Als Vorbild für die zentrale Stelle dient hier Johann Wolfgang von Goethes »Faust«. Über jenen hat der Dichterfürst nämlich ein geflügeltes Wort erschaffen, das aus dem Deutschen kaum noch wegzudenken ist: »Augenblick, verweile doch, denn du bist so schön!« Diesen Satz wird praktisch jeder schon einmal gehört haben, selbst wenn er von Goethe und seinem Top-Titelhelden eher wenig bis gar nichts weiß. Seinen Ursprung hat diese Wendung in »Faust I«, hier heißt es in der Studierzimmerszene:
Werd’ ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zu Grunde gehn!
Gesagt werden diese Worte vom Gelehrten Faust zu – ja, Mephisto, dem Teufel, also jener Gestalt, die Klára Hůrková übernimmt neben dem zentralen Zitat und dem utopistischen Ansatz (»erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält«, Wissen und Leidenschaften spielen hier Rollen, man gerät in fantastische neue Welten) inklusive paarromantischen Liebesfragen. Sie definieren wesentlich den berühmten Teufelspakt mit: In ebenjenem Moment der höchsten Zufriedenheit, der größten Beglückung soll Faust nämlich seine Seele an den Teufel verlieren.
In leichter Variation wiederholt wird die Aussage dann, abermals vom Titelhelden und erneut Mephisto gegenüber, in »Faust II« (Palast-Vorhof-Szene):
Zum Augenblicke dürft’ ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
Dass es in »Faust II« um eine gesellschaftliche Utopie geht, um Volk und Freiheit (»Solch ein Gewimmel möcht’ ich sehn, / Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.«), während in »Faust I« lediglich die persönliche Befindlichkeit gemeint ist, das private Wohlbehagen, ist dabei ebenso bemerkenswert – wie für dieses Gedicht und die allgemeine Tradierung der Sentenz unwichtig. Die Wiederholung des Zitats aber hat es gewiss weiter ins kulturelle Gedächtnis eingebracht, wo es dann so gut verwurzelt sich hat, dass es immer wieder und weiter neu austreibt.
Die deutsch-tschechische Dichterin nun hat sich vom kulturellen Gedächtnis, vom Goethe-Wort und dessen Ursprungswelten inspirieren lassen, den Aspekt der romantischen Liebe, den Goethe neu in den von ihm ansonsten keineswegs erfundenen Faust-Stoff (vor seinem gab es schon viele andre Faust-Dramen, in unterschiedlichen Sprachen, der Stoff war seinerzeit sozusagen schlicht in) gebracht hat, ganz in den Mittelpunkt gestellt – und schafft es so, auch den Leser, die Leserin auf romantischste Art und Weise wohlig Richtung Liebe zu entführen, um die Untergangsmöglichkeit, die ihr stets innewohnt wohl wissend und dem Teufel geschickt eine lange Nase drehend.
Dabei kommt ihre Traumwelt bemerkenswert modern und naturwissenschaftlich beschrieben daher (was dem Faust-Erbe ja durchaus sehr gerecht wird), und es wird zwar selbstredend auf luftige Höhen und himmlische Sphären im Gegensatz zum und Zusammenhang mit dem Satanischen, der Höllen- und Unterwelt verwiesen, doch ebenso selbstverständlich geht es selbst darüber hinaus, nämlich in die Weiten des Weltalls, zu Wurmlöchern und zu so überirdisch großen Distanzen, dass sie in Lichtjahren gemessen werden müssen.