Auf der Jagd nach dem Weltgeist: Till Rodheudts neuer Lyrikband »sub specie aeternitatis«

Till Rodheudt – Foto: privat

Da traut sich einer dies: den großen Wurf versuchen. Mit Kleinigkeiten hält sich Till Rodheudt in seinem zweiten Lyrikband, mit dem Titel »sub specie aeternitatis« (dt. »Unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit«) soeben in der Reihe Poesie 21 erschienen, nicht auf. Er jagt den Weltgeist, will den Menschen an sich auf der Erde und im Universum vermessen und erkunden, will das Grundsätzliche erörtern, bildgewaltig und mit Mut zum Pathos. Rodheudt greift dazu in die Literatur-, Philosophie- und Kunstgeschichte aus, bedient sich in der antiken Mythologie, am Biblisch-Religiösen, im Mittelalterlichen und dem Kosmos fremder Kulturen sowie am Hier und Heute, an Naturwissenschaft, Technik und Popkultur. Mit Hang zur Hermetik lässt er gern die Motive aus unterschiedlichen Sphären aufeinanderknallen und in ihrem Crash Neues entstehen. Man kann sich treiben lassen auf seinen konsequent im Blocksatz gesetzten und klein geschriebenen, interpunktionsfreien und vor &-Zeichen strotzenden titellosen Textflächen, oder man kann tief in sie hinabtauchen. Beide Lesarten bieten sich an, und beide haben hier ganz gewiss ihre Berechtigung. Passend zum Anspruch der Universalität und der Langlebigkeit sowie zum Literarischen ist dieser Titel übrigens als Hardcover erschienen – ein Novum für die Reihe und ganz gewiss eine Auszeichnung dieser Gedichtbands und seines Autors durch den Herausgeber Anton G. Leitner.

Das Große und das Kleine zusammengeführt

Rodheudt, der Germanistik und Philosophie studiert hat und später Manager bei verschiedenen Personaldienstleistern war, ist ein Suchender. Auf seiner Suche geht der Endvierziger die Wegmarken der menschlichen Zivilisation ab, und er ergänzt sie um sein eigenes, individuelles Erleben – das er aber zumeist so abstrahiert, dass auch diesem eine gewisse Allgemeingültigkeit oder zumindest eine große Nachvollziehbarkeit gegeben ist. Kurzum: Er bringt das Große (den Menschen an sich) mit dem Kleinen (ihm selbst als Individuum) zusammen. Ebenso verfährt er, wenn er sowohl ins Universum und in die Jahrtausende der Geschichte ausgreift, als auch den Grashalm gelten lässt, der gerade jetzt konkret und klein herumsteht.

Der menschliche Kampf um den eigenen Platz in der Welt

Eine Grundhaltung macht Rodheudt dabei etwa in seinem Gedicht »chorus mysticus in umnachtung« deutlich: »balle / finger zu einer wiederentdeckten faust«. Da war einer überwältigt, da hat einer vielleicht fast schon aufgegeben – doch nun will er doch noch kämpfen. Um nichts weniger als seinen Platz in der Welt (so es denn einen geben kann) – und damit wiederum um den Platz des Menschen an sich in der Welt. Die Aussichten sind ungewiss, denn (so heißt es in »in ihrer benutzung bist du menschlich«): »angst wohnt / noch in dir die zeigt mit dem finger / auf dich & zeigt es dein leben lang«. Das lyrische Ich bekennt auch (in » haut wirft verwaschene schatten«): »ich lese die zeit / schmecke bitter & sehe durch mich hindurch«. Doch die Existenz, das zeigt sich zudem, muss selbst in aller Fragwürdigkeit nicht nur negativ erscheinen, denn was bleibt ist – immerhin! – ein » leuchtender rest / extrasolarer einsamkeit« (nach »wasp182b milchstrassenfern«).

