Das knifflige Poesiepuzzle, Folge 11: Die Schöne und das Biest

Achim Raven veröffentlicht in loser Folge am 13. eines Monats Überlegungen zu Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Gedichteschreibens. Im ersten Beitrag geht es um den Vers, der weder Zeile noch Satz ist und in der Ambivalenz seiner Möglichkeiten höchsten Scharfsinn oder aber bodenlose Dumpfheit befördern kann.

Die Schöne und das Biest

Gedichte sind schön. Besonders schön an ihnen ist, wie sowohl hinter dem Text als auch vor dem Text die Gefühle sich ausleben dürfen. In Gero von Wilperts Sachwörterbuch der Literatur wird das hinter dem Text als innerseelische Vorgänge bezeichnet, entstanden durch gemüthafte Weltbegegnung, das davor als einfühlendes Mitschwingen. Klingt heutzutage eher bräsig, benennt aber immer noch akkurat, was vielen Schreiber*innen und Leser*innen auf Anhieb zu Gedichten einfällt. Wenn ihnen aber nicht mehr einfällt, erhebt sich allerdings die Frage, wie die innerseelischen Vorgänge (nebenbei: wie darf ich mir die Außenseite der Seele vorstellen, und was geht an ihr vor?) überhaupt zur Sprache kommen und was da einfühlend so mitschwingt. Denn zum Empfinden wie zum Mitempfinden braucht es keine Sprache. Ein seelenvoller Blick unter leisem Seufzen kann erhöhten Puls und holdes Erröten erzeugen, ein sardonisches Grinsen Beklommenheit, Empathie in stummer Umarmung sich beweisen. Gefühle kommunizieren über den Körper. Gefühle brauchen dazu keine Sprache. Die Sprache dient höchstens als Stimulans und Ornament. Johann Peter Hasenclever hat 1846/47 in seinem Gemälde Die Sentimentale gezeigt, wie das geht.

Eine junge Dame hat offensichtlich die Contenance verloren und starrt im Vollgefühl ihrer selbst tränenfeucht den Vollmond an. Die Sprache, die sie darin bestärkt, hat sie in Claurens Mimili und in Goethes Werther gefunden, wo ein Gewitter zwei Leiber in Wallung bringt und ein gehauchtes „Klopstock“ als Codewort dient. Eine Sprache, die nicht bloß stimuliert, sondern zu Wort kommt, weil die Gefühle zu ihr gebracht werden, würde derartige Wallungen nur stören. Heinrich Heine exerziert dies in acht lapidaren Versen durch:

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Offenbar sind die innerseelischen Vorgänge und das einfühlende Mitschwingen keine hinreichenden Bedingungen für ein Gedicht. Selbst da, wo es dem reinen Gefühl Ausdruck verleihen soll, muss dieses Gefühl zur Sprache gebracht werden. Dort angekommen, bekommt sein namenloses Wuchern erst eine Gestalt:

Und die Gewitterwinde? sie tragen den Donner!
Wie sie rauschen! wie sie mit lauter Woge den Wald durchströmen
Und nun schweigen sie. Langsam wandelt
Die schwarze Wolke.

