Eingestreute Kritik: Wahre Werte

 

Wolfgang Schiffers neuer Gedichtband „Dass die Erde einen Buckel werfe“

Gute Bekanntschaft schützt vor Missverständnissen nicht. Ich kenne Wolfgang Schiffer schon sehr lange. Unsere Bekanntschaft reicht zurück bis in die 1980er Jahre, als er in der Edition Pestum eine Lyrik-Anthologie mit dem Titel „Heimat & Geschwindigkeit“ herausgab. Ich hatte das Glück, einer der zehn ausgewählten PoetInnen zu sein, die in dieser Anthologie mit Gedichten vertreten waren. Er war damals noch WDR-Redakteur, verantwortlich für die Hörspiel-Abteilung, und bereits mit Gedichtbänden wie z.B. „Kalt steht die Sonne“ hervorgetreten. Schon damals war ihm Island ein Herzensanliegen, dieses Engagement hat nun durch seine Kooperation mit dem Elif-Verlag einen ganz neuen Schub bekommen, zahlreiche Übersetzungen, Kooperationen und Herausgaben isländischer Poesie sind ein höchst lebendiger Beleg dafür. Jetzt also nach langen Jahren mal wieder ein Band unter eigenem Namen.

Verleger Dincer Gücyeter hat in seinen Social-Media-Posts auf amüsante Weise davon berichtet, welche Ausdauer und Geduld es ihn gekostet hat, Wolfgang Schiffer neue poetische Arbeiten bzw. gar ein komplettes Gedichtband-Manuskript aus dem Kreuz zu leiern. So viel vorab: Die Zurückhaltung des Poeten hat sich in Qualität ausgezahlt. Nun ist der Band da, aber was ist eigentlich das Missverständnis, von dem zu Beginn die Rede war? Es ist der Titel. „Dass die Erde einen Buckel werfe“ habe ich in meinem eindimensionalen Schiffer-Verständnis natürlich für eine Anspielung auf Island gehalten. Island, diese auf seismographisch unruhigem Grund gebettete Insel der sprühenden Geysire, heißen Quellen und kofferradiogroßen Pferde, wirft natürlich häufiger einen Buckel – wenn mal wieder ein Vulkan ausbricht. So dachte ich mit naivem Gemüt. Und dann stoße ich im letzten Gedicht des Bandes mit dem Titel „Schwierigkeiten beim Schreiben von Gedichten“ auf die Verse „haltet fest / dass die Erde immer noch keine Buckel wirft / um uns von sich zu werfen / obwohl sie schon brennt / und wir nichts dagegen tun!

Schiffer wird grundsätzlich in diesen Gedichten im „J’accuse“-Duktus, grandiose Selbstanklagen, bei denen wir Menschen unser Fett dermaßen wegkriegen, dass es rauscht. Es klingt fast wie ein Wunsch: Die Erde sollte buckeln wie ein Pferd, um die Menschheit abzuwerfen, die sie zuschanden geritten hat. Zwei, drei dieser lyrischen Rundumabrechnungen finden sich in diesem Band: „Lamento und Eingeständnis“ heißt eine davon, in dem Schiffer ohne Umschweife seine Erbitterung bekennt, wenn er unselige Modererscheinungen wie männliche Undercut-Frisuren – er nennt sie „Naziköpfe“ – oder die von findigen Fashionistas in Jeans hineindesignten Löcher und Risse betrachten muss, reine Dekadenz. Doch er bleibt nicht bei so vergleichsweise banalen Wahrnehmungen stehen. In einem poetischen Parforceritt geht es weiter zu den „großen Übeln dieser Welt“, das kapitalistische Finanz- und Wirtschaftssystem, zu Umweltverseuchern und Klimavergiftern, zu machtvergessenen und -versessenen Politikern und Militärs – aktuelle Bezüge rein zufällig. Schiffer adressiert seine Anklagen ganz klar, und das, ohne metaphorische Nebelkerzen zu zünden oder sich im Mystischen zu verlieren. Nur plakative Schuldzuweisungen? Dieser Band kann viel mehr. Er ist mit 60 Seiten zwar eher schmal, dafür aber opulent gestaltet. Verantwortlich für Cover und Layout ist Schiffers isländischer Freund, der Gestalter Ragnar Helgi Olafsson.

Besonders interessant ist die Komposition des Bandes. Thematische Stränge werden eng miteinander verflochten. Da gibt es eindrucksvolle (auto)biographische Gedichte, meditative Landschaftsbetrachtungen, z.B. am Rheinauhafen, dann natürlich die schon erwähnten politisch hochrelevanten Haltungssgedichte und zusätzlich wird das Ganze regelmäßig unterbrochen von einer „Die Wochenkarte“ genannten Gedichtfolge, die für jeden Tag der Woche traditionelle Hausmannskost serviert, dazu als Beilage der Versuch einer Übersetzung ins Niederrheinische, eine „muttersprachliche Rekonstruktion“ nennt es Wolfgang Schiffer. Hier versichert sich einer seiner Herkunft, hier geht einer „back to basics.“ Was eignet sich dafür besser als der sinnliche Hinweis auf die deftigen Gerichte und Menüfolgen der Jugendzeit? Gerade die realen Speisen entpuppen sich dabei als poetische Appetizer. By the way: Was „Schlukschnittchen“ sind, würde ich ja zu gern mal wissen. Ich kenne nur „Lumpenschnitten“ – Vollkornbrotscheiben mit Butter, Scheibenkäse und einem Klecks Ketchup drauf. Jedenfalls: Diese Wochenkarte liefert den Tagesrhythmus, den Takt des Bandes.

Und wo wir schon bei Herkunft und Jugendzeit sind: Die für mich eindrucksvollsten Gedichte sind die Erinnerungsgedichte an die Eltern. „Damals, als ich mich schämte“ heißt das bemerkenswerteste davon, es erzählt von einem heranwachsenden Jungen, der sich seiner Eltern schämt: „vor allem aber schämte ich mich meines Vaters / der im Dorf den Dreck der anderen von der Straße kehrte / der kleingeblümten Schürze meiner Mutter / die sie immerzu vor Brust und Bauch und Schenkeln trug“. Doch mit den Jahren wandelt sich die Scham angesichts dieser Äußerlichkeiten in eine Scham über sich selbst: „wie nur hatte ich den Reichtum meiner Eltern nicht sehen können“. Und aus dieser Scham erwächst eine Art proletarischer Stolz, eine Erkenntnis über die wahren Werte: Die Haltung des Vaters, „der sich mit nichts und niemandem gemein machte“ oder die „unverbrüchliche Liebe meiner Mutter“. Es ist eine der Stärken dieser Gedichte, dass sie die Rolle des lyrischen Ichs selbstkritisch beleuchten, Irrtümer benennen und sich auch Perspektivwechsel zugestehen. Genauigkeit in der Wahrnehmung, Emotion in der Haltung, Gelassenheit und Lebensklugheit in der Erkenntnis – das sind die Eckpfeiler des poetischen Claims, den Wolfgang Schiffer hier abgesteckt hat. In einem Band, der bleibenden Eindruck hinterlässt.

Hellmuth Opitz

 

"Dass die Erde einen Buckel werfe" von Wolfgang Schiffer
Buchcover-Abbildung (Elif-Verlag)

 

 

 

 

 

Wolfgang Schiffer
Dass die Erde einen Buckel werfe, Gedichte
60 S., ELIF-VERLAG, € 18,-

 

 

 

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