Allgemein geht es oft um »die Drehtür stirb und werde« (so formuliert in »die liegende erdgedrückt«) und ums Sich-dagegen-Stemmen. Das hat dann auch wieder durchaus bezaubernde Seiten. Gerade im Romantischen kann sich bei Rodheudt so etwas wie Erlösung finden. Und dies nicht nur in den magischen Momenten einer Beziehung (hier zeigt sich etwa »baumkratzen im puzzleherz« zufolge »das geschliffene / glas hinter verrosteten strukturen«, und es gelingt »ein morbides / tasten durch erdiges anderssein«), sondern auch noch im erinnernden Rückblick auf sie sowie im Zugriff auf die Romantik als Kunst- und Literaturepoche, inkl. emblematischer blauer Blume. Passend dazu tauchen etwa Festung, Burg und Einsamkeit den ganzen Band hinweg immer wieder auf, die allem immanente Todesnähe ebenso – und die unglaubliche Sehnsucht nach Sein und Werden.

Schreiben für die Ewigkeit – mit Pathos, starker Ästhetik und grundlegenden Fragen

Wie sehr sich Rodheudt die große Geste, das starke Bild, das offenkundig für die Ewigkeit Gedachte zu schreiben traut, schlägt sich dabei selbst in den intimeren Gedichten nieder: Das eher Banale und im Banalen Belassene, etwa die »schwimmbeckenromantik« (ein ausdrucksstarker Neologismus aus »nagellack auf der cyborgfläche«), wird zwar auch hier, wie im ganzen Band, erwähnt, doch es selbst ist eigentlich nie das Thema. Nein, es geht um flirrende Bilder, um das ästhetische Öffnen widerhallender Assoziationsräume, um Betören und Beeindrucken durch Sprache, es geht ums Hinterfragen und Darstellen von Grundlegendem, und dies selbst noch im Zweisamkeitsbereich, etwa so: »du schreibst stalaktiten in zertrümmertes gefieder / warum alles fliesst & warum nicht ich habe deine / augen leer getrunken unter der stirn in zwei / himmeln & in vernarbten höhlen nach dir gesucht / meerengen durchschwommen«

Ein zentrales Problem dabei: »zerrissen sind alle utopien« (nach »wohnbar in einer kapelle des bösen«). Und auch Forschung und Technik erweisen sich bei Rodheudt, wenngleich immer wieder herangezogen, eher nicht als belastbare Hoffnungsträger. Was also bleibt? Vielleicht ja doch die Religion? »kühl mich im taufbecken« jedenfalls fordert das lyrische Ich im ebenso anlautenden Gedicht. Doch der dieses tun soll, er ist mehr am Geld interessiert als am Spirituellen. Nein, ein Ausweg ist so auch hier nicht gegeben …

Ein Gefühl wie bei Kafkas Cyborg

Es bleibt dabei, man fühlt sich wie ein Cyborg in der Welt – oder anders ausgedrückt: »wie gregor liege ich insektenhaft«. Beide Bilder prallen in »nagellack auf der cyborgfläche« direkt aufeinander; das ältere schreibt das jüngere fort. Man bleibt fremd und ist doch Teil des Ganzen, kann und will ihm letztlich nicht entfliehen, zumindest aber doch versuchen, sich hineinzurätseln.

Doch kann dies gelingen? Das lyrische Ich klagt »ich habe meinen hades im kopf […] / & mein gorgonisches / schicksal schimmert für immer absolut« (aus » in mir liegen häuserzeilen modernisiert«) und ist sich gewiss »& alles bleibt schweigen in dir« (aus »die kuppel in dunkelblau).

Aber vielleicht kann man dieser »schattenabsurdität« seiner Existenz (aus » leuchtstreifen die maske eines generals«) ja, allem Anschein zum Trotz, doch entkommen? Man muss es zumindest versuchen, denn »das mosaik schimmert in seinen teilen / aus zeit & wissen allein über uns« (nach »maria willeicus auf einer verschwundenen insel«), und mag auch viel verloren erscheinen, so gilt doch (nach » hippocampus seepferdchen«) auch: »& der rest ist die ungestillte hoffnung / der versuchung in uns«.

(jeh)


Leseproben


Eckdaten zum Buch

Till Rodheudt
sub specie aeternitatis
Gedichte
104 Seiten, Hardcover mit Fadenheftung
€ 12,80 [D], Juli 2021
ISBN 978-3-943599-84-8





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