An dieser Strophe aus der Frühlingsfeyer des von Werther und Lotte schwärmerisch beschworenen Klopstock wird deutlich, wie die Sprache den sentimentalen Anlass (Gewitter als Medium mystischer Gotteserfahrung) erst dadurch zum Gedicht macht, indem er zu Wort gebracht wird: In gravitätischen Parataxen tragen die Gewitterwinde den Donner und durchströmen mit lauter Woge den Wald. Dann aber schweigen sie und die schwarze Wolke wandelt langsam. Die bloße Beschreibung wird überhöht, die Sprache schafft Struktur: Der Sturm transportiert den majestätischen Donner, großzügig werden naturreligiöse Motive (Zeus, Thor) dem christlichen Szenario einverleibt, der stürmische Wind wird zum schweren Seegang, bis plötzlich Stille einkehrt. Die Zäsur im Vers wird zur Generalpause im tosenden Naturkonzert, nach der die Szenerie in ruhiger Bewegung verweilt, bei der in der Schwebe bleibt, ob das Wandeln Kontinuität oder Veränderung verkörpert.
Wenn dergestalt die sprachliche Konstruktion (metaphorische Übertragung – wie beschrieben –, Rhythmisierung, – hier: Frage / Antwort, Zäsur / Enjambement – und Klangkomposition – hier: Diphthonge und gedehnte dunkle Vokale im Kontrast zu kurzen i-Lauten) dem Gefühl Gestalt verleiht, ermöglicht zugleich das Gefühl der Sprache, über ihre Funktion der Vermittlung von Gemeintem hinauszugehen, ohne diese zu verlassen.
Dieses Verhältnis von Körper (Gefühl) und Geist (Sprache) gilt universell. Immanuel Kant konstatiert, dass Gedanken ohne Inhalt leer sind und Anschauungen ohne Begriffe blind (Kritik der reinen Vernunft B75, A48). Wäre so etwas wie ein philosophischer Katechismus überhaupt denkbar, diese Feststellung wäre der oberste Lehrsatz. Weniger geht es hier um das Denken an etwas, vielmehr um das Denken über etwas, also um die begriffliche Reflexion von Zusammenhängen, die begriffliche Abstraktion. Auch nicht geht es um (Welt-)Anschauungen, Meinungen über dies und das, bei denen es mehr auf die Belange der Meinenden ankommt als aufs Gemeinte. Nicht auf Meinemeinung Deinedeinung kommt es also an, sondern auf Anschauungen im buchstäblichen Sinne, ungesicherte, aber produktive Einfälle, vermittelt durch den Körper und seine Sinne: sinnliche Wahrnehmungen, Erlebtes.
Gedanken und Anschauungen müssen einander ergänzen, um nicht an sich selbst irre zu werden. Die gegenstandslose Reflexion verliert sich sonst in Formalismen und die bloße Anschauung zerfließt im Hier und Jetzt des Gefühls. Beides kann zuweilen ganz angenehm sein, aber eben nur zuweilen. Auf Dauer ist eins auf das andere angewiesen, die Anschauung aufs Systematisieren und Infragestellen, die Reflexion aufs Ästhetische (αἴσθησις [aisthesis] = Wahrnehmung, Empfindung). Im Gedicht wird die sprachliche Form ohne Gefühltes zum klappernden Mechanismus, während das unmittelbare Gefühl ohne Form nur ein präsyntaktisches Stammeln voller Gedankenstriche und Infinitive bleibt. Zahllose gescheiterte Gedichte belegen dies.
Es ist immer dieselbe Geschichte von der Schönen und dem Biest: Ohne das Biest wäre die Schöne nur hübsch, und ohne die Schöne wäre das Biest ein grummelnder Nerd, der kalte Ravioli aus der Dose löffelt, während in seinem Schädel ein vermeintliches perpetuum mobile leiert. Die Schöne erlöst das Biest von seiner Biestigkeit und das Biest die Schöne von ihrer mondsüchtigen Selbstgefälligkeit, indem beide mit- und umeinander tanzen.
Dieser Tanz gibt also nicht nur dem Gefühl die formale Gestalt und verleiht ihm damit Beständigkeit, er bringt ebenso die matte Sachaussage zum Leuchten und verleiht damit auch ihr Beständigkeit. Dazu ein Beispiel von Anton G. Leitner (Wadlbeissn, München 2021, S. 114/15):

Hinterbänkler

Er tut keinem etwas zuleide,
Aber er tut auch sonst nichts.

Als hochdeutsche Aussage geht dieses Epigramm rasch unter in der alltäglichen Flut belangloser Sätze und Sentenzen. Klang und Idiomatik des Bairischen aber verleihen ihm bei identischem Inhalt eine geradezu barocke Pracht:

Hinddabänggla

Dea duad neamads wos,
Awa doa duada aa nix.

Der mäandernde, vom A-Laut dominierte Vokalismus, eingebettet in weiche, meist stimmhafte Konsonanten, mündet in beiden Versen buchstäblich einsilbig in kurzen Vokalen und stimmlosen Zischlauten (wos – nix), einer Art Klangpointe. Im zweiten Vers kommt noch eine idiomatische Formulierung dazu, die im Hochdeutschen jede Lektorin und jeder Lehrer anstreichen würde: Die Tun-Periphrase ist verpönt. (Aber tun tut er auch nichts.) Im Bairischen aber erlaubt diese idiomatische Formulierung zum einen eine hinreißende Klangmalerei, zum anderen behauptet sie ihren Eigensinn gegenüber der Normsprache, zumal hier die Tun-Periphrase auch noch das Vollverb Tun erweitert. Für die Sprachpolizei ist das kein Fauxpas mehr, sondern eine Provokation. Solche Idiomatik zu verharmlosen, indem sie zur Folklore erklärt und gutmütigem Schmunzeln preisgegeben wird, zeigt nur umso deutlicher, dass Folklore nichts als eine herablassende Zuschreibung ist.
Im Tanz der Sprache verschmelzen die Schöne und das Biest miteinander und bleiben doch, was sie sind. So wird Kunst daraus.

