Neugelesen – Folge 43: »Synkope | Sincope« von Roberta Dapunt

Literatur ist vergänglich, trotz ihrer Materialität. Denn allmählich entschwinden Bücher in Archivbibliotheken und verlassen unseren Erfahrungshorizont. David Westphal möchte in Nachfolge an die Kolumne »Wiedergelesen« dagegen anschreiben. Er stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor (in memoriam Erich Jooß, † 2017).

 

Roberta Dapunt: Synkope | Sincope

Eines der für mich großen, philosophischen Themen ist unser Leib. Er ist Körper und Geist, er denkt, fühlt, er verleibt sich Dinge ein und genießt, spürt Lust, er ist Raum und vergeht mit der Zeit. Er besteht aus Zellen. Sie halten unseren genetischen Code. Sie lassen sich vervielfachen. Wir haben Blut, das fließt, Organe, die arbeiten, Haare, die wachsen und zwei Hände, die uns zu Berührenden und Berührten machen. Es gibt so viel über ihn zu sagen und gleichzeitig bleibt er so rätselhaft, möchte man ihn in Worte fassen. Aber stimmt das?

Roberta Dapunts 2018 auf Italienisch erschienener, und jetzt in der Übertragung von Alma Vallazza und Werner Menapace auf Deutsch vorliegender Gedichtband Synkope | Sincope ist ganz nah an ihm dran. Ihre Verse rücken diesem sprachbegabten Wesen im wahrsten Sinne auf den Leib. Schon der Auftakt über das Fleisch und über die Sprache scheint ganz und gar wahrhaftige Verbindungen herzustellen, etwa zwischen der „Materie meiner Gedanken“ und dem Körper, und wie das Fleisch zu Wort wird. Auch das uns alle verbindende Blut pocht zwischen den Gedichten hindurch und hält diesen Band sehr vital.
Synkope.

Ich habe das Bewusstsein verloren. Mein Körper schlägt in anderem Takt als noch zuvor. Er begibt sich aus seiner nackten Biologie und gelangt wieder zu eigenem Recht. Der Sprache der Übertragungen gelingt das ganz leicht, ohne Allüren. Die Zeilen des Gedichtbandes sind Körper-Sprache und Sprach-Körper. Manchmal möchte ich ihn als beseelende, künstlerische Forschung über den Leib missverstehen. Definitiv aber hält er sinnliche und kraftvolle Poesie zwischen den Seiten.

"Synkope / Sincope" von Roberta Dapunt
Buchcover-Abbildung (Folio Verlag)

 

 

 

 

Dapunt, Roberta: Synkope | Sincope
Übersetzungen von Alma Vallazza und Werner Menapace
Folio Verlag, Wien 2021
160 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-85256-839-3

 

 

David Westphal. Foto: Volker Derlath
David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.

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