Augustins Fundsachen, Folge 18: »Provokation für mich« von Volker Braun, 1965, 3.Auflage 1967, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)

Wo auch immer der „Weltreisende in Sachen Poesie” sich gerade wieder herumtreiben mag: wenn Michael Augustin ein Buchantiquariat erspäht, dann kommt er daran nicht vorbei, ohne wenigstens in haikuhafter Kürze (aber viel lieber in balladenhafter Länge) die dort erhofften mit Lyrik gefüllten Regalmeter auf Überraschendes und Wohlfeiles zu inspizieren. Vom Glück des Findens handelt seine Kolumne, in der er seine liebsten lyrischen Trouvaillen aus Läden und Bücherschuppen, von Flohmarkttischen und Straßenrändern in loser Folge am 3. eines Monats vorstellt.

 
„Das ist die Musik der Zukunft“
„Provokation für mich“ von Volker Braun

Porträt Volker Braun 2017
Volker Braun 2017 (Fotos: Michael Augustin)

Als ich 2017 beim Bremer Festival Poetry on the Road das Pläsier hatte, in der Ostkrypta des Bremer Doms eine Matinee-Lesung mit dem Poeten Volker Braun zu moderieren, war der gerade 78 Jahre alt geworden, hatte sich aber, wie Publikum und Moderator vergnügt feststellen durften, die faszinierende Fähigkeit bewahrt, seine neuen Gedichte mit der Verve und dem Feuer eines Youngsters vorzutragen. Ich wage sogar die Behauptung, dass seine Art der Gedichtrezitation so manchen real existierenden vorlesenden Jungpoeten ganz schön blass erscheinen lassen hätte.

Vielleicht liegt es ja schlicht daran, dass Volker Braun immer noch wirklich etwas zu sagen hat in seiner durchweg schwurbelfreien Poesie, dass hier also der Autor in voller Montur hinter dem Geschriebenen und Gesagten steht. Etliche Jahre zuvor war mir das schon einmal aufgefallen, als er, ebenfalls bei Poetry on the Road, allerdings nicht in säulengesäumter unterirdischer Krypta, sondern auf hoher und offener Bühne der Bremer Shakespeare Company, sein großes Nachwendepoem Das Eigentum ins zahlreich versammelte Publikum pfefferte.

Volker Braun 2017 in Bremen
Volker Braun 2017 zu Füßen des Bremer Rolands, Symbol der städtischen Freiheit

Als Volker Brauns erster Gedichtband im Mitteldeutschen Verlag zu Halle an der Saale erschien, Anno 1965, während der sogenannten Lyrikwelle, im Jahr der relativen Liberalisierung in der DDR, das freilich mit einer folgenschweren Anti-Biermann-Kampagne im Neuen Deutschland endete, war das knapp 80seitige Druckwerk im Nu vergriffen, wurde aber tatsächlich etliche Male neu aufgelegt. 26 Jahre alt war Volker Braun damals, ein junger Wilder, der sich mit Gedichten durchaus schon mal eine blutige Nase geholt hatte und dessen Vorschläge zur Verbesserung des Halbfertigprodukts Sozialismus ihm weiß Gott nicht nur Freunde beschert hatte in der Kulturbürokratie jener Jahre. Schon das Substantiv im Titel des Bandes hätte ihnen zu denken geben können: Provokation für mich.

 

„Provokation für mich“ von Volker Braun
„Provokation für mich“ von Volker Braun, 3. Auflage von 1967

 

Meine Ausgabe des Buches ist 1967 gedruckt worden. Für den erstaunlichen Preis von gerade mal zwei Euro ist er mir in einem Leipziger Antiquariat in die dankbaren Hände gefallen. Und bei unserer vorerst letzten Begegnung hat der späte Volker Braun mir das frühe Opus mit breitem Grinsen signiert. Lohnenswert ist es, nach überlebenden Exemplaren dieses schmalen aber geladenen Bändchens Ausschau zu halten, selten sind sie keinesfalls, wie ein Blick ins Internet zeigt. Ich rate dringend dazu, diesen über viele Jahre hinweg in der DDR besonders bei jungen Menschen hoch populären Band zu lesen, auch als historisch-literarische Bestandsaufnahme jener Tage zur Hochzeit des Kalten Krieges. Als Provokation für mich 1965 erschien, wurden diese Gedichte nicht nur in der DDR, sondern im gesamten deutschen Sprachraum stark beachtet: Eine Provokation überfliegt Staatsgrenzen schrieb die Wiener Volksstimme; Vernunft, Gefühl und Schnauze lautete der Rezensionstitel im Spiegel; Klaus Völker, der den jungen Autor vermutlich auch schon live erlebt hatte bei den gemeinsamen Westberliner Lesungen „gesamtdeutscher“ Lyriker, feierte in DIE ZEIT den Abschied vom Wilhelminischen Schulterputz, während die Frankfurter Allgemeine Zeitung Minnedienst am totalitären Staat zu erschnüffeln glaubte und der Münchner Merkur dem Poeten unterstellte, Mit Hölderlin für Ulbricht im Einsatz zu sein.

