versperrt den Zugang. Allerdings gibt es poetische Mechaniken, für die Elze eine Vorliebe zu haben scheint, zum Beispiel Listen oder Aufzählungen. Sie dienen oft dem mantramäßigen Intensivieren der lyrischen Wirkung, funktionieren aber im Vortrag weitaus besser als beim Lesen. Manchmal rattert die Mechanik auch nur leer vor sich hin wie in dem Poem »neustadt deine fliederbüsche«, wo die einzelnen Verse mit müdem Augenzwinkern halbe Reime abklappern: »neustadt deine plastetüten / neustadt deine immermüden / neustadt deine dünnen dealer / neustadt deine dicken schüler«. Das führt zu keinerlei tieferem Erkenntnisgewinn, haspelt lediglich eine nur in Ansätzen sozialkritische Milieuschilderung bis zum Ende durch. Da macht es sich Elze ein wenig zu einfach, ähnlich fade ratterts im Gedicht »das system muss seine lieferketten retten«.

Aber solche Ausfälle beschränken sich auf wenige Ausnahmen. Andere Mechaniken, wie zum Beispiel das Anagram, dekliniert Elze sehr artistisch durch: Aus »vaters rune« wird am Ende der anagrammatischen Metamorphosen »ave returns« – virtuos und erkenntnisreich.

Ein Gedichtband, den es gebraucht hat

Von Gottfried Benn stammt das Zitat: »Man muss dicht am Stier kämpfen, sagen die großen Toreros, vielleicht dann kommt der Sieg.« Auch Elze kämpft dicht am Stier, will heißen: dicht an der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit. Ihm gelingen dabei Gedichte mit scharfer Pointierung, ohne dass gleich das Verfallsdatum der Tagesaktualität auf ihnen steht. »panik/paradies« ist ein Band, den es gerade in seiner stilistischen Vielfalt und seinem thematisch breiten Spektrum jetzt gebraucht hat.

Das unterschreibt der Rezensent umso mehr, wenn er so wunderbare Gedichtzyklen wie »nocturno« findet, neun wunderbar schwebende Sonette über den Schlaf, über Träume mit Versen wie »die träume ziehn, ziehn über wiesen / ein sack voll kinder, die in bällebädern toben / ein sack voll videos in ein loch geschoben / ein sesselraum mit hirnbemalten fliesen«. Was bleibt nach der Lektüre als Erkenntnis? Auch ein hellwacher Gedichtband kann traumwandlerisch schön sein.



Carl-Christian Elze
panik/paradies

Gedichte
mit Illustrationen von Nele Brönner
Verlagshaus Berlin 2023
200 S.
22,90 €
ISBN 978-3-910320-01-7


 

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