© Achim Raven

Achim Raven

Achim Raven (Foto: privat)

Achim Raven, geboren 1952 in Düsseldorf, hat von 1984 bis 2015 unter dem Pseudonym Ferdinand Scholz einige Bücher mit Lyrik und Prosa veröffentlicht.
Seither veröffentlicht er unter seinem richtigen Namen, zuletzt: Fehlgänge – Dreizehn Geschichten von der Rückseite des Möbiusbandes, Düsseldorf 2019, edition virgines. Er hat 40 Jahre an Gymnasien Deutsch, Philosophie und Kunst unterrichtet und 10 Jahre literarisches Schreiben an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

8 Kommentare

  • Nun, so analytisch gehe ich nicht an Gedichte ran, aber es tut gut, jemandem, der sowas kann, lesend zu folgen. Manches erhellt sich so im Nachhinein.

  • Damit kann auch ich als eher gedichtferner Sozialwissenschaftler etwas anfangen – teils einfühlend mitschwingend, teils begrifflich reflektierend.

    • Die Grenzen zwischen Poesie und Sozialwissenschaft sind klar gezogen, die Übergänge aber sind überraschend leicht. Das können wir bei Walter Benjamin lernen.

  • Ich weiß jetzt nicht, ob man das machen sollte, in einem Medium des Anton G. Leitner ausgerechnet dessen Gedicht als Vorbild zu loben. Das wirkt doch ein wenig sehr gefällig. Ansonsten mag ich mich nicht aufschwingen auf diesen Pegassos, der da gesattelt wurde. Mir scheint er etwas zu sehr vom Katheder her zu kommen und in der Anmutung etwas schulmeisterlich zu sein, vieles erlebe ich wie Interpretationen aus Schulzeiten. Und die Referenzen erscheinen mir urväterlich. Da hat sich doch seit dem Sturm und Drang der Klassik und der Romantik noch mehr getan und mir gefällt deshalb die Beweisführung anhand dieser Beispiele nicht. Es muss doch etwas Erlebtes gültig ausgedrückt werden. Dafür suchen wir sprachliche Former, die in der Lage sind, unserem Erleben eine gültige Form zu geben. Es ist aber sicher nicht das Erleben der Zeit Klopstocks gemeint. So gültig er in seiner Zeit formuliert hat. Der Anklang beim Publikum zeigt dem Dichter ja, ob er dies erreicht hat. Zu sagen, was viele dachten, aber wofür sie vor ihm keine Worte hatten.