Widmung und Signatur von Volker Braun.
Widmung und Signatur von Volker Braun

Die Nationalzeitung in Basel hingegen brachte es mit Große Geste und laxer Jargon ganz gut auf den Punkt, und Dichterkollege Adolf Endler stellte im Sonntag eine Art Echtheitszertikat aus, indem er ein Doppelwillkomm aussprach für Lyrik und Lyriker. Auch das Neue Deutschland erkannte das Wesen der Gedichte großzügig als Positiv und kritisch, und die Wiener Volksstimme glaubte hier Eine neue Jugend, eine neue Kunst entdecken zu können. Der schönste aller Rezensionstitel aber stammte von F.G. Hübsch, der in Törn, seiner Zeitschrift für Grafik + Literatur über Provokation für mich schrieb, hier gebe es Kein Mitleid für Hirnlose. Volker Braun versteht es, in diesem Band ziemlich heftig auszuteilen, gegen die in Folklore erstarrten Staatssänger, gegen Kollegen in Ost und West (H.M. Enzensberger z.B. in dem anspielungsreichen Provogedicht Rezension in der landessprache). Viele der Kreuz- und Querschläge in Brauns erstem Gedichtband sind heute ohne Zuhilfenahme eines Geschichtsbuchs kaum noch auf Anhieb zu verstehen, schon gar nicht für Westler mit traditionell eingeschränktem Horizont und wenig Interesse für die infights, für die im Sturm besetzten, gewaltsam geräumten und frech wiedereroberten Freiplätze und Freiräume zwischen Greifswald, Halle, Karl-Marx-Stadt und Suhl, für die Grabenkämpfe, die kleinen Triumpfe und die großen Niederlagen. (Volker Braun, 1976 mit Günter Kunert et al Unterzeichner der Protestresolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, hat es vorgezogen, in der DDR zu bleiben, den Oberen vor Ort einzuheizen und gleichzeitig als gesamtdeutscher Autor zu agieren, was ihm allerdings auch nicht verboten war, während an anderen Kollegen und Kolleginnen das Mundtodesurteil vollstreckt wurde.)

O-Ton "Unser Klopstock" gelesen u.a. von Volker Braun
Im O-Ton was auf die Ohren – Volker Braun & Co. outen sich als Klopstockianer (Hörbuch im Wallstein-Verlag)

Eine fabelhafte Idee wäre es vielleicht, einige der Gedichte aus dem Band in einer kleinen Auswahl (oder gleich den ganzen Band – kombiniert mit einem ähnlichen Projekt zu einem Band von HME: landessprache 1960 oder blindenschrift von 1964?) neu herauszubringen, versehen mit Fußnoten und Kommentaren, Bildern und Dokumenten, die es den Nachgeborenen der Nachgeborenen erlauben würde, diese vielschichtigen und von Anspielungen auf einst Zeitgenössisches so überreichen Texte beim Wickel zu kriegen und nach allen Regeln der freien Künste auf ihre Schlüssel zur Zeit hin abzuklopfen. Ein Gedichtband als Geschichts- und Geschichtenlesebuch. Warum eigentlich nicht? Anfangen könnte man zum Beispiel mit dem Gedicht Jazz, das Volker Braun 1965 mit diesen (ungegenderten) Zeilen ausklingen lässt:

Das ist die Musik der Zukunft: jeder ist ein Schöpfer!
Du hast das Recht, du zu sein, und ich bin ich:
und mit keinem verbünden wir uns, der nicht er selber ist.
Unverwechselbar er im Haß, im Lieben, im Kampf.

Wer fängt an?

 

© Michael Augustin, 2023

 

Porträt Michael Augustin von Jenny Augustin
(Bild: Jenny Augustin)

Der gebürtige Lübecker Michael Augustin hat in Dublin, in Kiel, auf Vancouver Island und in Carlisle, Pennsylvania, gelebt. Bei Radio Bremen hat er als Kulturredakteur ungezählte Literatursendungen über den Äther geschickt und war Leiter des internationalen Literaturfestivals „Poetry on the Road”.


Seit 2019 widmet er sich vorrangig seiner eigenen literarischen und künstlerischen Arbeit.

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