Neugelesen – Folge 39: Heinrich Böll »ein jahr hat keine zeit«

Literatur ist vergänglich, trotz ihrer Materialität. Denn allmählich entschwinden Bücher in Archivbibliotheken und verlassen unseren Erfahrungshorizont. David Westphal möchte in Nachfolge an die Kolumne »Wiedergelesen« dagegen anschreiben. Er stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor (in memoriam Erich Jooß, † 2017).

 

Heinrich Böll: ein jahr hat keine zeit

Heinrich Böll gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegszeit. Mit seinen Romanen und Erzählungen begleitete er die Ereignisse in Deutschland wie den Deutschen Herbst und war strikter Kritiker der restaurativen Adenauer-Ära. Ebenso kritisch ging er mit dem Springer-Verlag um, der ihn dafür hart anging. Sein sozial-politisches Engagement war für die progressiven Intellektuellen sehr bedeutend, so hat die Partei Die Grünen/B90 auch ihre Stiftung nach ihm benannt, obgleich er nie Parteimitglied war. Doch sein wachsames Auge hat sich nicht auf Deutschland beschränkt. „Ich bin der Meinung, daß man Menschenleben retten soll, wo man sie retten kann. Und keine Institution, die Leben zu retten vermag, darf auf offener See Selektion betreiben. Das hieße ja, Menschen willkürlich zum Tode zu verurteilen.“ Dieses Zitat etwa stammt keineswegs aus einer Debatte von 2015 als Antwort auf rechtsäußerliches Gedankengut. Es ist von 1981 als Beitrag im Spiegel zur Behinderung des Westdeutschen Rettungsschiffs Cap Anamur, das vor der vietnamesischen Küste Flüchtlinge aus dem Wasser gerettet hat. Die Geschichte wiederholt sich, weshalb es wichtig ist, Stimmen aus der Vergangenheit Gehör zu verschaffen.
Was weitaus weniger bekannt sein dürfte, ist die Tatsache, dass Böll auch Lyrik geschrieben hat. 2021 ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch eine Sammlung seiner Gedichte unter der Herausgeberschaft von René Böll, Gabriele Ewenz und Jochen Schubert erschienen. In chronologischer Reihenfolge lässt sich hier die literarische Entwicklung Heinrich Bölls sehr gut ablesen, von seinen Vorbildern der Jugend vor dem Krieg und seiner zunehmenden Eigenständigkeit in der Nachkriegszeit. Die HerausgeberInnen haben recht zu betonen, dass seine Lyrik nicht nur Beiwerk oder literarische Exerzitien ist, sondern eigenständig gelesen werden will.
Doch nun möchte ich einen ungewöhnlichen Weg für eine Lyrikkolumne einschlagen. Die Geschichte wiederholt sich nämlich ein weiteres Mal. Wir haben Krieg in Europa. Täglich kommen tausende Geflohene an unseren Bahnhöfen und unseren Grenzen an. Wir haben Krieg in Europa. Städte ebnen sich, Existenzen zerfallen, Leben vergehen. Und nichts, was ich hier sagen könnte, wäre adäquat. Wir haben Krieg in Europa und ich werde nun etwas über Gedichte schreiben, die nicht geschrieben wurden. Die Sammlung von Bölls Gedichten beginnt im Jahre 1936 und hat eine große Lücke in den Kriegsjahren zwischen 1939 und 1946. Für mich war diese Lücke so eklatant, so auffällig, dass ich überrascht war, dass sie im Nachwort der HerausgeberInnen keine Erwähnung gefunden hat. Natürlich: Es kann ganz triviale Gründe haben, warum es keine Gedichte aus dieser Zeit gibt. Sie könnten im Kriegsnebel einfach verloren gegangen sein. Vielleicht gab es kein Papier. Wer weiß? Aber vielleicht haben Böll auch einfach die Worte gefehlt. Vielleicht erschienen ihm alle verfassten Verse vollkommen unzureichend für das, was seine Kameraden und er erlebt haben, was überhaupt sehr viele Menschen global ertragen mussten zu jener Zeit. Was schreibt man für Gedichte, während Leid und Verzweiflung so groß sind, dass die Wörter Leid und Verzweiflung keine Kraft mehr im Angesicht der Zustände haben? Wie sollten sie in Versen klingen? Kann man überhaupt über den Krieg dichten, ohne ihn zu verharmlosen?
Heinrich Bölls lyrisches Vermächtnis ist sehr lesenswert und fester Bestandteil seines Œuvres. Doch für mich bleibt diese entsetzliche Lücke und lässt mich darüber nachdenklich werden, was für ein Europa wir schon morgen haben werden. Ich zitiere meinen Großvater, der noch mit sechzehn Jahren an der Front im zweiten Weltkrieg war: „Nie wieder Krieg; für dich, für die Kinder. Nie wieder Krieg!“ Er war kein Lyriker. Aber mehr lässt sich kaum sagen, dafür umso entschiedener! Ich wünsche mir, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer nicht ihre Stimme verlieren und dass sich Figuren wie Heinrich Böll in einer Welt danach stark machen.

 

"ein jahr hat keine zeit. gedichte" von Heinrich Böll
Buchcover-Abbildung (Verlag Kiepenheuer & Witsch)

 

 

 

 

 

Böll, Heinrich: ein jahr hat keine zeit. gedichte
Herausgegeben von René Böll, Gabriele Ewenz und Jochen Schubert
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021
187 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-462-00224-9

 

 

 

David Westphal. Foto: Volker Derlath
David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.

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