Neugelesen – Folge 49: »Sheet Music« von Johannes Kreidler

Literatur ist vergänglich, trotz ihrer Materialität. Denn allmählich entschwinden Bücher in Archivbibliotheken und verlassen unseren Erfahrungshorizont. David Westphal möchte in Nachfolge an die Kolumne »Wiedergelesen« dagegen anschreiben. Er stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor (in memoriam Erich Jooß, † 2017).

 

Johannes Kreidler: Sheet Music

Die Sprache hat eine zeitliche Dimension. Ist ein Satz erst einmal ausgesprochen, ist er auch schon wieder verklungen, einfach verschwunden. Nur die Zuhörer und die Sprecherin wissen noch davon. Doch im Laufe der Menschheitsgeschichte haben wir Weisen der Aufzeichnung gefunden; zum Beispiel die Schrift. Doch statt dass die Schrift nur als Vorlage für einen Vortrag diente, haben wir die kulturelle Praxis des Lesens entwickelt. Wir lesen um des Lesens Willen. Dass aus diesen schwarzen Würmchen auf weißer Unterlage Bilder und Bedeutungen in unserem Kopf entstehen, ist keineswegs selbstverständlich. Schließlich üben wir als Kind sehr lange, bis das funktioniert. Auch im Erwachsenenalter erscheinen uns einige Texte schwieriger als andere; ebenfalls Übungssache.

Dass Lyrik eine enge Verwandtschaft zur Musik aufweist, ist hinlänglich bekannt. Im Namen steckt schon die antike Lyra, ein Zupfinstrument. Die Musik besetzt die gleiche zeitliche Dimension wie die Sprache: Ist der letzte Satz gespielt, verflüchtigt sich das Stück in der Luft. Auch für die Musik haben wir Notationssysteme, um Musik an andere weiterzugeben und festzuhalten. Dass man sich Noten für Musik in die Hand nimmt und sie liest, statt Musik zu hören oder zu spielen, erscheint den meisten absurd. Denn Musik ist schließlich zum Hören da! Doch ist das notwendigerweise so? Ist es nicht denkbar, dass man mit ähnlich viel Übung wie beim Lesen eines Textes musikalische Bilder und Bedeutungen erfassen könnte?

Der Komponist Johannes Kreidler ist dieser Verflechtung auf der Spur. In seinem Band Sheet Music, erschienen in der Edition Allia, untersucht er die Visualität von Musik. „Musik ist nicht nur akustisch, sondern hat auch seine visuellen Kontexte. Es ist dann immer noch Musik.“ Manchmal erscheint mir die Aufgabe, über Lyrik zu schreiben, absurd. Denn muss sie nicht gehört oder wenigstens gelesen werden? Es ist ironisch, jetzt über visuelle Musik zu schreiben.

Beginnen wir trotzdem einmal, und zwar mit einem Eindruck. Das kleine, quadratische Buch hat auf jeder Seite eine große Überschrift und darunter eine Anordnung musikalischer Symbole. Die Assoziationen zwischen Sprache und Symbolen ist sehr minimalistisch und deutlich. Etwa bei dem Werk Outlook, was hier am besten mit Ausblick übersetzt ist. Auf den üblichen fünf Notenzeilen ist ein Violinschlüssel am Anfang zu finden. Die Notenzeilen sind bis zum Ende der Seite durchgezogen. Durch den Violinschlüssel wird die einzige Note, die folgt, zu einem h. Sie ist damit auf der mittleren Notenzeile und sie hat ihren Notenhals nach unten gestreckt. Der Konvention nach dürfte sie ihren Hals auch nach oben haben. Doch diese Viertelnote hat ihn nach unten und wirkt dadurch, als würde sie stehen, ihren Kopf nach vorne in die leeren Zeilen gerichtet. Sie hält Ausschau.

Dies ist eines der sehr anschaulichen Beispiele aus Kreidlers Band. Nicht alle sind gleichermaßen zugänglich. Für manche ist es notwendig, ein gewisses Maß an Leseerfahrung in musikalischen Noten zu haben. Viele verlassen auch den konventionellen Notationsraum, ohne ihn gänzlich hinter sich zu lassen. Manchmal sind es kleine Details, die ihren Humor entwickeln, einige sind sogar fast kindlich. Wie könnte man zum Beispiel einen Cowboy mit Notensymbolen darstellen? Kreidler hat dies herausgefunden. Ein bestimmter Akkord, dessen Hut eine ganze Note auf einer Hilfslinie ist.

Warum also in einer Lyrikkolumne über visuelle Musik schreiben? Beim Durchsehen des Bandes war mir die Nähe zu visueller und konkreter Poesie offenkundig. Statt mit sprachlichen Symbolen, Lauten und Rhythmen zu spielen, experimentiert Kreidler mit musikalischen. Dennoch ist bei jedem Musikstück – denn ihm zufolge ist das „dann immer noch Musik“ – eine sprachliche Dimension in Form des Titels inbegriffen. Was Literatur, bildende Kunst und Musik ist, verschwimmt in dieser Unschärfe. Ebenfalls erschafft Kreidler sehr kurze Musik, wie auch die Lyrik für ihre Kürze bekannt ist.

Dieses Feld ist keine Neuentdeckung. In der sogenannten Neuen Musik, die gar nicht mal so neu ist, gibt es viele, weitaus virtuosere Beispiele der Visualität von Musik. Aber Kreidlers visuelle Musik ist ein toller und schön gemachter Einstieg in diese Grenzgebiete.

 

"Sheet Music" von Johannes Kreidler
Buchcover-Abbildung (Edition Allia)

 

 

Kreidler, Johannes: Sheet Music
Edition Allia, Paris 2018
Hardcover, 176 Seiten
ISBN: 979-10-304-0959-8

 

 

 

David Westphal. Foto: Volker Derlath
David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.

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