    • Ich weiß auch nicht, ob man das machen sollte. Ich habs einfach gemacht, allerdings nicht als Vorbild, sondern als Beispiel. Ich kenne das bewährte Karrierist*innenkalkül ist, sich an wichtige Leute ranzuwanzen. Ich weiß, was ein Zitierkarussell ist. Aber ich weiß auch, dass ich mit derartigen Strategien nichts am Hut habe. Anton G. Leitner und ich kennen und schätzen uns seit vielen Jahren, da wird ein hintergedankenloses, kollegiales Hutziehen erlaubt sein. Der Verdacht auf Klüngel ist dabei ein zu vernachlässigendes Restrisiko. – Dass Dichter*innen zu sagen haben, was viele dachten, ist mir neu. Ich bin immer davon ausgegangen, dass dies die Aufgabe von Politiker*innen, Entertainer*innen und anderen Dienstleister*innen ist. Dichter*innen haben doch eher das viel gedachte Fraglose infrage zu stellen. Ich habe an anderer Stelle mal geschrieben: Literatur entsteht nicht dadurch, dass eine Sache zur Sprache gebracht wird. Das ist Journalismus. Literatur entsteht dadurch, dass die Sprache zur Sache kommt. Die Schöne und das Biest beschreibt, was die gelungene Versprachlichung von Erlebtem leistet: ihre formale Struktur gibt dem Erlebten Gestalt, zugleich gibt das Erlebte dieser Gestalt Substanz. Der Kommentar fordert vom Aufsatz also genau das, was er darstellt: Es muss doch etwas Erlebtes gültig ausgedrückt werden. Dafür suchen wir sprachliche Formen, die in der Lage sind, unserem Erleben eine gültige Form zu geben. Der Anklang beim Publikum zeigt dem Dichter allerdings gerade nicht, ob er dies erreicht hat. Wäre dem so, wäre die durchformatierte Gefühlsware in Helene Fischers Texten große Lyrik. Gut gemacht sind diese allemal. Die lyrische gültige Form ist vielmehr Produkt der Arbeit am sprachlichen Quellcode. Die besteht darin, ihrem Wortmaterial in seinen diffusen Mehrfachcodierungen Kohärenz zu verleihen, indem sie die Wörter auf die Differenz von Gemeintem und Gesagtem abklopft und semantische wie klangliche Interferenzen aufspürt. Nur so kann die Sprache ganz schnell zur Sache kommen. Diese Arbeit, die überdies permanent den Ausgleich zwischen klapperndem Formalismus wallender Gefühligkeit herstellen muss, kann nur subjektiv sein. Wie sie jeweils die Schöne und das Biest zum Tanzen bringt, kann niemals dem ganzen Publikum Vergnügen bereiten, dazu ist auf beiden Seiten zu viel Eigensinn im Spiel. Die Gültigkeit des Produkts darf nicht mit Mehrheitsfähigkeit verwechselt werden. – Was die schulmeisterliche Anmutung betrifft, muss ich widersprechen, die Schulmeisterei ist mir allzu vertraut. Ich kenne sie aus jahrzehntelanger Praxis von Menschen, die mit ihrer sozialen Kompetenz prahlen und überfordert sind, wenn sie auf Eigenständigkeit stoßen. Diesen Schuh ziehe ich mir nicht an, denn ich predige weder Wahr- noch Weisheiten, sondern stelle zur Diskussion. Allerdings nicht als Angebot, sondern als Position. Ich erführe gern, wo meine Argumentationen nicht stimmen, wo ich die sprachliche(n) Formen, die in der Lage sind, unserem Erleben eine gültige Form zu geben aus dem Blick verliere oder falsch einschätze. Eine Kritik, die auf das Wie eines Textes abzielt, ohne das Was zu verhandeln, bleibt im Vorfeld stecken – Wenn ich Kant, Klopstock, Goethe, Heine und Hasenclever zitiere, mögen das urväterliche Referenzen sein. Dieser Vorwurf greift allerdings nicht so ganz, weil es eben Kant, Klopstock, Goethe, Heine und Hasenclever sind und nicht Herder, die Grafen Stolberg, Platen und Schnorr von Carolsfeld. D.h. die ausgewählten Beispiele repräsentieren bestimmte Haltungen einer Epoche, in der die moderne bürgerliche Subjektivität in all ihrer Widerspüchlichkeit sich geradezu überdeutlich herauszubilden beginnt. Ob sich bei der Versprachlichung der Gefühle seither – außer gewissen Modifikationen – noch mehr getan hat, erscheint mir fraglich. Deshalb ist es lediglich eine Geschmacksfrage, ob diese Referenzen als urväterlich oder als paradigmatisch eingeschätzt werden.

  • Ich meine, zwei sehr unterschiedliche lyrische Positionen ausmachen zu können. Statt da groß theoretisch einzusteigen (weder mein Ding noch meine Stärke), nenne ich nur zwei Lyriker des vergangenen Jahrhunderts, die von Experten unter die 4 bedeutendsten gerechnet werden (neben Rilke und Celan), nämlich Benn und Brecht.
    Beide konnten einander nicht ausstehen (Benn hat Brecht als „Proleten“ bezeichnet!), aber beide hat „die Zeit geadelt“ (so Goethe über Schiller, 10 Jahre nach dessen Tod). – Um es mit Achim zu sagen: mal kommt die „Sprache zur Sache“ (Benn), mal kommt die Sache zur Sprache (Brecht).
    Anbei zwei unterschiedliche eigene Beispiele, die ich, glaube ich, nicht eigens kommentieren muss.
    (Sende ich separat).
    Horst.

    • Jetzt wirds richtig kompliziert, weil Benn und Brecht in feindlichen politischen Lagern hockten und aus ihrem jeweiligen Verhau heraus polemisierten. Ich glaube nicht, dass Jan Michaelis und ich derartig weit auseinander liegen. Ich möchte das auch gar nicht glauben, weil ich dann die Benn-Rolle hätte. Dessen Gedichte sind – von ein paar Ausnahmen abgesehen – mir zutiefst unsympathisch, bei aller Anerkennung seiner literarischen Geltung. Ich glaube überdies, dass sowohl Benn als auch Brecht die Sprache zur Sache kommen lassen, wenn auch auf unterschiedlichen Wegen und mit unterschiedlicher Richtung. Ich wende mich in erster Linie gegen eine Kunst, die sich als Dienstleistung begreift, weil sie die Gesetze des Marktes willig befolgt, statt sie als notwendiges Übel zu sehen, das sie für ihren eigensinnigen Zwecke zu nutzen versucht. Das bedeutet u.a. auch Skepsis gegen das eigene Publikum.

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