Das knifflige Poesiepuzzle, Folge 15: Der Unwille zum Thema

Achim Raven veröffentlicht in loser Folge am 13. eines Monats Überlegungen zu Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Gedichteschreibens. Im ersten Beitrag geht es um den Vers, der weder Zeile noch Satz ist und in der Ambivalenz seiner Möglichkeiten höchsten Scharfsinn oder aber bodenlose Dumpfheit befördern kann.

 

Der Unwille zum Thema

Öfters mal erreichen einen ja Ausschreibungen mit der Bitte, bis zum soundsovielten / ein bis fünf Gedichte / nicht länger als / zu folgendem Thema / einzureichen. Ich muss dann immer an den Schulaufsatz meiner Jugend denken, und schon ist meine Vorstellungskraft blockiert … Mein schönstes Ferienerlebnis / Arbeit – Job oder Berufung? / Wie ich einmal einen tüchtigen Schreck bekam. Mich gruselt das, ein Geruch von Bohnerwachs und „Schwarzer Pädagogik“ steigt in meine Nase. Der Schulaufsatz – wie alle Schulaufgaben – ist ein Machtspiel: Entweder Erwartungen vollumfänglich / angemessen / insgesamt erfüllt, oder Thema verfehlt. Vitae discimus: Themensetzungen sind Machtspiele, Entscheidungen sind einem von vornherein abgenommen. Ein Thema wird gesetzt, der Setzung ist Folge zu leisten, indem Phantasie, Erinnerungs- und Kombinationsvermögen aktiviert werden, um artig das gesetzte Allgemeine durch besondere Inhalte zu verwirklichen. Zu verwirklichen deshalb, weil dem Linguisten Vilém Mathesius zufolge ein Thema ohne die Ergänzung durch ein Rhema leere Form bleibt. Da hilft es auch nichts, wenn diese leere Form in Genres gegliedert ist, hauptsächlich Liebeslyrik, Naturlyrik und politische Lyrik, die geschmeidig in die Themenstellung eingehen. Kaum eine Ausschreibung, die nicht auf Zwischenmenschliches, Umwelt und/oder Gesellschaftliches abzielt. Wer teilnimmt, muss mit dem Anspruch zurechtkommen, über etwas schreiben zu sollen. Viele machen sich darum gar keinen Kopf, sie schreiben unverdrossen über emotionale Turbulenzen, über die Gefahren des Plastikmülls in den Weltmeeren, über die Gewalt in der S-Bahn.

Es ist überhaupt nicht verwerflich, solche Inhalte zu wählen, im Gegenteil. Das Problem ist vielmehr die Unverdrossenheit, mit der über sie geschrieben wird. Denn dabei heraus kommen Statements, die sich Leserbriefen haushoch überlegen wähnen, sich de facto aber nicht von ihnen unterscheiden. Diese lyrischen Statements mästen sich nämlich an dem Irrtum, dass Dichter*innenwort mehr wiege als Normalowort. Dabei kochen die Dichter*innen mit demselben Wasser wie alle anderen Sprachteilnehmer*innen auch. Nicht die Sprachanwendung macht den Unterschied, sondern die Verdrossenheit, […] die Unlust, etwas zu thun, was man nicht gern thut, und eigentlich die Aeußerung der Stimmung, die Jemanden ergreift bei dem Gedanken, daß er etwas thun soll, was ihm zuwider ist. (Krünitz, Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft, 242 Bände 1773 – 1858)

Worin aber besteht die Verdrossenheit der Lyriker*innen?

Sie besteht in dem Unwillen, Geschichten zu erzählen oder etwas zu erklären, also das zu tun, wozu Sprache in der Regel benutzt wird. Dieser Unwillen hat meines Erachtens zwei Quellen. Die eine ist eine atavistische Sprachmagie, spielerisches Relikt des kindlichen Animismus, das Eichendorff‘sche Zauberwort, das wider besseres Wissen fortlebt (wir lassen die mal außen vor, die das bessere Wissen nicht wahrhaben wollen). Zum anderen entspringt dieser Unwille der Erfahrung, dass Erzählungen und Erklärungen oft genug Irrtum, Lüge oder blanker Unfug sind. Der Brustton der Überzeugung kann, gepaart mit korrekter Syntax und regelkonformer Struktur, die Menschen mit Fake News betören. Die Lyrik dagegen gibt sich unverstellt als regressives Zauberspiel, als Spiegelfechterei, sie kann gar nicht lügen, denn sie beansprucht weder Wahrheit noch Weisheit. Lyrik predigt nicht. Dies macht jegliche Onkelattitüde zunichte und lässt verkündete Wahrheiten ziemlich alt aussehen. Selbst wenn Lyriker*innen sich gelegentlich als Prediger*innen drapieren: sie glauben es selbst nicht, es sei denn, sie neigen zum Selbstbetrug. Sogar wenn Georg Trakl Karl Kraus Weißer Hohepriester der Wahrheit nennt, ist dies aller Kunstreligion zum Trotz ein metaphorisches Spiel, Ausdruck dichterischer Verdrossenheit. Hier zwinkert ein Dichter dem anderen zu. (Ich weiß, dass diese Behauptung speziell auf Trakl und Kraus bezogen anfechtbar ist, aber wen ficht das an? – Bitte melden!)

