Neugelesen – Folge 38: Marc Degens »Man sucht sich«

Literatur ist vergänglich, trotz ihrer Materialität. Denn allmählich entschwinden Bücher in Archivbibliotheken und verlassen unseren Erfahrungshorizont. David Westphal möchte in Nachfolge an die Kolumne »Wiedergelesen« dagegen anschreiben. Er stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor (in memoriam Erich Jooß, † 2017).

 
 
Man sucht sich schon mal. Insbesondere zwischen den Jahren. Der Klassiker der Selbstsuche ist das Reisen, am besten per Zug oder auf einem Roadtrip. So wie das sechzehnjährige Ich aus der Prosa-Miniatur Lea: Es lernte sie in Dänemark kennen und war sich nicht sicher, ob es sie eigentlich gegeben hat. Wovon dieses Ich sich in den 90er-Jahren sicher nichts hätte erträumen können, wäre die Schwierigkeit des Reisens fünfundzwanzig Jahre später. Ich reise mehr seit der pandemischen Lage. Vermutlich suche ich das Unmögliche und erwarte es nicht mehr in meiner Nähe. Aber darum geht es nicht. Letztes Jahrzehnt war ich auch schon einmal reisen. Gerade in Berlin angekommen und sehr hungrig, kramte ich nach ein paar Euro für den Snack-Automaten. Mein Blick wanderte von links nach rechts, eine Etage tiefer, von rechts nach links, bis schließlich, ohne weiter darüber nachzudenken, dass man dies ja gar nicht essen könnte, meine Wahl auf den letzten Artikel fiel: Marc Degens Man sucht sich aus dem SuKuLTuR-Verlag. Ein kleines, gelbes Heftchen in subversivem Reclam-Gelb. Ich erinnere mich noch gut an diesen Moment und meine Begeisterung, an irgendeinem Bahnhof in irgendeinem Snack-Automaten einen Gedichtband zu finden. Der Hunger war vergessen und ein neuer Hunger entfacht.
 
Zu diesem Zeitpunkt, als ich das Geld schon eingeworfen hatte und die Metallspiralen langsam das vorderste Exemplar Richtung Abgrund schoben, war mir der Inhalt noch vollkommen gleichgültig. Es war Nacht. Meine Reisebegleitung und ich waren allein auf diesem Bahnhof. Das Heftchen fiel leiser als jeder Schokoriegel auf den gepolsterten Boden, ich holte es aus der Luke und begann sofort mit dem Lesen. Bis hierhin wäre mir die Geschichte erzählenswert, ganz gleich, was mich zwischen den Heftseiten erwartet hätte. Doch dann begegnete mir der „Terror der Welt“, unbekannte Schamhaare („er legte es zu den anderen“), entsetzlicher Kot, Lea natürlich, die Angst vor der Angst und die Freude am Unfug und an Frechheiten. Es ist ein Großstadtheft, etwas für Neurotiker, ein gehaltvoller Snack zwischen Menschenmengen und Terminen. Gesund? Eher nicht. Aber eingängig! Prosa-Stücke stehen lose zusammenhängend zwischen Gedichten. Ein buntes Treiben in diesem „Stichdunkeldüsterfinsterlichtlose[n]verlöschtüberwölkende[n] Nichts“ unserer Tage, nach dem sich jeder Reisende und jede Stadtratz sehnen.
 

"Man sucht sich" von Marc Degens
Buchcover-Abbildung (SuKuLTur)

 
 
 
 
 
 
 
Degens, Marc: Man sucht sich
Illustriert von Lillian Mousli
SuKuLTur 1996, Berlin/Hamburg.
23 Seiten, Paperback;
ISBN: 3-937737-02-2
 
 
 

David Westphal. Foto: Volker Derlath
David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.

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