Wenn Lyrik im Kulturbetrieb so wenig zu melden hat, liegt das daran, dass sie nichts zu melden hat. Sie überlässt die Meldungen denjenigen, die Themen wittern, die ihre Alarmanlagen ausbilden müssen, den zartfühlenden Pythien und visionären Rauchmeldern, und bleibt weiterhin bei den Verdrossenen, die nicht über etwas schreiben, sondern die Sprache zur Sache kommen lassen.

Und doch gibt es immer wieder diese thematischen Ausschreibungen. Sie intendieren ja auch in den seltensten Fällen ein Machtspiel, sie meinen es gut, als Anregung. Die Ausschreibenden sind keine Oberstudienrät*innen, die in ihren Erwartungshorizonten kauern, allzeit bereit, Themenverfehlungen mit Fünfern zu ahnden. Im Gegenteil, sind sie bereit, sich überraschen zu lassen (für Lehrer*innen immer eine riskante Haltung), und sie nehmen es auch hin, wenn zum Thema Mosaik ein Text über ein Puzzle eingereicht wird. Hauptsache, der Text ist gut. Für Zeitschriften wie DAS GEDICHT sind Themenhefte sogar hilfreich, um das über die Jahre anwachsende Textkonvolut nicht zu einem grauen Einerlei zusammenbacken zu lassen, in dem die einzelnen Gedichte immer undeutlicher werden.

Ohne Themenstellungen geht es offenbar nicht.

Die lyrische Verdrossenheit sorgt aber dafür, dass das Thema nicht am Anfang des Schreibprozesses steht, sondern am Ende. Am Anfang stehen in Wörter geronnene Vorstellungen (z.B. bläuliche Hautfarbe, gereizte Lider). Oder metrische Muster, die tief im Hinterkopf eingelagert sind, z.B. das Distichon (lilagrau der Teint und blassrot die Lidränder schaufelt / mitten durch die schlapp dümpelnden Rentner der Schwimmer / sich). Aus solchen Trümmern fügt sich, diese buchstäblich aufhebend, ein Gedicht, in welchem dann ruhig auch das vom Pentameter geforderte schlapp wegfallen sollte:

Lilagrau der Teint
Die Lidränder blassrot
Schaufelt mitten durch
Die dümpelnden Rentner
Der Schwimmer sich

Das Thema versteht sich da auf einmal von selbst und ist gar keine große Sache.
Manchmal stellt sich aber auch gar keins ein. Ein Gedicht ist es aber trotzdem. Dazu braucht es nicht einmal eine korrekte Syntax, denn die ist ja nur nötig, wenn erzählt oder erklärt werden soll:

Wien fährt mit der Bim
Wahn ist dicht bei Köln
Wohn ich während dem

Sowas passt irgendwie zu vielen Themenstellungen, aber zu keiner so richtig. Da reicht man im Zweifelsfall lieber nichts ein, denn am Ende droht vielleicht ja doch ein Fünfer wg. Thema verfehlt.

Nimmt man den Begriff Thema jedoch in seiner musikalischen Bedeutung, stellt die Beklommenheit, über etwas schreiben zu sollen, sich gar nicht erst ein: Es gilt ausschließlich, den Motiven gerecht zu werden. Im Jahr 2008 war das Thema der Ausschreibung für den Günter-Bruno-Fuchs-Literaturpreis ein Zitat des Namenspatrons: 80 grüne Bastard-Finken erobern sich ihre 15% des Chateaus zurück. Da kommt man gar nicht erst auf die Idee, über etwas schreiben zu sollen. Bei mir ist da ein sehr verdrossenes Poem herausgekommen, hier nur der Anfang und der Schluss:

 

Stattrandflimmern
Ein Poem

Semipermeabel und aufreizend wedeln die Chateaus mit ihrem knappsten Sechstel im Wind.
Wie geschmeidig angesichts dessen der Bastard-Finken Heimflug!
Osmose zahlt sich aus.

Der Frühling trudelt aus allen Knopflöchern.
Ein weichlicher Morgen wie
Loskeimender Zahnbelag.

[…]

Und also machen wir zwei beiden, Du, Mensch, und meine Wuchtigkeit, dass wir nach Las Vegas kommen und Reno.
Umsonst, vergeblich und für lau! Sei schlau, beim Baumarkt röhrt brünstig der Arbeit feiler Keimbatzenfluch. Sing mit, aber reg Dich nicht!
Achtsam grienen Bastel-Zinken, zerstoben sind ihre vierzehn Prozent des Radaus. Zum Glück!

Was aber bleibet: diese osramische Halbaufdringlichkeit, morganischer Rosennebel,
In welchem Viertelgimpel und Achtelgirlitze vor Höchstform beinah platzen:
Achtzig grüne Bastard-Finken erobern sich ihre fünfzehn Prozent des Chateaus zurück.

 

Natürlich habe ich dafür den Günter-Bruno-Fuchs-Literaturpreis 2009 nicht bekommen. Den bekam ich erst 2011 für mein Dramolett Ritt auf der Bratwurst. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

© Achim Raven

 

Achim Raven
Achim Raven (Foto: privat)
Achim Raven, geboren 1952 in Düsseldorf, hat von 1984 bis 2015 unter dem Pseudonym Ferdinand Scholz einige Bücher mit Lyrik und Prosa veröffentlicht.
Seither veröffentlicht er unter seinem richtigen Namen, zuletzt: Fehlgänge – Dreizehn Geschichten von der Rückseite des Möbiusbandes, Düsseldorf 2019, edition virgines. Er hat 40 Jahre an Gymnasien Deutsch, Philosophie und Kunst unterrichtet und 10 Jahre literarisches Schreiben an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

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